Berlin Festival 200908.08.2009 // Flughafen Tempelhof
So stellt man sich Berlin doch vor. Dreckig, unfreundlich bis unverschämt, anonym und ungemütlich. Man kann super einkaufen, aber hier leben? Nein danke.
Falls dies das Konzept der Berlin Festival- Organisatoren gewesen sein sollte, kann man sie nur beglückwünschen zu der konsequenten Umsetzung. Das Line-Up mit Jarvis Cocker, Telepathe, The Thermals, Peter Doherty und vielen mehr sorgte zwar schon für Interesse, an beiden Tagen waren etwa 8000 Leute da und die machten alle das Beste draus, was einiges an Einsatz kostete.
Aber von vorne. Viel Mühe für eine gute Ankunft der Gäste wurde nicht geopfert. Die Tempelhofer Schalterhalle sollte offenbar für sich sprechen. Das hinterließ eher ein Gefühl von Museumsbesuch, als dass die richtige Festivalstimmung aufkommen wollte. Auch die lange Schalterreihe, von denen gerade einmal die Hälfte besetzt war, versprach nicht viel Aufregung. Was der erste Eindruck vermuten ließ, bestätigt sich auf dem ganzen Gelände. Die Gestaltung ist mehr als stumpf, von den Pappstellwänden mit der „Dancing Shoes“ – Ausstellung (link), die schon allein Bände über Halbherzigkeit erzählt, bis zum Pressebereich, der am zweiten Tag gleich mal für alle geöffnet wird, über den kargen Betonboden und die drei Bierbänke, die einsam auf dem Festivalgelände rum stehen. Die paar wattstarken Strahler reissen da auch nichts mehr raus. Einzig die unzähligen Essensstände sind gut ausgestattet und preislich eine ziemliche Unverschämtheit, genau wie das wässrige Bier für 3 Euro 50.
Was die Preispolitik anbelangt, hätte man sich mal überlegen können, an welchem Ort das Festival statt findet. Das hätte wahrscheinlich für mehr Freude gesorgt als die rabiate Entscheidung, keine Festivalbändchen zu verteilen und nur einmalig pro Tag Einlass zu gewähren.
Der Rubel rollt bei den Machern, die Augen rollen bei den Besuchern. Ewig lange Schlangen für Durstige auf dem Gelände. Die Bühnen zwar recht gut erreichbar, denn der Sound schreckt dann doch viele Gäste ab und treibt der einen oder dem anderen Musikliebhaber beinahe die Tränen in die Augen. die second-stage steht mit dem rücken zum rollfeld. bühne und publikum unter dem schützendem dach. bei regen wäre das angenehm, bei sonne nicht nötig und für die akustik dank industriehallen-charme eine unglaubliche katastrophe.
bei bodi bill erreicht das fünffache echo von holden caulfield eher in breiform den gehörgang. zu dieser frühen uhrzeit und bei der eher gedrückten stimmung wird den drei berlinern nicht die möglichkeit gegeben, wie gewohnt alle mitzunehmen auf eine reise durch ihren klangkosmos mit integriertem energieschub.
saint etienne haben es dann auf der hauptbühne mit einer richtigen industriehalle bzw. einem ehemaligen hangar zu tun. bekanntlich ist das neue outdoor das metallische indoor. die drei engländer um sarah cracknell tragen mit ihrem 90er-jahre-synthie-pop à la snap auch nur bedingt zur stimmungsaufhellung bei.
die kanadischen junior boys nehmen einen dann endlich entspannt mit in die nacht. leicht gleiten die elektronischen klänge in den nachthimmel und verbinden sich mit den lichtstrahlen auf dem rollfeld.
die pfütze des eisberges ist bei dendemann in die badewanne gelaufen. ein undefinierbares rauschen aus bass und hiphop verdirbt die ersehnte freude am hamburger. da hilft auch die jeansweste nichts
bei whomadewho ist das monster dann wieder erwacht und das erste festivalgefühl stellt sich ein. die drei dänen haben sichtlich spaß und die davor tobende menge lässt den harten funky bass durch sich hindurch.
moderat machen ihrem namen alle ehre. in wellenartiger kraft und tiefe rollen die basswalzen von modeselektor auf einen zu. in verbindung mit den feinfühligen höhen apparats verbindet sich der visuelle wahnsinn auf den leinwänden zum emotionalsten glanzerlebnis des ersten tages.
das neue album von zoot woman ist mit "things are what they used to be" betitelt. songs wie "saturation" gliedern sich sofort in das gesamtgefüge ein, und sprechen mit "i can't take my eyes of you for a second" für eine der seltenen live-erscheinungen von zoot woman. eine aufforderung die verstanden wird. auch wenn das ende um 22 uhr doch zu früh ausfällt, so ist das finale mit "living in a magazin" ein vielstimmiger versöhnlicher chor. wieder ein guter start in die frühe nacht.
Dass darauf Jarvis Cocker auf der selben Bühne folgt, ist nur ein weiterer Holperstein im zusammen gewürfelten Programm und tut der Qualität seiner Show keinen Abbruch. Rockend und Rollend lebt der Indie-Dandy seine Zeilen aus. I never said I was deep, singt er. Ob er das auch der Frau sagt, mit der er über das Festivalgelände spazierte? Egal. Selbst der Sound ist dank gut gefüllter Halle und mittigem Standort erträglich.
bei bonaparte pflügt der wahnsinn wie eine wilde herde durch die menge. ob lolita, domina, schaf, hase, putzfrau, napoleon oder discotizer, die grenzen zwischen bandkonstrukt, theaterstück und gruppentherapie verschwinden in einer daunenwolke. ein mit narren gefülltes karussel bewegt sich mal mehr mal weniger besetzt, mal schneller mal langsamer über die bühne und nimmt alle gestreckten hände mit auf die unvergessliche reise. hier wird der tempelhof endlich zur manege.
deichkind drücken dann endlich remmidemmi in die mülltonne. die jungs machen es sich auf zwei liegestühlen bequem, und versteckt unter ihren pyramidenhüten wird der nicht mehr zu hörende text in absoluter regungslosigkeit abgespult. lediglich bei yippie yippie yeah werden im hintergrund fluoreszierende hände gelangweilt gehoben. keine irrwitzige idee oder eine hyperaktive fitnesstruppe versucht alles nochmal zu überhöhen. das geneigte publikum rastet trotzdem vollkommen aus und bei "aufstand im schlaraffenland" ist dann auch auf der bühne alles so wie gewohnt am durchgedrehen.
den schönsten auftritt des zweiten tages verbuchen whirlpool production für sich. eric d. clarke ist der wiedergeborene james brown. mit seiner pagen-frisur und seinem rückenfreien glitzeroberteil lacht er sich in die menge und genießt sich selbst am meisten. und wenn die ersten synthie-klänge von "disco to disco" vermischt mit dem "timecode" dank hans nieswandt und justus köhncke wie seifenblasen in den himmel steigen und erics groovender gesang diese über den horizont ausbreitet, dann schwebt man wie auf wolke sieben glücklich durch die nacht. eine ehre diese drei pioniere so erleben zu dürfen. ein lachendes publikum dankt es ihnen.
Am Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack. Worum ging es bei diesem Festival eigentlich?
Um die Musik oder darum, seine Taler an einen Ort zu tragen und dann für schlechtes Essen und schales Bier aus dem Fenster zu werfen? Natürlich ist ein Festival keine Veranstaltung, die man mit ein paar hundert Euro bewerkstelligen kann. Aber wenn die Gäste nächstes Jahr weg bleiben, weil es einfach nicht toll war und man nur das Beste draus gemacht hat, aber lieber am See rum gelegen hätte, dann ist das, was beim Berlin Festival geschah, reichlich kurz gedacht. für schlechten sound gibt’s immer noch die eigene badewanne und ein getränk ist innerhalb von 30 minuten auch organisiert.
4 Kommentare
guggi am 14.08.2009 um 15:21 UHR
da freu ich mich, dass ich nicht da war und bin mal gespannt auf das neu formierte frequency festival (AUT).
Chuck am 15.08.2009 um 23:27 UHR
klingt mit beton, lärm und zaun ungewollt nach guantánamo [satire aus]
schade, die künstler und besucher hätten sich ihr wochenende wohl besser vorgestellt...
rotscha am 29.08.2009 um 13:57 UHR
kann dem bericht nur zustimmen... whirlpool prod. war großartig. leider kann ich nirgends etwas gefilmtes zu deren auftritt finden. jemand ne idee?
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colin am 14.08.2009 um 11:09 UHR
hab ich auch so erlebt!