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Hurricane Festival 200921.06.2009 // Eichenring bei Scheeßel

freitag, 19.06.2009


Glasvegas eröffneten das Hurricane. Pünktlich zum Auftritt fing ein beachtlicher Platzregen an. Auch ungeachtet des Wetters kam noch nicht so recht Stimmung auf, die Band wirkte relativ müde, die Musik klang zwar gut und eigentlich auch ganz vielversprechend, aber richtig zünden wollte das ganze nicht. Der Höhepunkt war wohl, als es der Schlagzeugerin warm wurde, sie ihre Jacke auszog und man ihr „I love Roma“-T-Shirt sehen konnte, was einige trendbewusste Zuschauer aus mir nicht recht nachvollziehbaren Gründe in Ekstase versetzte. Nach nur 13 Minuten war der Auftritt auch schon wieder vorbei, immerhin aber auch der Regen. Ein okayer Auftritt, genauso wie die nachfolgenden The Horrors, über die es im Bezug auf das Festival leider nicht viel mehr zu sagen gibt, als dass der Sänger aussah wie eine Mischung aus Bill von Tokio Hotel und Richard Ashcroft. Musik und Bühnenshow waren okay, aber nichts, was man sich merken müsste.

Johnossi sollten als nächstes spielen, eine Band von der ich, offensichtlich im Gegensatz zu vielen anderen, noch nicht viel gehört hatte. Der Sänger wurde mit begeistertem Gekreische empfangen. Die Musik schien mir etwas langweilig zu sein, solide zwar, aber auch nichts besonderes. Neben mir stand ein relativ dickes Mädchen mit rosa Abi-2009-Sweatshirt und rosa Schminke im Gesicht, dass viel zu laut und viel zu schlecht mitgesungen hat, dabei aber gut hörbar den Text nicht kannte. Hin und wieder hat sie lasziv ihren Freund angetanzt und ihm immer wieder gesagt, dass ihm das wohl gefallen würde, worauf er nur mit einem ausdruckslosen Genuschel antwortete. Das fand ich, ehrlich gesagt, bemerkenswerter als Johnossi auf der Bühne.

Auf der anderen Bühne spielten dann schon The Ting Tings als ich ankam, für mich eine der überraschendsten Bands des Festivals. Die Musik war überaus mitreissend und spektakulär, irgendwo zwischen The Kills und CSS, was auf der Bühne und auch auf der CD blendend funktioniert. Ich war begeistert: nach dem eher durchwachsenem Start des Programmes endlich eine ganz tolle Band! Man kann gespannt sein, wie deren Karriere weiterhin verläuft. Ich hoffe, dass gut!

Nach dem tollen Konzert konnte ich noch ganz kurz The Sounds sehen, die extrem eingängigen Poprock, allerdings ohne besonders deutlich herausstechende eigene Handschrift, machen. Immerhin hatte die Sängerin extrem wenig an. Wahrscheinlich ein Konzept, dass dauerhaften Erfolg garantiert.

Ebenfalls nur sehr kurz gesehen habe ich dann Katy Perry, die zwar nicht wirklich auf ein Rockfestival passt, was aber durch besonders laute Bässe zu kaschieren versucht wurde. Sie hatte jedenfalls viel Publikum, spielte ihre Lieder, warf irgendwann riesige, aufblasbare Erdbeeren ins Publikum und fiel sonst noch darüber auf, dass sie das unsympathischste Lachen hat, was ich je gehört habe.

Nach den schön anzusehenden aber sonst überhaupt nicht zufriedenstellenden Sounds und der ollen Katy kamen dann die Editors. Das war wieder ein fabelhaftes, athmosphärisch sehr dichtes Konzert mit toller Musik, viel Nebel und Lichtshow. Die Band war bester Dinge und das Publikum war begeistert, das Konzert war, abfesehen von dem der Ting Tings wohl das beste bis dahin. Schade nur, dass es noch ein bisschen zu hell draussen gewesen ist, der Himmel passte nicht ganz zur eher dunklen Musik.

Nach dem nicht weiter aufregendem Konzert von Nneka und einer Pommes-Pause kam dann der erste große Headliner, Moby. Der überraschte durch eine unglaubliche Energie, rannte ständig wie vom wilden Affen gebissen von der einen Seite der Bühne zur anderen, spielte dabei unentwegt Gitarre, trommelte auf Bongos herum oder feuerte die anderen Menschen auf der Bühne an, eine ungeheuer talentierte Soul-Sängerin, zwei Geigerinnen, eine Schlagzeugerin und irgendwen am Synthesizer. Auch bei den potentiell langsamen und traurigen Liedern „Why does my heart feel so bad“ und „Natural Blues“ war Moby wunderbar aufgedreht und blieb keine Sekunde lang ruhig stehen, sondern animierte das Publikum, sich selbst und den lieben Gott. Am Schluss des Konzertes spielte er das Stück „Feeling so real“ von 1995 und zeigte damit eindrucksvoll, warum Rave mal ganz groß gewesen ist. Moby spielte eine Art Zeremonienmeister, während die Musik donnerte warf er sich hin und her, schrie euphorisch daher, forderte das Publikum auf, auch alles zu fühlen, wollte, dass die Musik immer lauter und größer wurde. Das war wirklich sehr beeindruckend!

Dann hieß es erstmal die Eindrücke sacken lassen und abwarten, nach Moby sollte Kraftwerk kommen. Während der Wartezeit telefonierte ein Vater aufgeregt neben mir mit seiner Frau, weil er seinen Sohn verloren hatte, dem zuzuhören verkürzte die Wartezeit gott sei dank erheblich.

Irgendwann dann kündigte eine sonore Roboterstimme dann die Gruppe Kraftwerk an, der vor die Bühne gespannte Vorhang wurde aufgezogen und man konnte vier alte Männer in schwarzen Uniformen sehen, die vor Pulten standen, auf denen Laptops befestigt waren. Die vier Männer bewegten sich das ganze Konzert über nicht, dafür waren auf einer großen Leinwand hinter der Band immer beeindruckende Videokunstwerke zu sehen, die perfekt auf die Musik abgestimmt waren. Das war erst eindrucksvoll, wiederholte sich aber irgendwann auch und wurde etwas langweilig. Trotzdem natürlich schön, so eine alte und früher mal einflussreiche Band live gesehen zu haben.

Alles in allem trotz einiger enttäuschender Auftritte ein guter, erster Tag!


samstag, 20.06.2009


Gut ausgeschlafen und mit einem überraschend gutem Frühstück aus Frischeiwaffeln, Dosenravioli und Dosenbier began der zweite Tag auf dem Festival erstmal wieder etwas dürftig. Die Fischer und die Silversun Pickups verpasste ich wegen dem guten Frühstück, Les than Jake waren öde, die Blood Red Shoes zwar nett, aber auch nicht groß der Rede wert.

Erst die Wombats konnten voll überzeugen! Die Band hatte merklich gute Laune, und durch die Reihe weg jedes Lied war im höchsten Maße tanzbar, klang frisch und aufregend. Auch die neuen, noch unveröffentlichten Lieder, die die Wombats spielten klangen sehr vielversprechend. Und bei „Let´s Dance to Joy Division“ fiel tatsächlich jemand mit theatralischer Gestik in Ohnmacht. Wahrscheinlich hält der Hype um die Band noch ein Weilchen an.

Im Zelt spielte danach The Alexandria Quartett aus Norwegen, die Band wirkte im höchsten Maße sympathisch, wenn auch leicht von dem sturzbetrunkenen Jugendlichen in der ersten Reihe irritiert, der besonders ausdrucksstarken Ausdruckstanz machte, bis ihn sein Freund beschämt wegzog. Die Musik war schön und unaufgeregter Indie-Pop-Rock, den man schnell verstand und mitsingen konnte. Nicht allzu spektakulär, aber trotzdem eine gute Sache!

Danach sollte es dann aber umso spektakulärer werden, The Mars Volta waren dran. Ein riesiges Plakat hing auf der Bühne, auf der ein hässliches Muster aus Augen, Flügeln und Sternen zu sehen war, dann kamen Mariachi-Trompeter und verbreiteten etwas mexikanische Stimmung. Kurz darauf stürmten die beiden Mars Volta- Leute in irrsinnig engen Hosen und mit absurd opulenter Haarpracht auf die Bühne und machten die gewohnt unzugängliche, höchst anstrengende Musik, für die sie bekannt sind. Im Publikum wird krampfhaft versucht, mitzutanzen, leider völlig ohne Erfolg. Keiner versteht so recht, was die eigentlich wollen, aber weil sich offenbar rumgesprochen hat, dass das keine Spinnerei ist, sondern „was Anspruchsvolles“, waren alle begeistert.

Die Fleet Foxes dann machen ein sehr schönes Konzert, völlig ohne jegliches Brimborium. Sie stehen einfach alle nah beieinander auf der für sie viel zu groß wirkenden Bühne und singen harmonisch miteinander ihre süßen, intim und irgendwie nach Renaissance klingenden Lieder. Und würden am nächsten Tag nicht noch die Eagles of Death Metal spielen wäre man wohl geneigt zu sagen, dass der Schlagzeuger, der ansonsten so aussieht, als ob er sich in seiner Freizeit mit Bären prügeln würde, den schönsten Bart des Festivals hätte. Sehr sympathisch auch, dass die Band darauf hinweist, dass parallel zu ihrem Konzert auch die Pixies spielten und dass sie niemandem böse wären, wenn er zum anderen Konzert gehen würde.

Hätte man bloß nicht auf die Fleet Foxes gehört und sich die Pixies erspart! Es war wohl das enttäuschendste Konzert des gesamten Festivals. Völlig lustlos stand die Band auf der Bühne und spielte einen Riesenhit nach dem anderen, ohne dabei aber die Töne zu treffen. Lediglich Kim Deal grinste ab und an mal debil, Francis Black schien aber alles egal zu sein und innerlich schon die Minuten bis zum Feierabend runterzuzählen. Es ist schon traurig, wenn man die vielen tollen Lieder, die man so gerne mag, so demotiviert und antriebslos runtergedudelt wurden. Es wäre wohl besser für das Andenken an diese ganz früher mal einflussreiche Band, wenn sie sich die Comeback-Auftritte gespart hätten.

Desillusioniert kaufte ich mir ein köstliches, mit Käse und Schinken gefülltes Brot und ging dann, wieder besänftigt, ins Zelt um mir Lykke Li anzugucken. Das war dann wieder ein rundherum großartiger Auftritt! Während sich die gute auf CD ja eher schüchtern und niedlich anhört, ist sie live eine ungeheuere Rampensau, warf sich ständig in irgendwelche Posen, fuchtelte ständig in der Luft herum und tanzte wie verrückt über die Bühne. Die Musik war laut und mitreissend, Lykke Li schrie ihre sonst so ruhigen Texte mehr ins Mikro als das sie wirklich sang (was sich aber immer noch ein bisschen niedlich anhörte), hielt aber zwischendurch immer wieder mal kurz für die ganz ruhigen Passagen inne, nur um danach wieder zu explodieren. Leider hatte man ihr nur eine dreiviertel Stunde Auftrittszeit gegeben, weswegen der Auftritt allen als viel zu kurz vorkam.

Die Enttäuschung darüber, dass das Konzert so früh vorbei war, verflog aber gleich beim nächsten Konzert. Faith No More betraten für ihr Comeback die Bühne und legten gleich ganz gewaltig los, so, als ob sie nie weg gewesen wären. Mike Patton spielte und sang wie der Leibhaftige, lachte ständig dämonisch, brummte wie ein Dachs, stolzierte wie ein wahnsinnig gewordener Showmaster über die Bühne. Die Musik war ungeheuer druckvoll und energiegeladen, begeisternd und ekstatisch. Es war unmöglich, sich dem Bann von Faith no More zu entziehen. Hatte Moby am Freitag gezeigt, warum Rave mal ganz groß war, zeigten Faith No More am Samstag, warum Crossover es mal war. Es war ganz sicher eines der besten und beeindruckendsten Konzerte des Festivals.

Völlig begeistert danach weiter zu Nick Cave, bei dem man schön den Samstag ausklingen lassen konnte. Die Musik war gut und genau so, wie man sie von Nick Cave kennt. Weil es aber langsam ziemlich kalt wurde und alle müde waren, ich ausserdem noch ganz erschöpft von Lykke Li und Faith no More, direkt hintereinander weg, gings dann schon vor Ende des Konzertes zurück zum Zeltplatz, endlich wieder schlafen.


sonntag, 21.06.2009


Sonntag morgen fallen leider wieder einige Auftritte dem zur schönen Tradition gewordenen opulentem Frühstück und dem Zeltabbau zum Opfer, es geht erst am Nachmittag aufs Gelände, wo gleich ganz gehörig die Luzie abgehen sollte. Man fieberte gespannt Gogol Bordello entgegen. Bei prallem Sonnenschein stürmten sie dann auf die Bühne, der Sänger mit nacktem Oberkörper, wunderschönem Schnurrbart und einer Flasche Wein, ein alter Geiger in Uniform, ein völlig aufgedrehter Rapper mit einer mexikanischen Wrestling-Maske, zwei Tänzerinnen und noch einige sonderbare Gestalten. Sie spielten eine wahnwitzige, überdrehte, Balkan-Polka-Irgendwas-Mischung, die binnen Nanosekunden das Publikum mitriss. Es wurde wild getanzt, durch die Gegend gesprungen und euphorisch die Texte, die man nicht so recht kannte, mitgesungen. Nach dem Konzert feierte die Band sich noch selbst ausgedehnt auf der Bühne, umarmte sich ständig breit grinsend und offensichtlich sehr zufrieden, genauso wie es auch das Publikum war. Ich war begeistert, dass der Tag gleich so gut angefangen hatte. Anti-Flag waren danach leider ein wenig unspektakulär und fast schon langweilig. Einige Leute tanzten auf einer Mülltonne, die irgendwann umfiel. Sonst aber gab es wenig, weswegen einem dieser Auftritt im Gedächtnis bleiben sollte.

Definitiv fürs Gedächtnis war dann aber der Auftritt der Eagles of Death Metal, weniger wegen der Musik, die war zwar auch super, eingängiger und extrem lustiger Breite-Beine-Rock, sondern wegen dem Auftritt von Jesse „The Devil“ Hughes, der eine ungeheuere Rampensau war. Nicht nur, dass er sich gegen harte Konkurenz (Fleet Foxes und Gogol Bordello) als Träger des schönsten Bartes des Festivals durchsetzte, er tanzte derart aufreizend über die Bühne, dass wohl jede Frau weiche Knie bekommen hatte und jeder Mann so sein wollten wie er. Schön, dass es noch Leute gibt, die das Sex von Sex, Drugs & Rock´n´Roll noch so ernst nehmen!

Fettes Brot werden nach diesem Konzert ignoriert, ich habe keine Lust auf Spaß-Hiphop, gehe stattdessen lieber zu früh zur Bühne, auf der gleich die Nine Inch Nails spielen sollen. Komischerweise ist fast kaum jemand da, erst kurz bevor das Konzert losgeht füllt sich der Platz vor der Bühne. Das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt, die Nine Inch Nails spielen ein unglaublich intensives und beeindruckend gutes Konzert! Trent Reznor hatte ganz gehörig die Mütze heiß! Schon nach dem ersten Lied schwitzte er wie verrückt, machte aber tapfer und ungeheuer intensiv weiter. Man merkte auch bei diesem Headliner, dass sie absolut Lust hatten, zu spielen. Das Publikum ging dankbar und begeistert mit, bei jeder noch so geringen Möglichkeit, ein Moshpit zu bilden, bildete sich auch gleich eins, manchmal aber (leider!) auch zu ziemlich unpassenden Momenten. Ansonsten aber ein fabelhaftes Konzert mit allem Drum und Dran; Lasershow, Rauch, harter Musik, Ekstase auf und vor der Bühne. Als Zugabe sang Trent Reznor dann ganz alleine das ungeheuer bewegende „Hurt“, was für ziemlich kollektive Gänsehaut sorgte. Hin und wieder grölten mal Leute den Text mit, wurden aber dankenswerterweise immer schnell darauf hingewiesen, dass doch bitte zu unterlassen. Ausserdem war es wohl das einzige Konzert, bei dem tatsächlich niemand diese fürchterlichen, aufblasbaren magentafarbenen Werbehandschuhe von der Telekom geschwenkt hat, die sonst das gesamte Festival verunstalteten. Alles in allem wohl (neben Lykke Li, den Ting Tings und Faith No More) das beste Konzert vom Hurricane.

Geplättet von den Nine Inch Nails gings dann noch kurz zu den Friendly Fires, die die letzte Band im Zelt waren. Im Prinzip in gutes Konzert, eine tolle Mischung aus Indie-Rock und Elektrokram, sehr modern und sehr schweißtreibend, aber irgendwie konntre nach den Nine Inch Nails nichts mehr wirklich mitreißen. Schade eigentlich, denn die Friendly Fires wären es, streng genommen, absolut wert gewesen, sie ganz anzusehen, aber dafür war ich einfach zu erschöpft.

Auf dem Weg zum Zeltplatz zurück ging ich noch an der Bühne vorbei, auf der die Ärzte spielten. Unfassbar, wie viele Fans die haben! Das ganze Gelände vor der Bühne war voller Menschen, so viele hatte ich während des gesamten Festivals noch nicht gesehen! Alle schienen begeistert von dem Rumgealber auf der Bühne. Eine Frau aß gleichzeitig ein Fischbrötchen und sang bei „Westerland“ mit, zwei geschätzt 15-jährige Emos wälzten sich wild küssend auf dem Boden und ein geschätzt 40-jähriger Mann fotografierte die Brüste von den umstehenden Frauen.

Obwohl ich es während der Ärzte kaum erwarten konnte, das Gelände zu verlassen und obwohl ich unglaublich froh war, endlich nach Hause fahren zu können, war es dann doch sehr schade, dass das Hurricane vorbei war.

Es war ein großartiges Festival!

weitere infos: www.hurricane.de

onlyaghost
 

Kommentare

ein ambitionierter urlaubsbericht...

die schlagzeugerin von moby ist übrigens ein mann.

Christoph // 12.07.2009

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