the dodosInterview mit meric long und logan kroeber (22.09.2009)

ihr habt euer neues album "time to die" getauft, aber seid beide nicht sehr alt. wie sieht denn eure haltung gegenüber dem tod bzw. dem leben an sich aus?
meric: am besten sollte man es um jeden preis vermeiden...damit meine ich beides, das leben und den tod (lacht).
logan: ja, immer schön die regeln befolgen...wie heisst es gleich? "walk the line" wie johnny cash. lebe das leben nicht zu intensiv und sterbe nicht zu viele tode.

habt ihr denn angst vor dem tod?
meric: ich habe entsetzliche angst vor dem tod. jetzt in dieser sekunde, wo du das wort nur sagst, läuft es mir eiskalt über den rücken...sag es nicht noch einmal! (lacht)

gibt es eine idealvorstellung von einem erfüllten leben für euch und wenn ja, was genau schwebt euch dabei vor?
meric: was das private angeht, ich glaube wir könnten die ganze nacht einfach hier sitzen und das geschehen um uns herum genießen (blickt auf das allgemeine treiben im backstage bereich während im hintergrund der support wye oak lautstark gesangsübungen macht und gitarrenspiel erklingt). hörst du das? musikalisch gesehen ist das genau das, was wir uns unter einem erfüllten leben vorstellen (lacht). aber mal im ernst, wir werden ein nebenprojekt starten, was "alright baby come on" heisst und genau den leeren platz einnehmen wird, den the dodos mit ihrer musik nicht füllen können. das wird ein gutes gegenwicht sein zu dem, was wir jetzt machen. es wird eine ernsthafte rock band sein mit...
logan: ...boogie woogie! (lacht)

warum sind denn "the dodos" nicht der passende rahmen dafür?
meric: hmm, das ist schwierig zu sagen...es funktioniert einfach nicht. du kannst nicht zu viele dinge innerhalb einer band machen. es ist besser, wenn man sich auf eine bestimmte sache konzentriert (im hintergrund drehen wye oak nun so richtig auf und wärmen durch geschrei ihre stimmen auf). man kann nicht einfach ein kostüm anziehen und dann für einen song "rock" spielen...oder das alles nur halb angehen. ansonsten bist du wie eine dieser unausgereiften bands, die hier einen "funk song" und da einen "rock song" haben...und das ist der song, wo der bassist sich das mikro greift und rappt...das funktioniert so nicht. man muss schon ganz hinter einer sache stehen.

es gibt aber immer wieder bands, die sich zum beispiel auf doppelalben ausleben und dort verschiedene stile miteinander verbinden. diese option schließt ihr für euch aus?
meric: darüber habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht nachgedacht...die vorstellung von einem doppelalbum ist auch ein wenig Angst erregend wie ich finde (lacht).

beinhaltet der titel "time to die" vielleicht auch das ende eines musikalischen aspekts und ihr werdet auf dem nächsten album eventuell völlig neue dinge anstreben?
meric: ja, hoffentlich. momentan habe ich das gefühl, dass der mögliche spielraum für das nächste album sehr groß und offen für einige interessante dinge ist. natürlich hofft man immer, dass man mit jeder neuen platte etwas neues und andersartiges schaffen wird, aber das lässt sich im vorfeld immer schlecht abschätzen.
logan: wir sind ja gerade erst eine neue bindung zu unserem jetzigen produzenten eingegangen. da stellt sich nun die frage, ob wir darauf aufbauen wollen oder doch lieber etwas völlig anderes ausprobieren möchten. von unserem ersten album bis hin zu "visister" ging es im prinzip nur darum auf etwas aufzubauen. jetzt, wo wir diese seifenblase unserer ersten beiden alben verlassen haben, könnte es durchaus in eine verrückte richtung gehen, wenn wir das wollen. wir wissen es nur noch nicht genau. wir haben die arbeiten zu "time to die" ja noch nicht lange abgeschlossen und schreiben erstmal drauflos.

auf dem neuen album habt ihr euren klang um ein zusätzliches instrument, das vibraphon, erweitert. plant ihr in zukunft noch ähnliche neuzugänge dieser art?
meric: ich habe vor kurzem dieses neue instrument bekommen. das nennt sich "drum guitar" und wurde von einem typen aus den niederlanden gebaut. ich bin noch dabei in meinem zimmer zu sitzen und es genauer zu erforschen, aber mein gefühl sagt mir schon jetzt, dass dieses instrument eine ziemlich große rolle auf dem nächsten album spielen wird. ich habe noch keine ahnung, wie das ding eigentlich gespielt wird, aber das wird schon (lacht).

handelt es sich bei dieser "drum guitar" um ein unikat?
meric: ja, es gibt zumindest nur ein exemplar, das genau wie meines gebaut ist. es gibt noch eine andere "drum guitar", die liam finn besitzt, aber die ist nicht so kompliziert wie meine eigene. man kann also schon sagen, dass es in gewisser weise ein unikat ist.

wie bist du denn dazu gekommen, dass man dir extra so ein instrument gebaut hat?
meric: dieser typ kam einfach auf uns zu als wir in amsterdam waren. eigentlich tut er das wohl bei so einigen bands. wir sind also nicht so speziell (lacht). jedenfalls hatte er dieses instrument extra für uns gebaut und dachte, dass es sehr gut zu unserem sound passen würde und der art wie wir an unsere instrumente herangehen. er war der meinung, dass es toll für uns wäre, wenn wir diese gitarre hätten auf der man auch trommeln könnte. wir werden sehen (lacht).

wenn man sich die songs auf "time to die" anhört, dann sind sie musikalisch und textlich doch eigentlich recht konträr zum gewählten albumtitel. war das reine absicht?
meric: wir hatten, auch wenn es vielleicht nicht so scheint, nicht den vorsatz etwas so gegensätzliches zu schaffen. ich finde alles, was ich tue, ist irgendwie von konstrasten geprägt. daher ist es nicht so verwunderlich, dass sich das auch in dieser form widerspiegelt. sobald ich mir selbst eine bestimmte erwartungshaltung auferlege, will ich unbedingt das gegenteil davon machen und das kommt dann dabei heraus. das ist vielleicht dieses unreife teenager ding, über das ich nicht hinweggekommen bin...(lacht). du hättest aber mal das eigentliche cover sehen sollen, das wir letztendlich doch nicht genommen, sondern nur im inlay verwendet haben. das hätte eine viel stärkere und angst einflößende botschaft ausgesandt. logan kann das bestätigen, denn er hat das ganze artwork bearbeitet. er hat es sich sogar viel zu viele stunden lang angesehen!
logan: ich weiss nicht so genau, ob es eine tödliche botschaft aussendet, aber auf jeden fall bereitet sie einem angst. es hat also vielleicht nicht direkt etwas mit dem tod an sich, aber definitv mit der angst als solcher zu tun.

das konfetti auf dem eigentlichen cover erinnert aber wiederum eher an eine feier anstatt an den tod.
meric: wir wollen, dass die leute den tod auch in einem positiven licht sehen und das konfetti stellt diesen aspekt dar. ich habe zwar angst vor dem tod, aber es gibt ja verschiedene arten von tod. es muss ja nicht unbedingt der physische tod sein. natürlich werden wir alle einmal sterben. alle hinweise, die es auf diese form des todes gibt, sind immer sehr eindeutig und ich hoffe, dass die leute auch etwas anderes in ihm sehen. wir sehen den tod auch als etwas an, das gefeiert werden sollte...vorbei ist dieser teil von uns, der vielleicht mist war, und schon kommt etwas neues auf uns zu.

auf welche art und weise feiern denn the dodos das leben?
logan: eigentlich mit dem, was wir gerade machen, nämlich dem touren an sich. das ist ein mikrokosmos für sich würde ich sagen. es gibt neben den höhen auch dunkle tiefen, aber letztendlich sieht der kreis von all dem so aus, dass es immer noch genügend höhen gibt, die dich vorantreiben. es kann einfach nicht immer perfekt sein. es muss auch mal einen tiefpunkt geben.

"visiter" habt ihr ja praktisch mitten im touralltag geschrieben während ihr beim jetzigen album wirklich ruhe vom tourleben hattet und euch eine auszeit gegönnt habt. inwiefern hat das den klang der songs geformt?
meric: das album ist auf jeden fall gesetzer und beständiger, wenn man das so sagen kann. natürlich hängt das damit zusammen, dass wir nicht unterwegs waren. bei "visiter" gab es unterschwellig diese verzweifelte ängstlichkeit, die daher rührte, dass wir einfach andauernd von einer sache zur nächsten sprangen...die aufnahmen, dazwischen unsere jobs, die proben, dann das touren und die shows bei denen wir vielleicht vor fünf leuten irgendwo in amerika spielten. wir mussten danach anhalten und tief durchatmen, um in ruhe an songs arbeiten zu können und einen gewissen schreibfluss zu bekommen. ich habe das gefühl, dass die neuen songs wirklich vollendet sind und einen richtigen anfang sowie einen schluss haben. vorher gab es hier und da mal halbe sachen...und irgendwelche sachen (lacht).

werdet ihr auch in zukunft versuchen mit der nötigen ruhe an das schreiben von neuen songs zu gehen und euch wirklich zeit dafür zu nehmen?
meric: ja, definitiv. das wäre schön, wenn das klappt. mal sehen, wie sich das mit meinem job vereinbaren lässt, wenn ich wieder zurück bin, aber ich hoffe sehr, dass wir es schaffen uns voll und ganz auf das schreiben zu konzentrieren. es ist wichtig, dass man sich diese zeit nimmt, wenn es nur irgendwie möglich ist.

neben all den positiven meinungen zu eurer neuen platte gab es auch harte worte und euch wurde zum beispiel attestiert, dass ihr bei den aufnahmen doch gar keinen spaß gehabt haben konntet und "es daher keinen grund für die existenz dieses albums gibt". wie steht ihr zu solchen kritiken?
logan: ich weiss, von welcher review die rede ist. jemand hat uns schon davon erzählt...die stammt aus dem nme richtig?

das stimmt.
logan: also meine spontane meinung dazu ist, dass der nme doch gar keine ahnung und schon gar nicht das recht hat so zu urteilen. es ist doch nur so ein beschissenes magazin. vielleicht ist unsere platte ja auch nur ein haufen mist, aber wir machen trotzdem unser ding. ich muss zugeben, dass ein kleiner funken wahrheit in der aussage steckt, dass wir vielleicht nicht ganz so viel spaß bei den aufnahmen hatten wie zum beispiel beim vorletzten album. immerhin waren wir dieses mal ausserhalb unserer gewohnten umgebung und hatten einen neuen produzenten. wir haben einfach ganz anders aufgenommen als vorher und es lief auf einen großen lernprozess hinaus, den wir auf uns genommen haben.

aber ist es nicht eine sache die musik einfach nicht zu mögen und sogar die existens von songs zu hinterfragen anstatt darüber zu urteilen wie ihr als künstler die arbeit empfunden habt?
logan: das stimmt schon, es steht eigentlich keinem wirklich zu...
meric: ach, das ist doch nur eine hönische nme review, die am ende völlig bedeutungslos ist und keinen wirklichen sinn hat.
logan: es ist für mich unverständlich, weil wir so viel blut, schweiss und tränen in dieses album gesteckt haben, inbesondere was die drums und gitarrenmelodien angeht. es ist eben keine mal eben schnell dahin geschleuderte musik, zu der wir keine beziehung haben. für uns steckt da viel dahinter und ich finde, dass man das auch spürt, wenn man die songs hört. mir ist es ehrlich gesagt schleierhaft wie man das alles übergehen und solche äusserungen von sich geben kann. selbst angenommen, du magst den musikstil nicht, ist es doch etwas anderes zu behaupten, dass die musik keine berechtigung für ihr dasein hat. für mich ist es offensichtlich, dass wir uns um unsere musik gedanken machen und uns um sie sorgen.
meric: ich habe den artikel nicht selbst gelesen, aber nehmen wir doch mal das album "the aeroplane over the sea" von "neutral milk hotel". laut der kritiken soll es das miserabelste ihrer karriere gewesen sein, dabei ist es doch in wahrheit ein unglaubliches stück kunst. wenn es nur darum geht, ob der künstler spaß gehabt hat, dann ist das doch ein falscher ansatzpunkt. genauso wie die tatsache, dass manche der meinung sind musik sollte immer nur spaß machen. das tut sie nicht zwangsläufig. wie du schon gesagt hast, es ist ein unterschied, ob man die musik als solche oder die art und weise kritisiert, wie sie entstanden ist. und jetzt habe ich den verdammten faden verloren...(lacht).
logan: viele großartige platten wurden aus der tiefsten trauer heraus geschrieben...
meric: das ist wahr. jetzt weiss ich wieder, was ich sagen wollte...ich bin der meinung, dass unser neues album in gewisser weise nicht so unmittelbar ist wie zum beispiel "visiter", das man wahrscheinlich entweder gleich mag oder eben nicht. bei "time to die" ist das alles ein wenig anders. schon allein die produktion ist viel dichter und es gibt nicht so viele dinge, die dir offensichtlich ins gesicht springen. daher man muss sich schon ein bisschen mehr zeit für die songs nehmen. nach der ersten aufnamesession bin ich nach hause gefahren und habe mir die mixe noch einmal genau angehört. dabei habe ich festgestellt, dass die sachen einem nicht unbedingt sofort ins auge springen, aber je mehr ich die songs hörte, umso zugänglicher wurden sie dann auch und umso mehr hatte ich freude daran sie mir anzuhören...nicht, dass ich das andauernd machen würde (lacht).

könnt ihr euch etwas vorstellen für das es sich lohnen würde zu sterben?
logan: viele leute finden sich bestimmt in situationen wieder, in denen sie eine solche entscheidung treffen müssen...es könnte praktisch jede person da draussen sein, die es wert ist, beschützt zu werden oder deine freundin wird auf der straße ausgeraubt und solche sachen. es ist die frage, die sich jeder stellen muss...wofür lohnt es sich zu sterben? man kann das wohl nur in diesem besonderen augenblick tun und nicht einfach so wählen. ist greenpeace es wert? sind es die wale, die geschützt werden müssen? was gibt es da draussen, was es wirklich wert ist?[/b]
meric: ich glaube, es gibt da so eine art kleinen schalter, der sich in bestimmten situationen automatisch umlegt. wie ich schon erwähnt habe, habe ich angst davor zu sterben (alle lachen). wenn aber zum beispiel jemand meine freundin attackieren würde, dann würde ich mir wünschen, dass dieser schalter klick macht und ich in dem moment einfach zu mir selbst sagen könnte "ok, es ist verdammt nochmal zeit zu sterben". du weisst dann wahrscheinlich genau, dass es soweit ist und es kein zurück mehr gibt. wenn du das fühlst, ist es ganz sicher richtig so. da ich noch nie in so einer situation gesteckt habe, kann ich nur hoffen, dass meine prinzipien in so einem moment meine angst verblassen lassen würden.

mittlerweile seid ihr zu einem trio angewachsen. bedeutet das zugleich, dass die akustische seite der band nun etwas in den hintergrund rücken wird?
meric: wir sind noch dabei zu lernen, wie es ist nun zu dritt musik zu machen. zunächst war es wirklich so, dass wir als trio auf einmal das gefühl hatten, wow, wie können einen so vollen klang erzeugen...wir müssen unbedingt überall das vibraphon einbauen! es klang einfach so toll und dicht und es war sehr aufregend für uns. jetzt sind wir uns aber bewusst, dass wir uns zu dritt auch genügend raum geben müssen. was in zukunft passieren wird, das kann ich noch nicht genau sagen. wir werden aber bestimmt an den punkt gelangen, wo jeder in der band noch besser seinen platz gefunden hat und diesen ausfüllt.

ihr habt einmal erwähnt, dass es für euch wichtig ist mit dem publikum während der show zu kommunizieren, sei es verbal oder einfach nur durch gewisse gestiken. nun, da ihr so viel auf tour seid, wird es da einfacher diese verbindung zwischen band und publikum herzustellen?
logan: genau darüber habe ich mit einer befreundeten band namens "megaphone" vor kurzen gesprochen. sie sind richtig gut darin einen direkten draht zu den zuschauern herzustellen wie "hey, come on! get with it!" und sowas in der art. sie haben einfach das richtige charisma oder den nötigen charm, damit es am ende funktioniert. das bewundere ich sehr. ich bin sogar neidisch, wenn manche menschen das einfach so hinbekommen. ich verlasse mich, was meinen teil angeht, immer auf das unausgesprochene und vertraue darauf, dass der energiefluss sein übriges tut. ich kann mich da nicht hinstellen und rufen "are you ready to rock?". die leuten würden wahrscheinlich überhaupt nicht reagieren und wären verwirrt (lacht).

sprichst du aus erfahrung?
logan: nein, vielleicht würde auch alles genau umgekehrt laufen, aber ich glaube eher nicht...ich lasse das lieber (lacht). gestern haben wir in hamburg gespielt und das publikum war recht gut, was das anging. hier und da gab es typen, die diesen blick draufhatten, der einen weiter vorangetrieben hat, wenn ich mal eine sekunde hochgeschaut habe. oft genug passiert es aber auch, dass ich menschen sehe, die entweder mit ihren freunden reden oder vielleicht noch rumgähnen. das ist nicht gerade das, was ich brauche. ich mag es, wenn ich mitbekomme, dass das publikum in irgendeiner weise aufmerksamkeit versprüht.

ist es nicht manchmal auch schön, wenn das publikum einfach ruhig ist und genau zuhört anstatt dinge richtung bühne zu rufen?
meric: ja, das kann auch schön sein. wir hatten schon solche shows in kanada und das war vollkommen ok. man muss nur einigermaßen wissen, woran man ist, wenn man an unterschiedlichen orten spielt. sonst kann es sein, dass du auf der bühne stehst und dich ständig fragst, warum die leute dich so anstarren und keinen ton von sich geben oder sich nicht bewegen.
logan: letztes mal, als wir in münchen gespielt haben, war es während des sets sehr ruhig, aber nach den songs gab es jedes mal einen riesen beifall und hinterher haben uns die leute gesagt, wie sehr sie unsere show mochten. in hamburg war das publikum zum beispiel gleich viel lebhafter. es hält sich also die waage...
meric: ...es kommt wohl auch darauf an, wie viel alkohol bereits konsumiert wurde (lacht).


Foto: hella wittenberg

 
 
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