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chuck ragan

ich las kürzlich, dass du nicht wegen des geldes musik machst, sondern weil du keine andere möglichkeit hast…
so etwas habe ich bestimmt einmal gesagt. ich mache musik aus den gleichen gründen, warum es auch die meisten meiner freunde machen. es gibt viele menschen in der industry, die machen es aus gründen wie geld, ruhm oder weil sie ihren namen in leuchtschrift sehen wollen oder mehr aufmerksamkeit brauchen und unsicher sind. aber einige von uns machen es weil die musik das ultimative ventil ist, eine ausdrucksform und die beste therapieform. mehr als alles andere es sein könnte. ich schreibe ständig. ich bin songwriter. manchmal ist es schwer, manchmal sehr einfach. push – pull. wenn ich etwas auf der seele habe, was wirklich an meinen herzsträngen zerrt, sei es positiv oder negativ, dann bin ich es mir selbst schuldig diese sache loszuwerden und hinter mir zu lassen. also habe ich keine wahl. wir machen musik mit reinen absichten. wir lieben es musik zu machen.

geht es dir dabei mehr um die musik oder die texte?
mir ist die gesamtheit wichtig. meine texte sind oft wie tagebucheinträge. wenn ich ältere texte lese, ist es als reise ich in eine vergangene zeitspanne zurück. ich hatte glück, dass ich von anfang an von ehrlichen musikern umgeben war, die musik der musik und der geschichten wegen schrieben und wegen der eben erwähnten therapeutischen wirkung. wir erzählen geschichten.

schreibst du auch andere sachen, wie kurzgeschichten oder poesie? können wir vielleicht irgendwann einen gedichtband erwarten?
ehrlicherweise habe ich tatsächlich an einem buch gearbeitet. ich habe natürlich nicht täglich daran gesessen, dafür hatte ich zu viel um die ohren, aber freunde kamen auf mich zu und fragten ob ich nicht ein tour-tagebuch schreiben möchte. ich habe immer notizen in tagebücher geschrieben, aber das war zu einer zeit, als ich noch sehr viel weniger verantwortung trug und mir noch nicht so viel gedanken um so viele organisatorische dinge gemacht habe. heute muss ich mich um so viel mehr kümmern und ich möchte auch mehr eigenregie übernehmen. ich bringe meine freunde mit auf tour und möchte sicherstellen, dass es allen gut geht und alle so bezahlt werden, wie sie es verdient haben, genug zu essen bekommen,… also schreibe ich nicht mehr so wie früher als ich einfach seiten füllte. ich schreibe ständig kleine absätze oder zeilen. manche werden zu songs, manche liegen für 15 jahre in einer schublade. letztenendes fragte ich, ob es nicht ginge, dass ich ein gedichtband heraus bringe. ich habe bisher schon verschiedene kapitel in verschiedenen kartons sortiert. ursprünglich wollten wir es jetzt im herbst veröffentlichen, doch ich hab es nicht geschafft. ein teil von mir findet das alles überwältigend und dann frage ich mich plötzlich: möchte ich wirklich, dass die halbe welt das alles zu lesen bekommt?

dein aktuelles album „gold country“ soll an die zeit des gold rausches erinnern. für mich fühlt es sich an, als käme ich nach irland zu meinen freunden nach hause und wir singen und jammen einfach drauf los. das album klingt so live. man kann das nicht schreiben, so kann man ein album nur spielen…
das war von anfang an der plan! und es hat wahnsinnig viel spass gemacht. mein ziel war es vor allem, dass ich das album dieses mal selbst produziere. ich wollte sicher stellen, dass ich genug kontrolle über alle prozesse habe. wo anfang und ende liegen, wie ich das geld intelligent ausgebe, dass es allen beteiligten gut geht. und ich wollte ein raues, spaßiges album machen, alle meine freunde dabei zusammen holen und einfach laufen lassen. und genau das haben wir getan.

auf dem minengelände, auf dem wir die aufnahmen gemacht haben, war diese klitzekleine hütte. ich hätte noch mehr bilder davon ins booklet packen sollen. es war wirklich ein alter miner-unterschlupf in dem die steine zermahlen wurden um das gold zu fördern. wenn man zur tür rein kommt, ist alles so schräg, dass man denkt das ganz ding fällt gleich einfach zur seite um. es lag in völliger abgeschiedenheit. dort gab es keine möglichkeit mit einem auto ran zu fahren oder auch nur eben mit dem fahrrad einen kaffee zu holen. es war also der perfekte ort um das album voll auszuleben. wir nahmen den ganzen tag über songs auf oder liefen durch die wälder oder zum fluss und abends bauten wir riesige lagerfeuer, sprachen über den tag und wie was wir von dem geschafften hielten oder was wir für den nächsten tag planten.

so landete dann wahrscheinlich auch das 30minütige lagerfeuer geräusch auf dem album?
auf dem ersten album wollte ich ja schon meeresrauschen haben. dinge, die mir wichtig sind. die natur. jetzt ist es das lagerfeuer. für alles andere müsst ihr auf das nächte album warten.

ich frage mich, welche geräusche der mond macht!
das wirst du dann hören! (lachen) bei den aufnahmen zu „gold country“ saßen wir manchmal einfach nur am feuer, genossen die positive energie und gönnten unseren ohren ein wenig entspannung von den aufnahmen. da hatte ich die idee, das album mit den lagerfeuer geräuschen auszublenden. ich dachte, die meisten werden es sowieso nie hören, oder gar nicht über den zweiten song hinaus kommen.. aber ich wusste, dass es einiger meiner freunde wirklich zu schätzen wissen würden. als ich das album final abmischte und am pc saß, um arbeit erledigt zu bekommen, merkte ich plötzlich dass ich völlig entspannt und produktiv vor mich hinarbeitete und realisierte dann, dass ich schon seit über 20 minuten dem lagerfeuer lauschte.

der song „get em all home“: handelt er von inneren konflikten oder geht es tatsächlich um den krieg?
die filmproduktion „pure frustration production“ kam auf mich zu für ihren film „between the lines“, um dafür vier songs zu schreiben. er handelt von zwei surfer typen, die das totale gegenteil von einander waren und außer dem surfen kaum gemeinsamkeiten hatten. diese beiden typen waren befreundet und trennen sich auf grund des vietnam krieges.

der eine der beiden geht zur armee und lebt völlig darin auf. er spricht sehr ehrlich über das, was ihm widerfuhr und auch darüber was er tat. er sagt, dass er mit 18 jahren kein problem damit hatte, männer, frauen oder kinder umzubringen, denn das ist das was er gelernt hat und es das ist, wofür er in den krieg gegangen ist und dass man wenn man leute wie ihn nicht mag, auch keine kriege erzeugen sollte. das ist schon schwere kost. und doch hat er irgendwie recht. nimm jeden beliebigen teenager und steck ihn in den krieg. wenn er sieht, dass um ihn rum alle seine freunde tot oder sterbend liegen, wir er verdammt sicher alles um ihn herum abknallen um lebendig aus der sache raus zu kommen. das muss doch jeden menschen aus der bahn werfen.

der andere von den beiden verweigerte den dienst an der waffe, ging nach hawaii, arbeitete auf einer kaffeefarm und gründete eine familie. er lebte den gleichen krieg und doch ein anderes leben. am ende hassten sich die beiden ehemaligen freunde. der eine war ein mörder, der einen fremden krieg kämpfte, der andere ein hippie, der sein land nicht unterstützte. es waren zwei geschichten aus der gleichen zeit gerahmt von diesem hässlichen monster: dem vietnam krieg.

zum anderen war der song auch beeinflusst von meinem vater und großvater, die beide im krieg dienten – im gegensatz zu mir. als ich aufwuchs – als skater und punkrocker, hasste ich alles, was mit krieg zu tun hatte und rebellierte so gut ich konnte dagegen; auch gegen alle beteiligten. heute denke ich anders darüber. ich bereue auch nichts, weil ich mich wohlfühle mit dem wer ich bin, aber heute sehe ich auch andere seiten. die soldaten sind leute wie du und ich. sie haben kinder und familien, probleme mit ihrer gesundheit, geldsorgen… irgendwie kämpft jeder seinen eigenen krieg… auf die eine oder andere art und weise.

du lebst ein gesegnetes leben: du warst eine punkrock-ikone, bist verheiratest, gehst hochsee-angeln, weißt wie man ein haus baut und gehst zwischendurch mit deinen freunden auf tour durch die welt. was ist der schlüssel zum glück?
ich glaube der schlüssel liegt im glauben. wenn du fest genug an etwas glaubst, kannst du alles erreichen. es gibt im leben diese übergangsphasen, die mich verändert haben. eine davon war die zeit mit meinem großvater. er ist der grund dafür, warum ich heute musik mache. ich erinnere mich an ein gespräch mit ihm. er fragte mich, ob ich gerne gitarre spiele und ich sagte ihm, dass ich es liebe. also antwortete er: „dann leg die gitarre verdammt noch mal niemals aus der hand!“. dann sagte er: „wenn du an etwas fest glaubst, ganz egal was, dann bekommst du es auch. und wenn du es nicht bekommst, dann ist das ok, aber du bist der sache auf jeden fall näher gekommen oder hast einen neuen weg eingeschlagen, der dich an ein neues ziel bringt! so oder so; du kommst weiter!“ für mich ist das der schlüssel: glaube an das, was du tust und an die, die du liebst.

du wirst häufig als der ehemalige frontman von hot water music bezeichnet – was ist hwm noch für dich?
hwm ist schon irgendwie im hintergrund. aber wir lieben es immer noch zusammen zu spielen. wir machen das nicht mehr so häufig, aber wir buchen noch immer shows ab und an. wir würden auch gerne ein neues album machen aber momentan weiß niemand, wann das passieren wird, wer es raus bringen könnte oder es finanziert. es ist nur eine frage der zeit. wir überlegen gerade, wann wir wieder mal nach europa kommen. viele leute denken ja, dass wir uns getrennt hätten. das ist ganz und gar nicht der fall! damals bat man mich, diesen brief zu schreiben in dem ich erklärte, dass es hwm in der form nicht mehr geben wird, bei der wir uns von bühnen schmeißen und selbstzerstörerisch durch die welt touren. also war ich schuld an dem debakel und viele dachten, wir hätten uns aufgelöst. wir lieben uns immer noch. es gab kein drama – jedenfalls nicht mehr als sonst (lachen).

wenn du nach einer langen, mehrwöchigen tour wieder nach hause zurück kehrst, bist du dann glücklich oder fällst du in das berühmte schwarze loch?
zu hause fühle ich mich immer, als würde ich ein doppelleben führen. irgendwie tue ich das ja auch. auf tour musst du immer deine energie weit oben halten. die leute kommen zu deinen shows und sehen dich für 1,5 stunden und von den restlichen 22,5 stunden bekommen sie nichts mit. es ist ein hartes leben, welches viele opfer fordert. auf tour lebt man nicht wirklich gesund, schläft zu wenig und man isst nur müll. in europa wird man noch ziemlich gut gefüttert, im vergleich zu den staaten. da ist es schrecklich. die gesundheit leidet sehr. ich bin vielleicht anders als andere, aber wenn ich nach hause zurück kehre, ist es besonders wichtig, mich innerlich zu reinigen und gesund zu werden. wir fahren raus aufs wasser, nehmen unseren hund und gehen in den wald oder in die wälder… und dann ist da auch immer lächerlich viel arbeit am haus zu bewältigen. ich liebe es nach hause zu kommen. ehrlicher weise freue ich mich nicht unbedingt auf eine tour. ich freue mich sehr auf tour zu sein, mit meinen freunden zu spielen, wie jim ward und turner auf der revival tour zu spielen, aber da ist eben auch diese andere seite, die niemand sieht. die endlosen flüge und taxifahrten, wartezeiten , keine dusche in vielen tagen. es ist nicht das romantische bild, dass viele haben. ganz und gar nicht. es ist weit entfernt vom vermeintlichen glanz des rockstarlebens. kurz vor einer tour bin ich niedergeschlagen. die tour ist dann so ziemlich das letzte was ich machen möchte. es gibt so viel zu hause zu erledigen und ich möchte nicht von meiner frau getrennt sein. meistens habe ich glück und kann sie mitnehmen, aber jetzt haben wir einen hund… es ist ein riesiger limbo, den wir da tanzen. ich möchte nicht für immer auf tour sein, denn ich brauche zeit zum regenerieren. im grunde ist es eine hassliebe.

18.09.2009 // charlotte
 

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