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blitzen trapperinterview mit Marty Marquis und Eric Earley

Es mag angesichts der minutiösen Berichterstattung über US-amerikanische Wahlkampfduelle in den hiesigen Medien ein anderer Eindruck entstanden sein, aber nein, mit den Wahlen in den USA ist es nicht wie mit Halloween. Kürbisse dürfen auch hierzulande gerne der Lächerlichkeit vorgeführt werden, ein Kreuzchen bei Obama oder McCain dürfen wir am Wahldienstag deshalb jedoch noch lange nicht machen. Die Herren von Blitzen Trapper, Sub Pop-Neuling aus Portland in Oregon, dürfen allerdings sehr wohl ihrem politischen Willen Ausdruck verleihen. Man kann ihnen ein gewisses politisches Gespür, das sich auch in ihrem erdigen Folkrock wieder findet, nicht absprechen. Songs wie „Gold for Bread“ lassen in Zeiten platzender Hypotheken-Blasen und Edelmetallgeilheit schon fast auf seherische Fähigkeiten schließen. Vor ihrem Konzert im Berliner Privatclub und bei deutschem Reinheitsgebräu geben uns Eric und Marty einen liebenswürdig-lebhaften Einblick in ihr Amerika, in dem die Leute sogar in der Stadt Ziegen züchten und erstaunlich schöne Alben in verlassenen Tanzschulen produzieren. Und wie sie die Wahlnacht in Kansas erleben werden, das fragen sich die Beiden in der lauen Kreuzberger Herbstluft, die uns wahrscheinlich die Klimaerwärmung spendierte, auch.

Gerade in den letzten Tagen, als die Nachrichten voll waren mit Goldpreisanalysen und Analystentipps, hat mir Euer „Gold For Bread“ das ein oder andere Schmunzeln auf’s Gesicht gezaubert.
Marty an Eric: Darüber hab ich heute auch nachgedacht. Sag mal, kannst du vielleicht doch hellsehen. Allein in den ersten fünf Songs das Albums hast Du den Nagel ganz auf den Kopf getroffen. Auch „Sleepytime in the Western World“ ist ja ein kleiner Abgesang auf die westliche, also us-amerikanische Kultur.

Habt Ihr da vor allen anderen schon etwas kommen sehen?
Eric: Es war wohl eher ein latentes Gefühl, welches ohnehin schon da war. Andererseits gab und gibt es auch sehr deutliche Anzeichen. Das äußert sich in ökonomischen Aspekten, rassistischen Übergriffen und anderen Dingen, dann braucht man auch keine seherischen Kräfte mehr. Außerdem zeichnen die Songs auch kein akkurates Abbild der Situation in den Staaten, schließlich kann ich auch keine Antwort auf die Frage geben, was zuerst da war. Das Huhn oder das Ei?

Bemerkt Ihr auch an sehr greifbaren Dingen wie zum Beispiel der Labelpolitik erlebt, dass sich dieses ganze Gespenst einer Finanzkrise auf Euer Schaffen auswirkt?
Marty: Man hört schon, dass Labels wählerischer werden, wen sie unter Vertrag nehmen sollten. Andererseits hat man gerade zur Zeit das Gefühl, dass so viele aufregende und gute Bands gibt. Nicht wenige von ihnen denken sich auch, dass sie auch ganz gut ohne Labels auskommen und ihr Management selbst in die Hand nehmen können. Natürlich hat ein Label andere finanzielle Ressourcen, trotzdem kann man da auch so etwas wie einen Emanzipierungsprozess feststellen.

Eric: Richtig mies ist allerdings der enorm gestiegene Spritpreis. Als tourende Band muss man in den USA schließlich ganz andere Entfernungen zurücklegen als in Deutschland. Da ist es eigentlich die Regel, dass man am Tag 8 bis 10 Stunden zurücklegt. Das geht ziemlich ins Geld.
Ich finde wirklich, dass das Klima grundsätzlich wettbewerbsorientierter ist. Andererseits ist das natürlich auch gut, denn es fördert sehr kreative Ressourcen zu Tage und fordert von Künstlern, das Beste aus sich herauszuholen. Das merkt man vor allem auch an den Konzerten, dir für mich heute qualitativ hochwertiger sind und ohnehin im Tagesgeschäft einer Band heutzutage eine viel größere Bedeutung haben.

Marty: In harten Zeiten reduziert sich alles auf ein essentielles Level, in dem die Kunst viel fokussierter wird. So gewinnt sie schließlich auch an Bedeutung, weil sie wesentlich weniger verspielt und abstrakt ist.

Die Umstände, unter denen ihr das Album „Furr“ aufgenommen habt, erscheinen schon recht einzigartig. Wie setzt man so etwas dann gebührend live um?
Eric: Das ist eigentlich gar nicht möglich, die meisten Songs haben eine ganz eigene Stimmung, die durch die Umstände während der Aufnahmen im Song festgehalten werden. Man kann ohnehin nie ein und das selbe Gefühl reproduzieren. Viele von den Songs haben wir nach unseren Aufnahmen in dem alten Transistorhäuschen, das zwischenzeitlich auch schon eine Tanzschule war, noch mal in besseren, modernen Studios aufgenommen. Letztlich haben wir uns dann aber doch für die alten Versionen entschieden, weil die oft eine einzigartige Atmosphäre hatten. Wenn es allerdings ein guter Song ist, dann ist das eigentlich auch egal, denn die Essenz dessen kommt immer rüber. Bei unseren Konzerten gehen wir meist viel emotionaler an die Songs heran, weshalb ihre Interpretationen immer wieder anders klingen.

Eurer Musik hat nicht selten auch etwas Rückwärtsgewandtes. Die shanty-haften Chorgesänge und die naturverbunden Lyrics scheinen oftmals Ausdruck einer Sehnsucht nach Heimat und Tradition. Habt Ihr das Gefühl, dass sich die Menschen in den USA gerade verstärkt die „guten, alten Zeiten“ zurückwünschen, weil gerade alles kopfüber steht?
Marty: Amerikaner schauen eigentlich nicht wirklich zurück, sie haben ja auch keine besonders reichhaltige Geschichte, ganz im Gegensatz zu den Europäern, die ganz anders über ihre Vergangenheit reflektieren können.
Die alten Zeiten sind bei uns außerdem auf paradoxe Weise noch existent, noch keine Vergangenheit, was es natürlich schwierig macht, überhaupt „zurück“ zu blicken. Ganz in der Nähe unserer Stadt leben Menschen in kleinen Wohnwagen draußen im Wald, abgeschnitten von der Zivilisation, die ihr eigenes Gemüse anbauen. Da draußen gibt es so viele wilde Orte. Selbst in Portland halten sich die Leute noch ihre Hühner oder Ziegen in ihren großen Gärten. Bei uns im Nordwesten gibt es dafür nun einmal auch eine Menge Platz. Wer will, der kann auf dem Land wohnen, Pferde züchten oder sonst etwas tun.

Eric: Die Menschen merken eben auch, dass sich ihr Lebensstil ändern muss, gerade auch wegen des Öls. Dadurch bemerkt man zwar einen Trend hin zum Lokalen und Zurückgezogenen, um sich ein wenig von diesen einschneidenden Veränderungen abzuschotten. Das wird so aber nicht funktionieren.
Für mich persönlich gibt es aber etwas, das ich mit den „alten Zeiten“ dieses Landes verbinde. Meine Mutter ist Indianerin, und wenn ich etwas mit der Geschichte dieses Landes assoziiere, dann ist es vor allem ihre indianische Kultur.

Spielt Ihr in Eurer Musik eigentlich stark mit typisch amerikanischen Klischees?
Eric: Irgendwie sind wir ja auch Amerikaner. Das muss man allerdings differenziert betrachten. Die USA spalten sich in so viele, fast schon autonome Gebiete auf, die sich alle durch sehr unterschiedliche Wirtschaft, Dialekte, Rechtsgebung oder auch das Verhältnis zu Religion und Ehe unterscheiden. Da gibt es kein einheitliches Bild. Wir kommen aus dem Westen der USA. Hier gibt noch so viele Gebiete, die so weiträumig und dünn besiedelt, gar leer sind. Das ist kein Witz: Hier gibt es noch richtige Cowboys und man fühlt sich automatisch in die Zeiten des Wild West zurückversetzt. Gleichzeitig gibt es in den USA diese Megacities.

Marty: Diese Städte vermitteln kein Gefühl von der Vergangenheit dieses Landes, sie haben praktisch keine Vergangenheit. Dort kann man manchmal noch nicht einmal sicheren Fußes durch die Stadt gehen, weil es überall nur Highways gibt. Ich glaube, dass diese großen menschenleeren Räume, die unser Land hat, den US-Amerikanern diese Verbundenheit zu ihrer Heimat zurückgeben. Das reflektieren wir auch in unserer Musik. Da sind wir auch nicht die einzigen.

Bekommt Ihr für Euer Songwriting auf so einer Tour fernab von der Heimat neuen Input?
Marty: Selbstverständlich. Gerade wenn man darüber schreibt, woher man kommt, muss man seine eigenen Wurzeln aus der Ferne betrachten. Gerade in Europa hat man auch eine ausgeprägte Wahrnehmung der USA, die US-Amerikaner wiederum vom Rest der Welt nicht haben. In den Nachrichten wird so gut wie gar nicht über das Ausland berichtet und das macht viele Amerikaner natürlich auch sehr vergesslich und enthält ihnen vor, was man eigentlich anderswo von ihnen hält.

Was macht Ihr eigentlich am Wahltag?
Marty: Da sind wir, natürlich, wieder auf Tour. In den USA ist es ja ohnehin sehr verbreitet, per Briefwahl abzustimmen. Am Wahltag müssten wir eigentlich in Lawrence, Kansas, sein. Das ist auch nicht uninteressant, denn diese Stadt scheint ein wenig der demokratische Zufluchtsort im sonst so republikanischen Kansas. Das wird auch für uns ziemlich interessant.
Aus unserer Perspektive erscheint es nämlich eigentlich unmöglich, dass McCain gewinnen könnte. Wir kommen allerdings auch aus dem sehr demokratisch geprägten Portland. Und gerade im Süden sieht die Sache ganz anders aus. Ich bin wirklich gespannt auf die Reaktionen.

Eric: Ich glaube, es wird generell sehr interessant sein, unmittelbar nach den Wahlen durch die USA zu touren und zu sehen, wie unser Publikum die Wahlergebnisse aufnimmt. Wir spielen auch einige Shows mit Iron & Wine und Steven Malkmus. Auf deren Reaktion bin ich auch neugierig.

Die beiden jungen Männer verabschieden sich scherzend mit dem Versprechen, dass Blitzen Trapper – in welcher Form auch immer- ihre Erlebnisse vor, während und nach dem Wahltag dokumentieren würden. Reichlich fruchtbarer Nährboden ist da offensichtlich vorhanden und gemessen am aktuellen Album der Band, „Furr“ erwarten wir natürlich Visionäres.

04.11.2008 // anja
 

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