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Les Savy Favinterview mit Tim Harrington

Wie war es, in den letzten Jahren so wenig live zu spielen?
Tim Harrington: Ich denke, wir gehören zu den Bands, bei denen das Publikum schnell gelangweilt ist und gähnt: "Oh, Here They Are Again, Doing Their Thing.", dann spielst du weniger live und die Leute sind aufgeregt: "WOW, HERE THEY ARE AGAIN, DOING THEIR THING!". Ich will diese Begeisterung! Wir sind über die letzten Jahre hier und da in der Welt aufgetaucht, waren ein paar mal in Australien, Asien und haben Shows und Festivals in den Staaten gespielt. Wir lieben es, live zu spielen. Aber es gab auch immer andere Dinge in unseren Leben, die uns wichtig sind. Syd betreibt sein Label, Seth, Harrisson und ich arbeiten als Künstler und Designer. Ich glaube sehr fest daran, dass jede Band eine bestimmte Haltbarkeit hat. Ich denke, in 5 bis 10 Jahren wollen wir das hier nicht mehr.

Ich war sehr vorsichtig mit meinen Erwartungen an euer gestriges Konzert. Aber ihr habt euer Publikum und mich völlig weggerissen.
Das ist cool. Ich liebe es am meisten, vor Leuten zu spielen, die uns nicht kennen, uns noch nie gesehen oder gehört haben. Das passiert leider nur noch sehr selten. Ich habe gestern viele alte Knaben gesehen, die schon bei unserem letzten Berlinkonzert da waren. Sie saßen an der Bar, tranken Bier und hielten sich die Bäuche. Als wir vor 6 Jahren hier waren, wussten die Leute nicht, was sie erwarten sollen. Das hat sich durch das Internet verändert. Das wiederum macht es schwieriger, die Leute zu überraschen. Ich will das Internet nicht schlecht machen, wir haben viele Fans auf diesem Weg gewonnen, aber ich liebe es mein Publikum zu erobern. Vielleicht sollten wir mal in Paraguay oder Indonesien spielen.

Bei welchem eurer bisherigen Konzerte hat euch denn euer Publikum am meisten überrascht?
Das war definitiv das Konzert in Slowenien auf unserer letzten Tour, als wir mit unseren Freunden THE MARS VOLTA und THE APES hier waren. Ich wusste bis zu dem Zeitpunkt nicht einmal, dass Slowenien existiert. Es war ein sehr kleiner Club, max. 100 Leute passten da rein. Die Veranstalter hatten ein gutes Abendessen gekocht und wir aßen alle gemeinsam an einer langen Tafel. Dazu tranken wir alle selbst gebrannten Schnaps, der wie Nagellackentferner schmeckte. Wir spielten als letzte Band an dem Abend. Am Ende des Konzerts waren alle inklusive des Publikums schweißgebadet. Es war total verrückt. Das Publikum spielte an Seths Pedalen, an Syds Bass und kloppte auf unserm Equipment rum. Da waren unzählige Hände auf der Bühne. Es war so ein Spaß! Alle sind völlig ausgerastet. Es passiert oft, dass ein Teil des Publikums sich am Ende unserer Shows auf der Bühne wieder findet. Teilweise verschwinden dann Becken und andere Teile unseres Equipments, oder meine Klamotten. Ich habe jedes mal soviel Kram auf der Bühne und die Leute denken, es wären tolle Souvenirs. Die Jungs sagen mir immer, ich soll nicht meine Lieblingssachen bei den Konzerten tragen. Aber da lass ich mir nicht reinreden. Außerdem habe ich immer so viele Sachen dabei, ich könnte ein ganzes Publikum in meine Bühnenoutfits kleiden.

Du solltest drüber nachdenken, ob du nicht wie gestern bei der Show deinem Publikum die Sachen ausziehst und behältst.
Gute Idee! Ich sollte das zum Teil unserer Show machen, und wenn ich sterbe wird mein ruheloser Geist durch die Clubs spuken und den Leuten im Vorbeiziehen die Sachen ausziehen. Haha.. genau so mache ich es.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit den vielen Gästen, wie unter anderem Enon, Eleanor Friedberger und Joe Plummer auf eurem neuen Album?
Es war im Großen und Ganzen eigentlich sehr entspannt. Mit ENON verbindet uns ja eine lange Freundschaft. Toko von ENON hatte ja damals bereits auf der "Cat & Cobra" mit mir gesungen, John war unser zweiter Gitarrist auf der "Cat & Cobra"-Tour. Bei dem Song "Come & Go", den ich mit Eleanor singe, lief die Kommunikation über Andrew Reuland, den wir seit der Schulzeit kennen und der immer ein Teil Les Savy Favs sein wird. Ich habe ihm gesagt, ich will, dass der Song nicht so glatt und cheesy wird, sondern eher rauer. Ich wollte ein Duett haben und ihre Stimme war einfach die perfekte. Nicht so süßlich, einfach genau richtig. Sie war eigentlich auch besser als ich. Wir haben Eleanor nur einmal aufnehmen müssen und es war genau so, wie ich es haben wollte. Joe Plummer kam einfach vorbei und trommelte drauf los. Wir haben unsere Gäste eigentlich machen lassen, was sie wollten und die meisten Aufnahmen für "Let's Stay Friends" saßen beim ersten Take. Ich denke, unsere Arbeit auf "Inches" entblößt sich sozusagen auf "Let's Stay Friends". Die erste Hälfte der "Inches" haben wir direkt nach der "Go Forth"-Veröffentlichung aufgenommen. Die zweite Hälfte waren mehr oder weniger Skizzen, die inhaltlich teilweise noch nicht so ausgereift waren. An die neue Platte sind wir anders herangegangen. Wir haben uns viel mehr Zeit in der Produktionsphase gelassen. Statt die Songs nacheinander in einer Session aufzunehmen, haben wir diesmal immer wieder ein bisschen aufgenommen und wieder Pause gemacht und wieder aufgenommen und wieder Pause gemacht. Ein sich Stück für Stück zusammensetzen, dadurch ist alles überlegter geworden. Wir haben von vorne nach hinten gearbeitet, bei jedem Song genau überlegt, welche Parts glatter klingen müssen und welche wir gerne etwas roher halten möchten.

Entstehen deine Texte parallel zu den Songs, oder ist das ein ganz eigenständiger Prozess des Schreibens.
Ich träume immer noch davon eines Tages bei meiner Band anzuklopfen und zu sagen "Hey Jungs, hier ich hab einen Song geschrieben und das ist der Text dazu." Es ist schwierig, da wir alle so verstreut leben und nicht die Chance haben, unsere Leben so zu teilen, dass wir uns einfach mal so treffen können, um gemeinsam zu jammen. Es ist eigentlich mehr oder weniger immer derselbe Prozess. Wir treffen uns, spielen und arbeiten Songstrukturen aus. Sobald die stehen, werde ich immer sehr aufgeregt und fange an, mir Texte auszudenken. Ich beginne dann, an Ideen zu arbeiten und mir lose Themen zu überlegen, über die ich schreiben möchte. Diesmal war es sehr hart für mich, was das Texte schreiben anging. Gerade als wir ins Studio gegangen sind, um an der Platte zuarbeiten, kam mein Sohn zur Welt und auf einmal klangen alle meine Texte nach "Ahhh, Daddy is tired!" oder nach "Oh my god, I was young once!" Das fühlte sich alles komisch für mich an. Ich bin immer optimistisch, aber halt kein klarer Optimist. Ich betrachte die Dinge von allen Seiten. Für mich verwandelt sich ein Haufen Scheiße nicht in einen Blumenstrauss, es bleibt immer ein Haufen Scheiße. Ich versuche aber, in Allem das Gute zu sehen und mich darauf zu konzentrieren. Das ist mir auch das Wichtigste bezogen auf die Texte bei meiner Band. Ich dachte, es geht immer so weiter. Ich renne durch die Welt, bekomme einen Schlag ins Gesicht, springe auf, brülle und schlage zurück. Wenn das Leben dich schlägt, fällst du entweder oder du schlägst zurück oder, was ich am wichtigsten finde, du hältst kurz inne, rufst laut: "Es hat mich schon wieder geschlagen - ich liebe es!" Im Studio zu sein und ein Kind zu bekommen, war in einer Weise ein Schlag für mich, der mich erstmal benommen machte. Es war die erste Platte, bei der ich die Texte aus der Sicht eines Erwachsenen geschrieben habe und mir eingestehen musste, dass ich kein Collegeboy mehr bin, der rum rennt und die Welt anschreit. Das gab mir ein ganz neues Selbstbewusstsein.

Die Worte "Brace Yourself" des gleichnamigen Songs schweben für mich förmlich über eurer neuen Platte, zum einen verwendest du sie gleich in zwei Songs, zum anderen beschreiben diese beiden Worte gerade inhaltlich "Let's Stay Friends" am besten. Was bedeutet dir dieser Song "Brace Yourself"?
Ich verwende diese Worte in zwei Songs?

Ja, in "Brace Yourself" und in "The Year Before The Year 2000".
Das war mir gar nicht bewusst. Interessant, denn gerade bei "Brace Yourself" wusste ich lange nicht, was ich textlich machen soll. Ich habe tausend Listen mit Ideen erstellt, aber nichts passte. Ich fuhr eines Tages mit dem Auto durch die Gegend; ich schreibe die meisten meiner Texte während des Autofahrens, da bin ich für mich irgendwie abgeschirmt und mein Hirn schaltet sich ab. Ich fuhr also und auf einmal waren da diese beiden Worte in meinem Kopf "BRACE YOURSELF" und ich dachte: "Ja, das ist ein Song und Brace Yourself sind die Worte, die den Song in zwei Parts teilen müssen." Im selben Moment sagte ich selbst zu mir: "Du weißt doch gar nicht, worüber du da redest!" Ich sang die Worte immer wieder vor mich her und dann dachte ich: "Doch ich weiß, wovon ich rede, ich verändere mich gerade. Bevor du ein Schmetterling wirst, bist du ein Kokon." Das war unglaublich, weil ich in diesem Moment begriff, was in mir in dieser Zeit vorging und es in Worte fassen konnte. Normalerweise sind meine Texte Geschichten, "Brace Yourself" beschreibt genau die Veränderung, die da mit mir passierte. Ich war nur zu nahe dran, um es zu erkennen. Ich verwandelte mich.

Gab es mehr Songs, die es denn aber doch nicht aufs Album geschafft haben?
Wir haben bewusst nur diese zwölf Songs ausgearbeitet. Grundsätzlich ist ein Song bei uns erst ein Song, wenn er fertig ist. Es gibt natürlich tonnenweise Skizzen, die zusätzlich entstanden sind, aber noch ist nichts geplant mit diesen Kellerkassetten.

Wie kam es zu der Idee, einen Videocontest auszurufen, bei dem ihr eure Fans gebeten habt, zu "The Equestrian" ein Musikvideo zu machen und dieses hochzuladen?
Unser Problem ist, dass wir uns nie auf eine Idee für ein Video einigen können. Oder unsere Ideen sind so abgedreht, dass sie in ihrer Umsetzung zu teuer wären. Und keiner von uns ist reich. Also überlegten wir, wer ein Video für uns machen könnte. Wir wollten ein Performancevideo haben, in dem andere den Song interpretieren. Ich habe lange überlegt wen man fragen könnte. Ich halte meine Stimme nicht für einzigartig, es gibt so viele bessere Sänger da draußen. Ich fand es eine gute Idee, im Video jemand anderes den Song singen zu lassen. Da wir so oft von unseren Fans gefragt wurden, warum wir kein Video zu dem und dem Song haben, dachten wir, 'okay, dann macht ihr doch eins' und riefen diesen Contest auf. Es gab haufenweise gute Videos!

11.12.2007 // stephi
 

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