Black Rebel Motorcycle ClubIm Gespräch mit Robert Levon Been und Peter Hayes

von Annett Bonkowski · 18.05.2013

einschneidende erfahrungen im leben markieren meist zeitgleich eine phase des neubeginns, die uns nachhaltig prägt und uns als individuen wachsen lässt. für black rebel motorcycle club bedeutete das traurige ende der letzten tour, der verlust von roberts vater und dem tontechniker der band, eine zeit des abstands und schließlich des erneuten herantastens an die musik. mit dem aktuellen album specter at the feast verdeutlicht das trio eindrucksvoll, dass es die zurückliegende emotionale reise gestärkt verlassen hat und nicht minder leise geworden ist, was die aussagekraft ihrer songs angeht.

mitten im tour-rummel ihres besuchs ins europa angekommen und einen weiteren absolvierten soundcheck auf dem tourplan später, sitzen uns robert levon been und peter hayes merklich konzentriert und spitzbübisch zugleich gegenüber. bereit für ein gespräch, bei dem die beiden die tür zu ihrer gedankenwelt weit aufstoßen und dabei über ihren zweiten musikalischen frühling sprechen, ihren sinn für schwarzen humor betonen, und auch zur konservativen amerikanischen politik stellung beziehen bevor sie uns verraten mit welchem neu gefundenen leitsatz sie ab sofort jeden morgen aus den federn schnippen.


„DIESE SONGS WURDEN GEBOREN UM LAUT ZU SEIN“ - MIT DIESEN WORTEN HABT IHR DEN CHARAKTER DER NEUEN SONGS AUF „SPECTER AT THE FEAST“ BESCHRIEBEN. BEI EUREN BISHERIGEN SHOWS WURDE EBENFALLS HÖRBAR DARAN GEARBEITET DIESEN LEITGEDANKEN IN DIE TAT UMZUSETZEN. GAB ES NACH FERTIGSTELLUNG DES ALBUMS UND DEN DERZEITIGEN ERFAHRUNGEN AUF DER BÜHNE DENNOCH SO ETWAS WIE EINEN PERSPEKTIVENWECHSEL FÜR EUCH, WAS EURE SELBSTWAHRNEHMUNG DER SONGS ANGEHT?
robert: seitdem wir musik machen haben wir immer versucht unsere eigenen erwartungen an die songs niedrig zu halten. erst recht, wenn wir sie vor leuten spielen, die sie noch nicht so gut kennen, da das album erst vor kurzem veröffentlicht wurde. ich habe immer den eindruck, dass es monatelang dauert bis sich die leute wirklich mit unseren alben wohlfühlen. das mag vielleicht daran liegen, dass wir bei den aufnahmen wert darauf legen, dass man beim ersten hören der songs nicht sofort alles deutlich vor sich sieht und absichtlich ein wenig länger braucht, um all die versteckten dinge innerhalb der songstrukturen zu erkennen. wir haben also auch bei dieser tour erwartet, dass es einige zeit dauern würde bis den neuen songs beachtung geschenkt werden würde, aber das gegenteil war der fall. bisher waren die fans überraschend aufgeschlossen und warmherzig. sie können die texte so schnell auswendig und erinnern sich zum teil besser an die einzelnen wörter als ich!

peter: ich glaube, dass immer so etwas wie ein kleiner perspektivenwechsel stattfindet, wenn wir auf unsere songs zurückblicken. das ist wohl mit jedem neuen album so, denn irgendwann entdeckt man seiten an bestimmten songs, die man mit etwas abstand in einem anderen licht sieht. man wünscht sich ab und zu, dass die dinge anders gelaufen wären, man ein paar ideen nicht vergessen oder der zeitfaktor die umstände beeinflusst hätte. wir haben dieses mal wirklich eine menge zeit mit den neuen songs verbracht bevor sie andere zu hören bekommen haben. all die proben vor den eigentlichen aufnahmen im studio waren sehr laut. dabei waren für dieses maß an lautstärke nicht so sehr die gitarren selbst verantwortlich, sondern vielmehr unser wunsch danach z.b. rückkopplungen zuzulassen, ihnen ein wenig die führung zu übergeben und die songs dadurch zu formen.

robert: ich finde es sehr beruhigend und auch schön nun nicht mehr alleine mit den songs zu sein, die wir so lange mit uns herumgetragen haben. es geht jetzt nicht mehr nur um uns, wenn wir sie spielen, sondern auch um die leute, die sie hören. eine ganze weile lang waren wir einfach so darauf fokussiert die songs zu schreiben und aufzunehmen. wenn es eine art perspektivenwechsel für uns gab, dann sicherlich in der hinsicht, dass all die arbeit und entstandene musik mindestens ebenso ein teil von uns wie von den menschen ist, die nun damit in berührung kommen. wir können die songs sozusagen loslassen, was sich wirklich gut anfühlt. der innere frieden ist eingekehrt.

ES IST MITTLERWEILE FÜNF JAHRE HER, DASS LEAH DEN PLATZ HINTER DEN DRUMS IM BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB EINGENOMMEN UND DAMALS IN BRÜSSEL IHRE ERSTE SHOW MIT EUCH GESPIELT HAT. GAB ES EINEN MOMENT FÜR EUCH, IN DEM EUCH BEWUSST WURDE, DASS DIE EINGEWÖHNUNGSPHASE VORBEI UND LEAH VOLLKOMMEN IN DER BAND ANGEKOMMEN WAR?
robert: stimmt, brüssel war damals ihr live-debüt mit uns. als wir vor kurzem da waren, musste sie uns peinlicherweise daran erinnern, dass ihre erste show mit uns an diesem ort stattgefunden hat. wir hätten es gar nicht bemerkt, da sich backstage alles geändert und nichts für uns darauf hingedeutet hatte, dass wir uns am besagten ort befanden.

WAS? KEINE BLUMEN? KEINE AUFMERKSAMKEITEN ZUM JUBILÄUM VON EUCH BEIDEN?
robert: nein, wir haben das vollkommen verschwitzt! es hat fast den ganzen tag gedauert bis ich realisiert hatte, wo wir uns befanden. der hintere teil des clubs sah ganz anders aus als damals. erst als ich den vorderen teil gesehen hatte, konnte ich überhaupt eine verbindung herstellen. wir haben auf tour keine so gute wahrnehmung, was unsere umgebung angeht. schließlich verbringen wir die hälfte eines tages stets in irgendwelchen backstage-räumen, die sich unter umständen sehr ähnlich sind. dadurch kommen einem in den seltesten fällen dinge bekannt vor.

peter: vielleicht könnte dir leah besser eine antwort darauf geben, wann genau dieser punkt erreicht war, an dem sie sich völlig daran gewöhnt hatte ein teil der band zu sein. ich kann nur für robert und mich sprechen − ähnlich wie auch bei nick (jago) waren und sind wir stets darum bemüht so respektvoll wie möglich miteinander umzugehen, wenn es darum geht jemandem zeit zu geben und bemühungen oder leistungen anzuerkennen. fünf jahre können für den einen wie im fluge vergehen, für andere eine ewigkeit dauern. damals stellte sich irgendwann heraus, dass es live bestens mit leah klappte. daraufhin stellten wir sie vor die wahl, ob sie weitermachen wollte. anschließend haben wir im studio zusammengearbeitet und auch das lief gut. es war aber wieder allein ihre entscheidung, ob sie sich bei dem gedanken wohlfühlte das alles weiterzumachen. heute ist das nicht sehr viel anders als damals. wir legen uns auf nichts fest und halten alles sehr offen und das meine ich im bestmöglichen sinne. niemand wird zu etwas gewungen und wir rennen auch nicht mit dem kopf durch die tür, sondern nehmen alles, wie es kommt. das ist ein großes glück.

„NIEMAND WIRD ZU ETWAS GEZWUNGEN“ - ROBERT, WAS SCHMUNZELST DU DENN SO BEI DIESEN WORTEN?
(robert lacht und hüllt sich tapfer in schweigen)

peter: wir haben natürlich jeder unsere meinungen, aber das ist ja normal und auch gut so. wir können von glück sagen, dass wir leah gefunden haben. es ist so schwer einen schlagzeuger zu finden. wir haben damals versucht einen sänger zu finden und das hat ja bekanntlich nicht geklappt.

robert: leah hat bereits vor ihrem entschluss zur band zu stoßen erstaunliche arbeit geleistet. vor der ersten show mit ihr in brüssel hat sie unsere alten songs in so kurzer zeit gelernt. ausserdem hat sie die feinheiten der songs verstanden und nicht nur versucht die eigentlichen parts und die rein theoretischen anforderungen zu lernen. unterschwellig gibt es in einem song so viel mehr, was man als musiker aufschnappen muss und sie hat das auf eine bemerkenswerte weise getan. schließlich sind es genau diese dinge, die man selbst entdecken und nicht von anderen vermittelt bekommen kann, da sie über das normale verständnis für die eigentliche musik hinausgehen. leah hatte von anfang an dieses gespür für unsere songs und das war ein gutes zeichen für uns nach der ersten tour mit ihr einen schritt weiterzugehen und sie auch ins songwriting miteinzubeziehen. „beat the devil‘s tattoo“ hat uns gezeigt, dass wir uns auf sehr natürliche weise mit ihr zusammen weiterentwickeln konnten. schlagzeuger/innen sind meiner meinung nach unglaublich unterschätzt, was ihren einfluss und ihren beitrag zur musik angeht, den sie über ihre technischen fähigkeiten hinaus leisten. gerade, wenn es um das schreiben von songs geht, müssen sie in der lage sein sehr gut zuhören zu können. leah hat die begabung diese andere seite der musik genauso gut zu beherrschen wie die praktische ausführung.

DURCH DEN PLÖTZLICHEN VERLUST DEINES VATERS, ROBERT, WAREN DIE BEGLEITUMSTÄNDE FÜR DIE ARBEIT AM NEUEN ALBUM SCHWIERIG UND EINE PERSÖNLICHE SOWIE MUSIKALISCHE HERAUSFORDERUNG FÜR EUCH ALLE. WIRD MAN IN SOLCH EINER PHASE DES LEBENS AUF‘S NEUE ERWACHSEN UND IST „SPECTER AT THE FEAST“ SO ETWAS WIE EUER „ZWEITER FRÜHLING“ FÜR EUCH?
robert: zu dem zeitpunkt waren wir bereits sehr lange auf tour und gerade dabei unsere letzten shows zu spielen. wir haben uns sehr danach gesehnt eine pause einzulegen. der tod meines vaters hat uns dazu bewogen uns eine musikalische auszeit zu nehmen, um all das erlebte zu verarbeiten und unseren blick auf den inneren heilungsprozess als individuen, aber auch als band, zu richten. das war nötig, damit wir uns darüber im klaren werden konnten, was wir als nächstes machen wollten. musik war immer eine treibende kraft in meinem leben. nichts bedeutet mir mehr als zusammen mit den anderen in der band zu spielen. dies für eine weile nicht zu tun, fühlte sich also schon seltsam und wie ein umbruch in meinem leben an. schließlich war die musik immer etwas, an dem ich mich festhalten konnte. musik ist wie medizin für mich. ich brauche sie in meinem leben und deswegen musste ich mich ihr nach einer gewissen zeit auch wieder widmen.

DIE NEUEN SONGS ZEICHNEN EIN BILD, DAS SICH ALS EMOTIONALE LANDSCHAFT GESEHEN STARK ZWISCHEN ZWEI POLEN BEWEGT. EINMAL DIE NACHDENKLICH, REFLEKTIERENDE UND DANN WIEDERUM DIE AGGRESSIVE, DIREKTE SEITE. MIT WELCHEN EMOTIONALEN HÖHEN UND TIEFEN HABT IHR EUCH WÄHREND DES SCHREIBENS KONFRONTIERT GESEHEN?
peter: ich muss zugeben, dass es mir seit dem zweiten album immer schwerer fällt songs zu schreiben. die leichtigkeit, die zu beginn da war, hat nach und nach abgenommen. ich nehme an, dass ist entweder ein ganz natürlicher prozess oder ich bewege mich langsam dahin nicht mehr in der lage zu sein songs zu schreiben. (lacht)

WIE SEHR BEUNRUHIGT DICH DIESER GEDANKE?
peter: es beunruhigt mich sehr, wenn ich daran denke. schließlich ist die musik gleichzeitig mein beruf und meine leidenschaft und ich widme mich ihr, um den inneren frieden in mir zu bewahren. vieles von dem, was wir während des schreibens des neuen albums erlebt haben, knüpft an deine vorherige frage an − das erneute erwachsenwerden und der damit verbundene „zweite frühling“, den wir gewissermaßen als musiker erlebt haben. jeder geht mit schicksalsschlägen dieser art anders um, was den verlust einer nahestehenden person angeht. ich habe in meinem leben einen vater und einen freund verloren und das hat mich zweifelsohne zu neuen erkenntnissen geführt. man fängt an all das bestehende um sich herum ein zweites mal zu betrachten und die eigene wahrnehmung wird auf diesem weg neuen blickwinkeln ausgesetzt, die einen sozusagen ein weiteres mal und auf eine neue art und weise erwachsen werden lassen. plötzlich ist ein teil deines lebens verschwunden und dir wird bewusst, dass dieser verlust nicht nur auswirkungen auf deine persönlichen beziehungen, sondern auch auf die musik selbst hat. so eine erfahrung hinterlässt überall ihre spuren. ich glaube, wenn du zulässt dir über all das gedanken zu machen anstelle deine emotionen mit alkohol oder drogen zu ersticken, was ebenfalls ein weg ist damit umzugehen, dann spiegeln sich diese höhen und tiefen auch in deiner arbeit wider. du kannst monatelang im bett liegen und nichts tun, aber ab einem gewissen punkt musst du wieder aufstehen und anfangen dich zu bewegen.

DIE VERMUTUNG, NACH DEN EREIGNISSEN DER VERGANGENHEIT, MIT „SPECTER AT THE FEAST“ EIN DUNKLES ALBUM ZU HÖREN ZU BEKOMMEN, LAG NAHE, ENTSPRICHT ABER KEINESFALLS DER REALITÄT.
peter: da hast du recht. ich habe schon von einigen seiten gehört, dass die musikalische ausrichtung des neuen albums dahin tendiert weitaus weniger finster und bedrückend zu sein als das von vielen leuten erwartet wurde. wir hatten trotz all der schwermut und der trauer keine absicht auf einmal düstere songs zu schreiben. das haben wir auch schon in der vergangenheit nicht getan, obwohl es viele leute gibt, die mit uns eher eine dunkle musikalische seite verbinden. die verstehen nur offensichtlich nicht unseren sinn für humor (lacht)! das kann daran liegen, dass wir einen sehr schwarzen humor haben und dieser wohl oft missverstanden wird. wenn also leute glauben wir würden düstere musik machen, dann ist das ihr problem. für uns selbst gab es keinen wirklichen grund uns musikalisch in diese richtung zu bewegen. düstere songs zu schreiben ist doch simpel (lacht)!

EINE GEWAGTE AUSSAGE, WO DOCH GERADE DIESER WEG IMMER ALS BESONDERS STEINIG ANGESEHEN WIRD.
peter: aber so ist es doch, oder nicht? wenn du düstere songs schreibst, geht es doch immer um hoffnung etc. und das resultat ist das gleiche. für uns geht es seit dem ersten tag darum genau die andere seite zu erforschen. unsere musik ist anstelle von dunkelheit durchgehend von diesem lichtstrahl durchzogen, der für uns die verbindung zur wahrhaftigkeit darstellt. es gibt leute da draussen, die „specter at the feast“ im vergleich zu den anderen alben als leicht empfinden. dann wiederum leute, die „love burns“ und zeilen wie „i never thought i‘d rather die than try to keep her by my side“ als popsong abtun. wahrscheinlich tragen wir schon immer beide seiten in uns. die wahrnemung und die momentane gefühlslage des hörers hat viel damit zu tun, wie unsere musik letztendlich aufgenommen und interpretiert wird. hast du einen guten tag, wirst du bestimmte songs weniger ernst auffassen und umgekehrt.

WIE ZUM BEISPIEL „LET THE DAY BEGIN“, DEM EIN GEWISSER HOFFNUNGSSCHIMMER ANHAFTET, WENN MAN DENN GEWILLT IST DIESEM DIE TÜR ZU ÖFFNEN.
peter: ja, da stimme ich dir zu. dieser song bedeutet uns sehr viel, auch wenn es nicht mehr in unserer hand liegt, wie ihn andere menschen nun aufnehmen. indem wir ihn mit der öffentlichkeit teilen, lassen wir ihn los. unsere aufgabe ist es uns allein über die möglichen emotionalen verbindungen im klaren zu sein, die wir mit unseren songs auslösen. wir können mit unserer musik nur für uns selbst sprechen und niemanden vorleben, wie sich unsere songs in den köpfen anderer anzufühlen haben.

WORTWÖRTLICH GESEHEN, WIRD DEM „REBEL“ ALS SOLCHEM OFT EIN UNANGEPASSTES VERHALTEN VORGEWORFEN. ALS MITGLIEDER DES BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB UND IN DER KOMBINATION MIT ROCK‘N‘ROLL MUSIK VERMUTET DIE PRESSE FÄLSCHLICHERWEISE GERNE IHR WÜRDET AUCH PRIVAT GEGEN ALLES UND JEDEN REBELLIEREN. UM EINMAL MIT DIESEN KLISCHEEHAFTEN VORWÜRFEN AUFZURÄUMEN - VERTRETET IHR AUCH IRGENDWELCHE KONSERVATIVEN ANSICHTEN?
peter: ich mag waffen! (lacht) nein, mal im ernst − ich mag waffen nicht wirklich. das ist eine interessante frage...robert, bist du konservativ?

robert: wir sind mehr oder weniger in kalifornien aufgewachsen. ich glaube, es prägt einen doch sehr, wenn man dort aufwächst und das ganze leben über von menschen umgeben ist, die sich insgesamt dadurch auszeichnen vorausschauend zu denken. nach einer weile sind die ganzen auseinandersetzungen und argumente keine mehr. es gibt auf der einen seite nur noch diesen wahnsinn, der sich tagtäglich abspielt, sowie den egoismus und die habgier und auf der anderen seite eine handvoll menschen, die sich wirklich mit der realität befassen und einen funken vernunft und mitgefühl für andere wesen haben. dabei gibt es immer diesen schmalen grad zwischen realität und wunschdenken. es gibt in amerika diese konservative partei, deren auffassungen ich meistens gar nicht verkehrt finde. zumindest bis mir wieder bewusst wird, dass alles nur eine groß angelegte lüge ist. all diese werte, von denen sie reden, sind im prinzip gut, aber werden dazu benutzt den leuten etwas vorzumachen. die von ihnen geführte familienpolitik und die vermittelten werte sind bei genauem betrachten haltlos und dienen im grunde überhaupt nicht dazu die familie als solche zu schützen. schon gar nicht, wenn sie einer frau vorschreiben ein kind zu bekommen, selbst wenn sie vergewaltigt wurde. wenn das irgendwas mit einem wertesystem zu tun haben soll, weiss ich auch nicht. momentan gibt es in amerika nur diese zwei extrem gegensätzlichen politischen strömungen, was mir irgendwie angst einjagt. menschen fühlen sich dazu gedrängt eine bestimmte haltung einzunehmen, weil es nichts dazwischen gibt. als ich aufgewachsen bin, gab es keine solch extremen bewegungen und alles schien etwas vage. du konntest kaum ausmachen auf welcher seite die leute standen und fast niemand ließ sich in irgendetwas verwickeln. heute entscheiden sich die menschen definitiv für die eine oder andere seite und lassen viel schneller durchblicken, wo sie stehen und enthüllen somit ihr wahres gesicht. das kann einem ebenfalls angst machen, aber ist gleichzeitig nützlich, um hinter die fassade zu blicken, die nach aussen hin aufrecht erhalten wird.

DAS POLITISCHE GESCHEHEN WIRD OFT VON AUFGEBLASENEN STATEMENTS REGIERT, DIE DEN DURCHBLICK FÜR DEN EINZELNEN ERSCHWEREN UND DIE SICHT AUF DAS WESENTLICHE VERSCHLEIERN. FÄLLT ES EUCH DENN LEICHT EUCH FÜR DIE EINE ODER ANDERE SEITE ZU ENTSCHEIDEN?
peter: meiner meinung nach ist das problem an der ganzen sache, dass keine der beiden seiten wirklich eindeutig ist und klarheit schafft mit den dingen, die sie verspricht. wobei, eigentlich ist es ganz klar, wenn ich genauer darüber nachdenke...

robert: ...nur um das mal klarzustellen! (alle lachen)

peter: es ist doch mehr als deutlich, dass diese welt und alles politische nichts als ein reines geschäft ist und es einen haufen leute gibt, die sich innerhalb dieses business, wie dem der politik, bewegen. genauso wie es andere menschen gibt, die in geschäftlicher hinsicht handwerker oder anwälte sind. da ich mich nicht in den kreisen von anwälten bewege, habe ich auch keine ahnung, was darin vor sicht geht und worum sich das ganze rechtswesen dreht. anwälte machen ihr ding und musiker haben ebenfalls ihr eigenes business. darum ziehe ich es vor mich in den kreisen zu bewegen, in denen ich mich auskenne und weiss, was ich tue. so einfach ist das für mich.

GIBT ES DABEI EINE ART GRUNDSATZ FÜR EUCH, DEN IHR STETS BEFOLGT - EGAL WAS DAS LEBEN FÜR EUCH IN DIESEN KREISEN BEREITHÄLT?
robert: hmm...hast du einen?

JA, VERMUTLICH DEN, SICH TROTZ ALLER WIDRIGKEITEN IM LEBEN EIN BESTIMMTES MAß AN OPTIMISMUS ZU BEWAHREN. SO GEWÖHNLICH UND NAIV DAS VIELLEICHT AUCH KLINGEN MAG.
peter: nein, das tut es nicht. es ist sogar sehr wichtig und ich kann diese einstellung gut verstehen. vorhin haben wir darüber geredet, dass wir oft als wahnsinnig ernsthaft dargestellt werden. wenn wir über solch fundamentalen dinge wie diese hier reden, die natürlich wichtig sind, dann wird es kompliziert und verwirrend. die leuten werden wieder denken „macht euch doch mal locker!“ (lacht). dennoch stimme ich dir voll und ganz zu, wenn du sagst, dass optimismus eine sache im leben ist, bei der es sich lohnt sich an ihr festzuhalten. man sollte im leben immer nach diesem kleinen lichtkegel am ende des tunnels ausschau halten, aber das erfordert auch viel arbeit. optimismus ist ein weg durch‘s leben zu gehen. es geht dabei nicht einmal so sehr darum, ob dieser optimismus wirklich vorhanden ist, wenn du danach ausschau hälst, sondern allein darum, ob du glaubst ihn zu finden. man kann sich dabei natürlich auch selbst etwas vormachen, weil man sich in die eigene tasche lügt. ich habe aber nichts dagegen mir ab und zu selbst ein bisschen etwas vorzumachen, wenn es meinem wohlbefinden dient.

(alle lachen)

peter: ehrlich, ich will kein düsteres, humorloses arschloch sein! (lacht)

ABER VIELLEICHT EIN WÜTENDES, WENN MAN SICH DEN SONG „TEENAGE DISEASE“ SO ANHÖRT, BEI DEM DU DEINEN GROLL DEUTLICH ZUM AUSDRUCK BRINGST.
peter: schon eher! (lacht) als künstler ist es mir nicht wichtig unbedingt gegen etwas zu rebellieren, um mich weiterzuentwickeln. ich finde es viel wichtiger in persönlicher hinsicht all die dinge in mir zu erkennen, gegen die ich mich auflehnen und gegen die ich ankämpfen möchte. damit tue ich genau das, was jeder andere mensch da draussen auch tut. es gibt so viele künstler, die diesen inneren kampf als etwas darstellen, dass sie am ende als kunst verkaufen. dieses verhalten ist in allen kunstformen weit verbreitet. dabei geht es im leben doch jedem darum zu wachsen und aus erfahrungen zu lernen. dafür muss ich mich als künstler nicht hinstellen, mit dem finger auf andere dinge zeigen und in der öffentlichkeit gegen etwas rebellieren. irgendwann merkst du nämlich, dass dir dabei die luft ausgeht und es nichts mehr gibt, gegen das du rebellieren kannst.

PETER, DU HAST EBEN ANGESPROCHEN WIE WICHTIG ES IST IM LEBEN MIT DEN GEMACHTEN ERFAHRUNGEN ZU WACHSEN UND AUS IHNEN ZU LERNEN. DAZU GEHÖREN GANZ BESTIMMT AUCH FEHLER, DIE JEDER IM LEBEN MACHT. IHR MACHT IMMER DEN EINDRUCK ALS OB IHR NICHTS AUCH NUR ANSATZWEISE HALBHERZIG TUT. BEREUT IHR DAHER, TROTZ DER VIELLEICHT GEMACHTEN FEHLER, NICHTS IM LEBEN?
robert: oh, wir haben wirklich schon schrecklich viele fehler in unserem leben gemacht. das kannst du mir glauben! (lacht)

peter: regrets? (fängt mit tiefer stimme an zu singen) „i‘ve got a few!“

(alle lachen)

peter: von wem war das lied gleich nochmal?

robert: uhh...lass mich mal überlegen...

peter: „i did it my waaay!“

robert: chairman of the board...sinatra war‘s!

peter: genau der war‘s! rob, und jetzt lass uns mal über die dinge sprechen, die du im leben bereust. (lacht)

robert: hey, moment mal! ich weiss gar nicht, ob es wirklich etwas gibt, dass ich bereue. es ist aber in jedem fall gut sich die dinge in erinnerung zu rufen, die vielleicht nicht so gut gelaufen sind. man sollte sich immer den dingen bewusst sein, die man in seinem leben gemacht hat und dazu stehen. nur weil man sich an solche sachen erinnert, muss man aber nicht zwangsweise in einem zustand aus reue leben. viele leute glauben, dass es besser ist negative erinnerungen aus ihrem leben zu streichen. ganz nach dem motto „kill the pain, kill the fuck, kill the feeling, kill the memory“, aber das führt am ende zu nichts, denn du kannst diesen teil deines lebens nicht ausradieren. früher oder später wirst du etwas ähnliches durchmachen und du stehst wieder am anfang. herzlichen glückwunsch! (lacht)

peter: das wort reue impliziert doch für die meisten etwas negatives, was meiner meinung nach aber gar nicht unbedingt so sein muss. ich kann doch etwas bereuen und muss mich dabei nicht schlecht fühlen. es ist viel eher das schamgefühl, das viele menschen mit reue verbinden und das sie glauben lässt, es wäre schlecht dinge im leben zu bedauern. wenn du dich wegen etwas schuldig fühlst, dann ist es sicherlich schwer mit der vergangenheit klarzukommen.

DEM ERFOLG ZUM TROTZ HABT IHR EUCH IN DEN VIELEN JAHREN EURER KARRIERE EINES BEWAHRT - BESCHEIDENHEIT. ES GIBT HEUTE WOHL KAUM EINE ANDERE ROCK‘N‘ROLL BAND, DIE SICH IN ALLEM, WAS SIE TUT, SO BESCHEIDEN GIBT. WOHER RÜHRT DIESE EINSTELLUNG?
peter: wir sind in dieser hinsicht ziemlich old-school nehme ich an und ich habe meiner familie dafür zu danken, dass sie mich so erzogen hat. verglichen mit anderen leuten in meinem alter, die in städten und einer unterschiedlichen umgebung aufgewachsen sind, ist es wohl so, dass ich gut erzogen bin. mir hat man als kind beigebracht wie wichtig es ist z.b. respektvoll mit älteren leuten und menschen im allgemeinen umzugehen. es ist schön zu hören, dass du den eindruck hast, wir würden dem leben und den menschen mit bescheidenheit gegenüber treten. ich glaube allerdings, dass es noch viel größere taten im leben gibt, durch die man seine bescheidenheit zum ausdruck bringen kann als wir das tun. da haben wir noch ein ziel, das wir auf unserem lebensweg ansteuern können...“lasst uns versuchen keine arschlöcher zu sein“. (alle lachen)

DA HABT IHR DOCH GERADE EINE SCHÖNE TAGESORDNUNG FÜR DEN REST EURES LEBENS GEFUNDEN.
peter: danke, wir werden uns mühe geben! warum ein ganzes leben lang diesem ziel nacheifern, wenn wir uns jeden tag die goldene regel „lasst uns keine arschlöcher sein!“ vor augen halten können. das mache ich nun jeden morgen, wenn ich aufstehe. (lacht)

robert: also ich persönlich finde ja, dass ich einer der besten bassisten auf der welt bin, wenn nicht sogar der beste. das ist nicht gerade ein gedanke, der von viel bescheidenheut zeugt (lacht). gleichzeitig kann ich manchmal ganz schön faul sein, wenn es darum geht zu proben. genau aus diesem grund kann ich auch nicht allen da draussen zeigen, wozu ich eigentlich im stande bin. ich sollte ein wenig mehr respekt gegenüber den dingen zeigen, mit denen ich gesegnet bin. der einzige grund, warum ich an diesem kleinen ego-trip in meinem hinterkopf festhalten kann, ist weil ich genau weiss, dass ich in anderen bereichen, wie z.b. dem songwriting oder aber auch dem piano- oder gitarrenspiel eben längst nicht so gut bin. was diese dinge angeht, muss ich unglaublich hart an mir arbeiten und ich verausgabe mich dabei immer wieder bis auf‘s letzte. eben genau weil ich fühle, dass ich dabei nicht allein mit meiner begabung weiterkomme. mein gehirn sagt mir manchmal, dass ich für den segen ein guter bassist zu sein in anderen bereichen umso mehr leiden muss, weil ich tief drinnen in mir weiss, dass ich dort niemals so gut sein werde. es ist, als ob man in einem spinnennetz aus gedanken, dem eigenen ego, talent und einem geringen selbstwertgefühl gefangen ist. eigentlich ist letzteres doch das, was viele leute als bescheiden wahrnehmen. die bezeichnung „künstler“ ist nur ein nobles wort für einen höchstgradig übersensiblen, emotionalen menschen, der nichts anderes auf die reihe bekommt. (lacht)

wenn du denkst, du bist ein künstler, bist du als mensch nicht gerade vollkommen, weil sich alles nur auf diesen einen bestimmten teil deiner person bezieht und du darum kämpfen musst eine balance in deinem leben herzustellen, um auch anderen dingen gewicht zu geben. darum ist es uns so wichtig uns konstant in erinnerung zu rufen, wer wir wirklich sind. es hilft uns dabei all das, was uns umgibt, greifbar zu machen. sein wir doch mal ehrlich, das was wir tun, hat wenig mit der realität zu tun. wir touren um die welt und dabei verwischen die grenzen zum wahren leben, wenn man nicht aufpasst. es gibt all diese wunderbaren leute, die zu unseren shows kommen und uns überhaupt erst ermöglichen davon zu leben unsere gefühle und gedanken mit musik zum ausdruck zu bringen. wir wissen das sehr zu schätzen und möchten diesen menschen zumindest etwas von dem zurückgeben, was wir von ihnen bekommen.

peter: als wir anfingen musik zu machen, war unsere denkart und einstellung gegenüber dem ganzen musikzirkus der von nirvana und kurt cobain sehr ähnlich. wir haben uns nicht darum geschert musik zu machen, um damit geld zu verdienen oder berühmt zu werden. das erschien uns, genauso wie nirvana, schon immer als großer schwachsinn. bis heute hat sich an dieser einstellung nichts geändert und wir versuchen nach wie vor nach diesen prinzipien zu leben, auch wenn das musikbusiness es einem manchmal nicht einfach macht. wenn das am ende als „bescheiden“ gilt, dann ist das schön, aber wenn es nach uns ginge, dann würde diese art der einstellung einfach als „normal“ und teil der realität gelten. mit allem, was über diese eben genannten werte hinaus geht, wollen wir nichts zu tun haben. es hat nichts damit zu tun, dass wir etwas besonderes in diesem business sein wollen. es ist einfach eine frage der einstellung, denn es gibt genügend leute, die ebenso wie wir, aber auch vollkommen gegensätzlich denken und handeln.

robert: jeder muss das für sich selbst entscheiden. vielleicht gehen wir mit unseren ansichten ja auch unter, wenn wir so weitermachen. (lacht) wie du vorhin gesagt hast, tun wir nichts halbherzig. wir wissen, wie die andere seite der medaille aussieht, aber bleiben lieber auf unserer seite, egal wie das für uns ausgeht.

DIESE EINSTELLUNG SOLLTET IHR EUCH BEWAHREN, ABER ICH HABE KEINEN ZWEIFEL DARAN, DASS ES EINMAL ANDERS KOMMEN KÖNNTE.
robert: du glaubst gar nicht wie viele beschissene persönlichkeiten ich kenne, die aber trotzdem unglaubliche musik machen! (lacht) mein ganzes leben lang habe ich aus diesem grund angst davor leute zu treffen, die ich schon eine ewigkeit bewundere. sie könnten auch zu denen gehören, die eine völlig andere sichtweise auf die dinge haben als ich. es ist gefährlich zu glauben, dass leute, die künstlerisch etwas großes vollbringen automatisch auch einen tollen charakter und das herz am richtigen fleck haben. wenn wir also auf jemanden treffen, der uns in unserer arbeit inspiriert hat, dann gehen wir allein mit dem gedanken auf diese person zu, ihm oder ihr unseren dank für all die inspiration auszusprechen und mehr nicht. ich glaube mehr kann man gar nicht wirklich sagen. auf der anderen seite gibt es bestimmt auch einen haufen musiker, deren songs ich unerträglich finde, aber mit denen man sich gerne auf einen kaffee treffen würde. ach nein, lieber einen tee − ich trinke gar keinen kaffee! dann wäre es wohl ein tee mit honig. (lacht)

WO WIR GERADE BEI DANKESFORMULIERUNGEN SIND - HABT HERZLICHEN DANK FÜR DIE WUNDERBARE UNTERHALTUNG UND EURE OFFENHEIT.
robert: danke!

peter: auch von mir vielen dank!

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