On An OnIm Gespräch mit Nate Eiesland, Alissa Ricci und Ryne Estwing

von Annett Bonkowski · 23.04.2013

von einer krise wollen on an on nichts wissen. dabei wackelte nach aussen hin die arbeit zum album »give in« gewaltig als die band nur ein paar wochen vor den geplanten studioaufnahmen plötzlich um zwei mitglieder geschrumpft war. kreativ gesehen ließen sich die verbliebenen musiker von dieser situation allerdings nicht beunruhigen und nutzen die umstände einfach als chance für die künstlerische neubelebung und einen mutigen schritt hin zur veränderung. aus scattered trees wurden on an on und ein frischer wind fegte mit erfolg durch die studioräume, in denen nicht nur der improvisationsgeist, sondern auch das vertrauen auf das innere instinktgefühl ausschlaggebend für das nun klanglich vorliegende resultat waren.

von den erfahrungen der letzten monate gestärkt und geradezu beflügelt, treffen wir die drei sympathischen musiker, die uns u.a. davon berichten, wieso aus der vermeidlichen krise ein persönlicher höhenflug wurde und warum es sich lohnt den eigenen wertvorstellungen treu zu bleiben, selbst wenn um einen herum das bekannte umfeld zu bröckeln beginnt.

DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE EURES ALBUMS »GIVE IN« LIEST SICH EIN WENIG WIE EINE APOKALYPTISCHE REISE MIT ANSCHLIEßENDEM HAPPY END. WIE HABT IHR DIESE INMITTEN ALL DER EREIGNISSE FÜR EUCH REFLEKTIERT, WO DOCH EIGENTLICH KEINE ZEIT ZUM INNEHALTEN BLIEB?
nate: es stimmt, dass wir nur wenig zeit hatten, um mit der neuen situation klarzukommen, aber andererseits hat sich die auflösung von scattered trees schon ein wenig länger abgezeichnet. wir haben uns schon vor der musikalischen entfremdung auch räumlich voneinander entfernt und sind in verschiedene städte wie new york, minneapolis und chicago gezogen. der eigentliche bruch hat dann aber tatsächlich rund drei wochen vor den geplanten albumaufnahmen stattgefunden, so dass wir als trio zurückblieben. allen umständen zum trotz waren wir nun einmal auf die zeit im studio eingestellt und haben uns darauf gefreut. es war eine schwere zeit für uns, doch wir wollten versuchen dem ganzen etwas positives abzugewinnen und etwas schönes daraus entstehen zu lassen. eine weile lang war es beängstigend für uns diesen weg zu gehen. mit etwas abstand zu allem finden wir aber, dass es wahrscheinlich die beste option war. wir sind alle noch eng mit den anderen mitgliedern von scattered trees befreundet. obwohl wir musikalisch für einen moment mitten im chaos steckten, war es musikalisch gesehen keine so große tragödie für uns, wie man vielleicht vermuten könnte.

alissa: es war einfach alles ein wenig kompliziert. eine art puzzle, bei dem die besten teile sich am ende so zusammenfügten, dass alle damit zufrieden sein konnten. wir haben unsere köpfe nicht in den sand gesteckt, weil wir innerlich wussten, dass dieser natürliche gang der dinge gut für uns sein würde. der eigentliche aufnahmeprozess war nicht so sehr an das gefühl gebunden, plötzlich verloren im raum zu stehen, da wir zu diesem zeitpunkt bereits fokussiert und mit einer art tunnelblick die vor uns liegenden herausforderungen ins visier genommen hatten.

TROTZ EINES INTAKTEN, FREUNDSCHAFTLICHEN VERHÄLTNISSES ZU DEN RESTLICHEN MITGLIEDERN VON SCATTERED TREES HABT IHR EUCH, VON EINEM QUINTETT AUF EIN TRIO REDUZIERT, VOR ALLEM MIT EINEM MUSIKALISCHEN EINSCHNITT KONFRONTIERT GESEHEN. WIE HABT IHR DIESEN IN DER NEUEN BANDKONSTELLATION BEWÄLTIGT?
alissa: jede bandkonstellation bringt ihre ganz eigene dynamik hervor, was es spannend macht in einem bestimmten umfeld mit anderen musikern gemeinsam zu agieren. genauso spannend war es für uns drei dann die formation als trio anzunehmen und mit dieser zurechtzukommen. besonders die dynamik auf der bühne hat sich grundlegend für uns verändert. wir vergleichen uns als ON AN ON nicht so sehr mit dem, was wir im vorfeld musikalisch gemacht haben, sondern sehen es als einen neuanfang an. das hat es für uns auch einfacher gemacht mit der neuen situation klarzukommen.

ryne: vor der auflösung von scattered trees haben wir fast ein jahrzehnt zusammen mit denselben leuten musik gemacht. das prägt einen natürlich, aber gleichzeitig entwickelt man sich als musiker auch ständig weiter und passt sich den neuen verhältnissen um sich herum an oder gibt selbst impulse, die dazu führen, dass veränderungen auftreten. somit war auch der musikalische schnitt, der sich für uns vollzogen hat, kein schritt in den abgrund, sondern lediglich ein umstand mit dem wir uns arrangieren mussten.

alissa: es fühlt sich auch auf der bühne nicht so für uns an, als ob etwas fehlen würde.

nate: wenn ich auf die zeit mit scattered trees zurückblicke, dann ist es so, als ob ich eine art musikalisches erbe betrachten würde. wir sind alle zusammen aufgewachsen und kennen uns auf musikalischer ebene in- und auswendig. vielleicht haben wir drei uns schon innerhalb dieses bandgefüges unbewusst dahin bewegt den nächsten schritt zu gehen und das zur not auch als trio, denn wir haben uns auf eine merkwürdige art und weise dafür bereit gefühlt. wenn man so lange zeit zusammen musik macht, dann spielt loyalität gegenüber den anderen mitgliedern natürlich eine große rolle. gleichzeitig schleppt man sich als band von einem punkt zum nächsten und entwickelt bestimmte gewohnheiten, was den klang angeht. ich glaube, ich kann für alle drei von uns sprechen, wenn ich sage, dass wir verzweifelt versucht haben ein wenig aus diesem kreis auszubrechen und etwas neues zu probieren. als sich also ein neuanfang abzeichnete, haben wir die gelegenheit beim schopfe gepackt und haben uns relativ unbekümmert darauf eingelassen.

IST ES EUCH MITHILFE DIESER OPTIMISTISCHEN EINSTELLUNG IM STUDIO PROBLEMLOS GELUNGEN AUCH DAVE NEWFELD ALS PRODUZENTEN FÜR EUREN NEUEN MUSIKALISCHEN FAHRPLAN ZU GEWINNEN?
alissa: es hat sofort "klick" gemacht, was die zusammenarbeit mit dave angeht.

ryne: die erfahrung mit ihm zusammenzuarbeiten war ganz anders als alles andere, was wir zuvor im studio erlebt haben. es war erfrischend jemanden neues an unserer seite zu haben nachdem wir in der vergangenheit oftmals selber die rolle des produzenten eingenommen haben. mit dave standen wir jemanden gegenüber, der zwar als produzent tätig, aber uns völlig gleichgestellt war, was die entscheidungen anging. es gab keine alleingänge, was die beurteilung oder einschätzung der arbeit betraf. wir haben uns jeweils immer auf eine sache konzentriert und dann zusammen stück für stück daran gearbeitet. ich glaube, er war gar nicht so sehr davon überrascht plötzlich mit einem trio zu arbeiten und hat sich der situation sehr schnell angepasst.

DIE VERGANGENHEIT PRÄGT UND FORMT JEDEN VON UNS. WELCHER TEIL VON SCATTERED TREES WIRD AUCH IN ON AN ON WEITERHIN BESTAND HABEN?
nate: auch wenn on an on einen musikalischen neuanfang für uns bedeutet, gibt es definitiv werte, an denen wir weiterhin festhalten und die auch unser neues projekt bis zu einem gewissen grad prägen werden. die veränderungen werden am ende überwiegen und altbewährtes wird in den hintergrund treten, aber beide seiten werden präsent bleiben. die chemie, die zwischen uns besteht, wird zum beispiel dieselbe sein. egal, ob im studio oder live.

alissa: unsere stimmen bleiben wohl oder übel auch gleich! (alle lachen)

IHR HABT VON EINER NATÜRLICHEN ENTWICKLUNG GESPROCHEN, DIE EUCH ZUR JETZIGEN BANDFORMATION GEFÜHRT HAT. IST ES WICHTIG ALS KÜNSTLER IN DER LAGE ZU SEIN SICH VON ETWAS ALTBEWÄHRTEN ZU LÖSEN UND DINGE HINTER SICH ZU LASSEN?
ryne: absolut! das ist genau das schöne für mich, was jegliche form von kunst angeht. als künstler muss man in der lage sein einen neustart zu wagen und diesen im rahmen seiner möglichkeiten umzusetzen. manchmal frage ich mich, ob man nicht mit jedem album auch einen neuen bandnamen annehmen sollte, weil doch jedes album ein neues, kreatives kapitel darstellt.

DIE IDEE IST INTERESSANT, ABER WÄRE VERMUTLICH AUCH HÖCHST VERWIRREND FÜR DEN REZIPIENTEN.
ryne: das stimmt! die zuhörer würden sich natürlich schwer damit anfreunden können. ausserdem wäre es künstlerisch gesehen wohl glatter selbstmord, denn niemand könnte wirklich deinem kreativen pfad folgen und alles würde durcheinander geraten. manche bands haben ja schon so genug probleme überhaupt im netz gefunden zu werden etc. ganz banal betrachtet, wäre es aber ein kleiner befreiungsschlag und man könnte sich als künstler jedes mal wirklich komplett neu erfinden, inklusive des namens. ich würde mir wünschen, dass es mehr bands geben würde, die bei jedem neuen album dieses gefühl des neuanfangs in dieser form verspüren. ich glaube insgeheim ist es doch genau das, wonach es sich lohnt zu streben.

nate: wir werden die idee mit dem ständig wechselnden bandnamen sehr wahrscheinlich nicht umsetzen, aber uns in sachen studioaufnahmen zumindest diesen ansatz des kompletten neuanfangs bewahren. die loyalität, die unter uns als freunden und musikern herrscht, soll in klanglicher hinsicht keinen statischen aspekt unseres bandwesens ausmachen. wir wollen nicht an einem bestimmten sound festhalten, sondern uns bewusst mit unseren songs und ihrer richtung auseinandersetzen. uns liegt nichts ferner als in zukunft ein album mit dem titel »give in pt.2« aufzunehmen.

alissa: von aussen gesehen wird unser nächstes album hoffentlich ein fortschritt sein. wir sind uns im klaren darüber, dass jede band ihre eigenheiten hat, die auch auf klanglicher ebene ab und zu wieder zum vorschein kommen und das ist auch gut so. schließlich wollen wir uns ja nicht für jede neue aufnahme verstellen. darüber machen wir uns erst gar keine gedanken, denn das passiert automatisch, ob du es willst oder nicht. wir wollen unseren fokus lieber auf die dinge richten, die uns begeistern, anspornen und in musikalischer hinsicht weiterbringen. über alles andere machen wir uns keine sorgen.

GIBT ES ETWAS, DAS EUCH BEIM SONGWRITING ODER IM STUDIO STETS BEGLEITET, DAMIT IHR EUCH WOHLFÜHLT?
alissa: ich brauche immer diese gewisse atmosphäre um mich herum, die einer entdeckungsfahrt gleicht. etwas aufregung liegt in der luft und das muss sich auch in der aufnahme widerspiegeln. es kann so hip und cool sein, wenn man musiker ist, weil man sich mit dem besten equipment austoben kann, aber das reizt mich eher weniger. für mich ist ausschlaggebend, dass um mich herum alles auf eine musikalische erkundungstour hindeutet, die mich im nächsten moment zu etwas besonderem führen wird. ich muss spüren, dass ich durch einen akt von anstrengung zu etwas gelange, dass all die mühe wert ist. dabei geht es nicht in allererster linie darum, was deine mentalen kapazitäten hergeben, sondern was du gewillt bis davon ausgehend zu erreichen. der in der luft liegende vibe und die energie sind manchmal viel wichtiger als deine fähigkeiten oder der perfekte take. ich kann es nicht ausstehen, wenn ich bei diesen kreativen prozessen in einer art sterilem umfeld gefangen bin. das war in der vergangenheit öfter der fall. nach diesem album bin ich daher umso überzeugter, dass ich niemals wieder unter solchen voraussetzungen arbeiten kann.

OHNE RISIKO KEINE BELOHNUNG?
alissa: ja, so ist es!

nate: natürlich müssen dabei auch die rahmenbedingungen stimmen, damit man gewisse risiken überhaupt erst eingehen kann. für mich persönlich war es sehr wichtig ein gutes vertrauensverhältnis zu unserem produzenten dave zu haben, was absolut der fall war. er hat mir oftmals den nötigen schubs gegeben neue dinge anzugehen und alte gewohnheiten einmal beiseite zu legen. er hat mir beigebracht die aufnahmen lockerer anzugehen und mich von dem gedanken zu verabschieden bis zum umfallen zu proben, um dann beim ersten take alles richtig zu machen. das ist quatsch und nicht ausschlaggebend dafür, ob man ein guter musiker ist oder nicht.

dave hat mich sehr herausgefordert, was das improvisieren angeht. in einer form, die ich so noch nicht kannte. bisher fand das höchstens im proberaum statt, aber nicht während der eigentlichen aufnahmen, aber das hat sich mit diesem album schlagartig geändert und es hat sich gut angefühlt das zuzulassen. es war kein einfacher prozess, weil ich mich anfangs in dieser rolle nicht sehr wohlgefühlt habe. es sind vielleicht 5 tolle sekunden dabei und die ganzen restlichen minuten sind mist, aber das muss man akzeptieren. dave hat es geschafft mich nicht nur davon zu überzeugen, sondern auch genau diese entscheidenden sekunden aus mir herauszuholen.

AN WELCHE DENKST DU DA ZUM BEISPIEL?
nate: im song »ghosts« gibt es so eine stelle. zuerst hörst du nur die vocals bis die gitarren einsetzen und auf einmal alles instrumental wird. das ende davon ist alles aus dem improvisieren heraus entstanden. es war fast schon ein "unfall", wenn man es so nennen will. darauf aufbauend ist dann wiederum ein weiterer teil entstanden. dave hat diesen moment genau erkannt und rief uns immer über die kopfhörer anweisungen wie "macht nur weiter!" zu und forderte uns regelmäßig auf einfach unseren instinkten zu folgen, ohne groß zu überlegen, was vielleicht logisch oder passend wäre. passagen wie diese sind es, die uns in diesem moment als band definieren und uns bewusst gemacht haben, wohin wir musikalisch gehen möchten.

»GIVE IN« - SO DER TITEL EURES ALBUMS. FÜR WAS LOHNT ES SICH DAS PRINZIP DES NACHGEBENS ZUGUNSTEN DES STURSEINS EINMAL AUSSER ACHT ZU LASSEN?
nate: ich glaube das lohnt sich vor allem in künstlerischer hinsicht für einige dinge. im privaten fährt man ja meist nicht so gut damit auf stur zu schalten, aber auf kreativer ebene muss man ab und zu seinen ganz eigenen weg einschlagen und sich in seinen absichten nicht beirren lassen. wir sind gut darin als band im kollektiv stur zu sein, wenn es um unsere kunst im allgemeinen geht. das schließt auch den visuellen aspekt ein, der an unsere musik geknüpft ist. so sehr wir im studio vielleicht noch einlenken und musikalisch experimentierfreudig sind, so wenig können wir kompromisse eingehen, was optische belange angeht. wenn uns ein foto von uns nicht gefällt etc., dann wird es eben nicht verwendet. auf keinen fall! (alle lachen)

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