Beach HouseIm Gespräch mit Victoria Legrand und Alex Scally

von Annett Bonkowski · 18.12.2012

beach house mögen den dream-pop vielleicht nicht erfunden haben, interpretieren diesen aber seit geraumer zeit mit hinreissenden, sehnsuchtsvollen songs, deren innenleben wie auf watte gebettet scheint und sich wohlig, verträumt seinen weg nach aussen bahnt. die songs auf ihrem letzten album »bloom« knüpfen ebenfalls an diesen wesenszug an und räumen dem innehalten und der feinfühligen, fast scheuen empfindsamkeit den nötigen raum zur entfaltung ein. dicht gesponnene, aber leichtfüßige keyboard-melodien treffen auf hall-geschwängerte vocals, deren symbiose eine unmittelbare anziehung erzeugt.

weniger verschleiert hingegen wirken im vergleich dazu die antworten des duos als wir die beiden für ein gespräch ein paar minuten im feuchtkalten berliner nebel zur seite ziehen.


IHR SEID BEREITS EIN PAAR WOCHEN AUF TOUR. ALEX, DU WURDEST VOR KURZEM VOR EURER SHOW IN BOSTON FÜR EINEN OBDACHLOSEN GEHALTEN. HAT DAS TOURLEBEN SCHON SO EINEN GROßEN TRIBUT GEFORDERT?
A: ich glaube jeder künstler wird irgendwann von diesem tourleben eingeholt. es gibt immer mal wieder momente, in denen man von alldem überrollt wird. andererseits ist das touren aber auch eine so wundervolle erfahrung, dass es das am ende wieder wettmacht.

DER ALBUMTITEL „BLOOM“ WECKT ASSOZIATIONEN IN HINSICHT AUF EINEN STATTFINDENEN ENTWICKLUNGSPROZESS, SCHÖNHEIT UND REIFE, ABER IMPLIZIERT AUCH, DASS ALL DAS IRGENDWANN ABEBBEN UND VERGÄNGLICH WIRD. FÜHLT IHR EUCH ALS BAND IN DER BLÜTE EURES LEBENS ANGEKOMMEN?
V: ich fühle mich nicht in der blüte meines lebens angekommen. wenn du das gefühl hast, dass das der fall ist, dann ist dein leben vermutlich schon vorbei. ich hoffe also, dass ich niemals an diesen punkt kommen werde.

GILT DAS SOWOHL FÜR DEIN KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN ALS AUCH FÜR DEINEN PERSÖNLICHEN LEBENSWEG?
V: das ist allgemeingültig - spirutell, physisch, emotional und sexuell gesehen. es gibt für mich keine „blüte des lebens“. es gibt leute, die sich in der high school fühlen, als ob sie diesen punkt erreicht hätten, weil sie sich plötzlich erwachsen und unabhängig fühlen. diese menschen kann ich nur bemitleiden. das älterwerden und die tatsache, dass man viele erfahrungen sammelt, ist doch ein wunderschönes erlebnis. unser album „bloom“ dreht sich meiner meinung nach auch nicht unbedingt um diesen aspekt. es gibt da unsere musikalische ebene, auf der wir funktionieren und dann gibt es das normale leben da draussen, das uns umgibt. für uns sind beides völlig verschiedene dinge. meine persönlichen philosophien haben nicht unbedingt etwas auf der platte zu suchen und können sich fernab von der musik entwickeln. wir sind ja keine roboter, die nur ihren job machen, sondern schwimmen irgendwo in der masse mit.

WIE BEGANN FÜR EUCH DIE REISE MIT „BLOOM“ EMOTIONAL GESEHEN UND WO HAT SIE EUCH LETZENDLICH HINGEFÜHRT?
A: das ist eine gute frage. ich glaube, das lässt sich momentan noch gar nicht vollständig beantworten oder gar von uns selbst erfassen, weil die fertigstellung des albums nicht so lange zurückliegt. es braucht wahrscheinlich seine zeit bis wir uns im klaren darüber sind, was die platte emotional mit uns angestellt hat. ein wenig abstand wir uns dabei helfen unsere gedanken zu ordnen und alles im richtigen licht zu sehen. wir sind ja gerade erst an den punkt gekommen, an dem wir unser erstes album halbwegs verstehen (lacht)!

IST MUSIK FÜR EUCH IM ALLGEMEINEN AN EINE VERFALLSZEIT GEBUNDEN ODER SEHT IHR SIE ALS ETWAS FORTBESTEHENDES AN?
V: die musik ist auf jeden fall etwas für uns, das immerfort andauert. sie verändert sich ständig, wird über die zeit tiefer und bedeutungsvoller und ist genau aus diesen gründen ein unglaubliches medium. du kannst erst vier jahre später deine eigene musik in ihrem vollem umfang zur kenntnis nehmen. das ist sehr faszinierend. unsere musik wird uns als menschen überdauern und ich finde die vorstellung schön, dass musik diese stärke besitzt, aber gleichzeitig auch so transparent sein kann. ein gemälde kann beschädigt werden, aber ein klang, zum beispiel, ist nicht physisch und kann deswegen auch nicht kaputt gemacht werden.

A: ausserdem haben klänge die eigenschaft sich ständig zu verändern und mit jedem hörerlebnis kann sich deine wahrnehmung in bezug auf musik ändern. auch die technischen entwicklungen rund um dieses medium spielen in diese tatsache mit hinein. ein stück kann auf kassette oder vinyl einen ganz anderen effekt auf dich haben. songs haben die möglichkeit mit der zeit zu gehen, sich den entwicklungen anzupassen und damit auch zeitlos zu werden.

IST MUSIK FÜR EUCH ZEITLOSER ALS ANDERE KÜNSTE?
V: ja, das ist sie. für mich ist die musik von allen künsten diejenige, die mich deswegen auch am meisten berührt. sie hat etwas spirituelles an sich, das immer um sich herum mitschwingt. menschen können mithilfe von musik miteinander kommunizieren und gefühle und gedanken zum ausdruck bringen. das schöne dabei ist, dass jeder am ende etwas ganz anderes darin hineininterpretieren kann. was bleibt, ist die tatsache, dass man sich aufgehoben fühlt und diese universale, musikalische sprache einem das gefühlt gibt nicht allein zu sein. man geht auf eine reise, auf der man sich selbst besser kennenlernt und auf der etwas abstraktes plötzlich eine verbindung zu einem herstellt. dafür muss ein stück nicht einmal mit einem text unterlegt sein. wir versuchen mit unserer musik nicht krampfhaft einen universal-charakter zu erzeugen, damit jeder einen zugang dazu findet, aber wir sind uns dieser eigenschaft der musik deutlich bewusst. es gibt momente, in denen du einfach spürst, dass das entstandene gefühl über deinen eigenen wirkungsraum hinausgeht und andere menschen erreicht. das passiert zum teil unbewusst, aber immer dann, wenn du aufrichtig einer empfindung nachgehst.

OB AUF DER BÜHNE ODER IM STUDIO, ALS BAND MACHT IHR DEN EINDRUCK IMMER GUT VORBEREITET ZU SEIN. DAS LEBEN SELBST IST ABER OFT UNBERECHENBAR. WIE WAPPNET IHR EUCH FÜR DAS UNVORHERSEHBARE, WENN IHR AN NEUER MUSIK ARBEITET?
A: ja, wir tendieren dazu uns immer sehr gut vorzubereiten, egal was gerade ansteht. das ist teil unserer mentalität und wir haben gerne alles unter kontrolle. das hat auch etwas damit zu tun, weil wir gerne selbst bestimmen wie wir als band repräsentiert werden. uns liegt viel daran mitentscheiden zu können, was für einen eindruck wir auf bildern oder auf der bühne hinterlassen und natürlich wie unsere musik klingt. wir sind in allem involviert, was uns umgibt und lassen uns von niemanden kontrollieren. ich schätze gerade weil wir uns der tatsache bewusst sind, dass immer etwas unvorhersehbares geschehen kann, sind wir extra gut vorbereitet, damit wir uns zumindest als band sicher sein können alles mögliche getan zu haben. wir brauchen diese kleine sicherheit von unserer seite aus, um unsere songs ganz nach unseren vorstellungen nach aussen zu transportieren.

V: wir sind so sehr in allem involviert und tief mit dem verbunden, was wir tun, dass jede einzelne show eine erfahrung ist, die wir auf sehr intensive weise erleben. wären wir das nicht, würden wir vermutlich losgelöster und teilweise auch gleichgültiger erscheinen, wenn etwas mal nicht so klappt. da wir alles selbst machen, sind genau diese erfahrungen auch von einem unschätzbaren wert für uns.

BASIERT DIESES VERHALTEN AUF EINEM LERNPROZESS, DEN IHR ALS MUSIKER DURCHLAUFEN HABT ODER WART IHR DAHINGEHEND SCHON IMMER BEMÜHT NICHTS DEM UNVERHOFFTEN ZU ÜBERLASSEN?
A: wir spielen jetzt schon zum achten mal in berlin, aber die ersten fünf male davon hatten wir quasi keine vorbereitung und konnten unsere musik deswegen auch nicht nach unseren vorstellungen zum ausdruck bringen. wir wussten, dass wir etwas ändern mussten. wir waren also nicht immer die vorzeigemusiker, für die wir gehalten werden. es braucht schon seine zeit bis man an den punkt kommt, an dem man bereit ist sich den gegebenen umständen anzupassen und sich diese dann auch zunutze zu machen. wir sind keine band, die von null auf hundert ging und von der alle sofort begeistert waren. die ersten fünf jahre zusammen als band haben wir uns viel wissen angeeignet, von dem wir nun in der lage sind zu profitieren.

HABEN EUCH DIESES WISSEN UND ALL DIE GESAMMELTEN ERFAHRUNGEN DABEI GEHOLFEN DIE AUFNAHMEN ZU „BLOOM“ GANZ NACH EUREN WÜNSCHEN ZU GESTALTEN?
V: ich wünschte, ich könnte sagen, dass alles nach plan verlaufen ist, aber das ist wohl bei keinem album der fall. es gibt immer so viele sachen, die man sich im laufe eines albums vornimmt, aber nicht alles kann am ende in die tat umgesetzt werden oder entwickelt sich so, wie du es dir vorstellst. das macht es am ende aber auch so persönlich und einzigartig. zunächst frustriert dich vielleicht eine bestimmte wendung, die die aufnahmen betrifft, aber zwei jahre später ist es genau dieser aspekt, der dich dem album noch näher bringt. nichts von dem, was während einer solchen aufnahme passiert, ist schlecht oder falsch. manchmal versucht man an etwas festzuhalten, aber muss sich eingestehen, dass man es loslassen muss. wir erleben das als musiker jeden tag, wenn wir schreiben, songs aufnehmen oder auf tour sind. diesem zustand ist es aber auch zu verdanken, dass wir uns von unserer umwelt inspiriert fühlen.

ALEX, DU HAST EINMAL GESAGT „THERE‘S A GOOD SOUND IN EVERY INSTRUMENT“. WIE VIEL GEDULD MUSS MAN AUFBRINGEN, UM DIESEN DANN AUFZUSPÜREN UND AUS DEM INSTRUMENT HERAUSZUKITZELN?
A: für meinen teil braucht es nicht allzu viel geduld einen guten klang zu erzeugen, weil ich auf der gitarre genau weiß, wonach ich suchen muss und diese in- und auswendig kenne. die jahrelange erfahrung als gitarrist ist natürlich sehr hilfreich. vielleicht ist es auch mein instinkt, der mich immer zu einem guten klang hinführt. ich habe zum beispiel ein keyboard vor mir und denke „ich wette, dass man damit einen tollen flöten-klang erzeugen kann!“. im allgemeinen steckt für mich immer in jedem instrument ein nutzen, den man nur entdecken muss. es gibt kein instrument, egal ob alt oder verschroben, das nicht etwas passendes für mich bereithalten kann.

IHR HABT BEI DEN AUFNAHMEN FÜR „BLOOM“ MIT CHRIS COADY ZUSAMMENGEARBEITET, VON DEM IHR OFT SAGT, DASS ER EUCH UND EURE MUSIK SO GUT VERSTEHT. WORAUF GENAU BERUHT DIESES GEGENSEITIGE VERSTÄNDNIS?
A: uns hat schon immer eine wirkliche chemie verbunden, die sich gar nicht im detail beschreiben lässt, fürchte ich. chris stammt ebenfalls wie ich aus baltimore und wir haben ein paar gemeinsame freunde. unsere seelen verbindet wahrscheinlich eine spezielle energie, die umso stärker in erscheinung tritt, wenn wir miteinander arbeiten. es kommt aber auch vor, dass wir uns wie richtige brüder streiten, aber es gibt ebenso eine große portion respekt, die wir vor der jeweiligen arbeit des anderen haben. beide male, die wir mit chris gearbeitet haben, endeten mit zufriedenen gesichtern auf beiden seiten.

KAUM EINE ANDERE BAND DRÜCKT MIT IHREN SONGS EIN SO STARKES GEFÜHL VON SEHNSUCHT AUS, WIE IHR ES TUT. WONACH SEHNT IHR EUCH AM MEISTEN, WENN IHR MUSIK MACHT?
A: (grübelt ein paar sekunden) das ist eine sehr tiefgründige frage...(lacht). wonach sehnt sich die menschheit? ich glaube, das ist wirklich schwer zu beantworten.

V: jeden tag sehnen wir uns nach etwas anderem. es gibt so viele sehnsüchte, denen wir mit unseren songs nachgehen, so dass es nicht richtig wäre etwas herauszupicken. wissenschaftler haben ganze aufsätze darüber geschrieben, um den sehnsuchtsaskpekt der menschen greifbar zu machen. ich könnte niemals eine umfassende antwort darauf geben, wonach ich mich sehne.

A: das ist, als ob man den sinn des lebens erklären müsste. ich denke niemand kann das.

V: das schöne an der großen unbekannten namens sehnsucht ist ja, dass sie künstler in ihrem schaffen begleitet und ihnen den nötigen antrieb gibt. das genaue gegenteil und das ende jeglichem künstlerischen fortschritt ist im vergleich dazu die selbstgefälligkeit. menschen, die denken, dass sie alles haben, verspüren erst gar nicht den drang sich auf die suche nach neuem zu machen. warum auch? wenn du dagegen das gefühl hast dein leben ist nicht vollkommen, begibst du dich automatisch auf die suche nach genau diesem fehlenden gedanken, gefühl oder was auch immer dir vorschwebt...und sei es ein sandwich! (lacht) ob man sein leben dadurch verbessert oder vielleicht auch verschlechtert ist dabei fast egal, hauptsache man erreicht nicht den punkt des stillstands.

A: wir müssen wohl nochmal die schulbank drücken und werden eine dissertation zu dem thema verfassen, damit wir dir eine adäquate antwort auf deine frage geben können. wir treffen uns dann in fünf jahren wieder und präsentieren dir das ergebnis.

V: irgendein bedeutender deutscher philosoph hat wahrscheinlich schon alle antworten zu dem thema gefunden und ist uns zuvorgekommen (lacht).

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