Why?Im Gespräch mit Yoni Wolf

von Annett Bonkowski · 11.12.2012

Auf dem Album-Cover ihres neuesten Werks »Mumps, etc.« trifft hoher Wellengang auf lebensbedrohliche, wenn auch fiktive, Begegnungen. Die Songs greifen diese Dramatik wiederum geschickt auf, rücken die darin zum Vorschein kommenden Sujets ein Stück näher an die Realität heran und münden schließlich in der von Why? gewohnten Mixtur aus sarkastischem Wortwitz, gewissenhafter Beobachtung und ambitionierter, musikalischer Untermalung. Ein Abenteuer der ganz besonderen Art, das Yoni Wolf nicht nur mit angezettelt und bestens überstanden hat, sondern an einem Nachmittag in Berlin auch gerne in Retrospektive mit uns teilt.

Die Songs auf eurem Album „Mumps, etc.“ beschäftigen sich mit vielen unterschiedlichen Zuständen des menschlichen Wesens. Steckt in jedem von euch ein kleiner Humanist?
Ich habe nicht viel mit Philosophie am Hut und könnte dir nicht einmal eine Definition von „Humanismus“ geben, daher bin ich mir nicht so sicher, ob diese Frage im positiven oder negativen Sinne beantworten kann.

Der Humanismus orientiert sich an menschlichen Werten, die dessen Würde und Moral, sein Streben nach Gewissensfreiheit und Weiterentwicklung, aber zum Beispiel auch sein Wohlergehen in der Gesellschaft zum zentralen Aspekt erheben.
Moralische Werte? Davon habe ich noch nie etwas gehört...! (lacht)
Nein, natürlich würde ich mich in dem Fall all diese Dingen anschließen und mich als jemanden bezeichnen, der sich um das Wohl anderer Menschen sorgt und dessen Lebensführung von moralischen Werten bestimmt wird.

Wie sieht es mit deiner Menschenkenntnis aus? Als Songwriter nimmst du oft die Position als Beobachter ein und wirfst einen kritischen Blick auf dein Umfeld.
Ich halte mich im Allgemeinen für einen sehr guten Menschenkenner, weil ich die Dinge um mich herum gerne detailliert wahrnehme. Ausserdem bin ich selbst in vielerlei Hinsicht ein sehr einfühlsamer Mensch, weswegen ich häufig spüre, was in anderen Menschen vorgeht. Ich nehme mir immer bewusst Zeit, um meine Umgebung und die Menschen darin zu beobachten. Das führt meistens dazu, dass andere Sachen auf der Strecke bleiben und ich im Vergleich nicht so viel schaffe wie all diese arbeitswütigen Personen, aber dafür sehe ich vielleicht auch mehr.

Steht „Mumps, etc.“ bildlich gesehen für all die täglichen inneren und äusseren Kämpfe, die wir als Individuen austragen, um uns besser zu fühlen?
Ja! Ich schätze diese Beschreibung trifft es sehr gut und fasst den Kern des Albums zusammen. Wir sind tagein, tagaus damit beschäftigt unsere jeweilige Situation unseren Wünschen und Erwartungen anzupassen und kommen nicht umhin kleinere oder größere Kämpfe mit uns selbst oder anderen auszutragen, um den jeweiligen Zustand zu verbessern. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen!

Die Aufnahmen zum Album fanden in Denton, Texas statt. Welche Rolle spielte dabei die örtliche Musikschule der University of North Texas, die darin involviert war?
Wir hatten sehr viel Glück, dass wir im „The Echo Lab“ Studio in Denton aufnehmen konnten. Unser Tontechniker wohnt in der Gegend und hat da ein paar Fäden gezogen, so dass den Aufnahmen nichts im Weg stand. Wir sind gerne an abgelegenen Orten, wenn wir uns an die Arbeit zu einem neuen Album machen. Von daher war Denton perfekt für uns. Wir wussten aufgrund der Songstrukturen auch, dass wir ein paar zusätzliche Musiker für die Aufnahmen verpflichten mussten, da wir Arrangements für Bläser, Harfen, Streicher etc geschrieben hatten. Auf der Suche nach geeigneten Musikern wurden wir nach und nach auf Studenten dieser Universität aufmerksam und haben dann bei der Uni-Leitung offiziell unser Interesse bekundet mit einigen Studenten aufzunehmen.

Wie war es zur Abwechslung einmal mit Studenten und nicht mit fertig ausgebildeten Studiomusikern zu arbeiten?
Es war eine tolle Erfahrung für uns. Die Tatsache, dass es Studenten waren, spielte eigentlich kaum eine Rolle, da alle involvierten Musiker so talentiert waren. Es gab zwar unterschiedliche Levels, was ihre Fähigkeiten anging, aber das machte die Aufnahmen nur noch interessanter für uns. Wir mussten uns viel besser organisieren als üblich, denn vieles erfolgte nach einem genauen Zeitplan. Erst saß ich im Control Room und hatte ein Auge auf die Percussions, Doug schrieb im Nebenzimmer an Partituren für die Bratschen und um sechs Uhr abends schaute dann der Hornist vorbei, um seinen Part aufzunehmen. Wir wurden jeden Tag mit neuen Herausforderungen konfrontiert.

Ein immer wiederkehrendes Merkmal eurer Songs ist deine freimütige, direkte Art in Bezug auf die Songtexte. Hast du im Laufe der Jahre viel dafür einstecken müssen kein Blatt vor den Mund zu nehmen?
Die meisten Menschen um mich herum verstehen meine direkte Art sehr gut und können damit umgehen. Daher bekomme ich nicht allzu oft Kritik für die Dinge, die ich in meinen Songtexten nach aussen trage. Ich war allerdings nicht immer so offen. Als Kind war ich das genaue Gegenteil davon und ich galt als introvertiert. Ich bin froh, dass ich mittlerweile gelernt habe meine Meinung zum Ausdruck zu bringen.

Ist es für dich einfacher Gedanken in einem Song zu verarbeiten und im Rahmen dessen zu verbalisieren als jemanden deine Meinung direkt ins Gesicht zu sagen?
Ja, es fällt mir persönlich in Songs viel leichter geradeheraus meinen Standpunkt zu vertreten als das vielleicht in einem Gespräch der Fall wäre. Ausserdem bieten einem Songs eine so vielfältige Möglichkeit sich auszuleben und auf Dinge einzugehen, die man im Alltag nicht unbedingt thematisieren würde.

Im Song „Sod In The Seed“ heisst es „I make decent cash, I‘m a minor star“. Sind das die Bekenntnisse eines hart arbeitenden Musikers im Jahre 2012?
Haha! (lacht) Ich habe an dieser Stelle einfach nur versucht irgendwie in den Song zu kommen und dabei ist dann diese Zeile herausgekommen. Generell habe ich als Mittel zum Zweck auf der textlichen Ebene viel Fiktion und auch allerhand Witze mit eingebaut, aber es stimmt schon, dass diese Worte auch meinen jetzigen Standpunkt zum Ausdruck bringen. Trotzdem bezieht sich diese Aussage wohl mehr auf die Figur, die ich im Song darstelle und ist an dessen spezielle Situation angepasst.

Der letzte Song „As A Card“ auf eurem aktuellen Album beschäftigt sich mit dem Tod. Ist das ein Thema, um das du dir viele Gedanken machst?
Ja, ich setzte mich schon damit auseinander, auch wenn ich nicht ständig daran denke. Es gehört für mich aber zum Leben dazu und sollte für jeden von uns ein Bestandteil sein, den man an sich heranlässt. Früher oder später wird man ohnehin damit konfrontiert, also warum das Unausweichliche totschweigen? „As A Card“ ist aber als ein durchaus positiver Song zu verstehen. In gewisser Weise stellt er das Nachwort zum restlichen Album dar. Vom Gefühl her ist und bleibt das vorletzte Lied „Paper Hearts“ für mich der eigentliche Abschluss des Albums. Vieles auf der Platte berührt dunkle Themen und handelt von persönlichen Krisen, die man durchläuft. „As A Card“ ist dabei die bewusste Entscheidung, dass es nach alldem weitergeht und soll einen positiven Ausblick auf die Zukunft geben. Die Aussage des Songs ist: so lange es die Möglichkeit gibt weiterzuleben, werde ich das auch tun. Lebe dein Leben mit einer bestimmten Absicht.

Der Gedanke an den Tod bereitet vielen Menschen Angst. Du nimmst ihn dagegen als etwas Natürliches an. Gibt es dennoch etwas, das dich innerlich aufwühlt und dir Angst macht?
Um ehrlich zu sein, gibt es da viele Dinge. Krankheiten gehören mit Sicherheit dazu. Der Tod selbst bereitet mir keine Sorgen. Ich gehe immer völlig unbescholten an Bord eines Flugzeugs und mache mir da keine Gedanken, ob ich wieder heil auf dem Boden landen werde, während andere Passagiere fast schon den Tod vor Augen haben, wenn sie nur das Flugticket buchen. Mich machen eher kleine Sachen verrückt und ich entwickle zunehmend Phobien vor völlig harmlosen Dingen. Vielleicht sehe ich den Tod auch einfach nur als etwas an, dass viel zu groß ist, als dass ich da überhaupt einen Durchblick haben könnte.

Die meisten Menschen fürchten sich wohl eher vor all den Ereignissen, die zum Tod führen können als vor dem eigentlichen Sterben. Die Vorstellung den Tod bewusst vor Augen zu haben, scheint beängstigender als die Tatsache letztendlich das Zeitliche zu segnen.
Das stimmt. Das ist auch genau der Teil, den ich mir lieber nicht vorstellen möchte. Ich glaube niemand macht sich gerne Gedanken darum, sondern hofft inständig, dass es irgendwann einfach vorbei ist.

„Kevin‘s Cancer“ ist ein Song, in dem ihr besondere Anteilnahme am Schicksal einem eurer Fans und seiner Krankheit genommen habt. Wie kam es dazu?
Wir sind auf Facebook hin und wieder miteinander in Kontakt gewesen. Als ich dann einen Song schrieb und nach dem Fertigstellen der Melodie dem Ganzen auch textlich gesehen ein Gefühl von Resignation, aber auch Wut hinzufügen wollte, habe ich mir vorgestellt, dass der Krebs selbst zum Erzähler des Songs wird. Dabei musste ich an den besagten Fan von uns denken und dachte mir, ich danke ihm auf diese Weise für all die Nachrichten, die wir ausgetauscht haben.

Neben spiritueller Unterstützung vertrauen viele Menschen auch auf die Kraft der Musik, wenn es ihnen nicht gut geht, auch wenn diese keine wahre Heilung herbeiführen kann. Gab es Momente in deinem Leben, in denen du dich aus ähnlichen Grunden der Musik zugewandt hast?
Diese Momente gab es ganz sicher. Es gab Zeiten, in denen ich nicht wusste, an welchem Punkt ich mich in meinem Leben befand und wie ich mich aus vielleicht dunkleren, seelischen Umständen befreien konnte. Musik kann einem manchmal dabei helfen sich aus diesem fast schon lethargischen Zustand zu lösen. Ich erinnere mich, dass ich mich in besonders schlimmen Momenten immer zu Hause verschanzt habe und das einzige Mittel, das mir dabei geholfen hat da rauszukommen, war ein Song von Outkast namens „Return of the G“, den ich in voller Lautstärke aufdrehte. Danach ging es mir jedes Mal viel besser und ich habe alle meine negativen Gedanken zumindest für eine bestimmte Zeit von mir abschütteln können. Das ist eine Eigenschaft, warum ich Musik so sehr liebe.

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