MoneybrotherIm Gespräch mit Anders Wendin

von Annett Bonkowski · 29.10.2012

das leben steckt stets voller überraschungen, spontaner wendungen und kann seinem verlauf nach viele schöne, aber auch grausame dinge für einen bereithalten. anders wendin, besser bekannt als moneybrother, befindet sich seit seinen musikalischen anfängen auf der sonnenseite des lebens, doch fürchtete gerade in seiner jugend von der schwedischen einsamkeit des dorflebens erdrückt zu werden. mit ende dreißig, zahlreichen veröffentlichungen und dem tourleben ist er dieser tristesse jedoch entkommen und spielt befreit auf, wo auch immer es ihn hinverschlägt. also der perfekte zeitpunkt, um sich einmal die frage zu stellen, wo man im leben eigentlich steht.

die antwort: moneybrother steht von ganz viel lebensfreude begleitet mittendrin. sein neues album »this is where life is« zeigt einen künstler, der sich seiner wurzeln stets bewusst ist, aber am liebsten am laufenden band seinen entdeckungsdrang auslebt. dass das manchmal auch schattenseiten mit sich bringen kann, weiß moneybrother nur allzu gut. beim treffen in berlin überwiegen bei dem gedanken an das globetrotter-dasein jedoch die guten erinnerungen, die er redselig mit uns teilte.


du bist für dein neues album einmal quer über den ganzen globus gereist. warst du schon immer vom reisen angetan - im herzen ein weltenbummler?
im herzen war ich das bestimmt schon immer. ich komme aus einem sehr kleinen ort in schweden und die ersten fünfzehn jahre meines lebens waren extrem langweilig. ich hatte fast keine freunde, lebte am rand eines kleinen dorfes, die nachbarschaft war öde und alles und jeder sah gleich aus. es passierte einfach nichts und ich musste praktisch ohne musik, konzerte und dergleichen auskommen. durch diese erfahrung verspürte ich wohl früh den drang dort herauszukommen und die welt zu sehen. es hat aber jahre gedauert bis ich dann wirklich das nötige geld hatte zu verreisen.

als ich nach stockholm zog und meine erste freundin hatte, arbeiteten wir einen ganzen sommer sehr hart, um uns eine reise leisten zu können. am ende des sommers betraten wir dann ein reisebüro, aber alles war sehr teuer. wir wollten nach griechenland, doch die kosten dafür waren sehr hoch. wir fragten uns, können wir uns das leisten? schließlich haben wir uns dazu durchgerungen. für mich war es das erste mal, dass ich in einem flieger saß. von da an habe ich niemals aufgehört das reisen zu lieben. bis vor sechs monaten war ich noch der typ, der nach einer reise nach hause kam und am liebsten sofort wieder losfahren wollte. nun beginnt sich langsam etwas zu ändern...vielleicht bin ich zu viel gereist in letzter zeit? ich war in meinem leben an sehr vielen orten und sehe mir gerne meinen reisepass an, der sich stetig mit erinnerungen füllt. ich kann manchmal selbst kaum glauben, dass ich z.b. in bali war!

du wolltest aus deinem leben auf dem dorf ausbrechen - andere scheinen diese idylle dagegen zu lieben und sehen niemals etwas von der welt, ohne dass sie unglücklich darüber wären.
gott segne sie! ich glaube manchmal, dass diese leute sogar ein stückweit glücklicher sind als alle anderen, die erst ganz weit wegfahren müssen, um dieses gefühl von zufriedenheit kennenzulernen. sie wachsen in einem kleinen ort auf, lernen jemanden von dort kennen, heiraten, bekommen kinder und bleiben ihr ganzes leben in dieser einen gegend. es ist oftmals gar nicht nicht einmal so, dass sie ihre heimat mehr als alles andere lieben, sie haben sich nur einfach so daran gewöhnt und verspüren keinen drang ihr glück woanders zu suchen. diese verbundenheit zu einem bestimmten ort kann auch etwas sehr schönes sein. die leute leben im hier und jetzt und genießen ihre zeit, ohne ständig auf der suche nach etwas anderem zu sein. "this is where life is"!

du warst aber offensichtlich mehr daran interessiert dein glück ausserhalb dieses behüteten kosmos zu suchen.
ja, ich bin froh, dass ich den schritt gewagt habe meinen koffer zu packen und so viel von der welt zu sehen. dennoch kommt wohl jeder in seinem leben irgendwann an den punkt, an dem man hoffentlich mit dem zufrieden ist, was man hat. ich war an so vielen orten, wo die menschen glücklich darüber gewesen wären sich und ihrer familie ein dach über dem kopf geben zu können und für genügend nahrung zu sorgen. da ist man als reisender schon sehr priviligiert und weiß diesen luxus umso mehr sehr zu schätzen.

haben all deine reisen rund um die welt dazu geführt, dass du deine herkunft und damit deine heimat mehr zu schätzen gelernt hast?
ja, auf jeden fall. ich glaube das ist eine natürliche reaktion, wenn du so viel umherreist. irgendwann fängst du automatisch an dir die positiven dinge deiner heimat vor augen zu halten und diese wertzuschätzen. ich glaube in einer gesellschaft wie in schweden oder auch deutschland ist es manchmal leider sehr einfach zu vergessen, was man hat, und so verlieren viele menschen einen großen teil ihrer wertschätzung vor den dingen, die essentiell sind. zur zeit gibt es in schweden viele politische skandale, weil gerade staatsmänner einen haufen geld verdienen und eigentlich nichts anderes als party machen und alles verpulvern. es geht mehr darum sich selbst darzustellen, als etwas entscheidendes zu bewirken. die normalen bürger bekommen das natürlich mit und regen sich furchtbar darüber auf. es gibt einen riesen skandal, das volk geht auf die barrikaden und will das köpfe rollen. das ist überall gleich auf der welt.

wie geht es dir damit solche missstände vor augen gehalten zu bekommen?
während meiner reise für "this is where life is?" habe ich einiges an missständen in den jeweiligen ländern gesehen. viele der musiker, die ich kennengelernt habe, stammten aus ärmlichen verhältnissen und lebten in nicht gerade tollen nachbarschaften. ich habe mich viel in solchen gegenden aufgehalten und dadurch bekommt man natürlich eine ganz andere sicht auf die dinge. die perspektive ändert sich und ich habe mir oft die frage gestellt: "wie schwer ist es wirklich moneybrother zu sein?". mir geht es im vergleich zu vielen anderen menschen ausgesprochen gut und ich kann dankbar für alles in meinem leben sein. ich kann um die welt fliegen, in hotels schlafen und musik machen!

ein privileg, das wahrlich nicht jedem musiker vergönnt ist...
genau deshalb weiß ich das auch so zu schätzen. auf meinem album haben drei südafrikanische ladies als sängerinnen mitgewirkt. alle waren ende dreißig oder anfang vierzig und keine von ihnen hatte kinder. das ist in afrika fast schon eine seltenheit. sie haben sich aber bewusst dafür entschieden, weil sie es sich finanziell gar nicht leisten könnten kinder aufzuziehen. für das musikmachen brauchen sie kein geld, denn ihre stimmen kosten sie ja nichts. sie bleiben lieber kinderlos, haben dafür aber die musik als dreh- und angelpunkt in ihrem leben. das ist ein ziemlich großes opfer, dass diese frauen gerade in dieser region der welt bringen, wo die familie noch einen ganz anderen stellenwert besitzt. zeig mir einen schwedischen musiker, der aufgrund seiner karriere auf kinder verzichten muss...

es ist ein wahnsinnig großer schritt, der vor allem in afrika existenzielle konsequenzen hat. hast du keine kinder, hast du im alter kaum eine chance zu überleben. ich habe diese frauen gefragt, ob die musik das wirklich wert ist und die antwort war immer dieselbe: ja, sie ist es.

gibt es etwas in deinem leben, wofür du die musik opfern würdest?
ich glaube das einzige wofür ich mein leben als musiker opfern würde, wären meine kinder, falls ich jemals welche haben sollte. wenn es ihnen schlecht gehen sollte, was hoffentlich nie der fall sein wird, dann würde ich die musik ohne mit der wimper zu zucken aufgeben, um bei ihnen zu sein. es wäre für mich unvorstellbar auf tour zu gehen oder mich auf die musik zu konzentrieren. ich bin jetzt 37 und bin seit knapp zehn jahren als moneybrother unterwegs. trotzdem schleicht sich nicht das gefühl bei mir ein in zukunft damit aufzuhören. ich könnte noch ewig so weitermachen, wenn es nach mir ginge. gleichzeitig habe ich angst irgendwann nicht den absprung zu schaffen oder mitzubekommen, wenn ich anfange schlecht zu werden. guck dir doch mal van morrison an - der denkt wahrscheinlich, dass sein letztes album sein bestes ist. wenn der wüsste...(lacht)

er bekommt bestimmt genau das von seinem umfeld gesagt, aber seien wir doch mal ehrlich, er hat seinen zenit überschritten. falls mir das mit meiner musik passieren sollte, dann hoffe ich, dass ich in zehn jahren nicht mit bedauern auf irgendeines meiner alben zurückblicken werde. ausserdem würde ich meine songs dann allerhöchstens noch privat zu hause zum besten geben und mit meinen freunden spielen, damit sie niemand mehr ertragen muss!

hast du denn freunde oder vertraute personen in deinem umfeld, die dir schonungslos die wahrheit ins gesicht sagen und dir musikalisch auf die finger klopfen, damit du nicht wie van morrison endest?
es gibt ein paar wenige personen, denen ich so vertraue, dass ich sicher sein kann, dass ihr urteil hand und fuß hat und sie mir nicht immer nur bei allem gut zureden. am meisten vertraue ich jedoch nach wie vor mir selbst. gerade zu hause in schweden kann es schwierig sein auf authentische meinungen zu stoßen, weil ich dort seit einer weile vergleichsweise erfolgreich bin. entweder bekommst du dann immer nur zuckerbrot, weil die leute etwas von deinem erfolg abhaben wollen oder niemand traut sich mehr einem etablierten künstler die meinung zu geigen.

selbst in meinem freundeskreis ist es nicht so einfach die wahrheit gesagt zu bekommen. meine freunde mögen mich natürlich als person, aber können mir vielleicht gerade deshalb nicht deutlich sagen, dass ihnen das ein oder andere an meiner musik missfällt. es ist so, als ob du zum friseur gehst und mit einer furchtbaren frisur deinen freunden gegenüber trittst und niemand den mumm hat dir zu sagen, dass du völlig lächerlich aussiehst, weil sie deine gefühle nicht verletzen wollen (lacht).

was war der auslöser dafür, dass du dich für die aufnahmen zu "this is where life is" gleich in sieben verschiedene länder aufgemacht hast? andere künstler sind schon froh überhaupt im ausland aufnehmen zu können.
ich habe den drang in mir verspürt ein album aufzunehmen, dass das gefühl von freiheit zum ausdruck bringt. in den anfangstagen der aufnahmen trug das album sogar den titel "freedom rock". welches gefühl beschreibt die freiheit schon besser als die tatsche seine sachen zu packen und um die welt zu reisen. normalerweise spreche ich über eine platte nicht als projekt, aber bei diesen aufnahmen trifft diese bezeichnung zu. ich wollte dabei aber kein klassisches album im weltmusik-stil schaffen, sondern das umherreisen auf klanglicher ebene in die songs miteinfließen lassen.

zuerst sind wir also nach chicago in steve albinis studio gefahren und haben dort alle basics aufgenommen. mit diesen aufnahmen sind wir dann rund um den globus gereist und haben nach musikern gesucht, die einen passenden vibe hatten und dem ganzen ihre eigene, spirituelle note mitgeben konnten. das klingt vielleicht etwas überzogen, aber wenn man zusammen musik macht, dann ist das manchmal eine spirituelle erfahrung.

wie schwierig hat sich denn die suche nach geeigneten musikern vor ort in den jeweiligen ländern letztendlich gestaltet?
das gute am beruf des musiker ist, dass man nichts anderes als musik machen und arbeiten möchte. deswegen habe ich im vorfeld der reise eigentlich keine probleme in dieser hinsicht erwartet. ich war davon überzeugt bei der suche relativ schnell ans ziel zu kommen und so war es dann auch. wenn du erst einmal in einer stadt angekommen bist, dann kennt immer jemand irgendwen, da die lokalen musikszenen groß und gut vernetzt sind. in jamaika hat uns unserer fahrer von einem sänger erzählt, den wir unbedingt kennenlernen sollten und am ende landeten seine vocals mit auf dem album.

es ist toll, wenn an einem so entfernten ort wie jamaika plötzlich alles zusammenkommt. das schlagzeug, das in chicago aufgenommen wurde, trifft auf die percussions aus rio de janeiro und auf die stimme eines jamaikanischen sängers. ich war manchmal ganz davon überwältigt. das kann man auch ganz gut in der dokumentation "start a fire" von jim dziura sehen, der die ganze zeit über mit dabei war. es war nicht immer einfach die kamera tagein tagaus um sich zu haben, aber im nachhinein bin ich sehr froh darüber, denn einige schöne momente wären sonst niemals festgehalten worden.

welche momente der reise liegen dir besonders am herzen und sind dir immer noch deutlich im gedächtnis, aber nicht in der dokumentation zu sehen?
es gibt eine menge momente, an die ich mich gerne zurückerinnern werde, die die öffentlichkeit nicht in der dokumentation zu sehen bekommt. eine der verrücktesten erinnerungen werde ich mit sicherheit immer mit meinem aufenthalt in neuseeland verbinden, wo wir im haus eines älteren ehepaares übernachtet haben, die auf einer bio-farm lebten. es fing ganz harmlos an, indem wir den ehemann abends bei einem drink kennenlernten und uns unterhielten bevor er uns anbot bei ihm und seiner frau zu übernachten.

jim (dziura) und ich haben uns nichts dabei gedacht und zugesagt. am ende kam heraus, dass das der mann und seine frau ein swinger-pärchen waren und sie darauf aus waren uns ins bett zu kriegen! hättest du diesen kleinen, fetten, älteren mann gesehen, der sich plötzlich vor dir auszieht, dann wäre dir auch ganz anders geworden! dieses bild wird bestimmt nicht so schnell vor meinem inneren auge verschwinden...in der dokumentation sieht man nur einen bruchteil dessen, was wirklich passierte, denn wir konnten schon allein aus repekt vor den leuten solche szenen nicht verwenden.

sind all die erinnerungen an die reise und die aufnahmen ausnamslos positiv?
nein, es gab nicht nur positive momente. ich erinnere mich daran mit einer sängerin namens "queen" in den townships von kapstadt unterwegs gewesen zu sein, obwohl es mir persönlich nicht sehr gut ging. meine damalige freundin und ich hatten einen großen streit vor meiner abreise und sie zog es vor nicht an ihr telefon zu gehen. bei mir wirkt sich diese form von stille und das völlige abkapseln immer so aus, dass ich mich elend fühle. mädchen können mit dieser methode besonders gut auf abstand gehen und uns männer noch mehr leiden lassen. ich streifte also durch die townships auf der suche nach diesem beliebten ort "jamie's" und kaum war ich dort angekommen, fühlte ich mich wieder glücklicher. von aussen sah alles nach einem normalen parkplatz aus, aber die leute dort waren so ausgelassen, feierten und ließen alle sorgen hinter sich. der albumtitel stammt von dieser begegnung, denn queen drehte sich im getümmel zu mir herum und rief "this is where life is!".

wann hat dich deine eigene realität samt dem alltag wieder eingeholt?
eigentlich habe ich die realität und meine privaten anliegen die ganze zeit über mit mir herumgeschleppt. das ist genau eine tatsache, die mir auf reisen unheimlich bewusst geworden ist. egal, wie viel man reist und ob man sich in rio de janeiro, jamaika oder düsseldorf befindest - man kannt nicht vor den dingen flüchten, die einen im alltag zu hause beschäftigen. es gibt eine zeile auf meinem album, die lautet: "cars and trains and boats and planes. whatever you might find. the place you want to be is on your baby's mind". selbst wenn dein partner nicht bei dir ist und du keinen kontakt zu ihm oder ihr hast, entkommst du nicht der notwendigkeit dich der realität zu stellen, wenn es vielleicht gerade nicht so gut läuft. die probleme bleiben auch über eine solche distanz bestehen und man kann sie nicht lösen, indem man ihnen aus dem weg geht. ich habe mich während meines trips um die welt gefragt, ob ich wirklich reise oder nur vor der eigenen verantwortung davonlaufe, die zuhause auf mich wartet. ich bin jetzt 37 jahre alt und muss langsam mal damit anfangen mich solchen dingen zu stellen.

die anstehende tour zum neuen album steht in den startlöchern. wirst du auf dieser versuchen noch einmal an all die orte zurückzukehren, die du auch für die albumaufnahmen besucht hast?
ich wünschte, ich könnte dieses vorhaben in die tat umsetzen, aber das wird wohl viel zu kostspielig werden. hoffentlich wird es mir möglich sein zumindest an ein paar der orte zurückzukehren. immerhin habe ich auf meiner reise auch viele neue freunde gefunden, die ich gerne wiedersehen würde. es würde mich sehr glücklich machen ihre gesichter neben mir auf der bühne zu sehen. wir könnten eine große party miteinander veranstalten!

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