The Hirsch EffektIm Gespräch mit Nils Wittrock und Ilja Lappin

von Fabian Broicher · 09.10.2012

Wenn man früher erstklassige Rockmusik mit deutschen Texten schätzte, kaufte man sich die Platten vom Panikorchester oder von Wolf Maahn. Wer heuer auf genannte Ingredienzien, sowie beeindruckendes Muckertum steht, kommt an The Hirsch Effekt nicht vorbei. Grund genug für uns, mit den Sympathiebolzen aus Hannover ein Gespräch über ihr aktuellstes Album, den von ihnen geplanten Tourfilm und Inspirationsquellen zu unterhalten. Und über ihre Heimatstadt.


Ich würde gern am Ende eures neuen Albums anfangen. Woher kommt eigentlich dieses Sprachsample dieser Frau? Das klingt für mich wie von einem Anrufbeantworter aufgenommen.
Das ist eine Botschaft, die mir mal per Videoaufnahme überbracht wurde.

Und von wem oder ist das geheim?
Nein, das steht sogar im Booklet, also wenn man sich das genau durchliest, dann steht da drin, wer das gemacht hat und die Person. Die weiß auch davon und das ist nicht ohne deren Einwilligung auf das Album gekommen.

Das Orchesterfinale von diesem Stück, von „Datorie“, klingt für mich ein bisschen wie Filmmusik. Hättet ihr Interesse daran, Filmmusik zu machen oder eure Musik mit anderen Medien zu kombinieren?
Ja, auf jeden Fall. Wir machen auch im nächsten Jahr so ein Projekt mit so einer Tänzerin, Ursina Tossi.

Und was kann man da erwarten? Weil für mich ist eure Musik nicht unbedingt dafür prädestiniert, sich dazu zu bewegen. – Also schon zu bewegen, aber nicht unbedingt ästhetisch.
Das ist natürlich kein »Pop-Tanz«, sie ist so eine künstlerische Tänzerin und auch Choreografin, macht also eher Ballett. Sie hat uns mal ein Video gezeigt, wie sie zu Tool tanzt und das war ziemlich cool. Und deshalb kann ich mir ganz gut vorstellen, dass sie auch zu den metallischen Parts was Gutes machen kann.

Lässt du dich eigentlich auch von Filmen inspirieren oder bezieht sich das nur auf andere Musik? Wo liegen deine Inspirationsquellen? Bei anderen Medien: Büchern?
Ich glaube das Problem ist, ich habe wenig außerhalb dieser Band und dieser Fernbeziehung, um die es geht, gehabt, bevor wir angefangen haben, das zweite Album zu schreiben. Es gab wenig drum herum. Ich hab studiert und hatte diese Fernbeziehung. Wir haben Konzerte gespielt und es drehte sich vieles um die Band. Ich habe mich überhaupt nicht mit Politik befasst. Ich hab die Kurzgeschichten von Bernhard Schlink gelesen, aber keine Romane in diesem Jahr. Und Filme: Ich hab »Black Swan« und »Drei« von Tom Tykwer geguckt.

Wie fandest du »Black Swan«?
Ich fand »Black Swan« ganz gut. Aber ich fand vor allem »Drei« ziemlich gut. Aber sonst habe ich mich wenig bewusst mit anderen Medien beschäftigt.

Was hat euch eigentlich dazu bewogen, den Tourfilm zu drehen?
Die Idee war, dass ich persönlich gern so eine Erinnerung hätte an so eine Tour, weil das doch so eine Art Jugendtraum von mir ist, mit einer Rockband unterwegs zu sein. Auch wenn das alles jetzt noch in einem ziemlich kleinen Rahmen ist, ist das dann doch etwas, das ich für mich erfüllt habe. Ich guck mir auch gern mal Tourfilme anderer Bands an. Und da wollte ich das auch haben. Umso schöner war es dann zu sehen, dass die Fans auch daran interessiert waren und auch Geld dafür gespendet haben.

Eigentlich ist es dann nicht viel mehr als ein bisschen Albernheit zu zeigen oder sich musikalisch ein bisschen zu präsentieren, ein paar Insider-Jokes auf Film zu haben.
Es ist ja nicht nur Spaß. Wir haben auch oft Streit. Wir nerven uns gegenseitig. Wir hängen jetzt seit drei Jahren sehr viel aufeinander, vor allem Philipp und ich. Die Schreibphase des Albums war zeitweise fünf Tage die Woche, wo wir uns dann getroffen haben. Das ist wie in einer Beziehung, da kommen viele Sachen nie richtig auf den Punkt oder man beredet viele Sachen nicht. Manchmal sind es auch Sachen an anderen Menschen, die sich nicht ändern, die einem auch nicht gefallen. Und wenn man dann zwei Wochen miteinander unterwegs ist, geht das nicht anders; das passiert dann irgendwann immer wieder, dass man aneinander gerät. Das muss man dann mit Michael klären – ich weiß ja nicht, was der daraus macht, aber ich könnte mir vorstellen, dass so was in so einem Film auch zum Tragen kommt. Das ist eigentlich auch ganz schön, wenn es wirklich eher realistisch ist und nicht nur Klamauk. Der eine oder andere Insider-Joke wird vielleicht dabei sein, aber nicht nur. Ich finde auch die Studiodokus von Bands, wo man 15 Minuten vorm Mischpult sitzt und alle machen immer die gleichen Witze, für den Zuschauer langweilig. Ich finde den »Some Kind of Monster«-Film von Metallica total gut, weil ich glaube, dass das wirklich echt ist. Das ist ja so peinlich, das kann gar nicht anders sein. Deswegen würde ich mir eher so was wünschen.

Zurück zur Musik. Meine persönlich beeindruckendste Stelle auf dem Album…
Lass mich raten. Bei »Ligaphob«, wo die Band einsetzt, nach dem Chor.

Nein. Es ist nicht die Stelle nach dem Chor, sondern da, wo du den »Zerfall« ankündigst, wo die Rhythmusgruppe quasi weiter zerfällt. Du schreibst die Texte. Lasst ihr euch auch von den Texten diktieren, wie die Musik zu sein hat?
Ja, auch. Also, das ist auch eine der Stellen, wo das Wort-Ton-Verhältnis am nächsten beieinander ist. Da zerfällt quasi sowohl die Rhythmik, die Harmoniefolge, als auch der Text. Und die Texte waren vor der Musik da. Das sind Sachen, wo wir uns sehr daran gehalten haben.

Gab es da Probleme? Ich bin selbst Musiker und kenne eigentlich eher die umgekehrte Reihenfolge.
Nein, eigentlich nicht. Das war eigentlich auch ganz gut, dass wir einen Rahmen hatten, den man dann füllen konnte. Also dass wir vorher wussten, es gibt jetzt neun Themen und die müssen wir jetzt nur füllen.

In meinen Ohren wird das Wort »Liebe«, wenn es in den Lyrics oder in dem Sprachsample auftaucht, etwas lieblos behandelt.
Es taucht nicht auf. Das Wort »Liebe« taucht nicht auf. Was man hört, ist, »dass ich mich so in dich ver…« und dann klingt es ab.

Es wird aber in dem Fall eher gebrüllt als positiv besungen. Warum? Seid ihr auch privat eher destruktive, lieblose Leute? Oder anders gefragt, warum sollten sich melancholische, einsame Gesellen, die eventuell selbstmordgefährdet sind, eure Musik anhören, wenn es doch sehr brachial zugange geht?
Weil man sich, wenn man wirklich einsam ist, dann vielleicht in den Texten wiederfindet und sich dann zu der Musik ein Zugehörigkeitsgefühl entwickelt. Ich habe aber tatsächlich auch mal darüber nachgedacht, nicht wirklich ernsthaft, ob so ein »Werther-Effekt« mit diesem Album entsteht. Ich habe zum Glück noch nichts dergleichen gehört. Aber zu der Frage, warum bei »Limerent« das Ende so lieblos ist. Das soll einfach auch ein Vorgriff auf das Ende sein, das da kommt.

Wie kam es eigentlich zustande, dass beide Alben durch eine lächerlich hohe Gastmusikerzahl auszeichnen?
Wieso ist das eigentlich lächerlich?

Ich weiß nicht. Ich hab das mal spontan gezählt. Und ich glaube, ich habe 32 Gastmusiker gezählt. Ich find das für eine kleine Independent-Band erstaunlich, dass man so viele Leute auch, finanziell, organisiert bekommt. Lächerlich ist vielleicht das falsche Wort, aber vielleicht bemerkenswert.
Bemerkenswert, ja. Also wir können diese ganzen Instrumente nicht spielen, die wir auf unserem Album haben wollen.

Jetzt habt ihr euch aber auch in Kirchen begeben, um zu aufzunehmen. Warum das?
Des Sounds wegen. Der sakrale Sound eines Chors kommt einfach am besten in der Kirche rüber.

Gab es da Probleme bei diesen Samples? Aufnahmetechnische Besonderheiten?
Also, der Tonmann hat vor dem Altar ein alkoholfreies Bier verschüttet. Wir haben es auch wieder aufgewischt.

Warum habt ihr euch dazu entschlossen, mit zwei Produzenten zu arbeiten? Die meisten Bands arbeiten ja mit einem Produzenten.
Max [Trieder] und Tim [Tautorat] sind so ein eingespieltes Produzententeam. Die haben auch viele andere Platten zusammen aufgenommen. Und ich weiß nicht, die kriegt man wahrscheinlich auch allein, aber die arbeiten sehr gern zusammen und wir kennen die nur im Team.

Hätte das Album denn anders geklungen, wenn ihr es selbst produziert hättet?
Ja, es hätte wahrscheinlich nicht so gut geklungen.

Mal abgesehen vom besseren Sound, hättet ihr denn musikalisch alleine etwas anders gemacht?
Ja. Es gibt ein paar Kleinigkeiten, wo Tim mal etwas eingebracht hat, also beispielsweise eine gedoppelte Gitarre, die hat Tim mir vorgesungen, aber sonst nicht. Aber es war sehr angenehm, eine höhere Ebene über der Band zu haben, die einem Sachen vorgibt. Da brauchte man sich nicht untereinander streiten, sondern man hat sich auch soundtechnisch von den beiden beraten lassen, ob man den Take so nehmen kann. Entweder die haben gesagt, es ist okay, oder macht das mal so, dann haben wir das so gemacht, dann brauchte man sich nicht noch als Band auf der Produktionsebene zerreißen.

Wenn ihr euch einen Produzenten aussuchen könntet, ganz egal wen, wen würdet ihr nehmen?
Matt Bayles. Der Typ, der das »Manipulator« von The Fall Of Troy aufgenommen hat und der früher bei Minus The Bear Keyboard gespielt hat.

Ilja Lappin: Ich würde Trent Reznor nehmen.

Zum Schluss noch ein bisschen Eigenwerbung für eure Stadt. Ich würde gern wissen, was wären die Gründe für einen Deutschlandtouristen, sich Hannover anzusehen?
… (seufzt)

Gar keinen?
Doch, es gibt einen Wald, der ist ziemlich groß. Der ist mitten in der Stadt. Aber den gibt’s auch woanders. Also, als Tourist kann man auch in eine ländliche Gegend fahren, um sich einen Wald anzuschauen. Hannover ist nicht verkehrt zum Wohnen, aber ich wüsste jetzt nichts,… Ich war auch noch nie in den »Herrenhäuser Gärten«, obwohl ich da schon sieben Jahre lebe. Ich war auch noch nie in diesem Rathaus, da gibt es so einen komischen Fahrstuhl. Der geht so schräg bis in die Kuppel rein. Hannover ist nicht verkehrt, es ist auf jeden Fall besser als sein Ruf, aber ich wüsste jetzt nichts Touristisches. Als wir mal nach einer Tour essen waren, da waren wir auf dem Kröpcke, das ist auch so ein Wahrzeichen Hannovers. Da ist so eine Uhr und ein Souvenirshop und da waren wir drin und da gibt es nichts. Nur diese Kröpcke-Uhr.

Gibt es irgendwelche Songs, die ihr momentan total abfeiert?
Journey. »Don’t Stop Believin’«.

Ja, dann war es das. Vielen Dank!

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