Ja, PanikIm Gespräch mit Andreas Spechtl und Stefan Pabst

von Christian Heerdt · 20.09.2012

es gibt bands, die kann man sich außerhalb ihres systems schwer vorstellen. so eine band ist für mich ja, panik. aus diesem grund sprach ich beim bootboohook festival mit Andreas Spechtl und Stefan Pabst über ihre position auf festivals, im studio und gegenüber anderen bands.


wie habt ihr das festival wahrgenommen?
stefan: bis jetzt alles super von der organisation und so weiter. total tough organisiert, wie gesagt, alles super.

andreas: es ist eine angenehme mischung zwischen professionell und herzlich. wenn man auf größeren festivals spielt hat man ja oft das gefühl, dass man so durchgepeitscht wird.

stefan: andererseits bei den kleinen festivals, auf denen es familiär und herzlich zugeht, funktioniert leider gottes ur viel überhaupt nicht.

andreas: man ist da immer zwiegespalten, was man da jetzt besser findet. hier ist es wirklich ein gutes zwischenspiel. das, was man sich als band wünscht, funktioniert und man fühlt sich nicht wie in einer legebatterie.

fühlt ihr euch gut eingefügt in die reihe derer, die hier spielen? ich erinnere mich an deine worte in »willkommen österreich«, andreas, als du sagtest, dass ihr oftmals mit sogenannten "deutschen nudelaugen" zusammenspielt.
andreas: da geht es eher um so lokalbands. das stammt auch aus einer zeit, die fast gänzlich vorüber ist.

stefan: als wir noch keinen einfluss darauf hatten, wo man froh war, dass man wo spielen kann und dann vom lokalen veranstalter supportbands aufgezwungen bekam.

andreas: im gegenzug ist man manchmal doch positiv überrascht, das meiste ist aber ganz schlimm. das sind halt irgendwelche typen, die ihren penisrock vorspielen. wenn ich dieses festival organisieren würde, würde es wahrscheinlich anders ausschauen aber so wie es ist, ist schon alles gut. man muss da schon unterscheiden zwischen geschmäcklerischem zeug, da erhebt man sich dann schon wenn irgendwelche typen ihren rockscheiß machen und dann auch noch blöde meldungen von der bühne lassen. dann wird es ärgerlich. bezogen auf das festival geht mich das trotzdem nichts an, nur weil mir irgendwas nicht gefällt.

wart ihr mit eurem slot zufrieden?
andreas: war ok. dadurch, dass wir heute wieder nach berlin fahren, ist uns das recht. ich fand das publikum auch recht gut.

stefan: dadurch, dass es auch am nachmittag war, war das publikum vielleicht auch ein bisschen aufmerksamer.

andreas: wir sind jetzt nicht so die partyband. es wäre halt auch komisch, wenn eine band wie wir um 9 am abend spielt. ich habe auch keine lust, irgendwen zu unterhalten. sie können es sich anschauen oder nicht und das funktioniert vielleicht wirklich am nachmittag besser.

ihr fahrt gleich wieder zurück nach berlin, wie lange bleibt ihr grundsätzlich noch dort? noch einmal muss ich »willkommen österreich« anführen, wo ihr sagtet, dass euch berlin schon nach kurzer zeit gelangweilt hat.
stefan: es ist mit der zeit, gerade in letzter zeit, wirklich besser geworden. ich habe bis fast jetzt gebraucht, um mich so richtig einzuleben. im ersten jahr habe ich gar nichts mitbekommen von der stadt, da haben wir uns so abgekapselt und auch das letzte album gemacht.

die platte habt ihr ja mit moses schneider und teilweise simon wangemann gemacht. letzterer hat gesagt, dass es nicht seinen musikgeschmack trifft, er die art und weise des aufnehmens aber sehr interessant fand.
andreas: ja, da haben wir echt was ausprobiert. alles war sehr experimentell und ist komplett live aufgenommen worden. moses nimmt ja oft live auf, wir haben aber seine disziplin versucht so richtig auszureizen. die platte wurde so aufgenommen wie du sie hörst.

stefan: auch der gesang ist gleich mit aufgenommen worden. alles ohne overdubs.

bei so einem stück wie »nevermind« hört man das gut raus. wie wichtig ist improvisation für »dmd kiu lidt« gewesen? und: geht es grundsätzlich um den moment?
andreas: ja, das ist halt so passiert. es sind relativ viele stücke auch nur einmal aufgenommen worden.

stefan: genau das war so ein stück, deren erste version wir sofort genommen haben und es wurde vorher nie so als ganzes vorgespielt oder geprobt.

andreas: und zum moment, das war halt das ding bei der platte. hättest du uns das vorher gefragt, ob man das machen muss - das muss man natürlich nicht aber es hat gewisse vorzüge. wir haben uns gedacht, dass wir das machen, da es zu den stücken und der platte im ganzen sehr gut gepasst hat. es wäre aber falsch zu sagen, dass jede ja, panik-platte jetzt so wird. bei der platte mussten und wollten wir das so machen und dann wollten das bis zum äußersten völlig durchexerzieren, ganz radikal. der anspruch war, dass wir es auf der platte zu so einer, in unserem rahmen gesehen, perfektion bringen, dass wir es auch kein zweites mal machen müssen. damit hat sich thema auch. das ist quasi unsere dogma-platte.

das klingt trotzdem sehr frei, gibt es bei euch einen druck in irgendeiner form?
stefan: da gibt es von außen niemanden, der druck auf uns ausübt. wenn, dann geht der druck von uns aus.

andreas: wir sind ja bei staatsakt und das ist eh so eine art posse, in der man sich gut kennt. es ist alles sehr nah und persönlich. wir sind auch bei staatsakt, weil wir dadurch wahnsinnig viele freiheiten haben. wir haben ja dann noch das nein, gelassenheit-label, aber eine ja, panik-platte würde niemals über nein, gelassenheit rauskommen, das wäre uns viel zu viel. da bringen wir nur dinge aus unserem umfeld, die wir posse-mäßig gut finden, raus. eine ja, panik-platte bei nein, gelassenheit rauszubringen wäre nicht möglich, da wir bei ja, panik künstler sind und da möchte ich persönlich mit dem business nichts zu tun haben. wir können ja eh alles machen, ich möchte mich aber dann nicht um das ganze drumherum kümmern müssen. mit der band geben wir eine fertige platte ab an leute, denen wir vertrauen und im besten falle muss man denen noch nicht einmal sagen was möglich ist oder nicht mit der band. die wissen ja eh was ja, panik mitmacht oder nicht. da bin ich froh, wenn ich mit dem ganzen betrieb nichts zu tun habe. alles in allem sind wir aber bei staatsakt sehr gut aufgehoben und fühlen uns da wohl. wir sind eine große posse, so wie man das aus dem hiphop vielleicht kennt, sodass wir uns featuren und so.

wie wichtig ist in dem ganzen umfeld, bzw. wenn ihr so cover-aktionen mit hans unstern oder die heiterkeit macht, persönlichkeit? was ist das gewichtigere in der waagschale, musik oder persönlichkeit?
stefan: es muss schon beides vorhanden sein.

andreas: deswegen machen wir sowas auch so wenig. ich glaube nicht daran, dass sich sowas trennen lässt. wenn ich mir beispielsweise eine band anschaue, die ich wirklich schlecht finde, so wirklich schlecht, dann finde ich die ja nicht nur musikalisch schlecht, dann finde ich den habitus und alles an denen schlecht. dann werden die auch nie meine freunde. es geht mir grundsätzlich wahnsinnig viel um haltung. ich glaube nicht, dass jemand meine absolute lieblingsplatte machen kann und ich dem nachher sage, dass er ein arschloch ist und umgekehrt genauso. das würde ja auch bedeuten, dass jemand auf der bühne so weit von sich selbst entfernt ist und wenn jemand beides zusammen tun könnte, würde es im umkehrschluss bedeuten, dass es mich gar nicht berühren kann. ich glaube schon an einheiten. das, was jemand macht und wie jemand ist. es geht auch darum, wie jemand etwas macht und nicht unbedingt was er macht. das ist eine verbindung, die sich nicht trennen lässt, deswegen stellt sich die frage auch nicht.

angenommen wir verleben heute noch einen wunderbaren abend und verstehen uns alle blendend und am nächsten tag sage ich, "andreas, hör dir doch mal meine musik an" und du findest sie furchtbar.
andreas: da bringst du mich aufs glatteis gerade. so gut kenne ich dich ja nicht aber ganz grundsätzlich ist das wieder die frage des geschmäckles. man kann einen anderen geschmack haben, wenn ich aber die haltung deiner band problematisch finden würde, hätte ich ein problem mit dir. ich tue mich auch immer schwer damit, musik immer nur zu hören. ich muss musik schon immer noch sehen, um darüber etwas sagen zu können. deswegen tue ich mich wahnsinnig schwer mit bands auf der bühne. mir geht es da viel um den gestus. gerade mit typen, das sage ich nicht umsonst. musikalisch ist ja schon so viel gesagt worden, deswegen finde ich eine haltung oft viel interessanter. grundsätzlich bin ich da schon recht streng.

in hamburg finde ich es schlimm, dass viele von diesen deutschen bands, die da wohnen und auch durchaus erfolgreich sind, einen sehr hohen sozialen status genießen. das traurigste für mich war dann oft, zu sehen, dass selbst leute, deren musik ich toll finde, sich mit diesen pappnasen gut verstehen. ich würde nicht gern mit menschen rumhängen wollen, die mit mitte 30 das niveau einer peinlichen schulband haben und damit trotzdem erfolgreich sind.
andreas: diese bands sind uns wohl bekannt. entweder sind die furchtbar dumm oder super opportunistisch. das ist das, was man sich dann oft fragt. wenn ich mich mit einem von diesen bands unterhalten würde, würde ich mir vielleicht denken, dass man mit dem reden kann und er kein absoluter vollidiot ist. höre ich mir dann die musik an, würde ich mir denken, dass er kein volltrottel ist, aber einfach ein wahnsinniger opportunist. das sind businessmen. da hört es dann für mich auf, da das musikmachen für mich einen anderen stellenwert hat. es gibt halt auch leute, die businessmen sind, das ist auch nicht weniger verachtenswert, sie sollen es nur zugeben und nicht heuchlerisch sein. ich halte von diesen menschen aber abstand.

bei euch gefällt mir der familiäre und doch elitäre touch sehr gut. man sollte da durchaus farbe bekennen.
andreas: absolut, wir stehen auch zu unseren feinden. gepflegte feindschaften sind mir wahnsinnig wichtig. wahrscheinlich genauso wichtig wie freundschaften. einfach klare striche ziehen. es gibt ganz klar unsere feinde. das ist wichtig, da das alles eine ganz verwaschene geschichte ist. jeder ist mit irgendwem irgendwie und gerade auch auf festivals - grausam. festivals sind so ein wahnsinniger betrieb. gerade unter bands kennt man sich ja. nach ein paar jahren in diesem scheiß deutschland rumfahren kennst du ja jede scheißband. wenn du da reinkippst, dass du jeden begrüßen kannst und das auch machst, dass du dich auf so einem normalen modus mit denen gut verstehst, dann triffst du irgendwann die leute und sagst "hach, schönes konzert gespielt bla bla" - "nein! du hast kein schönes konzert gespielt, du hast keine schöne band und ich sage nicht einmal hallo zu dir!". wenn ich oben im catering sitze mit meinem essen, dann ist da eine große mauer zwischen denen und mir. da sind wir auch ganz streng. wir sind glaube ich herzlicher als die meisten bands, dafür aber auch streng in unserer feindschaft. wir sind eine ziemliche dogma-band in der hinsicht.

bela b. hat mal 2002 oder 2003 gesagt, dass er die bands, die er für die musik, die die machen, hasst, gar nicht kennenlernen will, weil einen das weich macht in seinem urteilsvermögen, da man nicht mehr die musik sieht, sondern die menschen. ich finde das ist etwas, das sich schon unterscheiden aber nie trennen lässt. man macht ja die musik, die man macht nur deswegen, weil man so ist, wie man ist.
andreas: das ist ein guter punkt, den du da ansprichst. ich will gar nicht wissen, dass jennifer rostock nette menschen sind. es geht vielmehr darum, dass man diesen moment gar nicht hat. wenn es zwischen mir und diesen menschen eine antipathie gibt, dann wird die gepflegt. das würde mich auch vielleicht fertig machen wenn ich dann feststelle, dass der gitarrist unter umständen ganz nett ist. in so ein dilemma möchte ich gar nicht reinkommen, deswegen will ich gar kein wort mit denen wechseln.

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