Grizzly BearIm Gespräch mit Chris Taylor

von Annett Bonkowski · 10.09.2012

es heisst schönheit liegt im auge des betrachters. manchmal liegt sie aber auch auf dem plattenteller und ist aus allen winkeln reizvoll. »shields«, das vierte studioalbum des new yorker quartetts grizzly bear, könnte man wohl getrost auf den kopf stellen und das résumé wäre dennoch dasselbe: eindrucksvoll, bewegend und immer dieser funken von erhabenheit, der die songs gefühlt ein wenig in den schwebezustand versetzt, um sie gleich darauf wieder aus der verträumtheit zu reissen. Hier im Stream.

die ersten shows der tour sind gespielt und bevor diese die band auch ende oktober nach deutschland führen wird, schaute chris taylor für eine kurze stippvisite in berlin vorbei. dabei sprach er mit uns über randvolle terminkalender, die emotionale offenbarung der neuen songs, dem wunsch nach plausiblen texten und seiner vorstellung einmal kapitän eines segelboots zu sein.


eure neue platte "shields" ist gerade erschienen. du warst in der zeit nach dem letzten grizzly bear album "veckatimest" nicht untätig und hast dich auf dein solo-projekt CANT konzentriert. blieb dir überhaupt zeit für eine angemessene verschnaufspause?
nein, die aufnahmen zum CANT album und die anschließende tour haben mich zeitlich gesehen voll und ganz in anspruch genommen. zusätzlich dazu habe ich mit meinem label "terrible records" zu tun gehabt, so dass ich nie wirklich die gelegenheit hatte die füße hochzulegen und mich zu entspannen. es gab eigentlich immer etwas zu tun. nach meiner solo-tour hatte ich gerade einmal drei tage zeit bevor wir mit der arbeit an "shields" begonnen haben. durch meine tätigkeit als bandtmiglied und auch als produzent des albums war ich jeden tag wie bei einem vollzeit-job eingespannt. als die aufnahmen abgeschlossen waren hatte ich vielleicht ein oder zwei wochen zeit für mich bevor die tourproben auf dem programm standen.

hast du angst davor die hände einmal in den schoß zu legen und nichts zu tun?
ja, wahrscheinlich schon, denn ich habe mich bewusst dafür entschieden fast am laufenden band beschäftigt zu sein. ob das eine wirklich gute idee war, das weiß ich nicht...

bereust du dir nicht mehr zeit für dich genommen zu haben?
ich arbeite gerne und bedauere es nicht so viel zeit in die arbeit meines solo-projekts gesteckt zu haben, aber so ein urlaub ist auch schön. vielleicht hätte ich zumindest den versuch unternehmen können für eine längere zeit irgendwo hinzufahren. meine bandkollegen haben mich auch schon gefagt, ob ich ein urlaubsmuffel bin (lacht).

bei unserem letzten gespräch erwähntest du etwas von einem geplanten camping-trip nach island. hast du wenigstens den in die tat umsetzen können?
doch, das habe ich tatsächlich gemacht, aber das waren nur vier oder fünf tage, also kein richtiger urlaub. ausserdem war das insgesamt eine sehr seltsame erfahrung. ich glaube, ich habe camping noch nie anstrengender empfunden als dort und ich war in meinem leben schon viel campen. das wetter war so unberechenbar und verrückt, was es sehr unangenehm gemacht hat. ich war im august letzten jahres dort und zu dieser zeit wird es nie ganz dunkel. zusammen mit dem starken wind und dem vielen regen musste ich schon einiges aushalten.

einmal konnte ich deswegen sogar kaum mein zelt aufbauen und habe versucht das ding bestmöglich an allen vier ecken zu sichern, so dass ich überhaupt hineinkriechen konnte und wenigstens halbwegs geschützt war. ich habe in den paar tagen kaum schlafen können. bei meiner rückkehr zum flughafen habe ich dann eine schlange von campern gesehen, die allesamt total mitgenommen aussahen als wären sie gerade aus der hölle zurückgekommen. sie schienen also ebenso viel durchgemacht zu haben wie ich, was ein kleiner trost war.

wäre all das eine mutprobe gewesen, hättest du diese wohl mit bravour bestanden.
danke, es hat sich auch überhaupt nicht nach urlaub angefühlt. viel eher nach einem härtetest! zum glück ist island selbst ein wunderschönes land und die landschaft entschädigt einen für schlimme momente wie diese.

hattest du dir vorher eine route zurecht gelegt oder wolltest du ganz abenteuerlich nach belieben anhalten, wo es dir gefällt?
ich hatte mir vorab eine route zurecht gelegt, aber die wurde durch das wetter und die äusseren umstände ein wenig abgeändert. das dumme ist, dass man sich nicht wirklich weit von den hauptverkehrswegen entfernen kann, es sei denn man ist mit einem richtig guten fahrzeug samt vierrandantrieb unterwegs. ich war leider nicht so schlau und bin mit einem kleinen, billigen auto unterwegs gewesen, dass dafür nicht geeignet war.

war die pause von der band eine rein musikalische oder auch eine persönliche, was den kontakt untereinander angeht?
beides, denn wir haben während der auszeit der band kaum miteinander kommuniziert. gerade auf tour hocken wir ständig zusammen und sind rund um die uhr fast unzertrennlich. da will man in seiner freizeit nicht unbedingt auch noch so eng beieinander sein, sondern jedem etwas freiraum geben. es ist wie in einer normalen beziehung, wo es den partnern manchmal auch gut tut etwas abstand von einander zu bekommen. kaum sind sie dann wieder zusammen, fühlen sie sich mehr miteinander verbunden als vorher. du musst dir das so vorstellen, als ob du mit drei typen verheiratet bist, die du ansonsten nicht einmal daten würdest. irgendwann bist du froh da mal rauszukommen. (lacht)

du würdest niemanden aus der band daten wollen?
nicht im traum! hätte ich die wahl, würde ich micht nicht einmal einen abend lang auf ein date mit irgendwem aus der band einlassen. (lacht) aber zum glück sind wir ja nicht verheiratet oder wollen miteinander anbandeln, sondern zusammen musik machen. deshalb war es ganz ok eine weile sein eigenes ding zu machen, um danach wieder zueinander zu finden und sich auszutauschen. wir kennen uns schon so lange, dass wir auch eine weile ohne täglichen kontakt auskommen. ich bin froh, dass wir so gut miteinander klarkommen und sich nach all den jahren nichts zwischen uns geändert hat. ich kenne eine menge bands, die auf der persönlichen ebene längst nicht so gut harmonieren wie wir das tun.

apropos harmonie, der in euren songs oft mehrstimmige gesang hat schon immer genau dieses gefühl vermittelt. nun haben ed und daniel das erste mal seit bestehen der band auch beim songwriting eng zusammengearbeitet. war euch daran gelegen diese harmonie auf die instrumentale klangsprache zu übertragen?
wir haben nicht bewusst versucht uns auf der musikalischen ebene anzunähern, um damit dem harmonischen gesang nachzueifern. das hat sich eigentlich sehr natürlich entwickelt. es stimmt aber, dass die songs auf "veckatimest" sehr viel mehr gruppengesang enthielten. wir wollen uns natürlich nicht andauernd wiederholen, deswegen haben wir wohl dieses mal einen etwas anderen weg eingeschlagen und sind automatisch auf instrumentaler ebene zusammengerückt. sozusagen als ersatz dafür, dass wir uns auf dem neuen album stimmlich mehr freiräume gelassen haben.

einer der ersten auftritte mit neuem songmaterial habt ihr im amerikanischen fernsehen bei der "colbchella" aufzeichnung bestritten. beim anschließenden interview saßt ihr alle in einem wackeligen boot und habt versucht nicht über bord zu gehen. habt ihr euch bei den aufnahmen zu "shields" ebenso aneinander geklammert und ein auge auf den jeweils anderen gehabt?
ja, in gewisser weise waren die aufnahmen zur neuen platte ähnlich wie die erfahrung in diesem kleinen boot zu sitzen, das andauernd drohte umzukippen. das besagte interview kann durchaus als sinnbild für unsere zeit im studio genommen werden, denn man sitzt als band nun einmal im selben boot und versucht während der aufnahmen auch als ganze mannschaft wieder an land zu gehen. es ist wie ein risikoreiches abenteuer und zwischendurch passt man auf, dass alle an einem strang ziehen, um heil rauszukommen. vielleicht hat mir persönlich die tatsache geholfen, dass ich auf segelbooten groß geworden bin und daher schon immer dieses gemeinschaftsgefühl hatte. egal ob auf dem land oder auf dem wasser, es ist immer gut, wenn man sich auf die anderen verlassen kann.

im studio bist du als produzent dann so etwas wie der steuermann.
genau! diese qualitäten habe ich wohl von meinem vater, denn dieser hat mir das segeln beigebracht und ich habe früh gelernt, was es heisst, ein boot zu steuern. im studio ist das zwar etwas völlig anderes, aber man trägt eine ähnliche verantwortung und sorgt dafür, dass die segel immer genügend wind abbekommen, damit es vorwärts geht. meine kindheit in seattle hat mir da vielleicht etwas mit auf den weg gegeben, denn dort gibt es ja genügend möglichkeiten sich auf dem wasser auszuprobieren und dazuzulernen. ich bin schon eine weile nicht mehr mit dem seegelboot unterwegs gewesen, aber ich habe immer noch diesen traum einmal ein eigenes boot zu besitzen. das wäre toll, aber momentan ist und bliebt das wohl ein traum...

wer weiß, du hast doch letztes jahr mit CANT das album "dreams come true" veröffentlicht.
stimmt! ich sollte angesichts des albumtitels vielleicht etwas mehr zuversicht zeigen. (lacht)

"shields" ist ein album geworden, das sich dem hörer vor allem durch die klarheit der texte in emotionaler hinsicht sehr weit öffnet. als künstler hättet ihr aufgrund dessen allen grund einen kreis aus "schutzschildern" um euch herum zu errichten.
uns ging es bei den neuen songs darum zwischenmenschliche faktoren wie zum beispiel nähe, intimität oder auch verletzlichkeit zu erforschen und das ging natürlich nur auf einem sehr direkten weg. es ging nicht darum beim songwriting ein passendes schutzschild zu finden, dass einem den späteren umgang mit faktoren wie diesen erleichtern soll, sondern darum zu erkunden in welcher beziehung genau diese aspekte miteinander stehen. ich wollte von anfang an, dass der klang der platte nicht mehr so verschachtelt ist wie früher. er sollte ebenso entblößt und ungeschützt sein, wie der emotionale inhalt der songs. ich wollte keine effekte mehr benutzen, die sich über die songs legen und damit alles verschleiern. das habe ich in der vergangenheit oft getan. die textliche ebene steht diesem vorhaben in nichts nach, denn auch dort sind die aussagen deutlicher als auf den früheren alben. die neuen songs sind so etwas wie ein diskurs darüber, wie viel nähe oder intimität man in seinem leben zulassen möchte. ein großer teil der platte handelt davon sich gewollt von einer geliebten person zu entfernen.

der schlüssel zu zwischenmenschlicher nähe liegt oftmals in der kommunikation. fehlt diese, entfernt man sich voneinander. was macht für dich gute kommunikation aus?
für mich bedeutet gute kommunikation, dass ständig ein reger austausch von gedanken und gefühlen stattfindet. wenn das nicht der fall ist, kann man sich sicher sein, dass man des öfteren über unnötige missverständnisse stolpert und in unangenehme situationen gerät. man sollte sich nicht davor scheuen seine mitmenschen, wenn nötig, an seinen gedanken teilhaben zu lassen. das fällt einem nicht immer leicht, aber man kann das durchaus lernen. am ende des tages ist es doch am besten, wenn man geradeheraus sagt, was man fühlt. mir ist übrigens aufgefallen, dass die deutschen ziemlich gut darin sind einem sofort zu sagen, was in ihnen vorgeht.

woher kommt diese erkenntnis?
das ist mir bei meinen reisen nach deutschland schon sehr früh aufgefallen. in japan ist genau das gegenteil der fall und die menschen lächeln dich an, obwohl sie etwas anderes denken. das ist zwar sehr höflich und manchmal auch gut, wenn man in unangenehmen situationen steckt, aber du weisst nie, wie es den menschen dort wirklich geht, weil sie eben diesen schein wahren, dass stets alles in ordnung ist. in deutschland ist man da viel freimütiger und sagt sich ohne probleme ins gesicht, wenn etwas nicht stimmt. mir gefällt diese art von aufrichtigkeit. wahrscheinlich habe ich bei der neuen platte auch auf textlicher ebene ein wenig mehr davon eingefordert. auf den alten alben waren die texte mit denen ed und daniel ankamen oft undurchsichtig. ich habe dieses mal darauf bestanden, dass alle textzeilen einen sinn ergeben müssen. schluss mit den ganzen lückenfüllern. im nachhinein habe ich all diese effekte und den verträumten sound so häufig benutzt, um genau diese vagen songtexte zu vertuschen.

wie schon so oft in der vergangenheit habt ihr euch als band ausserhalb von new york begeben, um die arbeit an "shields" aufzunehmen. warum ist new york für euch ein ort zum leben, aber offensichtlich nicht zum arbeiten?
new york ist ein ort, der einen furchtbar ablenken kann. man kommt einfach nicht zum stillstand, wenn man in der stadt ist. einem schwirren ständig sachen durch den kopf und andauernd will jemand etwas von dir, so dass die nötige ruhe fehlt, um sich konzentriert an die arbeit zu machen. wenn ich in der stadt bin, dann ist das automatisch ein zeichen dafür, dass ganz viele dinge gleichzeitig ablaufen und ich immer in alarmbereitschaft versetzt bin. die leute in new york können sehr beharrlich sein, wenn sie etwas von dir wollen. darum ist es umso schwerer sich einmal davon freizumachen und die flucht vor alldem anzutreten. das muss aber ab und zu sein, sonst hätte es wohl niemals ein grizzly bear album gegeben. ich bin sogar noch einen schritt weiter gegangen und bin vor drei wochen etwas ausserhalb der stadt gezogen.

wie fühlt sich das für dich an?
großartig! ich fühle mich sehr gut dabei. es ging mir nicht darum mich vor der verantwortung zu drücken, die ich in hinsicht auf meine arbeit habe, sondern darum selbst zu bestimmen, wann ein bestimmter freiraum geschaffen werden muss. nun lebe ich mein leben nach meiner eigenen uhr und nicht nach der von anderen.

Aktuelle News

ROTE RAUPE

ROTE RAUPEEnde

von Andre Habermann · 24.05.2013

Liebe Leserinnen, liebe Leser, oft wurde ich schon gefragt, wieso ich das eigentlich mache. Meine Antwort war: Aus Spaß...

Allah-Las

Allah-LasTourstart

von Bernd Skischally · 23.05.2013

Das läuft ja wie geschmiert: Im Winter noch vertrieben uns die Allah-Las als Vorband des Vorzeige-Tanzschuhs Nick Waterhouse...

Small Black

Small BlackLimits Of Desire

von Wolfgang Merx · 23.05.2013

Mit ihrem zweiten Album »Limits Of Desire« meldet sich das amerikanische Quartett Small Black zurück. Man hört es schon...

Field Report

Field ReportField Report

von Christoph Walter · 22.05.2013

Nach der Trennung von DeYarmond Edison vor knapp sieben Jahren machten sich die Bandmitglieder sehr schnell und mit großem...

Kishi Bashi

Kishi Bashi151a

von Oliver Lichtl · 22.05.2013

kishi bashi veranstalten auf ihrem album »151a« ein wahres streicher-fest. zu einem vollen, breitwandigen orchestersound...

2004 − 2014 ROTE RAUPE · Kontakt · Impressum
Real Time Web Analytics