MesserIm Gespräch mit Philipp Vuht und Hendrik Otremba

von Bernd Skischally · 06.09.2012

Telefoninterviews mit Hörer in der Hand sind langweilig und so was von Neunziger, ich bin aber nicht in Münster. Also öffne ich das Fenster meines Bildtelefons, wähle, und sehe zwei Burschen mit Kurzhaarschnitt vor einem anständig mit Platten gefüllten Expedit-Regal sitzen. Sie lachen. Ich winke. Messer aus Münster haben eben erst ihr Debütalbum veröffentlicht und haben Grund zur Freude. Wachen Geistes und mit ansteckender Begeisterungsfähigkeit lassen einen Sänger Hendrik Otremba und Schlagzeuger Philipp Vuht, in dessen „Jugendzimmer“ die beiden sitzen, ganz allürenfrei in ihr Banduniversum eintauchen.


SPIEGEL, VISIONS, DIE ZEIT, SPEX – ihr bekamt mächtig viel Feedback, überwiegend begeistertes, auf den Release Eurer ersten Platte „Im Schwindel“. Seit ihr mit ein paar Journalistinnen ins Bett oder wie lief das?
Hendrik: Nein, wir haben mit niemandem geschlafen.

Philipp: Tatsächlich waren wir schon sehr überrascht, dass gerade so Sachen wie SPIEGEL oder ZEIT das so mitgenommen haben. Bei der Musik, die wir machen, haben wir das nicht erwartet und es ist für uns eine große Überraschung. Die Rezensionen lesen sich wirklich gerade alle super, da freuen wir uns drüber.

Setzt ihr Euch denn hin und interpretiert jeden Text über Messer?
Hendrik: Ja, wir lesen das schon und reden dann drüber, ob da vielleicht Sachen gesagt werden, die uns gar nicht bewusst waren. Aber wir haben ganz schnell gemerkt und das ist, glaube ich, eine gute Basis, dass man mit einer Platte etwas abgeben muss. Bei Kritiken, in denen wir uns gar nicht wiederfinden und mit denen wir uns nicht identifizieren können, liegt das Urteil eben bei den Leuten. Wenn die dann bestimmte Dinge sehen und anders als wir darüber denken, ist das trotzdem vollkommen legitim und vollkommen in Ordnung. Wir freuen uns über jedes Review. Wir freuen uns auch, wenn wir mal zerrissen werden – wenn sich die Leute Mühe geben. Es gab auch Texte, die nicht hundertprozentig positiv waren, aber da hatten die Schreiber Argumente und hatten sich die Musik wirklich intensiv angehört und waren nicht nur oberflächlich. Das finde ich genau so gut.

Philipp: Das ist so unser Konsens. Wir machen ja nicht Musik, um allen zu gefallen. Sondern weil wir die Musik machen wollen, so wie sie jetzt ist.

Eine eher absurde Referenz, die euch zu Teil wurde, lautet: „Ton Steine Scherben für die Generation Smartphone“. Was fällt euch dazu ein, habt ihr Euch über manche Referenzen und Schubladen gewundert?
Philipp: Das ist sind schon alles wichtig als Orientierung und um eine Band vorzustellen. Aber wenn man selbst Musik macht, nimmt man sich eigentlich nie vor, sich an bestimmte Referenzen zu halten. Bei Messer bringt jeder einzelne von uns Ideen und Einflüsse mit und am Ende wird daraus etwas. Den Rest müssen die Leute dann entscheiden. Wenn ich mich jetzt aber zum Beispiel bei meinem Schlagzeugspiel an irgendetwas orientiere, dann ist das hinterher nicht so deutlich nachzuvollziehen wie bei den Gitarrenparts, einfach, weil man das beim Schlagzeug nicht so leicht erkennt.

Euer Verständnis für Kritiker und Hörer bringen nicht alle Bands auf. Es gibt nicht wenige Musiker, die das ganze Namedropping und auch Musikkritiken – die ja in Zeiten von Blogs eher zu als abnehmen – komplett verachten.
Hendrik: Das steht einem nicht zu. Wir wissen, wie Musik-, wie Rock-Journalismus funktioniert und wir wissen, dass der eben oft über Referenzen funktioniert, weil die Leute, die Leser, das so erwarten. Letztlich kann Musik-Journalismus auch immer eine Kauf-Empfehlung sein. Das ist dann eine gewisse Service-Leistung. Dann funktioniert das wie bei Last.FM und so: „Hey, da stehen drei Bands, die ich geil finde und die damit verglichen werden – das hör’ ich mir gleich mal an!“. Das man sich selber, als Musiker, in diesen Referenzen nicht wiederfindet, ist eigentlich vollkommen irrelevant. Ich mein’, ich finde Ton Steine Scherben und Rio Reiser total klasse. Ich weiß jetzt nicht, wie sich da der Vergleich anbietet, aber ich finde es ok. Wenn das jemand so empfindet, ist das so.

Bei Eurem Label This Charming Man tummeln sich gerade einige spannende Bands wie Kadavar und The Tidal Sleep, viele davon haben Heavy-, Doom- oder Stonerrock-Einflüße. Wie passt ihr da rein?
Philipp: Wir sind, glaube ich, bei TCM die einzige deutschsprachige Band. Aber tatsächlich ist es so, dass Christian Weinrich, der das Label betreibt, seit vielen Jahren ein guter Bekannter von uns ist. Auch weil er hier in Münster so ein bisschen der Hans-Dampf in allen Gassen ist. Er arbeitet auch bei Green Hell, dem Plattenladen und Mailorder. Jeder kennt Christian.

Hendrik: An ihm kommt man nicht vorbei.

Philipp : Das Label ist ja noch relativ jung und hat jetzt in kurzer Zeit sehr viele Platten rausgehauen. Es ist generell ein sehr gemischtes Repertoire.

Hendrik: Ich glaube, man könnte sagen, dass es kein Genre-Label ist, sondern eher eines, das sich auf innovative Sounds spezialisiert. Auf jeden Fall würde ich sagen, dass wir da gut hinpassen, auch weil so Bands wie Dramamine und Noem personell und freundschaftlich mit uns verbandelt sind. Und auch, wenn unsere Sounds in verschiedene Richtungen gehen, gibt es dann doch schon in der Herangehensweise, in der Idee von Sound und in der Leidenschaft zu Musik eine Art Konsens. Ich hab’ so ein Lieblingswort dafür: Dunstkreis. Ich denke, Bands wie Kadavar, Noem und wir gehören schon so zusammen, auch wenn man das nicht hört. Wir fühlen uns zusammengehörig.

Philipp: Tiger, der Schlagzeuger von Kadavar, hat zum Beispiel auch in seinem Studio in Berlin-Wedding unsere Platte produziert. Das würde man jetzt auf den ersten Blick nicht gleich meinen, von der Musikrichtung her, aber es geht halt eben über Genres hinaus. Es findet viel Austausch statt und wir haben alle einen großen Respekt für einander und natürlich beobachten wir uns auch gegenseitig. Das ist echt super. Es gibt ja auch Labels, die dann genau einen Sound repräsentieren und da kann dann eine Band, die eigentlich toll ist, auch mal untergehen. Bei This Charming Man steht jede Band so ein bisschen für sich. Das find ich gut.

Hendrik: Was wir auch toll finden, das Christian Weinrich, der charmante Mann, sich sehr viel Mühe gibt und sehr ambitioniert ist. Und dadurch, dass er seit Jahren, eigentlich seit Jahrzehnten in einem Plattenladen arbeitet, weiß er einfach wie bestimmte Dinge funktionieren und ist für uns als Band sehr hilfreich. Das mündet jetzt zum Beispiel darin, dass wir im Oktober so ein Label-Package machen und zusammen auf eine kleine Tour mit einem Großteil der Bands des Labels gehen. So etwas ist ideal.

Wie lange habt ihr euch Zeit genommen, als ihr „Im Schwindel“ in Berlin aufgenommen habt?
Philipp: Dreieinhalb Tage. Schlagzeug, Schlagzeug, Bass, Gitarre, abends Gesang. Ja, dreieinhalb Tage.

Das ist nicht sonderlich lange. Wusstet ihr, dass das so kompakt abläuft?
Hendrik: Ja, das wussten wir und wir waren durchaus überrascht, dass wir es in der Zeit geschafft haben. Es war sogar so, dass wir uns für die Rückfahrt nach Münster jemanden über die Mitfahrzentrale ins Auto gebucht hatten und wussten: Um 15 Uhr müssen wir los. Wir waren, glaube ich, um 14.30 Uhr fertig und dann hatte Pogo noch eine Idee und hat bei „Gassenhauer“ dieses „tschtschaaauuu“, diesen Chor, angeregt. Das haben wir ganz am Ende noch aufgenommen, da war das meiste schon abgebaut. Oder, war doch so?

Philipp: Ja. Hehe.

Eure Texte bleiben einem manchmal im Ohr hängen wie lyrische Poesie. Hendrik, textest du denn gern oder gibst du doch lieber den entflammten Rocker auf der Bühne?
Hendrik: Ich texte wahnsinnig gerne, ich hab’ da total was gefunden. Ich bin kein guter Musiker, ich spiel etwas Bass, aber wirklich nicht gut...und bin sehr froh, dass ich bei Messer nicht Bass spielen muss und das der Pogo übernimmt. Vor Messer hab’ ich nie solche Texte geschrieben. Andere Sachen schon, so Essays und journalistische Sachen. Als ich dann damit angefangen habe, merkte ich ziemlich schnell, dass mir das Spaß macht und ich einen Ausdruck finde, den ich beim Sound, mit einem Instrument gar nicht herstellen könnte, einfach weil ich dafür nicht gut genug bin. Ich bin schon noch überrascht, was mit einem passiert, wenn man Songtexte schreibt. Am Anfang sind das für einen nur Worte, wenn das dann in Verbindung mit dem Sound funktioniert, merkt man, wie sich die Wahrnehmung der eigenen Texte noch mal völlig verändert. Das ist wirklich spannend. Und macht unglaublich viel Spaß.

Habt ihr an den Texten gemeinsam gefeilt oder ist das allein dein Job?
Hendrik: Bei einer Sache haben wir mal zusammen daran gearbeitet. Bei dem Stück „Lügen“ gibt es so eine augenzwinkernde Referenz auf „Mein System kennt keine Grenzen“ von Blumfeld und da kommt am Ende so eine Choreinlage, bei der die anderen singen: „Meine Wut kennt keine Grenzen“. Das war aber eher witzig motiviert. Das ist so unser Humor. Das fanden wir irgendwie cool. Ansonsten reden wir aber immer über alle Texte, die ich allein schreibe. Genau so wie wir darüber reden, was bei der Gitarre, beim Bass und beim Schlagzeug passiert. Wir sind da sehr demokratisch und können auch gut miteinander. Und ich habe nie das Gefühl, dass ich da den anderen Gerecht werden muss. Ich mach – und kann eigentlich machen was ich will.

Philipp: Natürlich reichen wir neue Texte schon mal durch den Proberaum und natürlich hätten wir dann die Möglichkeit, zu sagen: „Hey, das kannst du jetzt so aber nicht singen!“ Das ist aber bisher noch nicht vorgekommen. Bei unserem neuesten Stück war es das erste Mal so, dass der Text zuerst da war. Da haben wir dann versucht, dem Text eine Musik zu verpassen. Bisher war es immer anders herum.

Hendrik: Wir schreiben schon fleißig an einer neuen Platte und haben die Hälfte der Songs bereits fertig und da gibt es einen Song, der wird „Das Versteck der Moräne“ heißen, bei dem ich nicht wusste, wie die anderen das finden werden und ob sie das einfach abnicken, weil der Text einfach irgendwie krass ist. Das wird man dann irgendwann hören. Aber das war wirklich so ein Moment, wo ich nicht wusste: Geht das mit Messer so oder ist das zu viel, zu intim. Ja, aber die drei fanden das super und dann haben wir das gemacht.

Nun, das klingt, als hättet ihr ein sehr harmonisches Bandgefüge. Seit ihr euch bei so viel Einigkeit trotzdem bewusst, dass Bands mit selbstbewussten Sängern auch schnell mal zur One-Man-Show mutieren?
Philipp: Dessen sind wir uns sehr bewusst. Gerade das ist ein Thema, über das wir von Anfang an sehr viel gesprochen haben. Bei dem, was innerhalb der Band abläuft, also wie Songs entstehen, wie wir Organisatorisches regeln, drängt sich wirklich niemand spürbar in den Vordergrund. Da ist es wirklich so, dass wir eine Band sind und nicht: Da ist ein Sänger und der hat noch Musiker hinter sich.

Hendrik: Wir heißen ja auch nicht Hendrik Otremba & die Gruppe Messer. Wir sind Messer. Natürlich gibt es Möglichkeiten, noch Musiker dazu zu holen. Aber im Moment, für uns, sind das wir vier und ich weiß, dass sich das nur so gut anfühlt, weil wir uns kennen und weil wir wissen, was wir wollen und was wir nicht wollen. Diese Harmonie ist wichtig für die Band, funktioniert aber nur, wenn sich da jeder einzelne gut untergebracht und integriert fühlt. Aber das ist bei uns Standard und das hätten wir auch nie anders durchgezogen.

Philipp: Es liegt eben an der Natur der Sache, dass der Sänger im Vordergrund steht. Wir verfolgen ein bisschen den Gedanken: Hendrik steht so weit im Vordergrund wie es der Band gut tut. Momentan gibt es zum Beispiel auch den groben Plan, eine Ausstellung zu machen, in der Hendriks Bilder, also seine gemalte Kunst, verbunden mit Messer gezeigt werden. Da ginge es dann wirklich drum, eine Verbindung zwischen Kunst und Musik herzustellen, was dann wahrscheinlich etwas interessantes Neues hervor bringen würde. Da wäre es dann auch egal, wie viel von ihm und wie viel von uns beigesteuert wird. Unser Ego ist nicht so groß, dass wir Angst haben, in so einem Fall irgendwie benachteiligt zu werden.

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