Dear ReaderIm Gespräch mit Cherilyn MacNeil

von Christian Heerdt · 26.08.2012

es ist sonntag der 26.08.2012. draussen giesst es in strömen, in unserem gemütlichen expo-wal auf dem bootboohook festival ist es warm und trocken und cherilyn von dear reader redet mit mir wortwörtlich über gott und die welt bei bier und wasser… und leider keinem käsekuchen… oder zitronen-tart.

ich weiss, dass du nicht mehr über die letzte platte, »idealistic animals« sprechen möchtest. ich hoffe, du sprichst mit mir trotzdem über idealismus.
oh, das ist mal was neues, klingt gut.

wurde das noch nie vorher gefragt?
na ja, es wird immer gefragt, was ich mit dem begriff "idealistic animals" meine.

das finde ich ziemlich offensichtlich.
ja, es ist auf jeden fall offensichtlich und deswegen… [knurrt lachend]. das albumkonzept hat wenig zu tun mit dem, was ich mit idealismus im allgemeinen verbinde.

was bedeutet das wort "idealismus" denn für dich?
idealismus ist der wunsch danach, wie dinge sein sollten. ich war einst sehr idealistisch und ich glaube auch, dass jeder mensch es eigentlich ist, wenn er jung ist. aber ich bin nicht mehr so idealistisch. ich bin eher eine zynische person. das glaubt mir keiner, weil ich so naiv, kindisch und quirlig rüberkomme. bei mir ist da ein wichtiger faktor das vertrauen. das ist auch bei jedem anders und es kann auch traurig sein, wenn man sich vom idealistischen menschen zu einem weniger idealistischen menschen entwickelt. als ich jünger war, habe ich in einer sehr behüteten und guten welt gelebt und habe an gott und einen masterplan, der immer funktioniert und dir entgegen kommt, geglaubt. das bedeutet, dass nichts je passieren kann, dass nicht passieren sollte. dieser ganze kram hilft dir, idealistisch zu sein.

glaubst du an gar nichts davon mehr?
ich weiß nicht, ob da irgendwas ist. das macht mich zur agnostikerin. auf der einen seite will ich, dass da etwas ist, auf der anderen seite kann ich es oft nicht halten, die nase zu rümpfen oder zu lachen wenn es um jegliche form von glauben geht. wenn ich sage, dass ich religiös war, dann meine ich, dass ich extrem religiös war.

katholisch?
evangelisch.

hey, so wie ich. ich habe auch mal theologie studiert. nicht aus glaubensgründen oder so, aber das ist ein anderes thema. ich fand es immer interessant, leute zu sehen, die darin richtig aufgegangen sind. die wurden mehr oder weniger von ihrem glauben getragen und unterstützt und das hat man gemerkt.
auf jeden fall. wenn ich mit leuten spreche, die aus dem gleichen kreis kommen wie ich und nehmen wir mal an, die zweifeln oder so, dann sage ich: "wenn du glauben kannst, dann solltest du es tun", denn es macht das leben einfacher und es hat mich zum beispiel glücklicher gemacht. ich kann da aber nicht dran glauben, das ist unmöglich. es kam irgendwann eine krise in meinem leben und die hatte noch nicht einmal was mit der kirche an sich oder irgendwelchen heuchlern zu tun, denn ich war von sehr guten menschen umgeben. worum es ging war die frage, ob das echt ist; ob da etwas ist. spreche ich mit meinen vier schlafzimmerwänden oder…

hast du auf eine antwort gewartet, die niemals kam?
so ist es. da kam einfach nichts in irgendeiner form. ich habe 23 jahre meines lebens damit verbracht, mit ganzem herzen diese sache zu verfolgen, habe auf viele verschiedene dinge verzichtet und bin die verrückte und aussenseiterin gewesen, mich so verdreht, um ein guter mensch zu sein - und das noch nicht einmal zum selbstzweck. ich habe das gemacht, damit leute denken, dass ich ein guter mensch bin.

wenn man von der kirche ausgeht, kann man sagen, dass diese institution ein ideal vertritt, wahrscheinlich aber nicht das ideal. meinst du, es gibt so viele verschiedene subjektive ideale, dass es das ideal gar nicht gibt?
man kann in allem und nichts idealistisch sein. die frage ist, ob es gut ist, idealistisch zu sein oder nicht. uff, das ist verdammt schwer. ich meine, es kann ja auch sehr deprimierend sein am ende des tages. wenn man zum beispiel einsieht, dass die dinge nicht so sind, wie man gedacht hat. nimm als beispiel diesen backstagebereich… na gut, der ist jetzt auch nicht mehr so gefüllt mit hippen leuten, aber nehmen wir das einfach mal an. diese leute glauben total an dieses ganze musikersein und sind dabei sehr wichtig. die idealisieren halt genau das und die welt der musik und kunst. das meiste davon ist vielleicht auch quatsch.

ja, menschen, die im büro arbeiten, würden bestimmt auch sagen, dass so ein musiker- oder künstlerleben nicht der ideale weg ist.
oder die würden genau das gegenteil sagen. sowas ist ja auch für viele menschen das leben eines großen traums. ein sehr freier lebensstil. das denken ja auch viele leute. vielleicht ist es auch so und wir sind einfach nur zu undankbar und können deswegen zu wenig freude haben. ich wünsche mir, manchmal idealistischer zu sein. was nicht heißt, dass ich es gar nicht bin. hin und wieder merke ich es auch bei mir. in solchen puren momenten, zum beispiel das zusammensein mit menschen und lieder zu singen, momente mit der familie. idealismus ist deswegen bestimmt ein sehr subjektiver begriff.

wenn du mal deine musik betrachtest, wie idealistisch ist die dann für dich und unter umständen auch für andere menschen?
oh gott…

du wolltest ja nicht über die platte sprechen, jetzt müssen wir durch solche fragen, tut mir leid.
[lacht] mach dir keine gedanken, das ist eine sehr gute frage. dadurch ist sie nur leider nicht einfacher zu beantworten. wenn idealismus der wunsch danach ist, wie dinge sein sollten, ist meine musik dann die, die sie für mich sein sollte? nein, ganz und gar nicht. [lacht] meine musik ist ein versagen auf ganzer linie dessen, was ich mir von musik wünsche.

das geht mir genauso. wenn ich ein lied aufnehme und es danach anhöre, denke ich mir auch, dass das eigentlich nicht die art und weise ist, wie musik sein sollte.
ja, das kommt einfach so raus und ich denke mir dann auch immer "was soll das denn, ich klinge wie ein verdammtes musical!". im nächsten moment denke ich mir dann "whatever", irgendwo muss das aber herkommen. genauso ist es auch, wenn man durch seine musik auf einmal zu einem ideal für andere menschen wird. das sind die momente, in denen ich geschockt frage "ok, du stehst wirklich auf meine band?". hm, ist meine band oder meine musik idealistisch? für mich persönlich schon. für andere könnte sie einfach naiv daherkommen. naivität ist aber wiederum etwas, das ich mit idealismus verwechsle. derzeit sind die beiden begriffe für mich eigentlich ein und dasselbe, was aber unfair dem idealismus gegenüber ist. [lacht]

mein lieblingsbeipiel ist da mal wieder kimya dawson, die auch sehr naiv rüberkommt. die trifft dadurch aber immer den nagel auf den kopf.
auf jeden fall, sie ist dadurch sehr gewieft und tiefsinnig. diese tiefsinnigen momente kann ich auch haben. dann weiß ich manchmal nicht, wo bestimmte gedanken herkommen. diese gedanken sind dann eine art resultat verschiedener emotionen, sehr aufgeräumt und sauber. und auch deswegen muss meine musik idealistisch sein, weil das leben ja niemals so ist. das leben ist niemals so sauber und emotionen lassen lassen sich nicht einfach so zusammenfassen im leben. sobald man aber einen song darüber macht, findet man einfach sehr klare linien vor. das kann ja nur ein ideal sein, denn etwas so komplexes wie das leben verpackt man nicht gesamt.

bei tv noir hast du einmal gesagt, dass du kaum musik hörst und auch selten musik machst. das klingt ja nicht so ideal für eine musiker, findest du nicht?
ich bin eine sehr seltsame musikerin. ich spiele nie ein instrument, ausser wenn ich ein lied schreiben will. musik schreibe ich unregelmäßig und hören tue ich musik echt nur wenn ich im auto bin - und derzeit habe ich kein auto. wenn ich über kopfhörer musik höre, dann komme ich mir komisch vor, besonders in der öffentlichkeit. zu hause könnte ich noch nicht einmal richtig musik höre, weil mein plattenspieler kaputt ist [lacht]. all das zusammengerechnet ergibt ein echt musikloses leben. mein freund hingegen hat in jedem raum ein radio stehen. der geht ins bad, macht das radio an, kommt in die küche, stellt das radio an, geht ins schlafzimmer, und und und. es ist fast so, als ob er die stille nicht aushält. bei mir ist es fast genau umgekehrt. ich brauche musik wirklich nur im auto. ich fahre auch gern mit dem fahrrad und laufe gern und früher in der heimat habe ich das auch immer mit musik gemacht. dann habe ich meist ein album drei monate lang gehört, weil ich so eben musik höre. wenn mir eine platte gefällt, dann höre ich sie wieder und wieder. in den letzten zwei jahren, die ich in berlin lebe, habe ich zum beispiel "micachu and the shapes" gehört.

die haben mir erzählt, dass sie auf dinosaurier stehen.
[lacht] ja! die fragen hättest du mir auch stellen sollen! was hat es überhaupt damit auf sich? warum steht unsere generation so auf dinosaurier? als ich ein kind war, waren dinosaurier der knaller. wir hatten magazine, fernsehsendungen, bücher, einfach alles über dinosaurier. das war doch bei dir genau so, oder?

ja, vergiss nicht die power rangers!
das war doch mehr eine jungssache. ich frage mich dennoch, ob kinder von heute immernoch so auf dinosaurier abfahren.

eine gute frage. wir schweifen leider ab, lass uns noch mal auf den idealismus zu sprechen kommen. wenn es mal vorkommt, dass du musik im radio hörst, wie urteilst du darüber?
hm, ideale musik also. als allererstes muss sie originell sein, wobei das ja sehr schwer ist, komplett originell zu sein. es muss etwas sein, das neuartig klingt irgendwie. ausserdem sollte sie ehrlich sein. ich denke, dass der größte teil der musik, die gemacht wird, nicht ehrlich ist. das betrifft auch kunst oder menschen.

würdest du dich in bezug auf musik als ehrlich bezeichnen?
ja. wenn ich das sage, dann meine ich, dass die dinge, die ich mache, nicht bis ins kleinste durchkonzipiert sind. ich mag es nicht, wenn ich hören kann, dass jemand versucht hat, bestimmt zu klingen. wenn bands zum beispiel versuchen, alles haarklein auseinander zu nehmen und dann haben sie ihre zutaten, die sie zusammenfügen. so wie "ich nehme dies oder das, weil ich dieses oder jenes damit ausdrücken will". in einem dear reader stück wirst du so etwas nie finden. da steckt kein kalkül hinter. dann klingt halt ein song mal nach cabaret, sei´s drum! [lacht] ich sollte vielleicht mehr darüber nachdenken, wie ich musik mache, dann würde ich meine musik auch bestimmt mehr mögen. zusammengefasst ist authentizität wahrscheinlich das wichtigste für mich. was ich überhaupt nicht mag sind band, die zum beispiel retro klingen wollen wie bands von früher oder so.

ja, retro… was passiert in der zukunft? sagen wir in der sehr nahen zukunft - womit ich meine, dass wir ein perfektes ende für dieses interview finden sollten.
hm, käsekuchen! [lacht]

meinst du, dass das ein gutes ende ist?
oh ja, ich glaube aber, dass die keinen hier haben. moment, noch besser, zitronen-tart! das ist schon ewig her, dass ich das gegessen habe.

es tut mir leid, ich kann beides nicht anbieten.
[grummelt] ich will es jetzt! …aber nicht schlimm, dann hören wir jetzt einfach so auf.

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