Ira AtariIm Gespräch mit Ira Atari

von Christian Heerdt · 03.09.2012

zwei kinder aus kassel in einem großen wal. ira atari und ich sitzen vor ihrem konzert am freitagabend des bootboohook festivals 2012 zusammen auf der couch des cateringbereichs und quatschen über ganz viel herkunft.


bist du schon auf der documenta gewesen?
oh gott, das war die falsche frage [lacht]. ehrlich gesagt nein, ich habe es noch nicht geschafft. ich will auf jeden fall noch hingehen, wir spielen ja morgen auf dem 'mind the gap festival' in kassel. danach habe ich zwei tage frei und bleibe bei meinen eltern. dann könnte ich eigentlich mal hingehen.

ja, beeil dich, die documenta macht anfang september glaube ich zu. was uns zwei verbindet ist die gemeinsame herkunft, was glaubst du lässt menschen sich durch musik mit orten identifizieren, die nicht ihre heimat sind?
[lacht] oh gott, endlich mal keine 'warum heisst du ira atari'-frage. du möchtest wissen, was verbindet menschen, wenn es nicht die heimat ist, oder?

es geht in die richtung. ich nenne mal ein beispiel: als der westberliner rap immer salonfähiger wurde haben immer mehr jugendliche angefangen, die stadt berlin, auch wenn sie noch nie dort gewesen sind, zu feiern und sich damit zu identifizieren.
das wäre ja auch das thema hype. ich persönlich möchte kein höriges publikum haben, die so sehr alles mitsingen und mitmachen, was ich auf der bühne mache. ich will lieber ein emanzipiertes publikum. mit emanzipierten leuten, die nicht klatschen, wenn ich mal so mache [klatscht in die hände]. ich möchte nämlich auch nicht so animiert werden. wenn ich im publikum stehe, dann will ich den ganzen zirkus auch nicht mitmachen. die kehrseite an einem weniger hörigen publikum ist natürlich, dass man weniger platten verkauft. ich mag einfach kein kiddy-parolen-geplärre-publikum haben. dann lieber nur zwanzig leute, die…

wobei du ja manchmal parolisch oder plakativ bist.
findest du? hm, na gut ich habe schon manchmal ein paar textstellen, die gut ins ohr gehen aber der großteil ist eher nicht plakativ. na klar sollen die leute sich mit irgendwas identifizieren, das soll aber emanzipiert geschehen. wenn ich mir etwas anschaue, dann bin ich auch keine marionette, die alles mitmacht. und so möchte ich das auch für mein publikum. jeder kann gerne zuhören und spaß haben und mitgehen, wenn er/sie es will. natürlich fessele ich die leute auch irgendwie, das passiert aber glaube ich hauptsächlich, weil es mir sehr viel spaß macht. gestern das publikum in mainz zum beispiel musste man erstmal ein bisschen aufwecken. es war ein sehr heißer tag und abend und deshalb waren nicht viele menschen im publikum. mir hat es aber trotzdem total spaß gemacht und den leuten dann auch. ich habe kein geheimrezept, bei dem ich auf ein knöpfchen drücke und dann sofort weiß, was passiert. ich schaue mir das ganze erstmal an und wenn es mir dann spaß macht, macht es meist den leuten auch spaß und sie sind gefesselt.

dann sind die menschen ja ein stück weit fasziniert. um bei den themen städte und identifikation zu bleiben, wie fasziniert warst du damals von den sogenannten großen städten, in denen du nun auch oft musik machst?
es gab bei mir die kinder- und jugendphase, in der ich mit dem ganzen großstadtkram gar nichts zu tun hatte - ich komme ja vom dorf. die phase danach, die 20er also, da habe ich 5 jahre klassisches klavier studiert und musste den ganzen tag klavier üben. viele meiner freunde und bekannten sind damals nach berlin oder hamburg gegangen während ich es sehr, sehr lange in kassel ausgehalten habe und ich habe tatsächlich gern dort gewohnt, weil ich nicht abgelenkt war und in ruhe arbeiten konnte. anfangs dachte ich 'oje, ich muss jetzt auch schnell nach berlin ziehen, damit aus mir was wird usw. und damit ich dazugehöre', aber das war irgendwie eine lange zeit nichts für mich. es gab mal eine managerin, die zu mir gesagt hat, dass wenn du als musikerin nicht aus berlin kommst, du schlechtere karten hast. was für ein unsinn. seit einem halben jahr wohne ich jetzt in berlin und bin noch nicht cooler oder hipper geworden. auch wenn leute beispielsweise zu mir sagen, dass ich ja schon ein bisschen berühmt bin, dann sehe ich das eher nüchtern und merke auch ehrlich gesagt nicht viel davon.

was einem ja schnell als arroganz zugeschrieben werden kann…
na ja, vielleicht. aber ich sehe das gar nicht so. schau, ich habe immernoch meinen koffer und sitze im zug, dann gehe ich irgendwo in einen club und soundchecke. das sollten sich die leute merken! wenn man nachmittags zum soundcheck in einen club geht, dann sieht man schmutzige wände und es stinkt meistens - es gibt also so gut wie keinen zauber [lacht].

auch wenn das so unglamourös klingt ist der zauber doch trotzdem da, sonst würde man es ja nicht machen, oder?
es gibt eine sache, die mich immer gehalten hat, egal wie doof und anstrengend alles war. ob das jetzt persönlicher stress war oder sich ein hotelzimmer mit den ganzen audiolith-jungs zu teilen [lacht]. was mich immer gehalten hat, waren die auftritte. selbst wenn die nur eine halbe stunde gingen. das ist so eine tolle energie und das adrenallin danach ist toll und faszinierend.

audiolith ist ein guter punkt. die sind ja in hamburg und du in berlin. welche rolle spielt da die städteidentifikation?
es ist tatsächlich so, dass wenn wir in hamburg spielen, sich das wegen des labels wie ein heimspiel anfühlt. zu hause fühle ich mich weder in berlin, noch in hamburg. wenn, dann schon richtig auf dem dorf bei meinen eltern oder einfach in der natur.

warum hast du dich dann für berlin als deinen wohnort entschieden?
ich fand berlin immer reizvoller, vielseitiger und vielschichtiger als hamburg. natürlich ist hamburg auch eine tolle stadt aber das hat mich nie so wirklich gereizt. es wohnen auch mehr leute, die ich kenne, in berlin.

das großstadtleben kann ja auch eine risokoreiche sache sein. bei 'bowling for columbine' spricht der 'southpark'-macher matt stone davon, wie alle coolen kids auf der schule später ziemlich langweilige leben geführt haben. zwar mit astreiner krankenversicherung und gesichertem einkommen, dafür aber sehr öde. als musiker ist sowas ja selten gegeben, so ein sicherer weg.
ich habe neulich überlegt, was man sich für sein kind wünschen würde. man würde sich ja nicht wünschen, dass das kind reich und berühmt wird, sondern dass es glücklich wird und erfüllt ist mit freude. dazu gehört nicht unbedingt, dass man eine tolle ausbildung hat oder sowas, das zählt alles nicht. mein vater hat sich glaube ich eine zeit lang gewünscht, dass ich mal sein architekturbüro übernehme, er hat mich aber immer selbst entscheiden lassen und mir nie ein schlechtes gewissen gemacht oder sowas. meine mutter hat immer gesagt, dass ich alles machen soll, wie ich es will. anders ging es bei mir eh nicht. meine eltern haben mich immer unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin. ach so, meine oma hat mein musikstudium mal als 'brotlose kunst' bezeichnet. das fand ich irgendwie lustig.

witzig, ich habe immer dieses modell im kopf von eltern, die dahinter sind, dass aus ihren kindern ja etwas anständiges wird und großeltern immer mit einer aus erfahrung gewonnenen ruhe an das thema herantreten. wo wir gerade bei eltern und großeltern, sprich wurzeln sind: du kommst ja aus der klassischen musik, erkennst du in deiner musik deine klassischen wurzeln wieder?
um ehrlich zu sein, nicht so richtig. ich habe mich mit 14 so richtig fürs klavierspielen entschieden. 14 ist ja eigentlich schon zu spät, wenn man vorhat, das instrument einmal an einer uni/akademie zu studieren. was aber zum beispiel viele technische schwierigkeiten überwunden hat, war meine enorme spielgier, so muss man es schon fast nennen. ich wollte ein bestimmtes stück unbedingt spielen können und dann habe ich es so lange geübt, bis es geklappt hat. ich wünsche mir das manchmal zurück, leider habe ich das jetzt nicht mehr in dem ausmaß. es ist ein bisschen schade, dass man sowas verliert, aber man sollte von glück sagen, dass man sowas mal erleben durfte. solch eine leidenschaft und energie. um auf die frage zurückzukommen, ich weiß nicht, ob ich in meiner musik klassische musik unbedingt wiedererkennen kann. man muss dazu sagen, dass ich nicht klassisch/konservativ geschädigt bin oder so. meine eltern haben mir nicht gesagt 'so, jetzt wird den ganzen tag bach gehört!'. im allgemeinen bin ich offen für alle genres, außer volksmusik. nun weiß ich aber nicht, ob ich die klassische musik in meiner musik wiedererkenne. es ist ja schon ein ganz anderer anspruch, eine andere herangehensweise, aber ich weiß zum beispiel, dass die gefühle, die popmusik oder klassische musik auslöst, die gleichen sein können.

gibt es nicht trotzdem irgendwelche muster, die du bewusst in deine jetzige musik mitnimmst?
ja, naja was heißt muster....nicht so richtig. es gibt akkorde, von denen ich aus meinem harmonielehreunterricht weiß, wie man sie kombinieren kann, dass sie sich gut anhören.

beim dockville festival sprach ich mica von 'micachu and the shapes' und die hat geige und bratsche studiert, ihre musik springt aber noch viel mehr aus dem klassischen rahmen als deine. hältst du deine musik für einen mittelweg zwischen klassischer musik und experimenteller popmusik oder siehst du sie persönlich schon als ausbruch und extrem an?
ehrlich gesagt sehe ich meine musik schon als ausbruch, denn ich habe mich fünf jahre lang nur mit sogenannter e-musik beschäftigt. es fühlte sich zeitweise so an, als hätte ich im 17. jahrhundert gelebt. auch bei den leuten, mit denen ich studiert habe, war der zeitgeist ganz woanders. ich hatte manchmal das gefühl, in einer anderen welt zu sein und wollte irgendwann an den puls der zeit zurück. vielleicht ist das bei mir auch deshalb so extrem ausgefallen. ich wollte nicht vermitteln, darum ging es mir nicht. ich wollte etwas neues kennenlernen und ich wusste, dass etwas interessantes dabei herauskommen kann. natürlich hätte ich auch von anfang an sagen können 'hallo, ich habe klavier studiert und kann auch ein bisschen singen und deswegen mache ich jetzt ein klavierlied mit singen', aber ich wollte ja auch eine coole lady sein [lacht]. jetzt würde ich gern mehr vermitteln.

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