Animal CollectiveIm Gespräch mit Noah Lennox

von Annett Bonkowski · 01.09.2012

für die aufnahmen zum neuen album »centipede hz« haben animal collective einiges an equipment und ideen mit ins studio geschleppt. nur die samthandschuhe sind draussen geblieben, denn mit den neuen songs packen sie ihre fans alles andere als sanft an den gehörnerven. das ungehemmte aufeinanderprallen und die symbiose der vier einfallsreichen köpfe mündet in einem klanglich lebhaften und impulsiven werk, das sich jeglichen dynamischen begrenzungen erfolgreich zu widersetzen scheint.

wir trafen noah lennox in berlin und sprachen mit ihm über das forsche klangbild des neuen albums, den avantgarde-charakter von musik aus heutiger sicht sowie über den verfall der radio-kultur und die damit verbundenen auswirkungen.


ihr habt mittlerweile neun studioalben auf der hohen kante und plötzlich kommt ihr mit "centipede hz" um die ecke, das so turbulent und gewaltig daherkommt, als ob ihr ganz unbescholten ein kraftvolles debüt aus dem ärmel geschüttelt hättet.
wenn ich an unser neues album denke, dann kommt mir immer der vergleich mit einer tasse kaffee an morgen in den sinn. es fängt alles sehr schnell an und schaukelt sich bis zu einem energielevel mit viel intensität hoch bevor es genauso schnell wieder nach unten geht. die wirkung von kaffee ist da ja sehr ähnlich. erst macht er dich munter und dann kommt das tief, wenn das koffein seine arbeit getan hat. für mich erzeugen die neuen songs alle eine große dichte. schon allein deswegen, weil sie eine menge an informationen für den hörer bereithalten, die von diesem erst einmal verarbeitet werden müssen. als die platte fertig war, habe ich auch ein paar durchläufe gebraucht bis ich alles, was da vor sich geht, begriffen hatte. erst jetzt mit etwas abstand von der getanen arbeit habe ich das gefühl, dass ich die neuen songs überhaupt als großes ganzes sehen kann. es ist mit sicherheit das dynamischste und auch aggressivste album, das wir jemals zustande gebracht haben.

ihr verschwendet auf keinen fall zeit damit diese tatsache schon in den ersten minuten ziemlich deutlich auf musikalischem wege zu untermauern. mit welchem verlangen gehst du nach all den jahren zur studiotür herein, was übt auf dich den größten reiz aus, wenn ein neues musikalisches kapitel beginnt?
nach wie vor erfasst mich beim betreten eines studios immer ein ganz besonderes gefühl. ich bin aufgeregt und innerlich macht sich etwas in mir breit, das ich so nur verspüre, wenn ich musik mache. keine andere tätigkeit löst dieses gefühl in mir aus oder ist nur annähernd damit vergleichbar. selbst prozesse, die während der entstehung eines albums eher arbeit als spaß sind, werden dadurch aufgewogen und können dieses gefühl nicht mindern. ausserdem ist es schön zu wissen, dass ich etwas tue mit dem ich meine familie unterstützen kann.

die neue platte wurde von euch wieder als komplette band, sprich unter mithilfe von allen vier bandmitgliedern aufgenommen. wie viel macht es am ende aus, wenn man als quartett an einem album mitwirkt?
das letzte mal haben wir unsere vier köpfe vor ungefähr fünf jahren zusammengesteckt. das ist eine ganze weile her, so dass ich hoffe, dass man den songs anhört, dass wir uns alle weiterentwickelt haben. wir sind alle ein wenig älter geworden und können dadurch auch verschiedene aspekte an ein album herantragen. alles zusammengezählt, ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass die songs so explosiv geworden sind. schließlich sind vier sichtweisen zu einem ganzen verschmolzen. was die kommunikation in kreativen belangen angeht, halten wir es nach wie vor demokratisch. dennoch gibt es auch zeiten, in denen meinungen aneinander reiben und auch unterschiedliche positionen eingenommen werden. es ist wird mit der zeit aber immer einfacher auch diese phasen hinter sich zu bringen und kompromisse einzugehen. es ist aber nicht so, dass wir jeden tag im studio eine neue schlacht beginnen (lacht).

wie viel wird denn in einer gängigen jam-session vor den albumaufnahmen wirklich geredet, wenn ihr alle zusammenkommt, um die richtung eines neuen albums zu definieren?
es wird nicht extrem viel geredet, wenn wir die arbeit an einem neuen album beginnen. wenn es soweit ist, dann werfen wir höchstens ein paar ideen in den raum, aber tauschen uns nicht lang und breit darüber aus, wohin die reise gehen soll. das passiert dann eher wie von selbst, wenn wir dann anfangen praktisch an die sache herangehen. als wir mit "centipede hz" loslegten, haben wir in den ersten paar wochen nur die ungefähre klangfarbe und grundhaltung der songs festgelegt. die letztendliche intensität und aggressivität der stücke haben wir aber nicht vorbestimmt, sondern nur aus uns heraus gelassen. wir haben uns vorgestellt, wie es wäre eine alien-band zu sein und was für eine klangliche auswirkung das hätte. das war der emotinale ansatz, von dem aus wir uns musikalisch haben treiben lassen. je mehr wir an den songs gearbeitet haben, umso alienhafter wurden unsere ideen.

ihr geltet in der presse allgemein als vorzeige-avantgarde-band. was bedeutet für dich persönlich im jahre 2012 noch der begriff "avantgarde", wo vor allem musikalisch dank der fortgeschrittenen technik fast nichts mehr unmöglich scheint?

ich habe das gefühl, dass der begriff über die zeit hinweg stark an gewicht verloren hat. vor allem das internet hat einiges dazu beigetragen, denn durch die flut an informationen wird eine art gleichförmigkeit erreicht, die es damals nicht in dieser form gab. diese entwicklung hat den eigentlichen avantgarde-begriff doch stark beschädigt, wenn nicht gar zerstört. ich versuche gerade an etwas zu denken, das dieses wort noch sinngemäß zum ausdruck bringt...

denkst du denn, dass animal collective dem anspruch eine avantgarde-band zu sein aus heutiger sicht gerecht werden?
nein, ich glaube das können wir auch gar nicht. ich verbinde mit "avantgarde" immer noch etwas, das aus heutiger sicht völlig unanhörbar ist. etwas, das die eigenen dimensionen und auch erwartungen sprengt. jetzt ist mir doch jemand eingefallen, der all dem wohl am nähesten kommt. es gibt da einen typen namens DJ nate in chicago, der ziemlich anders ist als die anderen DJ's da draussen. wenn ich mich nicht täusche, macht er im rahmen eines künstler-kollektivs musik. seine arbeit ist sehr durch vocal samples geprägt, ist wahnsinnig schnell und spielt mit der extremen wiederholung von motiven, was mir sehr gut gefallen hat. auf jeden fall sind seine songs wie frisches futter für meine ohren.

brian eno hat einmal über avantgarde-musik gesagt sie sei ähnlich wie die forschung. man ist froh, dass sich jemand damit beschäftigt, aber man möchte sich das ergebnis nicht unbedingt anhören.
damit hat er wohl recht. es stimmt schon, dass avantgarde-musik genau dieses gefühl bei vielen menschen auslöst. es ist einfach zu neu, als das man es in diesem moment wirklich fassen und damit auch hören könnte, ohne davor wegzulaufen, weil es meistens auch unbequem ist. ich bin mir allerdings nicht sicher, ob der rest der band mir da zustimmen würde! (lacht)

warum denkst du, dass sie anderer meinung sind?
meine hörgewohnheiten sind schon etwas unterschiedlich im vergleich zu denen der anderen jungs. es ist nicht so, dass ich diese art von musik nicht zu schätzen weiss, aber ich muss sie auch nicht unbedingt über meine anlage hören.

"centipede hz" beinhaltet weniger samples als man es von euch gewöhnt ist und strebt mehr nach einem band-sound. was muss ein sample haben, damit es interessant für dich ist?
komischerweise sind für mich immer genau die stellen in einem song als sample interessant, die relativ unscheinbar wirken und auf denen kein großer fokus liegt. ich liebe es solche song-teile dann in einem anderen kontext neu zu erschaffen. es ist fast so, als ob man eine skulptur aus müll machen würde. das ist nicht gerade nett demjenigen gegenüber, der den müll fabriziert hat, denn dieser ist ja etwas wert, aber es ist ein ähnlicher prozess. für mich war es schon immer eine große herausforderung etwas fremdes zu nehmen und es zu meinem eigenen ding zu machen. man stiehlt etwas und versucht dabei die quelle so gut es geht zu verstecken.

nach welcher art von samples hast du inbesondere an der arbeit zum neuen album ausschau gehalten?
es ist eigentlich nur ein einziges sample von mir auf dem album gelandet, wenn ich so recht darüber nachdenke. ich habe es mit einem omnichord hergestellt. das ist ein instrument, das allerhand tasten und knöpfe zum drehen hat. es gibt auch einen abschnitt, bei dem man seine hand darüber bewegt und dadurch ein elektronischer klang erzeugt wird. man kann damit aber auch verschiedene rhythmen produzieren, die wohl als vorlage für alle anderen klänge dienen, wenn ich das richtig verstanden habe. jedenfalls habe ich damit einen rhythmus zustande gebracht, den ich danach noch klanglich so bearbeitet habe bis er mir für den song "new town burnout" passend erschien. mehr habe ich in sachen samples wirklich nicht zur neuen platte beigesteuert. brian (weitz, anmerk. d. red.) hat dafür in klanglicher hinsicht unglaublich viel für das album getan. sein mitwirken an den songs und all seine ideen begeistern mich wohl am meisten, wenn ich so auf die neuen stücke schaue. er hat so ein gutes händchen für sounds und kann damit eine ganz eigene atmosphäre erzeugen. auch dieses mal hat er sich wieder übertroffen und etwas ganz neues aus dem hut gezaubert.

verlasst ihr euch bei aufnahmen generell gerne auf "alte" instrumente, die euch bereits vertraut sind oder haltet ihr durchweg die augen für neues "spielzeug" offen, wenn es darum geht sich klangtechnisch weiterzuentwickeln?
ich greife sehr gerne auf instrumente zurück, die schon länger in meinem besitz sind, aber nur, wenn ich sie in der vergangenheit noch nicht allzu oft verwendet und ihre musikalische spannbreite ausgereizt habe. wenn ich zu lange mit ein und demselben instrument arbeite, dann habe ich das gefühl mich zu wiederholen. daher ist es spannend neues equipment zu benutzen. man fühlt sich gleichzeitig so, als ob man einen neuen weg einschlägt. für "centipede hz" habe ich mir zum beispiel ein neues schlagzeug besorgt.

wo gehst du am liebsten hin, wenn du dir neues equipment kaufen willst?
am zweiten tag der aufnahmen sind wir alle ins stadtzentrum von baltimore gefahren, wo es einen secondhand laden namens "ted's music shop" mit vielen gebrauchten instrumenten gibt. ich hatte mir für die neuen songs in den kopf gesezt auf latin percussions zurückzugreifen. in dem laden habe ich dann die passenden bongos gefunden und wir haben auch eine trommel mitgenommen, die aus einer blaskapelle stammte. das ding war wirklich riesig! wir waren alle sofort begeistert davon und überzeugt, dass sich das fantastisch auf dem album anhören würde. im studio hat sich dann allerdings herausgestellt, dass wir einfach nicht den richtigen klang damit erzeugen konnten, den wir uns vorgestellt hatten. es klang ganz schrecklich! (lacht)

jetzt dient die trommel also erst einmal als riesiger staubfänger oder habt ihr schon andere pläne geschmiedet, um sie doch noch zum einsatz zu bringen?
sie sieht einfach viel zu cool aus, als das wir das ding wieder verkauft würden. also haben wir es behalten und nun schmückt sie das studio. ausserdem schleppen wir das ding überall hin mit, wenn wir shows spielen. das ist ziemlich teuer, aber wenn du die trommel siehst, dann weisst du warum wir das auf uns nehmen. keine ahnung wie lange wir das noch durchhalten (lacht).

im vorfeld des albums wurde immer wieder betont, dass das radio eine wichtige bezugs- und inspirationsquelle für die arbeit an den songs gewesen ist. ein medium, das heute längst nicht mehr so eine große rolle spielt wie damals.
ja, das stimmt. in unserer vorstellung von uns als "alien-band" war es aufregend das radio als bezugspunkt mit in die arbeit einzubeziehen. vor allem mit dem gedanken an all die signale, die das radio von der erde ausstrahlt. für mich persönlich war es reizvoll mich an den radio-ansagen zu orientieren, die immer in den eigenartigsten tonlagen vorgetragen und mit spielereien wie explosionen etc unterlegt werden. ausserdem gefiel mir das schnelle umschalten und die hektik, die eine radiosendung so mit sich bringt. das hat uns alle sehr inspiriert. es gibt auf den neuen songs auch einige übergänge, die sehr wild und holprig sind, weil es im radio eben manchmal auch so zugeht. es passiert ein schneller schnitt und schon geht etwas neues los.

vorbei sind die zeiten und der hauch von romantik als man noch vor dem radio saß, neue künstler für sich entdeckte und das medium radio das musikbewusstsein der menschen maßgeblich prägte...
ja, leider... dafür gibt es heute eine neo-version davon und die nennt sich "spotify". das ist dann wohl so etwas wie die moderne version der radiokultur.

ist das internet auf der anderen seite gerade für künstler aus dem elektro-bereich zweckmäßig gesehen die geeignetste form wahrgenommen zu werden?
das internet scheint mittlerweile schon die erste anlaufstelle für elektronische bands zu sein, gerade auch weil das radio dieser art von musik nicht gerade allzu viel platz einräumt. es gibt ja genügend beispiele dafür, dass man allein mithilfe des internets zu erfolg kommen kann. du stellst einfach ein video bei youtube rein und schon hast du unter umständen den startschuss für deine eigene karriere gegeben. das ist verrückt, aber auch fantastisch zugleich, wie ich finde. vor zehn jahren wäre das noch nicht in der form möglich gewesen. es ändert sich alles so schnell und ständig eröffnen sich neue möglichkeiten. das ist toll!

wir sind als band mittendrin, auch wenn es manchmal etwas verwirrend sein kann, weil es so viele optionen gibt, die man ausschöpfen und in betracht ziehen muss. dennoch gefällt mir die barrierefreiheit, die das internet für musiker jeglicher art bietet. das hat allerdings auch zur folge, dass die hörer heute im vergleich zu damals nicht mehr so geduldig und aufnahmefähig sind. ich bin sehr froh, dass wir als band zu einer zeit angefangen haben, als wir noch relativ unbescholten unserer musik nachgehen konnten, ohne dass wir uns um all diese dinge gedanken machen mussten. ich weiss nicht, ob wir jetzt noch musik machen würden, wenn wir erst vor kurzem damit angefangen hätten.

stört es dich, dass elektronischer musik im radio im allgemeinen nach wie vor weniger platz als vielleicht anderen genres eingeräumt wird?
ich bin nicht wirklich frustriert, was diese tatsache angeht. dazu höre ich wahrscheinlich selbst zu wenig radio. in amerika ist alles super homogenisiert, was den airplay-charakter angeht. jede radio-station spielt eigentlich genau dasselbe und das nimmt der radio-kultur als solcher schon sehr seinen reiz. das klingt jetzt, als ob ich sehr alt wäre, aber als ich aufgewachsen bin, habe ich gar keine musik gekauft. alles, was ich musikalisch wahrgenommen habe, kam aus dem radio. selbst zu meiner highschool-zeit habe ich kaum platten gekauft, sondern hing viel vor dem radio, um musik zu hören. das war mein primärer zugang zur musik.

heutzutage scheint der zugang zur musik trotz des überangebots ein viel spezifischerer zu sein, da viele menschen eine genauere vorstellung davon haben, wonach sie suchen. plattformen wie last.fm und andere stoßen dich anhand von ein paar informationen geradezu auf verwandte musik.
das ist ziemlich schade, weil einem damit gleichzeitig das abenteuer genommen wird selbst auf musik zu stoßen, die einem vielleicht gefallen könnte. es wird einem heute viel mehr vor die nase gesetzt als früher. alles muss immer einen musikalischen bezug haben, damit die leute sich daran orientieren können. es passiert doch kaum noch, dass man etwas hört oder empfohlen bekommt, ohne dass ein dutzend vergleiche zu anderen künstlern da sind. es ist schon sehr komisch, dass das internet diese prozesse auf der einen seite begünstigt und auf der anderen seite auch völlig ins gegenteilige zieht.

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