virginia jetzt!Interview mit Mathias Hielscher
Dann erzähl doch mal, was ihr das letzte Jahr über so gemacht habt! Es gab ja eine lange Pause zwischen dem letzten Album und dem neuen jetzt.
Ja, nach außen hin wirkt es so, als hätten wir einen Monat nach dem anderen im Ausland verbracht. Aber wir waren eigentlich die ganze Zeit im Proberaum und im Studio, und haben das Album gemacht. Uns ist gar nicht klar geworden, dass wir so lange weg waren. Das hört sich jetzt ein bisschen blöd an, also: "Die Typen checken nichts mehr!" Aber es war letztendlich ganz komisch. Du arbeitest die ganze Zeit, du merkst gar nicht, du hast gar nicht das Gefühl, dass du so lange weg bist, weil du so viel arbeitest. Und dann kommst du wieder und dann sagen dir viele Leute: "Warum ward ihr denn so lange weg?" "Ne, waren wir doch gar nicht!" "Doch, ihr ward 2 ½ Jahre weg!"
Ja, es wirkt so!
Ja, und für uns fühlt sich das gar nicht so an. Wir haben eigentlich, wie gesagt, die Platte gemacht.
Die ganze Zeit?
Die ganze Zeit! Nur Platte gemacht.
Und wie kommt es dann dazu, dass das Album doch erst später veröffentlicht wird?
Weil es noch länger gedauert hat. Wir waren irgendwie im Januar, Februar im Studio und sind danach wieder gekommen und hatten zwölf Lieder und waren aber noch nicht ganz hundertprozentig glücklich. Also, wir hätten dann auch das Album fertig machen können und dann wärs auch irgendwie im August raus gekommen. Aber irgendwie hatten wir das Gefühl, dass da noch mehr drauf muss. Dann ist da noch "Land unter" dazugekommen, was jetzt auch den Titel gegeben hat und was irgendwie eins der besten Stücke mit auf dem Album ist. Oder es ist das Beste, das zentrale Stück auf jeden Fall. Und ich glaube... es ist so esoterisch. Es gibt ja immer so... du hast das Gefühl es ist noch nicht fertig einfach. Das Innere, dass du denkst: "Irgendwie ist da noch was!" Und das hatten wir, als wir im Januar oder Februar zurückgekommen sind nach Berlin. Und deswegen haben wir einfach die Plattenfirma gefragt, ob wir noch mal rein dürfen und noch mal machen können. Es war auch kein Problem und deswegen, also deswegen ist es auch egal. Weißte, lieber ein geiles Album machen und damit vollkommen zufrieden sein, als irgendwie sich so an Termine halten. Man kann Termine auch verschieben.
Und dann habt ihr einfach erstmal die EP raus gebracht?
Hmm... ja. So einfach war das gar nicht. Also, das hat sich dann alles so gefügt. Das ist ganz komisch, auch esoterisch. Manchmal kommen die Sachen dann einfach so. Nur wir hatten uns irgendwann nach dem letzten Album gesagt: "Eh, kommt! Lasst uns mal ´ne JuZe-Tour machen! Und lasst und da vielleicht so ´ne EP machen oder irgendsowas!" Und dann hat sich das aber wieder so zerschlagen, weil wir dann irgendwie doch zu sehr mit dem Album beschäftigt waren und dann war es irgendwie:" Ne, jetzt schaffen wir das nicht mehr mit der Platte!" Und dann haben wir gemerkt, dass wir nicht fertig werden und dann: "Aaaah, dann können wir ja doch die JuZe-Tour machen und die EP veröffentlichen!" So kam das alles irgendwie. Hat auf alle Fälle doch gepasst, eigentlich genauso, wie wir es wollten, nur dass irgendwie die Platte ein halbes Jahr später raus kommt, als geplant.
Genau. Wie war die JuZe-Tour?
Die JuZe-Tour war super! Kann man gar nicht anders sagen. Es hat uns geschafft, sowohl positiv als auch negativ. Also, wir waren danach alle krank und ausgelaugt und es war anstrengend. Aber wir haben unglaublich coole Menschen kennen gelernt und auch Sachen erlebt, und Sachen von denen wir noch lange zerren werden. Und ich glaube auch, wenn jetzt nächstes Jahr wieder so eine normale Tour kommt... für uns ist es wichtig immer irgendwie so einen Schritt zurück an den Anfang zu gehen! Wie so eine JuZe-Tour. Du machst ein Album fertig und dann ist so:" Wir stellen jetzt alles auf Null!" Also, dass man vergisst was vorher war, dass man vergisst was man vorher musikalisch gemacht hat, dass man vergisst dass es da Druck gibt, dass es da Leute gibt die warten oder irgendwas. Sondern, dass man sich frei macht. Und das fühlt sich auch gerade so an irgendwie. Keine Ahnung. Man macht eine JuZe-Tour... EPs bringt man eigentlich auch nur am Anfang einer "Karriere" raus. Insofern passte alles. Es passte. Alles.
Wie war denn das Publikum? Bestand es größtenteils aus Dorfjugend, oder schon richtige Fans?
Matthias: Na, Dorfjugend sind ja auch manchmal Fans! :) Nein, es war teils, teils. Wenn wir bei einer großen Stadt gespielt haben, wie jetzt in Brühl z.B. hier in Köln, da waren natürlich ganz viele Leute aus Köln und Düsseldorf da. Konzerte in Isny, da gibt es keine große Stadt, da war dann nur Dorfpublikum da. Daran lag das immer so ein bisschen, ob da jetzt eine größere Stadt direkt in der Nähe ist. Aber es war, würd ich sagen, 1/3 Fans aus der Großstadt, 1/3 Fans vom Land und 1/3 Leute die da waren, weil was los ist. Die drei Säulen der JuZe-Tour. (lacht) Für uns war das eine Reise in die Vergangenheit. Zu Zeiten, als wir in Jugendzentren gespielt haben; zu Zeiten, als wir auch selber Konzerte in Jugendzentren gemacht haben, also von anderen Bands; zu Zeiten in denen wir selber auch irgendwie weit fahren mussten, um eine Band zu sehen, die wir gut finden. Und das hat unsere Liebe zur Musik gefördert, total! Ich glaube, die meisten Leute hatten echt Spaß bei uns. Und hatten auch Spaß daran, dahin zukommen und hatten einen geilen Abend. Ich glaube, der Abend wäre für die wenigstens Leute so gewesen, wenn wir in Köln gespielt hätten. Ich glaube, die Leute die aus Köln gekommen waren, die haben, ich meine, wer kommt denn nach Brühl? Oder nach... keine Ahnung! Diese Einrichtung Jugendzentrum ist so wichtig! Aber die wenigstens Leute kennen das überhaupt, die in der Großstadt leben. Außer vielleicht so von früher, wenn die so aus der Kleinstadt kommen. Ich weiß nicht. Für unseren Booker war das sauanstrengend diese Tour zu organisieren, genauso für unseren Mischer und unsere Leute die da mitgefahren sind. Das war für alle anstrengend, aber das Geschenk, das man dann hat. Den letzten Tag hat unser Mischer gesagt: "So Mensch." und das ist so jemand, der echt Luxus liebt, der sagte irgendwie: "Mensch, das macht mal mit jedem Album. Vielleicht nicht gleich 15 Tage, aber so fünf bis sechs Tage... Es war echt geil, es hat richtig Spaß gemacht!" Und obwohl er viel mehr arbeiten musste, für viel weniger Geld. Und unser Booker genauso. Na gut, wenn wir dem jetzt sagen, wir wollen nächstes Jahr wieder eine JuZe-Tour spielen, der würde vielleicht sagen:" Danke, sucht euch vielleicht einen anderen Booker!" Ah, nein. Manchmal lohnen sich halt anstrengende Sachen viel mehr!
Ich hab vor kurzem bei wikipedia gelesen, nicht der Nino schreibt, sondern der Thomas schreibt die Songtexte. Hätte ich nicht mir gerechnet...
Das ist natürlich das beste Kompliment, das man dem Nino machen kann. Man kann es letztendlich ja nur mit dem Regisseur und dem Schauspieler vergleichen. Dass Thomas irgendwo der Regisseur ist der der Drehbuchautor und wir dann zusammen dran arbeiten. Es ist natürlich total wichtig, dass es identisch rüberkommt und nicht so soulmäßig, Hauptsache der trällert sich einen ab und zeigt welches Stimmvolumen er hat, sondern es geht einfach darum, das Gefühl kommt das von dir oder... das ist ja erstmal nur ein kleiner Kreis von Leuten die das hören und die das beurteilen können und versuchen zu beurteilen. Nino hat auch mittlerweile, über die Jahre, so eine Eigenart entwickelt zu singen. Bei "Bittle bleib nicht" ist er im Studio rumgerannt und hat Sachen zertrümmert, als er gesungen hat und sich darein versetzt hat. Nino mag das, Nino wird auch irgendwann mal ein Schauspieler werden wahrscheinlich, wenn er alt ist. Und der ist da auch sehr begabt darin, wie man ja auch sieht.
Hatten ihr eine bestimmte Intention für das Album?
Es war für uns ganz wichtig raus zu finden: Was ist Virginia Jetzt?! Das hört sich auch esoterisch an, ist es auch! Wir hatten bei dem Anfänger-Album ein ganz, ganz klares Bild: wie muss das klingen, wie soll das sein, bla bla bla. Wir haben extrem nach diesem Bild gearbeitet. Wir haben ganz viele Sachen gar nicht zugelassen. Für uns war es wichtig jetzt zu sagen: "OK, lasst uns alles zulassen was geht! Und alles was wir sind!" Und das ist aber dann auch bei vier Leuten... Und Angelo, der ist dann da ein ruhiger Schlagzeuger, aber dann mit drei, irgendwie, absoluten Ego-Arschlöchern, wie Thomas und ich das sind, und da jeder eine andere Vorstellung hat, wie das sein könnte, weil jeder andere Musik hört, andere Einflüsse hat... Und das ist im Endeffekt auch das, was das Album so unterschiedlich macht. Dass da so Lieder wie "Bitte bleib nicht" und "weit weg" sind. Es macht uns ja auch Spaß. Es macht uns ja auch Spaß einen Popsong zu spielen, es macht uns aber auch Spaß einen Schnelleren zu spielen. Das sind ja alles wir. Deswegen kann es und ja auch egal sein. Nur so war und bei dem Album eben wichtig, dass es ein Band-Album ist. Gar nicht so, es muss klingen wie live, sondern das muss so sein wie wir sind. Welche Facetten haben wir? Finden wir uns da wieder? Entspricht das der Band? Das war jetzt wichtig. Und ich glaube, deswegen hat das auch so lange gedauert. Weil es ist gar nicht so leicht raus zu finden, wer man eigentlich ist. Ich glaube deswegen rennen Leute zum Psychologen, jahrelang. Oder gehen zum Astrologen usw. Oftmals ist man auch nur jemand, der man glaubt der man ist, oder der man sein möchte, oder was andere in einen rein projizieren, oder irgendwas. Und ich glaube, die Hauptaufgabe im Leben ist rauszubekommen, wer man ist. Wer man selber ist, wie man selber denkt. Völlig unabhängig von anderen Menschen. Und das ist das, was wir jetzt versucht haben mit dem Album. Und ich hoffe, oder zumindest im Moment, fühlt es sich so an, als ob wir das geschafft hätten. Also, jetzt. Kann gut sein, dass ich in einem halben Jahr denke...
...Doch nicht!
Dann gilt das nicht mehr, dann hab ich mich eben auch verändert. Aber jetzt, so wie ich mich jetzt fühle, und wie wir uns jetzt fühlen. Das ist unser Album! Und das mag man gut, oder das mag man schlecht finden, aber es sind halt wir 2006/2007, 2005 zählt auch noch dazu. Wir wollen, um Himmels Willen, keine Band sein, die sich wiederholt und die stehen geblieben ist. Und sagt "Naja, die Fans wollen das und das hören!". Werden wir nie erfüllen.





















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