YeasayerIm Gespräch mit Chris Keating

von Annett Bonkowski · 22.08.2012

yeasayer können zurecht als sound-tüftler bezeichnet werden. tüftler, die ihre nasen tief in alle studio-winkel stecken und den ganzen langen tag nichts lieber tun als über ein musikalisches detail zu philosophieren oder ein neues klangexperiment in augenschein zu nehmen. für die arbeit am mittlerweile dritten album »fragrant world« waren laut aussage von sänger chris keating wieder drei große egos am werk, die sich voller eifer über viele musikalische schnipsel hermachten und trotz des wunsches eine "einfache" platte zu machen, letztendlich wieder weitab von dieser simplizität gelandet sind.

auch im gedankenaustausch unter vier augen gerät der frontmann gerne ins grübeln, spricht aber freimütig über die schroffheit des neuen albums, erklärt warum songs für ihn wie ein spielzeug sind und bezeichnet den status der band in den medien sogar als "überbewertet". offensichtliche parallelen zu jack white gibt es keine, keating verneigt sich aber während des gesprächs mit uns dennoch mit hochachtung vor seinem kollegen. eine liebeserklärung an den minimalismus und die kunst diesen am ende doch immer wieder über bord zu werfen und gegen das abstrakte und die komplexität einzutauschen.


fällt der blick auf das derzeitige weltgeschehen, so stinkt dieses an einigen stellen doch gewaltig. da veröffentlicht ihr als band nun eine platte, die "fragrant world" heisst und bezeichnet die welt als wohlduftend. wonach riecht sie denn für euch?
ich weiß nicht genau wonach die welt für mich riecht, aber der geruchssinn spielt darin in jedem falle eine große rolle. mir gefällt die vorstellung, dass gerüche im allgemeinen die direkteste verbindung zum menschlichen erinnerungsvermögen darstellen. sie stehen oft im direkten zusammenhang mit dingen, die in unserem gedächtnis gespeichert sind. ich habe mir versucht vorzustellen, wie es wäre, wenn dieser geruchssinn plötzlich weg wäre und niemand auf der welt mehr etwas riechen könnte. gleichzeitig wäre da auch der verlust von geschmack, der davon beeinträchtigt wäre. es war für mich interessant mich mit all diesen theorien auseinanderzusetzen.

wie wäre es denn für dich in einer welt zu leben, die völlig frei von jeglichen gerüchen ist bzw. darunter zu leiden keinen geruchssinn mehr zu besitzen?
ich taste mich langsam an diesen zustand heran, da ich ein paar schlimme allergien habe. es kommt also oft vor, dass ich gar nichts mehr rieche und keinerlei gerüche um mich herum wahrnehmen kann. so wie jetzt zum beispiel - ich rieche rein gar nichts! meine nase ist komplett zu (lacht).

ich lache gerade, aber in wahrheit ist es kein spaß, wenn man keine gerüche mehr aufnehmen und differenzieren kann. meine großmutter hat ab einem gewissen punkt in ihrem leben ihren geruchssinn verloren und später dann auch ihren geschmackssinn, so dass sie niemals wusste, wie das essen auf ihrem teller roch oder wonach es schmeckte. sie hätte also das widerlichste essen vor sich haben können und hätte es nicht einmal bemerkt.

was den hörsinn angeht, stellt ihr diesen mit eurem neuen album dank der genre-vielfalt und der gewohnt zwanglosen annäherung an diese klangliche bandbreite erneut auf die probe. ist und bleibt unkonventionalität für euch als musikalische querdenker unverzichtbar?
es ist schwer zu beurteilen, ob wir tatsächlich so unkonventionell sind wie immer alle sagen. dafür habe ich leider zu wenig einblick in die arbeitsweise anderer künstler. ich kann nur von dem ausgehen, was ich kenne und das fühlt sich für mich und die band gar nicht so eigenwillig an, wie es nach aussen vielleicht den anschein hat. wenn wir zusammen musik machen, dann legen wir einfach drauflos und daher fühlt es sich völlig normal für uns an, egal was dabei herauskommt. es stimmt aber, dass ich generell eine vorliebe für unkonventionelle dinge habe. man sagt ja immer, man ist nur so gut, wie die einflüsse, die einen umgeben. wenn das wahr ist, dann färbt diese vorliebe vielleicht doch auf mich ab, wenn ich musik mache. dabei ist die bezeichnung des wortes "unkonventionell" für mich eher breit gefächert. die unkonventionellsten sachen erscheinen mir manchmal der größte mainstream zu sein. dieser christina aguilera song "beautiful" klingt in meinen ohren zum beispiel sehr unkonventionell. ich frage mich ständig, wo kommt dieser blöde song bloß her und warum beschäftigt er mich so, obwohl ich ihn eigentlich gar nicht mag? das macht mich ganz wahnsinnig! (lacht)

ist es für dich als künstler wichtig sich ab und zu gedanklich abzugrenzen und bewusst einen weg abseits der spur einzuschlagen, um mit einer guten idee zurückzukehren?
ja, das ist sehr wichtig für mich. dennoch muss es auch ein allgemeines gedankengut geben, an das man wieder anknüpfen kann, wenn man aus der kreativen abgeschiedenheit zurückkehrt. ich brauche meine gedankliche freiheit ebenso wie all die einflüsse, die von aussen an mich heran treten. schließlich kann man nur existieren, wenn es um einen herum etwas gibt, auf das man bezug nehmen kann, und sei es nur, um sich davon abzugrenzen. es ist immer gut die dinge, die einen begleiten bewusst aus einer anderen perspektive zu betrachten, aber gleichzeitig muss es auch das gefühl von gemeinsamkeit geben.

wie sieht dieses gefühl von gemeinsamkeit für dich musikalisch gesehen aus?
musik kann manchmal sehr abstrakt sein, gerade was die lyrische ebene betrifft oder aber auch das klangliche spektrum. die melodie ist jedoch meistens eine art basis, die alles zusammenhält, egal wie verrückt alles darum erscheint. sie ist dafür verantwortlich, dass man sich trotzdem zu einem song hingezogen fühlen kann, egal ob man die restlichen elemente nun mag oder nicht. die melodie löst etwas in unserem inneren aus, was gar keiner weiteren erklärung bedarf. man wird von einem gefühl heimgesucht, ohne das man auch nur einen funken vom text dazu hören muss. es ist wie bei einem abstrakten gemälde, das einen in seinen bann zieht. zunächst ist da nur diese anziehung, dann beginnt man sich immer mehr damit auseinanderzusetzen und versucht mehr darüber zu erfahren.

wann hast du bemerkt, dass das abstrakte in der musik einen immer größeren reiz auf dich ausübte? gab es situationen, in denen du damit vielleicht auch einmal angeeckt bist?
ich glaube das ist mir das erste mal wirklich bewusst geworden, als wir versucht haben als band an shows in new york zu kommen. es herrschte eine art underground noise szene, in die wir einfach nicht hineingepasst haben. wir waren weder rock'n'roll noch mainstream und hatten es schwer mit unserem musikalischen output in eine dieser kategorien gesteckt zu werden. für viele waren unsere songs ein wildes durcheinander und sie wussten nicht genau, wie sie uns einordnen sollten. es gab diesen einen bekannten booker, der alle underground shows organisierte, aber wir waren niemals teil dieser szene. wahrscheinlich, weil wir mit unserer musik gerne zwischen einzelnen genres hin und her springen und uns nicht nicht auf einer linie bewegen.

war das eher ein enttäuschendes oder befreiendes gefühl nicht in diese szene hineinzupassen?
definitiv ein befreiendes gefühl. es ist immer eine gute sache, wenn du nicht der norm entsprichst und mit der masse mitschwimmst, sondern dein eigenes ding machst. je schwieriger es ist etwas musikalisch genau zu definieren, umso besser gefällt es mir, weil es eigen ist.

im zuge der veröffentlichung von "fragrant world" hast du das album mit david bowies "lodger" verglichen. ein sehr experimentierfreudiges werk, dessen tragweite jedoch bis heute von vielen kritikern unterschätzt wird. befürchtest du etwa selbiges fazit für eure arbeit?
ach, ich weiß auch nicht genau, was mich da geritten hat, aber ich weiß worauf du anspielst. ich glaube, ich habe das nur so gesagt, weil ich das album sehr mag...wenn überhaupt, dann fühle ich mich eher von kritikern und der presse überbewertet! (lacht) wir machen einfach nur musik und sind froh, dass leute zu unseren shows kommen.

david bowie ist nach berlin gezogen und hat dort nach abenteuern gesucht, um seiner musik zu neuen impulsen zu verhelfen. wie sieht dein persönliches antriebsrad aus, dass dich kreativ fortwährend in neue richtungen führt?
es ist sehr wichtig für mich, dass ich mich ständig mit neuer musik umgebe und meine ohren für all das innovative öffne, dass da draussen greifbar vor meinem kopf umherschwirrt. ich habe als künstler angst davor mich musikalisch zu wiederholen, darum brauche ich diese konstante herausforderung. sei es durch musik von anderen künstlern oder durch die immer im raum stehende debatte mit mir selbst "wiederhole ich mich gerade? klingt das interessant? würde ich dieses stück mögen, wenn ich es objektiv beurteilen sollte?". vielleicht werde ich diese fragen nie wirklich beantworten können, aber zumindest kann ich sie in den raum werfen und mich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen. wir stehen unseren songideen als band immer sehr kritisch gegenüber. es ist nicht so, dass wir im studio sind und unsere songs die ganze zeit selbst feiern (lacht). in unseren songs steckt viel arbeit. nur so können wir uns verbessern.

werden die songs denn nur mit harter arbeit besser?
nicht unbedingt. es ist eigentlich ein ewiges auf und ab. manchmal hilft es, wenn man sich in etwas hinein kniet und beharrlich daran arbeitet. es kann aber auch genau so gut sein, dass eine idee mit der zeit nur noch schlimmer wird und du nach dem hundertsten versuch alles hinschmeissen möchtest. dann ist es zeit für eine pause und einen perspektivenwechsel.

gab es solche momente bei diesem album?
ja, solche momente gab es. die größe herausforderung war für uns, dass wir unsere positive grundeinstellung bewahren wollten. für mich ist "fragrant world" in vielerlei hinsicht ein etwas rauhes, freudloses album. die songs sind oft in moll gehalten, es gibt eine menge seltsamer klänge darauf und des öfteren spielen wir mit dem element der dissonanz. einige der elektronischen strukturen wirken sehr schroff. wir hatten während der aufnahmen zum album eigentlich ständig damit zu kämpfen nicht selbst emotional eine mauer um uns herum aufzubauen.

kein yeasayer album ohne eine fülle an unterschiedlichen stilistischen einflüssen und einer vollgepackten sound-trickkiste...
(lacht) ja, manchmal ist diese trickkiste vielleicht sogar ein wenig zu voll...!

wie viele ideen und kniffe kann ein einzelner song bzw. ein ganzes album denn vertragen bevor er/es gefahr läuft aus der balance zu geraten?
ich würde sagen, es darf auf keinen fall mehr sein als all das, was wir in unser neues album hingeingestekt haben! das ist genau die richtige dosis, die nicht überschritten werden sollte (lacht). wir bewegen uns damit schon ziemlich nah am abgrund dessen, was im allgemeinen erlaubt sein dürfte. manchmal wünschte ich mir, ich würde einfach an einer white stripes platte arbeiten. die haben dir die songs einfach vor den latz geknallt, zack, bumm, fertig! take or leave it. ein studio, drums, gitarre und das war's. eigentlich reicht es sogar, wenn jack white seine gitarre einfach nur anfässt! leider funktionieren wir als band da ganz anders. wir experimentieren viel zu gerne mit der technologie, zerlegen songs gerne in ihre einzelteile und schaffen damit unsere ganz eigene, kleine welt. jedes mal sagen wir uns "kommt, lasst uns eine ganz simple platte machen!", aber wir grübeln wohl viel zu sehr, um das wirklich in die tat umzusetzen.

hast du denn eine vorstellung davon wie eine "simple" yeasayer platte klingen könnte?
ich dachte ja wir würden mit "fragrant world" endlich einmal an genau diesen punkt gelangen, aber das war wohl nichts! in aller fairness, es gibt schon einige passagen, die nicht ganz so wild und für unsere verhältnisse zurückhaltend sind, aber mir macht es auch viel zu viel spaß mich in die arbeit zu stürzen und in details zu versinken. es ist so aufregend, wenn man einen song ständig umherwirbelt. es ist, als ob man ein spielzeug vor sich hätte und nicht damit aufhören könnte sich damit zu beschäftigen. trotzdem gebe ich die hoffnung nicht auf irgendwann einmal ein "minimal" album zu machen (lacht).

wäre dann auch ein produzent denkbar, der nicht teil der band ist? das neue album wurde wieder von euch selbst produziert. seid ihr die einzigen, die die songs in dieser form zähmen können?
wir haben einfach so große egos, dass es für mich momentan nur schwer vorstellbar ist, jemanden von ausserhalb der band an die songs heranzulassen. es ist nicht so, als hätten wir noch nicht über diesen schritt nachgedacht, aber am ende mache ich mir immer zu viele gedanken darüber, was alles schiefgehen könnte - "was würde passieren, wenn ich nicht mit dem produzenten klarkomme? muss ich dann zu viele kompromisse eingehen, obwohl mir manche vorschläge gar nicht gefallen?". ich denke ständig über diese dinge nach und letztendlich hat bisher immer die überzeugung gewonnen, dass wir es selbst am besten machen können. ich will nicht ausschließen, dass wir es irgendwann einmal mit einem produzenten probieren, denn ich glaube trotzdem, dass das eine gute erfahrung sein kann. bisher macht es uns allen aber zu viel spaß selbst in diese rolle zu schlüpfen. warum sollten wir den spaß denn jemand anderem überlassen? nur wenn jemand kommt, der uns dinge vorschlägt wie "hört jetzt alle für 24 stunden diesen song!" oder "kommt, stecht euch alle ein tattoo im stil des album-covers!" (lacht)

euer song "henrietta" birgt eine besonders interessante geschichte in sich. die, der henriette lacks aus amerika, die dank der ihr entnommenen krebszellen bis heute eine wichtige rolle in der medizinischen forschung spielt und auch als "HeLa" zelllinie ihren weg in die bücher fand. wo stolpert ihr über geschichten wie diese?
ich habe vom schicksal der henrietta lacks im radio erfahren und fand ihre geschichte sehr bewegend, gleichzeitig aber auch total verrückt. ich fragte mich, ob das so wirklich stimmen konnte und ich stellte ein paar nachforschungen an. zufälligerweise stammte henrietta auch noch aus derselben stadt wie ich, nämlich baltimore. auch wenn sie weit vor meiner zeit gelebt hat, so sollte es vielleicht sein, dass sich unsere wege einmal in dieser form kreuzen würden. im nachhinein fand ich es verblüffend, dass ich bis dahin noch nie von ihr gehört hatte, weil die geschichte so kurios ist und ich mich schon immer für medizinische phänomene dieser art interessiert habe. ich hatte ein wenig bedenken henriettas leben so in einem song zu verarbeiten, da ich keine geschichtsstunde daraus machen wollte. dennoch hat es mich sehr gereizt diese besondere stimmung mit musik auszudrücken, in der ich mich befand als ich von henriettas schicksal erfahren habe. schade, dass man solche faszinierenden geschichten nirgendwo in den nachrichten hört oder liest.

bist du denn jemand, der das zeitgeschehen immer im auge behält und die nachrichten verfolgt?
ja, das tue ich. das ist natürlich nicht immer angenehm, aber ich füttere mein gehirn täglich mit dingen, die in der welt passieren und will selbst negative dinge nicht ignorieren oder ausblenden. das macht es ja auch nicht besser. andererseits muss man aufpassen, dass man sich nicht zu sehr in etwas hineinsteigert und nur das negative in sich aufnimmt, so dass man ganz depressiv davon wird. man kann seine aufmerksamkeit nicht auf das ganze weltgeschehen richten, aber zumindest versuchen halbwegs darüber informiert zu sein, was in unmittelbarer nähe, aber auch in der ferne vor sich geht. die welt ist schließlich eine globale gemeinschaft und auf die sollte jeder ein auge haben.

gerade wenn man, wie ich, aus den vereinigten staaten von amerika kommt, ist es nicht selten, dass man sich in einer art isolation befindet, was internationale geschehnisse angeht. es ist unglaublich, wie wenig sich das amerikanische volk und die medien für die belange anderer nationen interessieren. meistens wird nur darüber berichtet, was im eigenen land vor sich geht - also viel bullshit. in europa hat man da einen viel breit gefächerteren blick auf die dinge. für amerika existiert nur amerika und vielleicht noch mexiko! auch wenn ich meine jetzige heimat, new york, über alles liebe, bin ich doch froh, dass ich so oft nach europa komme.

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