Big DealInterview mit Alice Costelloe und Kacey Underwood
Zwei Gitarren, zwei Gesangsstimmen - im Fall von Alice Costelloe und Kacey Underwood alias Big Deal reicht dieser instrumentale und vokale Doppelpack aus, um ein ganzes Album auf die Beine zu stellen. Das englisch-amerikanische Duo fand zunächst durch die Liebe zum Gitarrenspiel zusammen. Die Gitarre - ein Instrument, das die beiden so zusammenschweißt hat, dass sie in den Songs auf ihrem Debütalbum Lights Out gänzlich auf andere musikalische Untermalungen verzichten und allein dem gezupften Saiten-Wechselspiel sowie Duett-Gesang frönen. Dass sie sich trotzdem als Rock-Band verstehen, betonen die beiden immer wieder mit Nachdruck und verstecken sich auf der Bühne höchstens hinter ihren Haaren, jedoch nicht hinter ihrem überschaubaren Equipment oder den daraus hervorgehenden Songs.
Wir trafen die beiden Musiker in Berlin und ließen uns von ihnen berichten, warum es ihnen die Gitarre so angetan hat, auf welche Dinge sie im Studio verzichten können und wie man sich als Duo am besten neben den vielen Rock-Bands behauptet.
Auch wenn euer überschaubares Line-Up, die Konstellation von Mann und Frau sowie der Fokus allein auf euren Gitarren unter Umständen etwas Anderes vermuten lässt - ihr selbst seht euch nicht als ein klassisches Singer-Songwriter-Paar. Habt ihr das Gefühl aufgrund alldem oft falsch eingeschätzt zu werden?
Kacey: Es kommt ab und an vor, dass wir als Duo nicht so ernst genommen werden, weil viele im Vorfeld damit rechnen, dass so etwas gar nicht funktionieren kann. Schon gar nicht live, wenn es nur zwei Gitarren gibt. Wir werden automatisch in eine Ecke mit Folk-Bands oder Singer/Songwritern gestellt, wenn es darum geht Konzerte zu planen. Dabei wollen wir in keine dieser Schubladen gesteckt werden. Wir wollen als Rock-Band wahrgenommen werden! Wir haben uns selbst nie als etwas anderes betrachtet. Vielleicht eine etwas reduziertere Variante einer klassischen Rock-Band, aber unter dem Strich eben genau das.
Alice: "The Essence of Rock"! Julian Casablancas von The Strokes hat doch letztes Jahr für eine große Marke einen Werbespot gedreht und dieser Satz wurde am Ende eingeblendet. Trifft doch auch wunderbar auf uns zu! (lacht)
Steht man dem Musikeralltag als Duo abgehärteter gegenüber als jemand, der sich innerhalb eines größeren Bandgefüges verstecken kann?
Alice: Was Verantwortungsbewusstsein und Entscheidungen angeht, würde ich dem zustimmen. Musikalisch gesehen sind wir aber ganz klar verletzlicher als eine normale Band, gerade weil wir zu zweit absolut nichts verstecken können, wenn wir auf der Bühne stehen. Jeder noch so kleine Fehler wird uns sofort zum Verhängnis.
Kacey: Deswegen können wir vor unseren Shows auch keinen Alkohol trinken oder Gras rauchen. Wir können nicht einmal etwas essen. Stell dir vor, einer von uns rülpst auf der Bühne...das hört man doch sofort! (lacht)
Und doch scheint die Form des Duos immer mehr Zuspruch beim Publikum zu finden und der eher minimalistische Ansatz des Musikmachens stößt auf verstärkt positive Resonanz.
Kacey: Ich frage mich, ob die Menschen da draussen wirklich alle auf einmal so ein offenes Ohr für Bands wie uns haben, die einen klanglich doch eher minimalistischen Ansatz verfolgen, oder ob es nicht so ist, dass die meisten Musiker gar nicht anders können als auf diesem Wege kreativ zu sein, weil sie die Musikindustrie und alle Umstände dazu zwingen. Wenn man es heutzutage in diesem Business schaffen will, dann muss man entweder das eine oder das andere Extrem wählen. Du kannst ganz groß auffahren und in einer Band mit dreißig Personen spielen, oder du tust genau das Gegenteil und hälst alles so klein wie nur möglich. Ehrlich gesagt, ich sehe diese verstärkte Entwicklung hin zum kleineren Line-Up eher als Anzeichen dafür, dass es immer schwieriger wird sich als Musiker durchzuboxen. Nur, weil man zu zweit ist, heisst das ja nicht, dass das auch musikalisch gesehen zum Ausdruck kommen muss. Die moderne Technologie erlaubt ja fast alles und ermöglicht einem einen so großen Spielraum, dass man auch gut ohne eine riesen Band im Rücken auskommen kann, wenn man denn will. Wir haben für uns beschlossen nicht mithilfe von irgendwelchen Technologien zu arbeiten, was unseren Sound angeht. Wir wollen es so natürlich wie nur möglich halten, was aber nicht heisst, dass wir völlig dagegen sind.
Das größte, technische Zugeständnis wäre dann in eurem Fall der Einsatz von verschiedenen Effektgeräten.
Alice: Ja, bis dahin und nicht weiter (lacht). Es ist eine Herausforderung mit so wenigen Mitteln zurecht zu kommen, aber gleichzeitig lehrt einen das auch neue Wege zu beschreiten. Man kann sich nicht auf das Schlagzeug oder einen wummernden Bass verlassen, sondern wie in unserem Fall allein auf zwei Gitarren. Das beeinflusst das Songwriting wirklich sehr und macht es vor allen für uns spannend damit umzugehen.
Kacey: Man kann auch mit nur zwei Gitarren einiges anstellen. Normalerweise spielt Alice auf der Bühne eine elektrische und ich eine akustische Gitarre. Es ist uns wichtig uns in dieser Hinsicht ein wenig voneinander abzugrenzen, auch wenn das für viele vielleicht nicht danach aussehen mag. Kings of Convenience haben das zum Beispiel nicht in dieser Form nötig. Da passt alles wunderbar so wie es ist und sie ergänzen sich, obwohl sie vergleichsweise ähnlich sind, was das Zusammenspiel angeht. Ich habe die beiden vor einer Weile live gesehen und das war mit Abstand eines der besten Konzerte, das ich jemals gesehen habe.
Woher kommt eure Leidenschaft für genau dieses Instrument?
Kacey: Ich bin quasi damit groß geworden und hatte schon früh Zugang dazu. Mein Bruder hatte eine Gitarre, die immer unter seinem Bett lag. Er spielte aber die ganze Zeit nur Football und da habe ich sie mir eines Tages einfach genommen! Er hat erst nach zwei oder drei Jahren Wind davon bekommen, und dann war es zu spät und er hat sie nicht mehr zurückgefordert. Für mich ist die Gitarre definitiv das beste Instrument der Welt!
Gibt es einen Gitarren-Sound, der euch besonders anspricht?
Alice: Wir lieben alle möglichen Pedals, um unseren Sound in verschiedene Richtungen zu formen.
Kacey: Ich war schon immer ein Fan von Gitarren-Bands wie Sonic Youth, My Bloody Valentine und The Smashing Pumpkins. Alle diese Bands haben diesen dreckigen, aber gleichzeitig auch hübschen Sound zu ihrem Markenzeichen gemacht und gezeigt, dass sich laute Gitarren und gute Melodien nicht ausschließen müssen. Ich mag es, wenn Gitarren einen "menschlichen Klang" erzeugen und ähnlich wie Streicher auf diese Weise Gefühle zum Ausdruck bringen können. Synthesizer können das zum Beispiel nicht und sind mir deswegen etwas fremd. Wenn ich eine Gitarristen spielen höre, dann will ich heraushören und fühlen können, was gerade in der Person vorgeht, die die Gitarre spielt. Das ist für mich mit das Wichtigste, wenn ich Musik höre oder auch selbst spiele. Ein Instrument ist immer ein Vehikel für Gefühle, die dadurch an die Oberfläche gelangen.
Alice, du spielst immer noch auf der Gitarre, die dir deine Oma gegeben hat als du klein warst. Ist sie so etwas wie ein persönlicher Glücksbringer für dich?
Alice: Ich weiss nicht genau, ob es ein Glücksbringer oder vielleicht doch nur Faulheit meinerseits ist (lacht). Ich kann diese Gitarre einfach nicht zur Seite legen und benutze sie noch heute. Das ist wahrscheinlich mehr eine Gewohnheitssache als Aberglauben bei mir. Es ist natürlich schön, wenn man auf einem Instrument spielt, das bereits mit einem Teil deiner eigenen Geschichte verbunden ist.
Kacey: Bei mir ist das ähnlich. Ich spiele heute auch noch auf derselben Gitarre, die ich damals meinem Bruder geklaut habe, weil er sie nicht beachtet hat.
Bevor überhaupt an eine Band zu denken war, sah die Rollenverteilung bei euch eher so aus, dass Kacey der Gitarrenlehrer, und du, Alice, die Schülerin war. Kommt es immer noch vor, dass er dir oder ihr euch gegenseitig etwas beibringt?
Alice: Mit dem Gitarrenunterricht sind wir durch würde ich sagen (lacht).
Kacey: Von nun an bringen wir uns keine Musik bezogenen Dinge mehr bei, sondern nur noch Sachen, die für das Leben selbst von Nutzen sind. Alice lehrt mich zum Beispiel geduldiger zu sein. Manchmal ist das Schönste am Gitarrenspiel, dass man mit der Zeit eher etwas "verlernt" und einen genau das dann am Ende in eine neue Richtung führt, an die man vorher niemals gedacht hätte.
Alice: Kacey denkt immer sehr pragmatisch und mag es, wenn die Songs einen strukturellen Aufbau haben. Vers, Strophe, Überleitung, Vers - er kann sich gut daran entlang hangeln und die Einzelteile zu etwas Ganzem zusammenführen. Währenddessen stehe ich oft daneben und frage mich, was er da eigentlich tut. Ich denke weniger in diesen Strukturen und forme meine Songideen wie es mir passt. Vielleicht bringe ich Kacey also bei wie man sich schlechter beim Songwriting anstellt (lacht).
Hast du jemals versucht dich dieser musiktheoretischen Seite etwas näher zu widmen oder überlässt du das voll und ganz Kacey?
Alice: Ich habe mich noch nie sonderlich dafür interessiert, wenn ich ehrlich bin. Meiner Meinung nach funktionieren wir als Duo genau deshalb so gut, weil jeder in diesem Punkt seinen eigenen Kopf hat und wir unsere Ansätze so verfolgen, wie wir es gewohnt sind. Kacey ist das Gehirn und beschäftigt sich gerne intensiver mit den Feinheiten, während ich das Herz bin und mich davon leiten lasse. Dabei kann es schon einmal vorkommen, dass nichts als ein müdes "Blah" dabei herauskommt. Ungeformt und völlig hilflos steht es im Raum und dann muss Kacey kommen und es retten.
Kacey: Mir macht es Spaß daraus etwas zu formen, das beiden von uns gerecht wird und in dem man sowohl Alice als auch mich wiedererkennt, wenn man genau hinhört. Ich war auf einer Musikschule und da kommt man um die Theorie eben nicht herum. Zeitweise habe ich es auch gehasst diese ständig vor Augen zu haben. Darum habe ich die Schule auch irgendwann sausen lassen. Trotzdem bin ich froh über einige Dinge, die ich dort gelernt habe, denn dadurch hat sich mein musikalisches Vokabular vergrößert. Das Tolle an Rock-Musik ist, dass sie nicht nach vorgefertigten Mustern funktioniert. Vielleicht hat die Zeit an der Musikschule dazu beigetragen, dass ich genau das nun so zu schätzen weiß und lieben gelernt habe. Innerhalb der Band stützen wir uns nicht auf musiktheoretische Begriffe, wenn wir miteinander kommunizieren und das Gespielte mit Worten umschreiben wollen. Uns ist es wichtiger über unsere Gefühle zu sprechen und auf einer emotionalen Ebene zueinander zu finden.
Konntet ihr euch bei den Aufnahmen zu eurem Album "Lights Out" völlig vom technischen Know-How freimachen und schnell eine gemeinsame Sprache mit eurem Produzenten finden?
Kacey: Ja, das hat gut funktioniert. Wir haben von Anfang an deutlich gemacht, dass wir uns nicht in technischen Feinheiten verstricken wollen und das hat unser Freund und Produzent sofort verstanden. Zudem kam, dass wir nur zu dritt im Studio waren und nicht noch mit anderen Tontechnikern zu tun hatten. Das hätte unter Umständen alles komplizierter gemacht. Es war eine wertvolle Erfahrung für uns jemanden an unserer Seite zu haben, der uns mit seinem technischen Fähigkeiten helfend die Hand reichen konnte, wenn es nötig war, uns aber trotzdem nicht wie beim Armdrücken in eine Art Kräftemessen hineinzog. Wir konnten unsere musikalischen Vorstellungen nach Wunsch umsetzen und mussten dennoch nicht ganz auf den technischen Beistand verzichten.
Das klingt fast so, als ob ihr schon einmal in so ein Kräftemessen mit einem Produzenten hineingeraten seid.
Kacey: Das sind wir auch. Wir haben beim ersten Anlauf mit einem großen Produzenten zusammengearbeitet, der uns innerlich viel zu sehr unter Druck gesetzt hat. Wir waren sehr nervös und alles musste schnell gehen. Das war nicht gut für uns, denn wir wollten auf keinen Fall gestresst in die Aufnahmen gehen. Wir haben zwar gut gespielt und gesungen, aber man konnte es den Songs förmlich anhören, dass wir uns nicht absolut wohlgefühlt haben. Die Nerven waren deutlich angespannt und das wollten wir beim zweiten Anlauf auf jeden Fall vermeiden.
Kacey, du bist auf eurem Album als Co-Produzent aufgeführt. War es dir nach diesem Vorfall besonders wichtig ein paar Zügel in der Hand zu halten?
Kacey: Ja, das war es, wobei ich nicht ausschließen will, dass ich beim nächsten Mal vielleicht doch das Feld räume und die Produktion ganz und gar einem Aussenstehenden überlassen werde. Wir wussten dieses Mal einfach so genau, was wir wollten, dass es uns sinnvoll erschien, wenn ich mit an der Produktion beteiligt bin. Es ist in jedem Fall hilfreich jemanden da zu haben, der einen noch ein Stück mehr herausfordert und mit einem frischen Blick auf eventuelle Verbesserungen aufmerksam machen kann.
Obwohl ihr das Album ohne unnötige Stressfaktoren aufnehmen wolltet, habt ihr euch zumindest in zeitlicher Hinsicht dem Stress ausgesetzt und es in Rekordzeit fertiggestellt. Warum die Eile?
Alice: Ich hatte die Schule noch nicht beendet, daher hatten wir nicht so viel Zeit, wie es uns vielleicht lieb gewesen wäre. Wir mussten uns also beeilen, damit ich beides unter einen Hut bekommen konnte.
Kacey: Ich hatte auch noch meinen Job als Musiklehrer und damit ein paar Einschränkungen, denen ich mich beugen musste. Ausserdem wollten wir mit den fertigen Songs nicht länger warten und sie am besten so schnell wie möglich aufnehmen. Jede Aufnahme ist so oder so eine Momentaufnahme. Wir wollten, dass das Album unseren jetzigen Sound genau so festhält. Natürlich sind in diesem ganzen Drumherum auch immer bestimmte Regeln einzuhalten und man muss sich in einem Studio nach einem gewissen Zeitplan richten. Alles zusammengenommen, gab es also schon ein paar Faktoren, die dazu geführt haben, dass wir uns nicht ewig Zeit lassen die Songs abzuschließen. Das Label war auch startklar und so gab es für uns keinen Grund noch länger zu warten. Einen Monat nachdem wir unseren Vertrag unterschrieben hatten, standen wir schon im Studio. Rückblickend betrachtet, hätte ich mir für ein paar Dinge schon gerne etwas mehr Zeit genommen.
Alice: Dann wären wir aber womöglich verrückt geworden und hätten wieder viel zu viel nachgedacht. Meinst du nicht?
Kacey: Das kann schon sein. Trotzdem wäre es hier und da vielleicht gar keine schlechte Idee gewesen. Man wird im Studio so oder so verrückt, ob mit oder ohne Zeitdruck im Nacken (lacht). Wir haben das Album innerhalb von acht Tagen aufgenommen und während dieser Zeit viele Entscheidungen gefällt, die uns richtig erschienen. Es hat auch etwas Gutes, wenn man so konzentriert an einer Sache arbeitet. Man lernt schneller zum Ziel zu kommen. Beim nächsten Album ist Alice dann auch keine Schülerin mehr und muss mit Stapeln von Büchern anrücken, weil der Abschluss kurz bevorsteht (lacht)! Hätten wir also ein paar Monate Zeit Songs aufzunehmen, dann würde uns das unter Umständen beiden gut tun.





















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