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Azari & IIIInterview mit Alphonse Lanza, Christian Farley, Cedric Gasaida und Fritz Helder

Azari & III

das vierer-gespann aus toronto könnte man kurz als produzenten-duo sowie zwei androgyn anmutenden frontmännern an den mikrofonen zusammenfassen, die alle unter dem namen azari + III ihre sehr von house musik getränkten songs auf die weltweite club-szene loslassen. bevor das selbstbetitelte debüt im kasten war und letzten sommer auch ausserhalb der kanadischen landesgrenze für in trance gefallene füße sorgte, agierte die band eifrig im underground und machte sich vor allem auch durch die unverwechselbaren live shows einen namen. auch 2012 will das quartett den angriff auf ohren und beine wagen und weiterhin fleissig touren. wir trafen die bekennenden nachtschwärmer, um mit ihnen über die dunkelheit, schlaflose nächte und die künstlerische, visuelle provokation zu sprechen, der sie in ihren videos keinesfalls abgeneigt sind.


nicht selten wird euch attestiert songs zu schreiben, die wie für die dunkelheit gemacht sind. was haltet ihr davon?
fritz: wir haben das album zumindest im dunklen aufgenommen!
alphonse: wir haben das licht immer so weit gedämmt bis es recht dunkel im raum war.
cedric: wir sind eben von aussen und von innen dunkel! (lacht)

funktioniert eure musik bzw. house nur in dunklen clubs oder vielleicht doch im sonnenlicht?
alphonse: was ist denn sonnenlicht? ich glaube, ich kenne nur die dunkelheit. nein, mal im ernst, unsere musik funktioniert auch abseits der clubs, wenn man sie im tageslicht hört. ich habe mir letztens unser album bei einer autofahrt noch einmal angehört und war ganz zufrieden damit. für mich hat es gepasst, obwohl es nicht dunkel draussen war.
christian: wir halten uns gerne die möglichkeit offen auch im tageslicht durch unsere musik das publikum zu erreichen. dafür muss es draussen nicht finster sein. es ist aber schon so, dass viele house musik eben mit der clubszene und dunklen ecken verbinden, in die man sich zurückziehen kann. gerade, wenn man irgendwann in einen trance-artigen zustand gerät und sich nur noch von der musik leiten lässt, fällt es den meisten menschen einfacher, wenn sie dabei von dunkelheit umgeben sind.
alphonse: ein teil des konzepts der platte war von anfang an das gefühl auszudrücken, wenn man sich in der nacht verliert, nicht genau weiß, wie man ihr entkommen kann und dabei keine wirkliche verbindung zu anderen menschen um sich herum aufbauen kann.

wie viele dunkle nächte habt ihr euch mit den songs auf eurem gleichnamigen debütalbum "azari + III" um die ohren geschlagen?
christian: oh sehr viele!
cedric: unzählige! wenn wir das ausrechnen müssten, würde eine stolze anzahl dabei herauskommen.
fritz: wir haben über ein jahr an den songs gearbeitet bis sie fertig waren.
alphonse: 2 x 8 x 12...(holt sein handy raus und fängt an zu rechnen)
cedric: was machst du denn da? du rechnest das jetzt nicht wirklich aus, oder? müssen wir jetzt so lange warten bis du fertig bist?
fritz: vielleicht solltest du mal deine sonnenbrille abnehmen. dann würdest du besser sehen!
(alle lachen)
alphonse: macht nur weiter, ich hab's gleich...das müssten nach meiner rechnung insgesamt um die 2200 stunden gewesen sein. wow...
christian: es hat sich wirklich nach vielen stunden angefühlt. wenn man seinen job verliert, dann werden die tage sowieso umso länger...(lacht)
cedric: das war wahrscheinlich auch ein grund, warum wir alle verrückt geworden sind. wir hockten ja ständig aufeinander.

ihr arbeitet die nacht hindurch und viele eurer shows fangen ebenfalls sehr spät an - was tut ihr um nicht völlig verrückt aus diesem kreislauf herauszukommen, sollte sich der rhythmus dann doch einmal ändern?
alphonse: wir können fast gar nichts dagegen tun und haben es einfach als teil des ganzen akzeptiert.
cedric: es ist doch viel spannender, wenn man verrückt ist. alles andere ist doch langweilig.
fritz: wären wir vernünftig geblieben, hätten wir mit sicherheit kein album wie dieses machen können. wir sind froh, dass wir nicht alle tassen im schrank hatten. (lacht)
christian: manchmal liest man bücher über leute, die während eines kreativen prozesses total verrückt geworden sind und man versucht sich vor einem ähnlichen ende zu schützen. dann liest man bücher über menschen, die mit vergleichsweise langweiligen mitteln ihr ziel erreicht haben und will unbedingt etwas mehr spaß bei der sache haben.
cedric: untereinander ist es für uns einfach nicht durchzudrehen, denn wir können uns immer wieder gut auf den boden der tatsachen zurückholen. es gibt immer jemanden in der band, der die angestaute spannung in luft auflöst oder dich aus dem nichts heraus zum lachen bringen kann.
christian: wir finden auf langstreckenflügen immer sehr viel mehr über uns als personen heraus als sonst. wenn du auf einem flug nach australien 24 stunden lang neben jemanden im flugzeug sitzt, lernst du eine menge über ihn!

wart ihr schon immer nachtschwärmer und eher gegen abend musikalisch aktiv?
fritz: ich bin schon seit einer ewigkeit eher ein nachtmensch. das kommt vielleicht daher, dass ich schlafstörungen habe und nie vor fünf oder sechs uhr morgens einschlafen kann.
alphonse: mir geht es da sehr ähnlich. ich brauche auch immer sehr lange bis ich einschlafen kann.

moby leidet ja bekanntlich auch unter einer massiven schlafstörung und hat sogar ein ganzes album ("destroyed") darüber gemacht. könntet ihr euch vorstellen auch etwas ähnliches zu machen?
christian: ich glaube unser jetziges album ist gar nicht mal so weit entfernt davon, denn viele dinge darauf sind überhaupt erst durch schlaflosigkeit entstanden, auch wenn das nicht vordergründig auf den songs thematisiert wird.

auf was sollte man euch dann vor der ersten tasse kaffee am morgen lieber nicht ansprechen?
alphonse: ich bin morgens immer sehr zerstreut, rede vor mich hin und bekomme keinen satz zustande. theoretisch bin ich also für gar kein gespräch zu haben, obwohl ich nach dem aufstehen sehr oft einen besonderen humor entwickele und ganz schön vor mich her kichern kann. versuch bloß nicht mich aufzuwecken bevor ich in der stimmung dafür bin. dann kann ich ziemlich böse werden. (lacht)
cedric: im allgemeinen sind wir für jede art von gespräch oder diskussion offen. das ist dann auch unabhängig von der tageszeit.

vor azari + III wart ihr bereits in anderen projekten involviert. was ist für euch das besondere an dieser konstellation?
fritz: für mich fühlt sich alles, was wir zusammen auf die beine stellen besonders an. zurückblickend betrachtet, bin ich manchmal überrascht wie schnell sich unsere harte arbeit bezahlt gemacht hat. natürlich ist nichts von einem tag auf den anderen passiert und plötzlich saßen wir im flieger nach london, aber trotz all der monate intensiver arbeit fühlt es sich relativ leicht an. vielleicht gerade, weil die konstellation als band so gut funktioniert. bei anderen projekten hat sich doch im vergleich zu jetzt viel mehr nach einer großen anstrengung angefühlt. das ist bei azari + III nicht der fall und macht das arbeiten so angenehm für uns.
cedric: natürlich kann man nie sagen, ob der nun eingeschlagene weg der wirklich richtige ist, aber zumindest fühlt es sich momentan ganz danach an und alle zeichen weisen darauf hin.

wie habt ihr den verlauf der album aufnahmen empfunden?
christian: ab und an war das etwas aufreibend. nicht, weil wir nicht mit dem musikalischen ergebnissen zufrieden waren, sondern weil wir teilweise körperlich doch einiges mitgemacht haben. wenn man so hart an einer sache arbeitet, vernachlässigt man sich manchmal. man isst fast food, weil einem keine zeit bleibt oder man bekommt durch die arbeit im studio vitamin d mangel. wir haben versucht auf uns zu achten, aber das klappt eben nicht immer.
alphonse: wir hätten bestimmt etwas mehr frische luft oder zumindest ein paar blumen im studio vertragen können! der naturfaktor war so gut wie nicht gegeben. das hätte uns vielleicht etwas mehr angetrieben und sich gut auf die musik ausgewirkt. wir haben uns also selbst ein bein gestellt, als wir das album unbedingt im schummerlicht aufnehmen wollten. andererseits, fühlen wir uns sehr wohl und kommen erst in die richtige stimmung, wenn das tageslicht verschwindet. nur dann können wir unser unterbewusstsein mehr zu sprache kommen lassen und uns in der musik verlieren, was sehr wichtig für uns ist.
christian: es ist nicht so, dass wir um zwei uhr morgens grandiose ideen haben und uns dann am nächsten tag um die mittagszeit alles noch einmal anhören und aus allen wolken fallen, weil das resultat so schlecht ist. wir schöpfen viel kreativen input aus diesen nächtlichen sessions. manche texte, die dabei entstehen, sind so verrückt, dass wir zwei mal darüber nachdenken sie zu veröffentlichen, weil unsere mütter das dann unter umständen hören könnten (lacht).

...der gedanke an eure mütter hält euch also in mancherlei hinsicht von songwriting ab?
alphonso: ja, aber meistens geben wir uns dann geschlagen und verfolgen unsere ideen trotzdem weiter. auch, wenn wir hinterher mit der reaktion von unseren müttern leben müssen.
christian: in letzter zeit haben wir immer mehr zeit damit verbracht die songs in die richtige form zu bringen. man fängt automatisch an mehr über die musik nachzudenken.
fritz: das viele live spielen hat uns auch verändert, denn wir haben mittlerweile gemerkt, dass sich nicht alle ideen nahtlos auf der bühne und immer nach unseren vorstellungen umsetzen lassen. all die konzerte haben uns im studio eine neue perspektive eröffnet, die es zu berücksichtigen gilt.

vor dem release eures debüts habt ihr bereits ein paar ep's veröffentlicht. was hat euch dazu bewogen einige dieser songs dann auch auf das album zu nehmen?
christian: das hatte etwas mit der tatsache zu tun, dass die meisten sachen im vorfeld nicht wirklich viele leute erreicht haben, da sie nur auf vinyl erschienen sind. zudem noch auf labels, von denen ebenfalls kaum jemand notiz nimmt. jedenfalls in keinem großen rahmen. seien wir mal ehrlich, house oder techno releases sind im allgemeinen nun einmal nicht mainstream genug, damit viele leute auf sie aufmerksam werden. darum war es für uns auch kein problem ein paar ältere songs auf unser debüt zu nehmen. wir haben die hoffnung, dass unser album den menschen ein wenig die augen für die club charts öffnet und sie dadurch auch für weniger dem mainstream verfallene musik zugänglich macht.
alphonso: im bereich house musik ist es ausserdem gang und gebe, dass man eine reihe von singles veröffentlicht bevor es, wenn man glück hat, auf ein album hinaus läuft. mittlerweile gibt es ja genügend künstler, die lieber singles auf den markt werfen anstatt ganze alben aufzunehmen. mehr und mehr bands entdecken diese vorgehensweise für sich und wir haben letztendlich auch damit gespielt.
fritz: es ist doch fakt, dass immer mehr leute gar nicht mehr die nötige ruhe oder die nerven haben sich ein komplettes album anzuhören. sie wollen dich und deine musik am liebsten durch einzelne songs kennenlernen. wir waren einmal im flieger von london nach kalifornien und da war diese polizistin, die sich für unsere musik interessiert hat. wir gaben ihr ein mixtape und hatten so viel spaß ihr beim hören zuzusehen! du denkst dir - das ist doch eine gesetzeshüterin - und plötzlich sitzt sie da und groovt in ihrem sitz. das war großartig. wir wollen musik machen, die alle möglichen leute erreicht.

hätte sie dagegen das provokative video zu "hungry for the power"gesehen, in dem eine sehr gewaltätige bildsprache benutzt wird, hätten vielleicht die handschellen um eure gelenke geklickt...
christian: das kann gut sein! (lacht) wir haben im vorfeld zum videodreh überlegt, in welche richtung wir mit dem song gehen wollen. es hätte entweder etwas kluges oder witziges werden können oder eben etwas schockierendes. da wir weder kluge, noch witzige menschen sind, ist eben letzteres dabei heraus gekommen!
fritz: wenn wir etwas wissen, dann wie man leute schockt!
alphonso: es ist nicht gerade einfach heutzutage mit einem video die aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. das schockierende an dem video beruht für uns auf einer natürlichen weiterführung des songs, der sich thematisch darum dreht, wie es ist einem machtkampf ausgesetzt zu sein und im allgemeinen mit macht zu spielen. ich glaube die wenigsten leute würden es als schockierend empfinden, wenn man davon hört, dass irgendwelche hohen tiere versuchen sich nach feierabend selbst dominieren zu lassen und dafür sogar noch bezahlen. das ist doch heute nichts aufsehen erregendes mehr und passiert öfter als man denkt. bosse, die tagsüber über alle in der firma herrschen und sich nachts am liebsten windeln anziehen und verhauen lassen. (alle lachen)

02.01.2012 // annett
 

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