Rae SpoonInterview mit Rae Spoon

von Jens Geiger · 19.10.2011

Rae Spoon kommt aus den Weiten der kanadischen Prärie, hat seine musikalische Karriere erwartungsgemäß im Country-Bereich begonnen und sich über den Elektro-Folk zwischenzeitlich in rein elektronische Gefilde begeben. Während seine ersten Alben auch noch von klassischen Country-Themen geprägt waren, haben seine Erfahrungen und Lebensrealitäten als Frau-zu-Mann-Transgender in den letzten Jahren immer mehr Einfluss auf seine Texte gewonnen. Am Rande des Reeperbahn Festivals sprach Rae über seine elektronische Zukunft, die befreiende Wirkung des Andersseins – und Grizzlies.


Du bist ja schon seit gestern auf dem Festival unterwegs, Hast du schon was Nettes gesehen? Irgendwelche Tipps für die kommenden Tage?
Ja, ich habe mir.., umm… wie heißt sie noch mal… hmm… Um deine Frage zu beantworten: Ja, ich habe schon ein paar Sachen gesehen (lacht). Und ich wollte mir heute noch YELLE und HOT PANDA anschauen.

Deutschland ist dir ja nicht ganz fremd, du hast schon ein paar mal hier getourt und auch in Hamburg gespielt. Aber du hast auch mal in Deutschland gelebt…
Ja, in Weimar (lacht).

In Weimar? Wie ist das denn da passiert?
Mein Partner hat dort an der Kunsthochschule studiert, Ja, das war schon was Spezielles, auch ganz anders als Hamburg. In der Zeit habe ich auch ein Projekt mit dem Titel „Worauf wartest Du?“ in Berlin zusammen mit Alexandre Decoupigny realisiert. Er macht da viel Kunst im öffentlichen Raum und hat dann eine Ausschreibung für ein Projekt über die Linie U10 gefunden, für die wir ein Konzept eingereicht haben. Wir haben drei Wochen lang Lieder über die U10 geschrieben und sie dann vier Tage lang performt, in zwei Haltestellen pro Tag.

Mal zu Deiner Musik als Einzelkünstler: Du hast mit klassischem Country auf deinen ersten Platten angefangen, mit dem vorletzten Album “Superioryourinferior” aber den Stil hin zu mehr elektronischen Elementen verändert...
Ja, ich hab meinen Stil tatsächlich verändert, als ich gerade in Deutschland war und mein Freund Alex mir beigebracht hat, wie man den Computer als Instrument verwendet. Ich bin da so reingerutscht, weil ich eben in dieser Szene steckte. Als ich dann zurück nach Kanada und nach Montreal gezogen bin, habe ich noch mehr elektronische Geschichten aufgenommen. Im Januar bringe ich ein rein elektronisches Album raus, ganz ohne physische Drums und so…

Von deiner elektronischen Zukunft mal zurück in deine musikalische Vergangenheit: Wie bist Du eigentlich zur Musik gekommen?
Oh, ich habe in der Kirchengemeinde damit angefangen. Im Ernst! Ich bin heute kein Christ mehr, aber sie haben dich damals wirklich zum Singen gebracht – ständig! Du musstest ja jede Woche singen. Wenigstens eine Sache hat man da also doch gelernt. Es kommen auch einige Leute in der Indie-Szene von diesem christlichen Background. In der Kirche bringen sie dich einfach schon sehr jung zur Musik und so fängt es einfach bei vielen an.

Vom Gospel zum Country zur elektronischen Musik – aber es hat sich ja nicht nur der Stil verändert, auch die Themen in deinen Songs sind andere geworden, speziell wenn man die Alben seit „Superioryourinferior“ mit den frühen vergleicht, oder?
Klar, ich meine, Country greift einfach auf viele stereotype Bilder zurück, die dann auch gepasst haben, als ich eben noch Country gespielt habe. Das hat sich dann während meiner Zeit in Deutschland verändert, da hat es sich dann schon seltsam angefühlt, Country-Songs zu singen ohne dazu noch irgendeinen realen Bezug zu haben (lacht).

Aber auch von deinem vorletzten Album “Superioryourinferior” zu deinem aktuellen “Love is a hunter” hat sich die Szenerie in den Songs doch gewandelt, wo mal Wölfe und Pferde durch Wälder und Seenlandschaften getollt sind, leuchtet plötzlich die Disco-Kugel...
Als ich außerhalb von Kanada gelebt habe, hatte ich oft das Gefühl, erklären zu wollen, wo ich herkomme – auch musikalisch. Und wenn Du in Deutschland Kanada beschreiben willst, landest Du oft bei den Bildern, die hier so von Kanada existieren, bei weiter Natur, Einsamkeit und der Wildnis. Und als ich dann nach Montreal gezogen bin habe ich wohl einfach die deutsche Clubszene vermisst (lacht). Aber es geht natürlich auch um Coming-of-Age-Prozesse und wie man sich in bestimmten Szenen findet.

Okay, dann bist du gar nicht der Outdoor-Typ, für den ich dich gehalten habe, nachdem ich “Superioryourinferior” gehört habe?!
Oh, ich habe auf meinen Touren schon viel von der kanadischen Wildnis gesehen, Polarkreis, Yukon und all das. Aber ich gehe doch nicht absichtlich und freiwillig in die Natur! Ich hab Angst vor der Natur! Wo ich aufgewachsen bin, gab es viele Grizzlies und die essen Menschen, weißt du. Ich hab schon viel Natur gesehen, aber wohl fühle mich in ihr ganz bestimmt nicht. Es ist doch auch schön, sie sich auf einer Greyhound-Fahrt von Vancouver nach Whitehorse aus dem Inneren eines Busses anzuschauen – und so viel sicherer (lacht).

Auf “Superioryourinferior” hast du auch angefangen, über queere Themen zu singen, darüber, wie es ist, als queerer Mensch in einer ländlichen Gegend aufzuwachen und zu leben. Wie ist es denn, queer zu sein und Country-Musik zu machen?
Hmm, als ich noch Country gemacht habe, dachte ich, dass das eigentlich sehr witzig sei. So im Nachhinein betrachtet bin ich mir nicht mehr so überzeugt, dass es ein besonders sicherer Plan war. Aber am Anfang dachte ich einfach nur: „Ich komme auch von hier, ich bin auch so ein Calgary-Rodeo-Cowboy-Was-auch-immer. Das hier ist auch meine Welt und nicht alle queeren Menschen kommen aus der Großstadt.“ Als ich dann in diese ganze Alt.Country-Szene gekommen bin, bin ich wieder durch genau diese kleinen Ortschaften getourt und ganz unterschiedliche Reaktionen erlebt. Ich glaube, die meisten haben kapiert, was die Idee dahinter ist und was mein Hintergrund. Aber es gab doch auch andere Reaktionen darauf wie ich aussehe und wie ich dann gesungen habe. Also als Geschäftsidee war es wahrscheinlich nicht meine beste, speziell, was die Industrie angeht. Es gibt da sicher Bedenken, mich unter Vertrag zu nehmen, ich nehme nicht an, dass ich irgendwann mal nach Nashville kommen werde. Andererseits: Wer will das schon?

Als ich an „Superioryourinferior“ gearbeitet habe, ist mir klar geworden, dass es überhaupt kein Problem ist, meinen Stil zu verändern. Ich muss nicht daran denken, was mein großes Label dazu sagt – weil ich keines habe. Das ist doch auch ganz schön: Ich kann so seltsam sein, wie ich will, weil ich für die ganze Industrie eh schon viel zu seltsam bin, Das ist doch befreiend (lacht).

Und wie war es andererseits, in den größeren Städten vor ein vornehmlich queeres Publikum zu treten und Country-Musik zu spielen?
Ja, da gab es auch ein paar Irritationen, im Großen und Ganzen aber sehr viel Untertsützung. Seitdem ich mehr Elektro-Rock mache bekomme ich wahrscheinlich ein besseres Feedback als beim Country. Aber das ist glaube ich unabhängig vom Publikum so, es gibt einfach weniger Menschen, die Country mögen. Nichtsdestotrotz habe ich es sehr genossen, als Country-Künstler aufzutreten, speziell in Deutschland. Ich hatte zum Beispiel atheistische Gospel-Mitsing-Auftritte in queeren Squats und die Leute hatten viel Spaß dabei.

Du bist ja schon einige Jahre als transgender Künstler unterwegs. Gibt es denn seit deinen Anfängen in den politischen Transgenderfragen irgendwelche Fortschritte?
Ja, ich hatte mein Coming-out vor über zehn Jahren, ich lebe also seit dem Beginn meiner Karriere als Künstler offen transgender. Ich glaube schon, dass es Fortschritte in diesem Bereich gibt, speziell bei der Haltung, die junge Leute in diesen Fragen einnehmen. Bei den älteren hat sich da wahrscheinlich nicht viel geändert, aber wenigstens gab es auch ein paar rechtliche Fortschritte und es hat sich eine gewisse Sensibilität im Umgang entwickelt. Aber klar, es gibt immer noch Probleme für Transgender-Personen, sowohl innerhalb der LesBiSchwulen-Community, wie auch in der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft. Es ist glaube ich in Deutschland wie in Kanada gesetzlich vorgeschrieben, dass man sich für eine von zwei Genderidentitäten entscheiden muss. Ich empfinde das als sehr gewalttätig, dass es Vorschriften gibt, die Menschen dazu zwingen, ihr Gender zu verändern, um in die eine oder andere Kategorie zu passen. In England gibt es wohl gerade Pläne, die Gender-Kategorie von den Personalausweisen zu streichen, Das würde ich sehr begrüßen. Aber heute ist es in der Mainstream-Gesellschaft immer noch so, dass du nicht kein Gender haben kannst. Du musst immer das gegenteilige Geschlecht annehmen, um klar zu machen, dass du trans bist.

Arbeitest du neben dem neuen Album, das im Januar erscheint, noch an anderen Projekten?
Ja, ich arbeite mit jemandem vom kanadischen Filminstitut an einem Dokumentarfilm über mich. Es wird eine Musical-Doku darüber, wie ich in der Prärie aufgewachsen bin. Hauptsächlich besteht der Film aus Interviews, in denen es darum geht, trans zu sein und Country in Alberta zu spielen. Dazu kommen musikalische Einschübe – Musical-Sequenzen und Muskvideos, das Album dazu habe ich schon fertig. Das Ganze wird sich eher nicht am klassischen stereotypen Aufbau einer Transgender-Doku orientieren sondern ziemlich fantastisch und surreal werden.

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