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S.C.U.MInterview mit Thomas Cohen

S.C.U.M

bei der fülle an talentierten bands, die im londoner underground mitmischen, kann es schon mal vorkommen, dass es seine zeit braucht bis die nötige aufmerksamkeit von seiten der fans, labels und auch der presse kommt. das quintett S.C.U.M konnte jedoch schon früh von sich reden machen, nicht zuletzt durch zahlreiche lokale shows, die sich fortwährend in die köpfe der zuschauer bohrten.

nach vertragsunterzeichnung bei mute und ersten ausflügen auf das europäische festland steht nun das debütalbum in den startlöchern. immer mit dem sehnsüchtigen blick auf atmosphärische weiten gerichtet, drängen die songs gerade nur so darauf vorwärts zu streben. wir baten sänger thomas cohen zum kommunikativen austausch auf's sofa und bekamen dabei allerhand details rund um das kommende album "again into eyes" direkt aus erster quelle.


woher kommt all diese klangliche spannung in eurer musik?
die band wurde aus reiner frustration geboren. es war eine direkte reaktion auf die ganzen lebensumstände, die eben nicht immer die besten sind. das musik machen ist ein durchaus optimistischer prozess für mich, auch wenn immer irgendwo ein destruktives element mitschwingt. heutzutage stagniert die musikindustrie auf so vielen ebenen und das hat uns natürlich wütend gemacht. wir hatten diese ganze indie-musik so satt, weil sie uns einfach nichts mehr bedeutet hat. vielleicht rührt daher dieses spannungselement in unserer musik.

und was hat es mit den von euch gerne eingesetzten hall-effekten auf sich?
ich finde hall-effekte sehr reizvoll, weil sie die fähigkeit besitzen dem jeweiligen song eine form von distanz und weite zu verleihen. elvis hat in den 50ern ebenfalls sehr viel hall in seine musik eingebaut und das hat mir schon immer gefallen. er klang wie eine verzauberte figur in „blue moon“. leonard cohen ist ebenfalls jemand, der erfolgreich damit experimentiert hat.

zum teil wird künstlern, die mit viel hall arbeiten, vorgeworfen, dass sie sich dahinter verstecken würden.
ja, das stimmt, aber das ist bei uns nicht der fall. es gibt kein größeres geheimnis, dass wir dadurch verdecken wollen. unsere intention dahinter ist einzig und allein die anziehung, die wir mit dieser art von klang verbinden. es ist eine schande, dass hall-effekte immer nur mit den 80ern assoziiert werden. jetzt greifen so viele bands genau das wieder auf und es ist, als hätte sich nichts geändert. für mich steht aber das gefühl im vordergrund in die weite zu schweifen und die nähe zum jenseits spürbarer zu machen.

euer debütalbum „again into eyes“ ist im kasten. war es für euch wichtig einen einheitlichen sound zu schaffen?
was uns als band angeht, kann ich das nicht behaupten. uns ist es nicht wichtig, dass wir von leuten in ein bestimmtes genre gesteckt werden können oder unsere musik womöglich sofort immer einen stempel aufgedrückt bekommt. wir schreiben keine songs, damit man uns als band sofort am ersten ton erkennt und ruft „oh, das ist ein s.c.u.m song!“. ein einheitlicher sound ist nur wichtig, was das album selbst betrifft. schließlich verstehen wir es als ein abgeschlossenes stück. deswegen haben wir uns auch immer nah unserer methode des songwritings bewegt.

wie sieht denn eure methode beim songwriting aus?
simple melodien, aber dafür eine struktur, die im gegensatz dazu weitaus komplexer ist. während der fertigstellung des albums habe ich eine menge über die wichtigkeit von melodien gelernt.

seid ihr mit einem besonderen konzept im hinterkopf ins studio gegangen oder lässt man bei den ersten album aufnahmen einfach alles auf sich zukommen?
bei uns war ganz klar letzteres der fall, obwohl ich zum beispiel die idee eines konzeptalbums recht interessant finde. wir hatten im vorfeld der aufnahmen so eine art sound-agenda griffbereit für uns, aber keine festgelegten regeln nach denen wir uns gerichtet haben.

ihr steht noch ganz am anfang eurer karriere. glaubt ihr eure musikalische identität bereits gefunden zu haben?
das ist eine gute frage! ich glaube für uns ist es am wichtigsten, dass wir den drang verspüren musik zu machen und uns stetig vorwärts bewegen. wir sind mit dem ergebnis der studioarbeit sehr zufrieden und fühlen uns mit dem, was wir geschaffen haben, wohl. vielleicht haben wir vor den aufnahmen etwas mehr mit unserer musikalischen identität zu kämpfen gehabt. spätestens seit der zeit im studio sind diese bedenken aber verschwunden. ich bin sehr froh darüber, dass wir so viel freiheiten hatten und wünsche mir, dass wir uns diese arbeitsweise auch in zukunft bewahren können. ich möchte mich niemals innerhalb von künstlerischen einschränkungen bewegen müssen. es gibt künstler, die während ihrer karriere an sich und ihren erfahrungen wachsen und immer relevant bleiben, andere verschwinden wieder von der bildfläche, weil sie immer auf der stelle treten. das ist so vielen bands gerade im letzten jahrzehnt passiert. wir als band verspüren jedoch keinerlei druck uns zu ständig neu zu erfinden.

vor der album veröffentlichung gab es eine reihe von audio-visuellen eindrücken, die ihr unter der serie „signals“ verfügbar gemacht habt. was für signale wollt ihr mit eurer musik aussenden?
die „signals“ serie basiert auf verschiedenen thematiken, die sich alle um das leben selbst drehen. dabei vermitteln wir dem hörer aber keine klaren anschauungen oder sagen ihm, was er fühlen soll. wir sagen ihm auch nicht, was wir im detail denken oder erklären ihm den song. alles, was passiert, ist völlig frei und kann vom rezipienten offen interpretiert werden. fast so ähnlich wie instrumental-musik, nur, dass sie auf popmusik basiert. somit sind die einzigen signale, die wir mit unserer musik aussenden wollen, einzig und allein an die freiheit der interpretation durch den hörer geknüpft. jeder soll das in den songs finden, was er möchte. wir wollen niemanden vorschreiben, was er zu denken hat.

kann man die „signals“ reihe als tribut an die verschiedenen städte sehen, in denen die jeweiligen songs entstanden sind?
ja, absolut. das ganze war eine sehr befreiende erfahrung für uns, denn alles war improvisiert. die erste session fand in warschau statt. der sound engineer sprach leider kein englisch, aber irgendwie haben wir trotzdem miteinander kommunizieren können. die idee hinter allem war, dass wir uns als personen in der jeweiligen stadt wahrnehmen und dieses gefühl dann im einklang mit der umgebung in einem improvisierten song widergeben wollten. am besten hat das für mich in paris funktioniert. dieser song hat es dann auch auf das album geschafft. alle „signals“ sind auf tour entstanden und wir wollten unbedingt in einigen der städte solche aufnahmen machen, auch wenn es zeitlich nicht immer leicht war. für mich ist es ganz normal, dass ich direkt von meiner umgebung beeinflusst werde, also findet sich alles irgendwann in einem song wieder. wir waren für die „signals“ aufnahmen nie länger als zwei stunden in einem studio. es ging alles sehr schnell. nur in athen mussten wir direkt auf der bühne improvisieren und haben die aufnahmen des live-mitschnitts dann später im studio in einen richtigen song verwandelt. allein das schlagzeug wurde im nachhinein hinzugefügt, wir sind unserem konzept also treu geblieben. es gibt immer einen weg, um die eigenen vorstellungen in die tat umzusetzen.

der bandname geht auf das provokative und männer verachtende „s.c.u.m. manifesto“ von valerie solanas zurück. der frau, die in den späten sechzigern ein attentat auf andy warhol verübte. wie steht ihr zu den darin getroffenen aussagen?
wir verabscheuen die darin aufgestellten thesen und finden die aussagen ziemlich reisserisch. natürlich besteht bei so einem bandnamen immer die gefahr, dass die leute ihn wortwörtlich nehmen und davon ausgehen, dass wir hinter diesem manifest stehen. wir hatten den bandnamen eigentlich schon ausgewählt bevor wir überhaupt eine richtige band waren. der name sah optisch gesehen einfach gut aus. wir bereuen die wahl bis heute auch nicht.

vertretet ihr überhaupt irgendwelche radikalen ansichten, in welcher hinsicht auch immer?
ich vertrete gar keine radikalen ansichten. ich hege nur eine große abneigung gegen das fundament der englischen gesellschaft und auch der englischen medien. ich würde mich aber nicht als jemanden bezeichnen, der generell radikale ansichten vertritt. das steckt einfach nicht in meiner person.

ihr wurdet vor kurzem von portishead eingeladen auf dem „ATP - i’ll be your mirror“ festival in london zu spielen. wie war diese erfahrung für euch?
das war eine riesen ehre für uns! ich habe „third“ rauf und runter gehört und als große inspiration empfunden. die visuelle komponente, aber auch das gespür für timing, das portishead in ihrer musik zum ausdruck bringen, fesselt meine aufmerksamkeit jedes mal auf’s neue.

ihr habt in der londoner live szene viel erfahrungen sammeln können. war das ein guter prüfstein für eure bevorstehende karriere?
london kann einem als band unglaubliche möglichkeiten geben. auch die aufmerksamkeit, die du dort teilweise in ganz kurzer zeit bekommen kannst, ist wirklich unfassbar. es war ein wahrer segen dort so viel unterwegs zu sein, aber es kann dich als band auch schneller zerstören als du glaubst. einen moment lang dreht sich alles um dich, dann kann auch schon wieder alles vorbei sein. man muss ab einem gewissen punkt sehr viel kraft aufwenden sich einfach nur auf sich selbst zu konzentrieren, sonst verliert man die kontrolle. die shows in london waren mit sicherheit auch ein gutes sprungbrett für uns in ganz europa shows zu spielen.

04.09.2011 // annett
 

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