Alexi MurdochInterview mit Alexi Murdoch
Deine Musik fordert Leute zum Zuhören auf, da sie sehr still ist. Morgen spielst du hier auf dem Haldern Pop Festival, wo das Publikum sehr unterschiedlich ist: Viele werden dein Konzert sehen wollen, manche der Leute sind aber vielleicht betrunken, andere nicht so sehr an deiner Musik interessiert und wollen einfach nur im Zelt Schutz vor dem Regen suchen. Warum hast du dich trotz solcher Risiken entschieden, auf dem Haldern Pop Festival aufzutreten?
Ich wusste nicht, dass da so viele betrunkene Leute sind (lacht). Aber ich schätze, jedes Festival birgt eine Art Risiko, weil auch viele Menschen im Publikum stehen, die vielleicht nur eine Single aus dem Radio kennen. Aber ich nehme an, dass die Organisatoren des Festivals, wenn sie mich hierher einladen, denken: Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Leute zuhören werden. Die Hauptsache ist, dass überhaupt jemand zuhört, und auf diese Menschen fokussiert man seine Aufmerksamkeit dann auch. Aber was hoffentlich passieren wird: Alle hören zu (lacht). Ich werde versuchen, das zu erreichen, aber am Ende des Tages bin ich immer wieder überrascht, zu welch hoher Aufmerksamkeit die Menschen in einer eigenartigen Umgebung wie der eines Festivals fähig sind. Dass sie in der Lage sind, still zu sein und sich in meine Stimmung hinein zu versetzen. Für mich ist das ja einfach, denn ich mache die Musik und genieße das. Ich weiß nicht mal, ob ich selbst so dasitzen und mir eine Stunde zuhören könnte. Ich bin immer interessiert daran, wie es sich auf das Publikum überträgt. Aber ich bin auch oft skeptisch, wenn es darum geht, auf Festivals zu spielen. Aber der Booker ist da optimistisch, und in 9 von 10 Fällen wird es dann auch gut. Mal abwarten, was heute Abend passiert. Entweder wird es gut, oder ich hole mir so eine Wasserpistole, und spritze jeden an, der quatscht. PSSSSSSSSSSSSSSSCH! (lacht laut)
Warum hast du dich überhaupt entschlossen, auf der Bühne zu spielen? Deine Musik ist ja auch sehr introvertiert.
Die irgendwie kitschige Antwort ist: Ich hab mir das nicht ausgesucht. Aber das ist wahr. Das passiert einfach, ich kann mir mein Leben ohne das nicht vorstellen. Es ist nicht leicht oder angenehm, denn eigentlich fühlt es sich so unnatürlich an, auf die Bühne zu gehen. Man versucht ja nicht nur, die Leute zu unterhalten. Man will mit seiner Musik etwas kommunizieren. Und manchmal realisiert man plötzlich, dass man das vor einem Haufen Fremder tut. Das ist alles ein bisschen mysteriös für mich.
Vielleicht tust du es ja, um deiner Musik ein Ziel zu geben?
Ja, das kann sein. Ich meine, ich sehe mich nicht als extrovertierte Person. Der Gedanke, diese Musik nicht zu teilen, macht sie irgendwie wertlos. Ich glaube nicht, dass ich dann Lieder schreiben würde. So sehr ich das auch liebe: Wenn ich allein in der Wüste festsäße, würde ich das wohl nicht tun. Es geht definitiv um die Kommunikation mit dem Publikum.
Wenn du besondere Kräfte hättest und etwas an deiner Präsenz auf der Bühne ändern könntest- würdest du dann gern unsichtbar werden, nur Stimme und nicht auch Körper sein?
Das ist interessant. Ich denke, die Vorstellung, unsichtbar zu sein gefällt mir. Und unterbewusst strebe ich wohl danach. Ich habe immer Streit mit dem Beleuchter, weil ich so wenig Licht wie möglich auf der Bühne haben möchte, und er sagt immer: „Aber so kann dich niemand sehen!“
Ich schätze, dass ich schon fühle, dass meine physische Präsenz auf der Bühne von der Musik ablenkt. Auf der anderen Seite ist sie aber auch wichtig, sonst kann man ja auch einfach die Platte einlegen und abspielen. Live auf der Bühne zu stehen und die Musik vor den Leuten zu spielen ist das Wichtigste. Aber heutzutage ist alles so sehr auf Unterhaltung und Spektakel ausgerichtet ist, dass ich das entgegen der Erwartungen des Publikums anders machen möchte. Am liebsten würde ich das Licht eigentlich ganz abschalten. (lacht).
Ich habe das nur gefragt, weil ich denke, dass deine Musik nicht wirklich für die Bühne oder Zivilisation an sich geschrieben zu sein scheint. Am stärksten wirkt sie auf mich in der Natur und an eher fernen Orten. Wie würde für dich der Ort aussehen, an dem du deine eigene Musik am liebsten hören würdest?
Wahrscheinlich hast du recht. Man hört ja, wo die Musik herkommt, und das sind sehr abgeschiedene Plätze. Ich hoffe, dass die Musik den Raum überwinden kann und auch jemanden erreicht, der sich den Luxus nicht leisten kann, in die Berge zu gehen, zum Beispiel jemand, der in der U- Bahn auf dem Weg zur Arbeit festsitzt. Aber die Musik richtet sich schon eher an die einsameren Plätze, und um Zugang zu dieser Musik zu finden, muss man so einen Ort in seinem Kopf kreieren, auch wenn man von Menschen umringt ist. Es ist nicht unbedingt das übergeordnete Thema meiner Musik. Aber das Gefühl der Abgeschiedenheit beschreibt gut, wer ich bin und wo ich lebe. Und da ist es unvermeidbar, dass das auf die Musik abfärbt. Aber es ist großartig, dass du das bemerkt hast.
Also wäre der Ort, an dem du deine eigene Musik am liebsten hörst, auch der, an dem du sie aufgenommen hast.
Ich denke schon. Und obwohl ich so etwas nicht gut malen könnte, hat Musik für mich eine sehr visuelle, auch geographische Dimension. Das hat viel mit den nördlichen Ländern, der offenen Landschaft und dem Licht im Norden zu tun, im Sommer wie auch im Winter. Die Stille und Isolation dieser Umgebung gibt einem die Möglichkeit, wesentlich reduziertere Musik zu machen. Man muss gegen keinen erhöhten Geräuschpegel einer Stadt ankämpfen. Also macht es schon Sinn, dass ich die Musik da auch am liebsten hören würde. Wir haben ein wenig die Wertschätzung für Einsamkeit verloren. Für mich ist das eine wichtige Grundlage für das menschliche Dasein. Ich möchte da jetzt nicht philosophisch werden. Aber auch wenn es nicht für eine lange Zeit ist, auch wenn man nur einen Tag in Stille mit sich selbst verbringt- es gibt so viele komplexe Sachen, die man für sich selbst verarbeiten muss. Um in einer gesunden Art und Weise zu wachsen und sich weiterzuentwickeln, müssen wir in der Lage zu sein, Dinge zu verarbeiten, in dem wir uns Zeit für uns selbst nehmen. Ohne das könnte ich nicht leben.
So wie Björk über Island sagte: „Hier gibt es nicht so viel, also ist viel Platz für dich selbst.“
Ja, stimmt. Deswegen segele ich auch so gern auf dem Meer. Der Ozean ist die letzte Wildnis, die uns geblieben ist. Es gibt hier und da noch kleine Flecken, aber der Ozean ist das einzige, was beinahe grenzenlos wild geblieben ist. Er ist eine Art Wüste. Dort isoliert man sich auf eine sehr heftige Art und Weise. Seltsam, Island ist ein Ort, an dem ich noch nie war, aber von dem ich immer geträumt habe. Vielleicht mache ich bald mein Boot bereit und segele hin.
Vielleicht sieht der Himmel da auch besonders eindrucksvoll aus. Deine Musik nutzt das Bild des Himmels überhaupt sehr oft, und du hast in deinem Leben an vielen Orten auf der Welt gelebt. Sind dir Unterschiede zwischen den Himmeln an diesen Orten aufgefallen?
Ja, über diese Himmelsbezüge habe ich so nie nachgedacht. Aber der Himmel ist etwas, das ich unabhängig von dem Ort, an dem ich lebe, immer bewusst wahrnehme. Man betrachtet den Himmel ja oft, zum Beispiel um abzuschätzen, wie sich das Wetter entwickelt. In Schottland, wo ich lebe, kann es ziemlich übel werden. Aber jeder, der mal innerhalb der nördlichen Breitengrade gelebt hat, kann bestätigen, dass es einen Unterschied in der Qualität des Lichtes zu den südlicheren Gefielden geben. Durch den tieferen Winkel der Sonneneinstrahlung auf nördlich gelegene Länder ist das Licht klarer. Im Ernst, das hat einen fotochemikalischen Effekt auf dein Gehirn. Vielleicht würden Studien ergeben, wie UV- Level deine Stimmung beeinflussen. Dort kann ich mich am besten auf meine Musik konzentrieren, in der Karibik kann ich mir das nicht vorstellen.
Erinnerst du dich an einen Himmel, der einen besonderen Eindruck auf dich gemacht hat?
Ich kann dir da leider keinen sagen, nein. Jeder Himmel ist an sich besonders.
Gut, aber eine Frage zu Himmeln habe ich noch. Das Lied, durch das die meisten Menschen auf deine Musik zu stoßen scheinen, heißt „Orange Sky“. Ist dieser der Himmel eines Sonnenauf- oder eines Sonnenunterangs?
Okay, ich erzähl's dir. Eigentlich spreche ich ungern über Bedeutungen, aber diesen Himmel habe ich nicht in der Realität miterlebt. Er stammt aus einem Traum, den ich hatte, und in diesem Traum war es der Himmel nach einer nuklearen Explosion (lacht). Es war also weder ein Sonnenauf- noch ein Sonnenuntergang in diesem furchtbaren Traum. Es war die nukleare Verwüstung unserer Welt. Das hat mich beschäftigt. Irgendwie lustig, denn als du mich nach einem besonderen Himmel gefragt hast, ist mir dieser Himmel in den Sinn gekommen. „Orange Sky“ war eigentlich nie ein richtiges Lied. Ich hab nur manchmal eine Melodie gesummt, wenn ich daran gedacht habe, und es mit mir herumgetragen. Dann wurde es wie durch Zufall aufgenommen. Als Lied war es aber eigentlich nie gedacht. Für mich war dieser Song in seiner Entstehung immer sehr seltsam.
Ich muss das nicht veröffentlichen, wenn du nicht willst.
Nein, schon gut. Ich habe nur oft keine Lust, die Bedeutung von Liedern zu erklären. Für manche Menschen markiert dieser Song vielleicht einen wichtigen, schönen Moment in ihrem Leben und plötzlich wird der durch die Vorstellung eines Weltuntergangs getrübt (lacht). Das ändert die Bedeutung, und ich bin der Überzeugung: Sobald ich ein Lied veröffentliche, gehört es mir nicht mehr und ist für Interpretationen offen.
Und was war der letzte Traum, den du hattest?
Meine Träume waren in letzter Zeit sehr kompliziert. Ich kann das malen, aber erklären kann ich dazu nichts. Als Kind habe ich es immer gehasst, zu malen, weil es mich unglaublich geärgert hat, dass ich die Bilder nie so malen konnte, wie ich sie haben wollte.





















Kommentare müssen nach dem Absenden per E-Mail bestätigt und aktiviert werden. Achtet daher bitte auf die korrekte E-Mail-Adresse. Kommentare die in der Vergangenheit schon einmal aktiviert wurden, werden sofort veröffentlicht.