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My Brightest DiamondInterview mit Shara Worden

My Brightest Diamond

Heute Abend spielst du Lieder von deinem neuen Album „All Things Will Unwind“. Du hast mal gesagt, dass du auf früheren Konzerten gemerkt hast: Manche deiner Songs sind nicht dafür gemacht, live gespielt zu werden. Freust du dich darauf, die neue Musik auszprobieren, oder bist du auch etwas besorgt, wie die Reaktionen ausfallen könnten?
Ich habe die Platte aufgenommen, um sie auf zwei Konzerten zu spielen, sie wurde also dafür gemacht, live aufgenommen zu werden. Aber in einer Woche musste ich diese Musik mit einer Rockband und dann noch mal solo spielen. Und allein ist es echt hart, denn ein Großteil der Musik ist so entstanden, dass ich die Arrangements geschrieben und alles nur aus dem Kopf heraus gemacht habe, ich habe nichts eingespielt. Daher ist das eine Herausforderung: Manche Dinge spiele ich morgen zum ersten Mal allein.

Du hast dein neues Album mit dem yMusic Orchester aufgenommen, einer Gruppe klassischer Musiker. Du bist bekannt dafür, dass du dich zwischen allen nur denkbaren Genres bewegst. Auf der anderen Seite hast du aber auch eine klassische Gesangsausbildung und beteiligst dich auch an klassischen Musikprojekten. Ist Klassik ein Stil in dem du dich verwurzelt fühlst?
Ich fühle mich keinem Genre an sich verbunden. Als ich ein Kind war, waren wir sehr viel unterwegs. Es gibt so viele Orte und Kulturen, die Teil meiner Erziehung sind. Wenn ich Musik mache, nutze ich Genre- Grenzen nur, um konzentriert zu bleiben. Ich liebe Musik und alle Arten von Musik. Was ich aber wirklich liebe, ist das Songwriting. Wie die Dinge dann instrumentiert werden ist nichts, womit ich mich identifiziere. Ich könnte morgen ein elektronisches Album aufnehmen und das trotzdem noch als authentisch empfinden. Ich denke, es geht eher um die Songstrukturen mit der Stimme als Zentrum. Für mich entsteht immer eine Spannung beim Streben nach der Schönheit und Reichhaltigkeit musikalischen Könnens, denn wenn es ZU schön wird, fühle ich mich unwohl. In mir gibt es auch einen Punk- Teil, der alles durcheinanderbringen will. Mir geht es darum, das Gleichgewicht zwischen diesem wilden und dem zahmen Teil zu finden.

So häufig wie deinen musikalischen Stil änderst du auch dein Aussehen und dein Form. Du verkleidest dich als Libelle, Naturgeist oder Prinzessin. Ist das, weil du gern in unterschiedliche Körper schlüpfst, oder weil du dein richtiges Ich verstecken willst?
Ich glaube, ich habe mich schon für mein erstes Album verkleidet, als ich etwa zwanzig Jahre alt war. Was für mich so interessant an Bildern ist, das ist nicht die Übermittlung von Information oder das Aussehen. Es geht mehr darum, eine Metapher zu bilden und etwas aus mir zu machen, das größer ist als ich selbst. Ich kann tatsächlich eine sehr schüchterne und introvertierte Person sein. Und wenn ich ein Kostüm oder Outfit anlege, fühle ich mich verletzbarer. Das klingt widersinnig. Aber als Frau erwartet man immer, dass etwas an dir Schönheit ausstrahlt. Ich bin eine exzentrische Person und fühle mich nicht wohl dabei, immer schön aussehen zu wollen. Denn ich fühle mich nicht immer schön. Und das Theater erlaubt mir, davon abzulenken, wie ich aussehe.

Wenn du dieser Formwandler sein könntest, von dem du auf „Inside A Boy“ singst, welche Form wäre für dich selbst am passendsten?
Jemand hat mal zu mir gesagt „An einem Tag trägst du am liebsten Schmuddelklamotten, am nächsten ein pinkes Tütü. Und beides umfasst deine Persönlichkeit.“ Wenn man so etwas annimmt, muss man sich keine Sorgen darüber machen, wie andere einen wahrnehmen. Unsere Persönlichkeit kann so groß sein wie wir das wollen. Es geht vor allem um Vorstellung und Neugierde, und dass man nie aufhört, neugierig zu werden. Wir wollen einander zu sehr über unsere äußere Form, durch Politik, Rasse oder Geschlecht definieren. Daraus entstehen viele Konflikte auf unserer Welt. Wenn wir es schaffen, die Augen hinter den Augen zu erblicken, dann wäre das ein großer Schritt. Wie würde also meine Form aussehen? Ich denke, ich wäre eine Wolke.

Die Geschichten, die deine Lieder erzählen, sind aber eher fantastisch, obwohl du auch eingestehst, dass sie einen biographischen Hintergrund haben.
Vielleicht ist das nur meine Art, romantisch zu sein. Aber es gibt eine Parallele zwischen meinen persönlichen Geschichten und dem Stellen von größeren Fragen. In dem Lied „All Things Will Unwind“ rede ich über den Tod, der jedem von uns bevorsteht, und dass wir diese Tatsache akzeptieren müssen. Ich war mal auf einer Geburtstagsfeier für eine Fünfjährige. Da stand ein Mädchen und hielt einen Heliumballon in der Hand. Sie sah mir direkt ins Gesicht und sagte: „Ich hatte auch einen Ballon auf meiner Geburtstagsfeier, und er ist davongeflogen. Eines Tages werde ich in einem Heißluftballon hinterher fliegen und ihn finden.“ Und sie blickte mir direkt in die Augen, als sie es sagte. Das war so kraftvoll! Es wirkte, als wollte sie testen, ob ich ihr glaube.

Und das habe ich in einem Lied verarbeitet, denn der Moment war real, aber darüber hinaus erzählt er auch von der Hoffnung und den Träumen, die Menschen haben und an denen sie festhalten. So etwas scheint lächerlich. Es ist komplett lächerlich! Aber müssen wir nicht an so etwas festhalten? Und ist es nicht traurig, wenn jemand aufhört, daran zu glauben, dass man solche Träume haben kann?

Meine Lieder scheinen oft fantastisch zu sein, aber die Geschichten, auf die sie sich beziehen, sind dem Leben entnommen. In einem Lied kann man etwas sagen und zugleich auch poetisch sein.

Weil du glaubst, dass in Träumen und Märchen eine größere Wahrheit liegt, die man in einem normalen Gespräch so nie offen legen könnte?
Ich denke, darum bin ich Musikerin geworden, und nicht Rechtsanwältin. Der Grund, warum mich Geschichten zu interessieren ist, dass sie oft etwas sehr Tiefsinniges in sich tragen. Deshalb liebe ich Kunst: Sie lässt uns Dinge aus anderen Blickwinkel sehen, die man durch Diskussionen nicht erreichen kann. Kunst hat die Fähigkeit, Barrieren zu umgehen. Eine Geschichte kann dich täuschen und so dazu bringen, offen und empfänglich für etwas zu sein. Das ist auch die Gefahr dabei: Wenn man sie nutzt, um Leute zu manipulieren.

Das Cover zu deinem neuen Album zeigt dich dabei, wie du Neutrinos (Elementarteilchen mit sehr kleiner Masse und extrem hoher Geschwindigkeit) zusiehst, die sich von der Sonne auf die Erde zubewegen. Das ist in erster Linie keine poetische, sondern eine wissenschaftliche Betrachtungsweise. Inspiriert dich die Wissenschaft?
Immer. Ich lebe, um zu verstehen, was es heißt, zu leben. Und Wissenschaft ist eine andere Art, herauszufinden, warum die Welt ist, was sie ist. Ich nutze Wissenschaft aber auf die etwas billige Art (lacht), weil ich keine besonders belesene Person bin, wenn es um Wissenschaft geht. Aber ich bin sehr fasziniert davon. Zum Beispiel hat das Lied „To Pluto's Moon“ diesen Bezug: Einer der Monde dieses Planeten heißt Charon. Und der Mond unserer Erde dreht sich so, dass er und Charon sich immer gegenüberstehen. Und so habe ich mich gefühlt, als diese Person gestorben ist, die ich kannte. Sie ist zum fernsten Ort gegangen, der mir je bewusst war. Und der am weitesten entfernte Ort, den ich kannte, war Pluto. Also habe ich angefangen, über den Planeten zu recherchieren, und dann habe ich von diesem Mond erfahren. Und ich dachte, dass das ein so schöner Tanz ist, den diese beiden Monde tanzen, obwohl sie so weit voneinander entfernt sind. Und so wird auch mein Herz immer tanzen.

Oder das Lied „We Added It Up“, dass sich mit den vielen Konflikten unserer Welt beschäftigt. Ich habe Wissenschaft genutzt, um den Inhalt meines Songs in einen Rahmen zu setzen. Also habe ich gesagt: „Im Gefüge unseres Universum gibt es positiv und negativ, und wenn das Miteinander von beidem ist die Grundlage unserer Existenz. Ich will mich nicht gegen diese Vorstellung wehren, sondern sie annehmen und einen Weg finden, darüber nachzudenken.“

Vielleicht ist es zu stark vereinfach zu sagen „Liebe eint die Welt“, aber vielleicht ist es das auch nicht. Man kann einen Konflikt mit jemandem haben, und dieselben Dinge sagen und dabei entweder wohlwollend oder verletzend sein. Und wenn man Mitgefühl für jemanden hat, ist man freundlicher, wenn man sie mit Dingen konfrontiert. Aber Konfrontation an sich ist wichtig. In Zeiten globaler Erwärmung und dem Aussterben von Tierarten müssen wir mutig sein, und mehr tun, mehr Verantwortung tragen, denn es ist eine so große Last, die auf uns liegt. Manchmal weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Das Album ist eine Art Prozess für mich, in dem ich das zu lernen versuche.

Dann stell dir vor, du wärst eine Superheldin und könntest all die Dinge in der Welt ändern, die dich belasten- wer wärst du gern und was wäre deine besondere Fähigkeit?
Diamond Girl, natürlich! Ich habe sogar schon das Kostüm, weil es mal ein Fotoshooting zu einem Remix von „Freak Out“ gab.

Und was kann Diamond Girl?
Nun ja, sie trägt ein blaues Schwert, das besondere Kräfte hat. Und sie haut all die üblen Kerle um, und befreit die Gefangenen (lacht). Ich habe den Charakter aus einem Buch mit dem Namen „Blue Sword“ von Robin McKinley, einem Science- Fiction- Roman über ein Mädchen, das mit übernatürlichen Kräften das Böse besiegt.

Wo wir gerade von Science Fiction reden: Wenn heute Abend dein letztes Konzert wäre, bevor dich ein Raumschiff entführt- welches wäre das letzte Lied, das du spielen würdest?
I Have Never Loved Someone“, damit würde ich euch verlassen. Es ist ein Lied für meinen Sohn. Es handelt davon, Dinge zu akzeptieren. Und ich sage zu ihm: Am Ende des Tages, egal wie du dich geschlagen hast, bin ich noch da und liebe dich.

13.08.2011 // timm
 

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