Miss LiInterview mit Linda Carlsson
Die Schwedin Miss Li hat für ihre ersten vier Alben schnell die Krone als Zuckerwattefee aufgesetzt bekommen: leichte Sommerliedchen und gutgelaunte Popmusik, gepaart mit Chanson, Jazz, Ragtime und ein bisschen Blues. Ihr neues Album Beats and Bruises tanzt da allerdings aus der Reihe. Erstmals wagt sich Linda Carlsson, wie Miss Li eigentlich heißt, an schwere Themen und düstere Melodien. Im Interview erzählt sie warum.
Deine neue Platte ist düsterer und schwerer als deine Vorgängeralben. Wie kommt das?
Ich bin letztes Jahr sehr krank geworden. Dazu konnte ich natürlich keine gut gelaunte Musik schreiben. Deswegen ist die neue Platte ein bisschen melancholischer geworden. Aber ich bin damit sehr zufrieden, weil jetzt die dunkleren Songs den übersprudelnden Rest aufwiegen. So gibt es auf dem neuen Album die ganze Gefühlspalette. Es gibt natürlich ein paar Songs, die von der Krankheit handelt, aber ich wollte nicht, dass es eine Krankheitsplatte wird. Ich wollte einfach einen dunkleren Sound haben. Das ist auch live eine Bereicherung.
Hast du die Songs während oder nach deiner Krankheit geschrieben?
Ein paar sind genau in dieser Zeit entstanden und handeln auch von der Krankheit, von den Schmerzen, der Hoffnungslosigkeit und meiner Angst. „Shoot me“ zum Beispiel. Aber den Großteil der Platte hab ich geschrieben, als es mir wieder besser ging.
Hat dir das Schreiben während der Krankheit geholfen, besser mit deiner Situation umzugehen?
Auf jeden Fall. Musik ist für mich wie eine Therapie. Manche Leute schreiben Tagebuch, ich schreibe Songs.
Bei manchen Songs auf „Beats and Bruises“ könnte man aufs erste Hören denken, es wäre ein heiteres Lied. Aber wenn man dann genauer hinhört, merkt man, dass oftmals die Texte sehr viel Schwermütiges in sich tragen. Wie wichtig sind dir solche Spannungen?
Sehr wichtig. Ich finde Musik viel interessanter, wenn man sie Schicht für Schicht entdecken musst. Ein guter Song muss für mich immer ein kleines, schimmerndes Licht irgendwo haben, egal wie traurig oder düster er ist. Ich denke, dass das das Erkennungszeichen meiner Musik ist. Auch bei dem, was ich früher gemacht habe. Selbst „Oh Boy“ hat eigentlich eine tragische Geschichte erzählt, auch wenn es nicht unbedingt danach klingt.
Die Platte dreht sich aber nicht nur um dich und dein Leben. Du machst diesmal auch große Geschichten auf, von einer Frau die misshandelt wird zum Beispiel. Siehst du deine Musik auch als politische Botschaft?
Ich finde, dass es schnell langweilig wird, wenn man nur über Liebe und Freundschaft singt. Vor allem, wenn man das schon auf ein paar Alben so gemacht hat. Ich meine, das ist doch nicht alles auf der Welt. Es gibt so viele andere Dinge, über die man singen kann. Es gibt in unserer Gesellschaft viele Sachen, die man kritisch beobachten kann und muss. Ich sehe mich nicht als politisch engagierte Künstlerin, aber es ist mir schon wichtig, für bestimmte Dinge einzustehen.
Für den Feminismus zum Beispiel? Auf der neuen Platte beschäftigen sich einige Songs, wie zum Beispiel „Devil has taken her man“, mit Frauenrechten und Emanzipation.
Es ist schwer, heutzutage Frau zu sein, ohne Feministin zu sein. Natürlich befürworte ich die Geschlechtergleichstellung, aber ich denke nicht, dass wir noch dafür kämpfen müssen, dass Frauen es besser haben als Männer. Das wäre doch ein Rückschritt. Alle sollten die gleichen Möglichkeiten haben, egal ob Mann oder Frau.
Auch wenn das bisher so klang, aber Beats and Bruises ist nicht nur schwerfällig und deprimiert. Es gibt auch einige sehr witzige Stücke, wie zum Beispiel „Arrested“. Kannst du die Geschichte hinter dem Song mal genauer erzählen?
Das war mitten in der Nacht. Nach einer durchtanzten Nacht in Stockholm war ich gerade auf dem Heimweg, als ich plötzlich ganz dringend musste. Da blieb mir nichts anderes übrig, als mir eine Ecke zu suchen. Ich stand auf einem zentralen Platz in Stockholm, aber ich dachte, da wird schon nichts passieren um 4 Uhr früh. Und als ich gerade saß, kam eine riesige Mannschaft Polizeiautos angefahren und hielt genau vor meinen Füßen. Die Polizisten die da ausstiegen, waren alle bewaffnet und bauten sich vor mir auf. Vor lauter Schreck kam ich gar nicht hoch. Dann hörte ich, wie einer in seinen Walky Talky sprach und sagte: Wir haben hier Linda Carlsson festgenommen. Ich hab versucht, so naiv wie möglich zu klingen und hab denen erzählt, dass das nicht meine böse Absicht war, aber dass ich einfach nicht mehr konnte. Anstatt mich festzunehmen, haben wir dann einen Deal ausgemacht. Daraus ist das Lied entstanden.
Du bist zwar natürlich Frontfrau deiner Band, aber ja nicht allein für die Songs verantwortlich. Wie entstehen deine Songs?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal kommt Sonny (Anmerkung der Redaktion: Gitarrist der Band und ihr Ehemann) mit einer Idee zu mir und dann überlegen wir, was brauchen wir noch: Refrain, Bridge oder Text?! Dann arbeiten wir zusammen weiter. Manchmal kommt aber auch mir die erste Idee. Ich hab ein ziemlich statisches Melodieverständnis während er sehr viel durcheinander denkt. Manchmal denke ich wir sind wie die Beatles, wie Lennon und MCCartney. Wir haben die gleichen Ideen und trotzdem kommen andere Songs raus. Manchmal sitze ich auf der Toilette und dann kommt mir die perfekte Idee. Dann brauche ich schnell ein Aufnahmegerät. Deswegen ist mein Telefon ständig voll mit meinem Gesinge. Und da kommt ständig was neues dazu. Irgendwann setzen wir uns dann zusammen hin und überlegen, welche der Teile zusammen passen. Und dann haben wir einen neuen Song.





















Kommentare müssen nach dem Absenden per E-Mail bestätigt und aktiviert werden. Achtet daher bitte auf die korrekte E-Mail-Adresse. Kommentare die in der Vergangenheit schon einmal aktiviert wurden, werden sofort veröffentlicht.