HundredsInterview mit Eva Milner
Wir treffen Eva Milner, die Sängerin der Band Hundreds, beim Appletree Garden Festival unter recht chaotischen Umständen. Alle reden über Amy Winehouse, die wenige Minuten vor Beginn des Interviews verstorben ist, ein Unwetter kündigt sich am Himmel an und ein Team von ZDF Kultur wartet ungeduldig darauf, endlich einen Beitrag mit der Band abfilmen zu können. Auf einer Holzbank wischen unruhig raschelnden Bäumen, rauchenden Kindern und tuckernden Generatoren nehmen wir uns trotzdem mehr als genug Zeit, über das neue Album, Gartenpflege und körperlose Stimmen zu sprechen.
Zuerst die Appletree- Garden- Frage. Wie würde ein Garten aussehen, in dem du dich wohl fühlen würdest und was für Pflanzen würden dort wachsen?

Da muss ich gar nicht so viel nachdenken, weil mein Vater selber in einem Garten lebt, mitten im Wald. Es wäre eher so ein wilder Garten, mit ganz vielen Heidelbeersträuchern, die da wuchern. Und alte Buchen mit dicken Stämmen sollten drin stehen, damit es einem Wald ähnelt.
Und Obstbäume? Möchtest du denn keine Äpfel in deinem Garten ernten können?
Äpfel mag ich nicht so, die sind mir zu sauer. Aber selbst gepflückte Pflaumen und Aprikosen hätte ich schon gern auf meinem Frühstückstisch.
Ihr seid unglaublich oft auf Tour, lebt auf Autobahnen und zwischen Locations. Wonach hast du im Moment am meisten Sehnsucht.

Ich hab das in den letzten Wochen ziemlich häufig gesagt: Ich hätte gern einen kargen Raum mit Blick auf's Mittelmeer, wo du Mittags schlafen kannst, weil es draußen zu heiß ist. Einfach am Mittelmeer sein, die Früchte und Fisch da essen, rumhängen, schreiben- lesen! Ganz viel Ruhe einfach. Keine Musik!
Lesen kannst du doch aber auch auf Tour.
Das ist anders. Das ist dann in eher kurze Phasen zerstückelt. Ich war letzte Woche an der Ostsee, und hab da einen Tag lang nur gelesen, acht Stunden ohne Pause. Ich hatte dann tierischen Sonnenbrand, aber es war gut. Sonst hast du nur zwei Stunden, dann musst du wieder irgendwas machen, was mit der Band zu tun hat. Deshalb würde ich mir einen Balkon wünschen, in Griechenland, oder Portugal- irgendwo. Einfach aus meinem strukturierten Leben raus, weil ich gerade auch noch sehr viel Bürokram für Hundreds machen muss. Ich mach derzeit den ganzen Tag ausschließlich Sachen für diese Band, und das ist großartig. Bloß brauche ich mal Abstand, so ein Monat Ruhe wäre cool. Ich würde Philipp auch mitnehmen, aber eben einfach raus aus dem ganzen. Im Dezember wollen wir beispielsweise vier Wochen nach Island, uns ein Zimmer nehmen und neue Ideen für's Album sammeln.
A propos Album: Auf euren vielen Konzerten spielt ihr nur eigene Sachen, habt aber bisher nur dieses eine Album herausgebracht. Viele Leute werden daher langsam ungeduldig und wollen endlich neue Musik von euch in den Händen halten. Wann kann man mit dem neuen Album rechnen?
Wir haben noch keine Zeit gehabt, etwas Neues aufzunehmen. Wir haben gerade noch mit dem Europa- Release des Albums zu tun gehabt. Im November gehen wir noch mal auf Europa- Tour und spielen in Los Angeles. Das frisst alles wahnsinnig viel Zeit, vor allem das Touren. Ich kenne deutsche Raststätten mittlerweile besser als meine eigene Küche. Wir fangen aber diesen Mittwoch an, an neuen Sachen zu arbeiten. Ich versteh die Ungeduld total, mir geht das ja genauso. Es hat keiner damit gerechnet, dass dieses Album so gut läuft. Wir haben auch versucht, die Lieder umzustrukturieren, um es live interessanter und lebendiger zu machen, aber es sind eben immer noch dieselben Lieder.
Warum lohnt es sich, so lang auf das neue Album zu warten?
Ich glaube, das neue Album wird ein kantigeres Album. Auch weniger melancholisch... naja, nee. Die Melancholie wird immer bleiben, das muss ich mir gar nicht erst einzureden versuchen (lacht). Es wird hörbarer, weil wir uns mittlerweile mit unserer Musik sehr sicher bewegen können. Vor drei Jahren haben wir angefangen und einfach mal geschaut, ob das klappt. Mittlerweile wissen wir ziemlich gut, was wir da tun. Aber wir sind eben auch sehr langsam und brauchen viel Ruhe zum Arbeiten. Wir hoffen darauf, dass das neue Album Ende 2012 herauskommen wird. Ich kann dir dazu jetzt nicht so viel sagen, weil es noch so ein Ei ist, auf dass ich mich erstmal ordentlich draufsetzen muss.
Dein Auftreten auf der Bühne wird mit sehr unüblichen Vergleichen charakterisiert: Mal ist es sphinxenhaft, mal feenähnlich. Nie passt es wirklich in einen alltäglichen rahmen. Wenn du ein Fabelwesen sein könntest, wer wärst du dann gern?

Früher hab ich mir immer gewünscht, ein Eichhörnchen zu sein. Oder Ronja Räubertochter. Ich würde tatsächlich gern im Wald leben, oder auf Island, da gibt’s ja tatsächlich Elfen... hm. Vielleicht würde ich tatsächlich gern in einem Stein in Island leben, als Elfe. Also mal ich einen Stein. Da drin könnte ich jetzt aber eigentlich alles sein, ein Grottenolm zum Beispiel.
Wenn du auf die Bühne kommst, trägst du zu Beginn immer eine Kapuze, die du im Laufe des Konzerts ablegst. Wenn diese Kapuze eine besondere Fähigkeit hätte, zum Beispiel: Dich unsichtbar zu machen- welche wäre das?

Eigentlich ist es genau das: Mich unsichtbar zu machen. Wenn ich auf die Bühne komme, bin ich unsichtbar. Ich will nur Stimme sein, kein Gesicht, nichts das ablenkt. Natürlich sehen mich die Leute auch vorher. Aber sobald ich die Kapuze absetze, bin ich wirklich da. Ich suche mir den Moment aus, in dem ich wirklich heraus kommen möchte.
Und dieser Moment variiert?
Ich teste das ab und zu aus. Manchmal lasse ich die Kapuze länger auf, aber wenn das Publikum sofort gut auf die Musik reagiert, will ich sie eigentlich auch loswerden, da sein und mit den Leuten tanzen.
Das antwortet auch schon ein bisschen auf die Frage, die ich jetzt stellen wollte. Denn ihr bleibt auch im Internet ziemlich zurückhaltend, es ist nichts wirklich über euch erfahrbar- außer der Musik. Tatsächlich seid ihr vor allem da in Form von Musik vorhanden, beinahe unsichtbar. Wann wärst du denn noch wirklich gern unsichtbar?

Vor allem, wenn das Konzert schlecht ist oder die Leute nicht auf die Musik reagieren, zum Beispiel bei Konzerten im Ausland, wo einen niemand kennt - auf einem Stadtfest in Belgien zum Beispiel, wie das vor zwei Wochen passiert ist. Da wäre ich echt gern einfach nur verschwunden. Aber da muss man durch. Das ist so eine Gratwanderung: Man ist halt trotzdem da, nur die Leute interessieren sich nicht für einen. Gut, das ist dann so.
Was ist der letzte Traum, den du hattest?

Ich hab geträumt, dass wir ein Konzert auf Malta gespielt haben. Ich musste die ganze Zeit diese wackeligen Holzbauten hochklettern, dann eine Felswand. Auf der hat meine Mutter gewartet, mit der ich dann weitergelaufen bin, bis wir in eine kleine Stadt kamen, die ans Mittelmeer grenzte. Es war schön, ein warmer Tag, wir haben uns unterhalten. Plötzlich kam eine riesengroße, krasse Tsunami- Welle auf diesen Platz zugerast. Enormes Teil, sowas hab ich vorher noch nie gesehen: Ganz grün, ganz durchsichtig, wie eine Wand aus Glas. Man hat die Fische drin schwimmen gesehen. Ich hab die Hand meiner Mutter genommen, und die Welle ist über uns drüber geschwappt. Es ist erst mal überhaupt nichts passiert. Dann war die Welle weg, und der ganze Platz war voller Fische. Lustigerweise hab ich Angst vor Tsunamis. Aber es war kein schlimmer Traum, denn wir haben uns gegenseitig an der Hand gehalten und erst mal überlegt, was wir mit den Fischen machen.
Wenn heute Abend euer letztes Konzert wäre, bevor Raumschiffe kommen und euch entführen, was wäre das letzte Lied, das ihr spielen würdet und warum?

Let's Write The Streets.
Auch, wenn ihr jedes Lied auf der Welt spielen könntet?
Ja. Das ist einfach das Lied, mit dem wir am meisten berühren und die meisten Kanäle öffnen.





















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