William FitzsimmonsInterview mit William Fitzsimmons
William Fitzsimmons ist ein sehr offenherziger Mensch. Deshalb zögert er auch keine Sekunde, als wir ihm vor seinem Konzert in Leipzig ein etwas anderes Interview anbieten: Er soll seine Antworten mit Kreide auf eine kleine Schiefertafel malen. Wie der Pilotversuch dieser neuen Interviewreihe geklappt hat, lest ihr hier.
Warum ist „Gold In The Shadows“ ein Album, auf das du stolz sein kannst?

Ich schätze, die alten Sachen waren sehr düster, voller Abgründe und Täler. Die neuen Sachen sind sowohl düster als auch zuversichtlich. Darum bin ich sehr stolz auf dieses Album. Es ist keine glückliche Platte, denn Glück ist eine Schwachsinnsidee. Im Leben geht’s nicht um Glück, es geht um Frieden und ein gutes Verhältnis mit den Leuten um einen herum. Das bedeutet Glück für mich, es gehört Licht, aber auch Schatten dazu.
Früher hast du als Therapeut gearbeitet, und in früheren Interviews sagtest du oft, dass du die Arbeit vermisst. Gleichzeitig wirken deine alten Alben wie eine Art Therapie für dich selbst. Was kann Musik für dich leisten, das eine normale Therapie nicht kann?

Ich denke, Musik ist schneller. Für mich ist Therapie wie ein kleines Fenster, und es braucht eine lange Zeit um den richtigen Weg durch das Fenster herauszufinden, und das ist nicht so einfach. Musik ist wie eine riesige, große Tür, die weit geöffnet ist. Da geht das so viel schneller. Aber man kann nicht alles damit erreichen, und das ist das Frustrierende an Musik. Manchmal üben die Leute zu viel Druck auf Musik aus und erwarten so viel mehr von ihr, als sie sein kann. Sie kann kraftvoll und kommunikativ sein, aber sie ist eben nicht alles. Wenn du zum Beispiel Bob Dylan's neue „Blood On The Tracks“ Platte nach einer Trennung hörst, wird sie deine Augen öffnen und Gefühle freisetzen, aber sie wird dich nicht wieder in Ordnung bringen. Sie ist nicht absolut, und zu viele Menschen erwarten zu viel von Musik. Ich habe das getan. Ich dachte, ich nehmen diese Platten auf und bin ein besserer Mensch. Aber die Probleme sitzen tiefer. In meinem Kopf ist Musik ein guter Platz, um anzufangen. Sie setzt deine Gedanken in Bewegung, und manchmal musst du dir dann etwas anderes suchen, das weiterhilft.
Das Klischeebild einer Therapie ist, dass der Patient auf einem Sofa liegt und der Therapeut sagt „Stell dir einen Garten vor, in dem du spazieren gehst“, um ihm zu helfen, mit Panikattacken oder ähnlichen Dingen umzugehen. Als ehemaliger Therapeut, könntest du einen Garten malen, in dem du zur Ruhe kommen würdest?

Vergebung ist die Erde, auf der ich den Garten baue, und in dem der Baum wächst. Und es gibt einen Fluss- der offensichtlich in den Himmel fließt, keine Ahnung warum der das macht. Oh, und ich muss mich ja noch selber malen. Vergebung ist der friedlichste Ort, den ich mir vorstellen kann. Er bedeutet Frieden mit dir selbst und den Menschen um dich herum. Je älter ich werde, desto deutlicher merke ich, dass es auch der Ort ist, der am schwersten zu erreichen ist. All diese Beziehungen sind in einem ständigen Wandel begriffen. Es gibt Leute von denen ich dachte, sie würden mir für immer nahestehen, und ich habe seit Jahren kein Wort mit ihnen gesprochen und werde das wohl auch nie wieder tun. Und dann gibt es neue Menschen, die in dein Leben kommen und dir plötzlich so wichtig sind. Die Idee, dass sich alles immer bewegt, war neu für mich. Sollte sie nicht sein, war sie aber, denn ich hatte eine sehr behütete Kindheit, und jetzt wirkt das Leben so viel größer und schneller. Und Vergebung ist der Ort an dem ich sein möchte, dieser Platz, an dem alles okay ist, zwischen mir und meinem Selbst.
Du bist bekannt für deinen riesigen Bart. Wenn es nicht wehtun oder Nackenstarre verursachen würde, welche Sache würdest du immer in deinem Bart tragen oder verstecken?

Ich würde sagen: Meine Gitarre.
Es darf nicht größer sein, als dein Bart jetzt ist.
Dann sage ich: Ich würde nichts tragen. Und das ist der Grund: Je weniger man hat, um so weniger sorgt man sich. Ich denke an das Touren mit all diesen Instrumenten, der Technik. All diese Dinge, um die man sich ständig Sorgen macht, Besitztümer. Ich bin kein Hippie! Ich habe einen Fernseher! Aber ich mag die Vorstellung, einfach und in der richtigen Balance zu leben, so das man nichts besitzen muss. Handys und Computer und solche Dinge sind okay, aber ich würde gern sagen, dass wenn ich komplett nackt wäre – und da wäre nichts in meinem Bart (lacht) – dann wäre ich glücklich.
Dein Konzert heute ist ausverkauft. Außer der Bereitschaft, Geld dafür auszugeben, was du tust, was magst du an deinem Publikum in Deutschland am meisten?

Die Loyalität. Nicht nur die Deutschen, eigentlich alle Europäer sind Fans vom Künstler, nicht nur den Liedern. Nicht nach dem Motto „Ich liebe diese eine Single da“, die nehmen alles mit. Kann sein, dass sie nicht jedes Lied mögen, aber sie sind dem Künstler gegenüber loyal. Das etwas wirklich großartiges, und es macht einen Unterschied. Du weißt, dass wenn du diese Songs spielst, hören dir die Leute zu. Sie sind nicht nur da, um cool zu sein und Zeit totzuschlagen, sie möchten da sein und das Konzert erleben. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich so gern hier spiele.
Wovon hast du zuletzt geträumt?

Das war etwas sehr merkwürdiges. Da war so ein Affe, der mich angegriffen hat. Ich war im Tiefschlaf und krank, also auf Medikamenten. Mitten im Schlaf habe ich – im wirklichen Leben – so hart zugeschlagen wie ich konnte, um den Affen zu vertreiben. Leider voll auf den Glastisch neben mir. Darum habe ich diese Narbe an meinem Finger, und ich hatte auch einen ziemlich fiesen blauen Fleck auf meiner Hand. Ich habe mir nichts gebrochen und der Tisch ist auch noch ganz, es hat nur höllisch wehgetan und mich zudem aufgeweckt. War also kein guter Traum. Aber warum habe ich verdammt noch mal von einem Affen geträumt, der mich angreift? Seltsam. Aber auch ziemlich interessant, dass ins wirkliche Leben übergeschwappt ist.
In vergangenen Interviews hast du oft wenig Selbstbewusstsein ausgestrahlt. Zum Beispiel hast du ganz oft gesagt, dass all deine Lieder ähnlich klingen. Versuch mal, deinen Charakter zu überspitzen. Wenn du ein Superheld wärst, was wäre deine spezielle Fähigkeit und wie würdest du dich nennen?

Ich würde zu gern die Zeit kontrollieren. Meine Fähigkeit wäre, dass ich sie verlangsamen oder einfrieren kann. Ich könnte Dinge anhalten und Entscheidungen überdenken. Zeit scheint immer so ein unerbittlicher Gegner zu sein, manchmal in kleinen, manchmal aber auch in größeren Ausmaßen, zum Beispiel, wenn man seine Verwandten alt werden sieht. Es ist so, als würde man Sand oder Wasser zu greifen versuchen. Und je fester man drückt, desto schneller verrinnt sie. Also wäre ich „Time Freeze Man“.
Was würdest du für ein Outfit tragen?
Klassischer Superheldenstil. Eng und blau. Eigentlich fast so wie die Sachen, die ich gerade trage! Time Freeze Man ist eigentlich schon hier im Raum, ich kann's nur noch nicht.
Wo wir gerade vom Übernatürlichen sprechen: Wenn heute Nacht das letzte Konzert auf Erden wäre, bevor Raumschiffe kommen und dich abholen, was wäre das letzte Lied, das du für dein Publikum spielst.

Bisschen komisch, aber ich sage „Hold It Up To The Light“ von David Wilcox. Einer der musikalischen Helden meines gesamten Lebens. Er ist nicht bekannt, einer dieser Typen, die es nie wirklich geschafft haben, aber er ist großartig.
Und du würdest dich trauen, das zu covern?
Ja, ich bin ja auch ein besserer Sänger als er (lacht). Er ist dafür der bessere Gitarrist. „Hold It Up To The Light“ ist ein Lied über das Loslassen und Hinnehmen von Dingen, die man nicht ändern kann. Heute habe ich einen Artikel über das Attentat auf Franz Ferdinand in Sarajevo (Anm.: am 28. Juni 1914 als Auslöser des ersten Weltkrieges). Und dieser Artikel ist den ganzen Weg bis heute gegangen nach der Frage: Wenn dieses eine Attentat nicht geschehen wäre, wie würde unsere Welt jetzt aussehen? Es gibt viele Dinge, die wir nicht kontrollieren können. Und es wäre schön, diesen Kontrollwillen aufzugeben und einfach den Moment zu genießen.





















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