CocoonInterview mit Mark Daumail und Morgane Imbeaud
Eintauchen, Abschalten, den Sinnen freien Lauf lassen. Musik hat die wunderbare Eigenschaft dem Hörer unbekannte Türen zu öffnen und ihn mit auf eine Reise zu nehmen, die im besten Fall unbezahlbar ist und einem für lange Zeit im Gedächtnis bleibt. Das französische Duo Cocoon hat sich mit seinem zweiten Album "Where The Oceans End" spgar gleich vorgenommen eine akustische Entführung zu inszenieren, wobei man angesichts der zuckrigen Folk-Pop-Songs gerne freiwillig die Geisel spielt. Beim ungemein geselligen Bretzel-Essen erzählen Mark und Morgane uns zwischen Krümeln und laut summenden Kühlschränken von ihren Fantasien oder den Vor-und Nachteilen eines Konzeptalbums. Ebenso schwingen sie sich voller Eifer und ohne Gnade auf, wenn es darum geht die letzten Alben von ein paar Musikerkollegen zu bewerten. Ausserdem wird geklärt, warum Sufjan Stevens ihnen das Herz gebrochen hat.
Euer Album "Where The Oceans End" entpuppt sich in thematischer Hinsicht als zielsicheres Konzeptalbum. Wo fängt dabei die Planung an, wo bleibt Platz für Intuition?
Mark: Um ehrlich zu sein, ich hatte Angst so etwas Großes anzupacken. Es ist doch eine Menge Arbeit, wenn man ein Album mit so einem Plan im Hinterkopf auf die Beine stellen will. Zuerst hatte ich Bedenken, dass es schwierig werden würde ein Thema auf ein gesamtes Album auszudehnen, aber nach einer Phase des Umdenkens hat es dann recht gut funktioniert. Ich habe mich einfach von der Vorstellung verabschiedet die Songs als große Masse zu sehen. Auch wenn das Thema übergreifend war, mussten es die Songs ja nicht zwangsweise sein und hatten das Recht als Individuum betrachtet zu werden. Mit dieser Vorstellung klappte es dann viel leichter sich den Stücken zu nähern und es blieb auch wieder genügend Raum für Spontanität.
War es mit einem so fest abgesteckten Rahmen bezüglich der Songs einfacher einen kreativen und flüssigen Arbeitsablauf herzustellen, weil ihr euch von vorn herein bewusst darüber wart, wo die Reise hingehen sollte?
Mark: Ja, das war es. Uns war es wichtig gewisse Grenzen zumindest grob im Vorfeld zu definieren, um uns dann später daran zu orientieren. Dadurch konnten wir konzentriert an den Songs arbeiten und von einem zum nächsten tragen lassen. Wir wussten während der Arbeit genau, was wir vom jeweiligen Song wollten und hatten es schließlich mit dieser Grundlage im Rücken auch einfacher am Ende genau das zu bekommen. Das nächste Album wird wahrscheinlich das komplette Gegenteil werden. Ich könnte mir gut vorstellen beim nächsten Studiobesuch wieder alles umzukrempeln.
Morgane: So ein Konzept hat natürlich immer seine Vor-und Nachteile für einen selbst. Einerseits kann man sich gut daran orientieren und hat immer eine Stütze falls man einmal den Faden verlieren sollte. Andererseits kann es passieren, dass sich die Ideen in deinem Kopf so hoch auftürmen, dass es dich ganz verrückt macht nur über dieser einen bestimmten Sache zu brüten. Man muss aufpassen, dass man sich weder zu sehr in Sicherheit wägt oder aber auch im großen Unbekannten verliert.
Die Reihenfolge der Songs auf einem Album ist oftmals ein wichtiger Indikator und lässt ein bestimmtes Prinzip erkennen, was besonders bei einem Konzeptalbum wie eurem gut durchdacht sein will. Habt ihr euch bei den Aufnahmen selbst auch einen Kopf darüber gemacht?
Mark: Im Studio gibt es für uns keine wirkliche Reihenfolge oder ein Prinzip nach dem wir vorgehen. Die Songs, die uns umgänglich erscheinen, werden zuerst aufgenommen. Danach nehmen wir uns die Stücke vor mit denen wir noch unsere Probleme haben. Beim neuen Album gab es von der letzteren Sorte einige (lacht). Wir waren uns bei vielen Songs nicht sicher und haben länger gebraucht, um sie so zu formen wie wir sie am Ende haben wollten.
Morgane: Die meisten dieser Songs sind schon vor drei Jahren entstanden, da kann es schon etwas frustrierend sein, wenn man bei den Aufnahmen immer noch die Ideen für die Arrangements drei Mal umdreht bis es passt. Auf der Bühne wollen wir am liebsten immer neues Material als erstes spielen, weil wir so darauf brennen es den Menschen im Publikum vorzustellen. Es ist nicht so, dass uns die älteren Songs langweilen, aber wir mögen die Abwechslung.
Ein paar der neuen Songs auf "Where The Oceans End" vermitteln ein Gefühl von Abenteuerlust und Aufbruchstimmung. Empfindet ihr als Musiker ähnlich, wenn ihr ins Studio geht, um ein neues Album aufzunehmen und sprüht voller Tatendrang?
Mark: Ich wäre es sehr gerne, aber ich fürchte, ich bin es nicht.
Morgane: In unseren Köpfen sind wir all das, aber nicht so sehr, wenn wir an den Songs arbeiten.
Mark: Ich würde mich nicht gerade als abenteuerlustig beschreiben. Ich verkrieche mich gerne irgendwo. Du musst wissen, ich habe eine leichte Phobie was Menschenmassen betrifft. Darum fahre ich überhaupt nicht gerne mit der Bahn. Da ist es immer so eng und es sind viel zu viele Leute, die sich auf einem Platz tummeln. Vielleicht mache ich deswegen wiederum so gerne Musik. In Songs kann ich tun und lassen, was ich will und kann diesen Unternehmungsgeist frei umher schweben lassen. Einfach, weil das in der Realität eben nicht immer so einfach geht. Musikalisch ist es einfacher sich treiben zu lassen und ich muss mich, was meine Phobie angeht, auch nicht einschränken. Ich wollte mit dem neuen Album ausdrücken, dass trotz allem eine abenteuerliche Seite in mir steckt. Ich wünschte, ich wäre nicht nur als Musiker, sondern auch im normalen Leben genau so.
Das Fertigstellen eines Albums ist unter Umständen auch mit einer kleinen Reise vergleichbar. Was habt ihr davon als persönliches Mitbringsel für euch mitgenommen?
Mark: Ich habe festgestellt, dass ich nicht alleine sein kann, wenn ich Songs schreibe. Ich brauche Morgane um mich herum. Zuerst habe ich geglaubt, dass ich das Album auch alleine schreiben könnte, aber dann habe ich schnell festgestellt, dass das nicht geht. Das war für mich eine sehr wichtige Erkenntnis innerhalb des ganzen Schreibprozesses.
Morgane: Ich habe das Gefühl, dass ich nun meinen wahren Platz gefunden habe und mehr auf meine innere Stimme vertrauen kann. Ich weiß nun, was ich kann, und was mir Spaß macht und muss mich nicht hinter anderen verstecken. Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin, aber darum geht es auch gar nicht. Ich bin immer bereit mehr zu lernen. Trotzdem habe ich nun mehr Selbstsicherheit, was vieles angeht und das ist beruhigend zu wissen. Ich hatte in der Vergangenheit einfach ab und an den Eindruck, dass ich bestimmte Dinge in meinem Leben nicht verdient hätte.
Mark: Das ging mir genauso. In Frankreich hatten wir schon mit unserem ersten Album einen kleinen Erfolg. Die Leute haben uns auf der Straße erkannt, wir haben plötzlich in einer großen Fernsehsendung einen Auftritt gehabt und es sind ein paar verrückte Sachen passiert. Da haben wir uns einfach die Frage gestellt, ob wir das verdient hätten. Eigentlich hatten wir gar keinen Grund an uns zu zweifeln, aber wir haben es trotzdem getan. Deswegen war es umso schwieriger danach ins Studio zu gehen und neue Songs aufzunehmen. Wir mussten uns erst darüber klar werden, was wir da eigentlich gemacht haben. Es kommt schon vor, dass man sich manchmal wie eine Puppe vorkommt und vielleicht auch Dinge tut, die man gar nicht will.
Woran denkst du dabei?
Mark: Noch vor ein paar Monaten haben wir so ziemlich alle Angebote angenommen, die wir bekamen, aber wir haben festgestellt, dass wir nicht alles machen müssen. Es ist doch Blödsinn alles zu machen, was einem gesagt oder vor die Nase gesetzt wird. Am Anfang ist es natürlich aufregend und man probiert vieles aus, aber mit der Zeit stellt man fest, dass nicht alles davon wirklich einen Sinn ergibt oder nötig ist. Ich bin froh, dass wir das erkannt haben und nun etwas wählerischer sind.
Sowohl das Artwork der neuen Platte als auch die Musik selbst nehmen den Hörer mit in eine Art Fantasiewelt, die eigens von euch geschaffen wurde. Habt ihr bizarre Fantasien, von denen ihr wünschtet sie wären real?
Mark: Ich wünschte der Wal "Yum Yum" würde wirklich existieren! (lacht) Ich wünschte, ich hätte Kinder...wobei das jetzt keine sehr bizarre Fantasie ist. Ich wünschte, ich könnte schwarz sein.
Morgane: Das soll jetzt nicht komisch klingen, aber das würde ich mir auch wünschen. Allein schon der Stimme wegen. Es wird immer gerne als Klischée benutzt, aber ich finde auch, dass in einer schwarzen Stimme eine tiefere Seele steckt.
Mark: Ich wünschte, ich könnte morgens in den Spiegel sehen und wäre zufrieden mit dem, was ich dort sehe. Das ist leider nicht immer der Fall (lacht). Ich würde auch gerne mit der Bahn fahren, aber da ist es ja, wie schon gesagt, immer zu voll. Ich merke gerade, dass ich nur normale Fantasien habe...oh mann. Halt, ich wünschte, Morgane und ich würden übereinander herfallen und uns lieben (lacht).
Morgane: Alles, was ich will, ist einfach nur normal sein und die Gewissheit haben, dass es mir gut geht. Mehr brauche ich gar nicht.
Mark: Ich würde mir wünschen, dass Morgane größere Brüste hätte...
Morgane: Ja, das würde ich mir allerdings auch wünschen.
Da sind sie also die geheimen Fantasien, die nun öffentlich sind...
Mark: Dann könnten wir mehr Platten verkaufen! (lacht) Nein, mal im Ernst, vieles von dem, was wir aufgezählt haben, ist gar nicht so abwegig. Ich schreibe wohl deswegen Songs, damit ich ein paar der Fantasien zumindest für einen Moment in die Realität holen kann. Songs sind dabei so eine Art Zuflucht. Es ist lustig, dass du diese Frage gestellt hast, weil ich mir jeden Tag hundert Mal vorstelle, was ich machen könnte, wohin ich gehen könnte und so weiter. Im Prinzip befasse ich mich also sehr eingängig mit meinen Fantasien. Das war also ganz klar die beste Frage überhaupt, danke! Ich könnte mir nicht vorstellen etwas anderes ausser Musik zu machen, in der ich all diese Vorstellungen ausleben kann. Ein Bürojob wäre gar nichts für mich, lieber würde ich auf der Straße herum lungern. Ich bewundere Menschen, die jeden Tag vor dem Büro-Computer sitzen. Das scheint mir der schwerste Job der Welt zu sein. Einige von denen würden vielleicht lieber Musiker sein, aber können auch nicht aus ihrer Haut. Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit habe das zu tun, was ich liebe. Ich wüsste gar nichts mit mir anzufangen. Ich könnte kein Arzt, Lehrer oder Koch sein.
Morgane: Ich mag es, dass ich mich in der Musik verlieren kann und zu mir selbst finde. Vielen Leuten bleibt genau dieser Aspekt in ihrem Leben verwehrt und sie können sich nicht verwirklichen. Das ist doch schade.
Mark: Wenn man Musik macht, ist es fast so, als ob man einem animalischen Instinkt folgt. Man denkt nicht darüber nach, was man macht. Man tut es einfach. Es gibt kaum ein schöneres Gefühl als einen Song zu schreiben, damit zufrieden zu sein und zu sehen, dass andere Leute ihn auch mögen. Es wäre schön, wenn alle Leute in ihrem Leben genau das oder ein ähnliches Gefühl hätten bei dem was sie tun.
Falls nicht, können Künstler im Allgemeinen und ihr als Musiker immer noch versuchen etwas in genau diesen Menschen wachzurufen.
Mark: Ja, so ist es. Die Hauptsache ist doch, dass man etwas fühlt, wenn man selbst etwas macht oder Kunst bzw. Musik beispielsweise nur als aussenstehende Person an sich heran lässt. Es geht letzten Endes darum Emotionen oder jegliche Art von Reaktion hervorzurufen. Mehr will man als Künstler doch gar nicht. Nur Gleichgültigkeit ist grausam. Bei mir spielt sich das alles im Bauch ab. Wenn sich alles herum dreht und es sich anfühlt, als ob der Bauch gleich explodiert, dann weiß ich, dass etwas Wunderbares geschieht.
Wo ihr doch so bewandert in Sachen Fantasien etc seid, was ist für euch bis zum heutigen Tag ein großes musikalisches Mysterium geblieben?
Mark: Ich wüsste zu gerne, was es mit dem letzten Sufjan Stevens Album auf sich hat! Ich verstehe es einfach nicht. Es verwirrt und bleibt ein absolutes Rätsel für mich.
Morgane: Du hast es dir einfach noch nicht gründlich genug angehört. Du musst dem Album mehr Zeit geben.
Mark: Ich weiß nicht so recht. Für mich ist es einfach nur eine Schande. Ich kapiere auch nicht, was an der letzten Radiohead Platte toll sein soll. Verstehe mich nicht falsch, ich mag Radiohead sehr und fand ihre Sachen bisher großartig, aber "The King Of Limbs" ist doch schlecht. Das sind höchstens C-Sides für mich. Radiohead können vielleicht mit so etwas durchkommen, weil sie eben Radiohead sind, aber meiner Ansicht nach hätten sie einfach warten sollen bis sie bessere Songs haben.
Morgane: Ich finde eben nicht, dass sie einfach tun und lassen können, was sie wollen und man es deswegen oder wegen ihrem Namen toll finden muss. Die letzte Platte ist einfach fernab von ihrem üblichen Standard. Das fängt beim schlechten Cover an und hört bei den Songs auf.
Mark: Radiohead und auch Sufjan Stevens nehmen sich momentan beide nicht viel, nur liegt das Problem bei ihnen auf gegensätzlichen Seiten. Radiohead haben nichts in ihr Album hinein gegeben und Sufjan Stevens wiederum hat viel zu viel hinein getan, so dass alles überläuft. Er hat sich übernommen. Wie passend, dass es einen Song namens "Too Much" darauf gibt. Er drückt genau das aus, was ich beim Hören der Platte empfinde. Ich werde ihn mir trotzdem live ansehen, aber hoffe sehr, dass er nicht allzu viele neue Songs spielen wird. Findest du das Album etwa gut? Sei ehrlich!
Ganz ehrlich, ich finde das Album großartig. Man muss sich schon darauf einlassen, dann funktionieren die Songs bestens. Es ist und bleibt natürlich Geschmackssache, wenn man Sufjan nur als Singer-Songwriter mit Akustikgitarre sehen möchte, aber ich schätze seinen Drang mehr Komplexität und auch Überraschungsmomente zuzulassen. Nicht jeder kann sich 25-minütige-Ausflüge wie "Impossible Soul" leisten, aber Sufjan verbindet meiner Meinung nach Wahnsinn und simple Schönheit ausserordentlich gut.
Morgane: Ich liebe es über Musik zu diskutieren! Für mich ist und bleibt "The Age Of Adz" aber nichts weiter als ein Experiment. Es klingt in meinen Ohren unfertig und wie etwas Flüchtiges, was nicht so recht weiß, was es will.
Mark: "The BQE" war auch irreführend und konfus, aber hatte für mich auch nicht den Anspruch ein wahres Album zu sein. Ich habe es mehr als Soundtrack gesehen. "The Age Of Adz" verhält sich da anders. Sufjan hat es als richtiges Album angelegt und auch so verkauft. Ich sehe es wiederum überhaupt nicht in der Reihe seiner anderen wirklich guten Werke. Ich hätte mir vor fünf Jahren auch nicht vorstellen können, dass ich das einmal sagen würde, aber das neue Album ist Mist. Ich liebe seine anderen Platten sehr, aber kann mich nicht mit den neuen Songs anfreunden. Ich bin immer ein großer Fan von ihm gewesen und nun fühle ich mich ein bisschen so, als ob er mein Herz gebrochen hätte. Ich verstehe ihn einfach nicht und es kommt mir vor, als hätte ich eine Beziehung beendet. Ein schrecklicher Gedanke. Es ist komisch, dass man überhaupt so empfinden kann, was einen Künstler angeht. Ich denke so geht es anderen Leuten auch mit ihren Lieblingskünstlern, wenn sie nicht mehr den Zugang zu der Musik finden, die sie einmal sehr mochten. Ich kann mir vorstellen, dass einige unserer Fans ähnlich reagieren würden, wenn wir so eine musikalische Veränderung auf uns nehmen würden. "The Age Of Adz" ist für mich eine der schlechtesten Indie-Platten der letzten Zeit. Trotzdem taucht sie überall in den Top 10 Hitlisten auf. Es kann sein, dass ich mich völlig irre, weil alle anderen es zu mögen scheinen.
Gib dem Album noch etwas Zeit. Vielleicht gelangst du irgendwann später in deinem Leben noch an den Punkt, an dem du hinter den Vorhang schauen kannst und sich eine andere Perspektive ergibt.
Mark: Ja, das werde ich. Vielleicht dauert es wirklich nur eine Weile bis ich die Großartigkeit des Werkes sehe, aber meistens bin ich der Ansicht, dass mir ein Album gleich von Anfang an etwas sagen muss. Bei Arcade Fire war ich mir zum Beispiel von Beginn an sicher etwas wahnsinnig Gutes vor mir zu haben. Eine tolle Platte!





















Kommentare müssen nach dem Absenden per E-Mail bestätigt und aktiviert werden. Achtet daher bitte auf die korrekte E-Mail-Adresse. Kommentare die in der Vergangenheit schon einmal aktiviert wurden, werden sofort veröffentlicht.