Moritz KrämerInterview mit Moritz Krämer
Es ist eine komische Situation, in der Moritz Krämer und ich uns im Hinterhof der naTo in Leipzig zum Interview treffen. Ich bin eine knappe Stunde später da als geplant, weil es einen Kreditkartenbetrug mit meinen Kontodaten gab. Moritz hingegen wurde vor ein paar Tagen bei einem Konzert in Stuttgart sein Laptop gestohlen. Grund genug, über wütendes Amselgezwitscher und den Geruch von Grillkohle ein langes Gespräch über Schuld und Verantwortung zu führen- anschaulich besungen in seinem Debüt- Album Wir können nix dafür, dass am 4. März bei Tapete Records erschienen ist.
Moritz, dein neues Album heißt „Wir können nix dafür“. Wann hast du dich denn mal für etwas so richtig schuldig gefühlt?
Ich kann mich vor allem an Gefühle aus der Kindheit erinnern, wo ich gemerkt habe, dass ich irgendetwas gemacht hab, was nicht gut war. Ich hab zum Beispiel mal mit meinem besten Freund eine Schneeschanze gebaut und bin dabei so sauer auf ihn geworden, dass ich ihm den Rechen über den Kopf gezogen habe. Das hat wohl wahnsinnig weh getan, da hab ich mich schuldig gefühlt.
Trägt er dir das noch manchmal nach?
Nee, wahrscheinlich weiß er das gar nicht mehr. Meistens erinnert sich ja nur einer von beiden an so etwas.
Prägen einen Schuldgefühle aus der Kindheit mehr als Fehler, die man im Erwachsenenalter macht?
Man baut sich ja Systeme darüber, was man gerecht oder ungerecht findet, ob einem etwas zusteht oder nicht. Die baut man sich so hin, dass das für einen selber passt. Und wenn man zum Beispiel eine Kreditkarte von jemand anderem benutzt und etwas abhebt, sagt man sich dann vielleicht „Ich brauch das Geld ganz dringend“. Dann hat man ein anderes Gerechtigkeitsgefühl.
Als Kind oder in der Pubertät orientiert man sich noch mehr daran, was der andere für gut oder schlecht hält...
...und prägt so sein Schuldbewusstsein aus?
Man merkt im Nachhinein, wenn die Gruppe negativ darauf reagiert, dass man Dinge, die man gemacht hat, selbst nicht gut findet. Dann hat man so ein „Kloß im Hals“- Schuldgefühl. Und vielleicht löst sich das dann mit der Zeit auf, weil man es sich so zurecht gebaut hat, dass es für einen stimmt. Durch Ignoranz, oder weil man denkt, dass man sich sonst nicht sicher genug bewegen kann.
Dein Album beschäftigt sich häufig mit Schuld, Sorgen und Unzufriedenheit. Du hast in anderen Interviews gesagt, dass deine Figuren fiktiv sind. Aber sind die Sorgen, die du in den Liedern beschreibst, die Sorgen von Moritz Krämer?
Ich glaube, dass das schon alles mit mir zu tun hat, sonst würde ich es wahrscheinlich gar nicht aufschreiben. Und die Figuren sind teilweise fiktiv. Manchmal sind es Menschen, die ich kenne- dort mischen sich aber noch Eigenschaften von anderen Leuten mit rein, Situationen, die mir eigentlich mit jemand anderem passiert sind. Es ist nie so, dass es einen selber nicht betrifft. Auch bei Märchen oder Fabeln ist das so.
A propos: Dein Lied „Der kleine Spatz“ ist ja auch eine Fabel. Es muss schwierig sein, über schlechte Eigenschaften von Menschen zu singen, die du kennst. Es kann ja passieren, dass sie einem das krumm nehmen. Sind deine erdachten Figuren ein Weg, diesem Konflikt zu entgehen?
Ich finde all die Figuren in meinen Texten gar nicht unsympathisch. Eigentlich mag ich alle gern, die da drin vorkommen. Ich finde es sympathisch, wenn Leute mal wütend sind. Das ist menschlich. Wenn man das nachher reflektieren kann, ist es ja eigentlich schön.
Also sind es nur Beobachtungen, ohne Kritik zu üben?
Normalerweise analysiere ich das gar nicht so. Aber wenn ich denke, dass etwas nur Gejammer oder Gemotze ist, dann streiche ich es auch wieder durch, weil ich das blöde finde. Weil ich so etwas Beobachtendes interessanter finde. Nicht, weil ich so ein unheimlich guter Beobachter wäre. Wenn ich etwas sehe, dann ist es interessanter, wenn ich es beschreibe, als wenn ich gleich darüber urteile.
Kritiker sagen über dein Album, dass die Charaktere alle sehr akribisch beschrieben sind und jedes Lied wie ein eigener kleiner Film für sich steht. Außerdem inszenierst du Musik für Theaterstücke. Schreibst du diese Lieder auch aus den Stimmungen, die durch deinen Umgang mit Theater und Filmen entstehen?
Ja. Wenn man einen Film im Kino geguckt hat, geht man ja auch mit einem Gefühl da wieder raus. Und ich mag szenische Vorgänge im Text, die sehr konkret sind. Ich glaube, das kommt daher dass ich studiere Filmregie, wo es ja ständig um szenische Vorgänge geht.
Die Sprache in deinen Texten ist sehr ungewohnt würzig, du nutzt auch Kraftausdrücke.
Ich mag Brüche, die konkret sind. Ich beschreibe Leute, die ironisch werden und viel schimpfen. Aber wenn man darüber lachen muss, dann fangen sie vielleicht auch an zu lachen. Das mag ich gern. Die Kraftausdrücke nutze ich nicht als Tabubruch, sondern wie jedes andere Wort auch.
Aber nicht, um dir und deinen Text den Ernst zu nehmen?
Doch, auch. Wenn man etwas bricht, was man ernst meint, muss es nicht bedeuten, dass man es nicht ernst nimmt. Für einen Zyniker ist das Lachen darüber genauso wichtig wie die Sache selbst.
Warum studierst du einerseits Filmregie und stehst andererseits selbst auf der Bühne? Warum stehst du nicht auch in deinen Filmen vor der Kamera?
Ich hab mir das gar nicht selber ausgesucht. Naja, vielleicht doch. Aber ich habe mir das nie bewusst überlegt. Das hat sich von selbst entwickelt.
Also hast du versucht, beides als Musiker zu kombinieren?
Nee, das kam eher weil Mareike (Mikat) zu einem Konzert kam und mich gefragt hat, ob wir zusammen an einem Stück von ihr arbeiten wollen, in das sie Popmusik einbauen wollte. Und seitdem haben wir immer wieder etwas zusammen gemacht. Es ist eigentlich immer dieselbe Regisseurin, mit der ich für's Theater arbeite.
Am 4. März ist dein neues Album erschienen, aber noch einen Monat vorher hast du bei Facebook auf einen Download für „Fallsucht“ verwiesen, auf dem viele Lieder vom neuen Album schon enthalten sind, jedoch in anderen Versionen. Findest du, dass die Distanz zwischen den beiden so groß ist?
Nee, das war ein ganz praktischer Gedanke. Es gab mal einen Download- Link auf einer Webplattform. Wenn mir jemand eine Mail geschickt hat und das hören wollte, habe ich ihm den Link zur Musik geschickt. Irgendwann gab es diese Seite nicht mehr, dann hab ich immer per Mail mp3s verschickt. Das ist immer ziemlich aufwendig. Ich habe es dann bei Soundcloud (Link) hochgeladen. Das war aber kurz vor dem Album- Release. Vorher habe ich Tapete Records gefragt, ob sie das stört. Ich weiß nicht, ob sich die beiden berühren. Es sind zwar gleiche Lieder drauf, aber es sind unterschiedliche Aufnahmen und der Klang ist ganz anders. Für mich ist das nicht so, dass eins das andere ersetzt. Der Download- Link auf Soundcloud ist jetzt aber ausgelaufen, man konnte das nur hundert Mal herunterladen.
Auf Fallsucht klingt deine Musik ja auch noch etwas elektronischer. Wo sind die gepitchten Stimmen hin, wo ist das elektronische Gefrickel?
(lacht) Das hat mir mal Spaß gemacht. Aber es ist nicht so, dass ich dachte „Jetzt mach ich's mal richtig und viel geiler“, sondern mir hat gefallen, dass wir das Album als Band live aufnehmen konnten. Die anderen, elektronischen Sachen sind Skizzen, die ich mal aufgenommen und allein eingespielt habe. Ich mag das immer noch und nehme auch immer wieder zu Hause Sachen auf, es ist nicht so, dass ich auf elektronisches keinen Bock mehr habe.
Du wohnst in Berlin. Man geht nun gemeinhin eher davon aus, dass Hamburg die Singer/ Songwriter- Stadt ist. Aber auch Künstler wie Gisbert zu Knyphausen und Olli Schulz sind jetzt in die Hauptstadt gewechselt. Warum kann man in Berlin genauso gut Musik machen wie in Hamburg, und beeinflusst die Stadt das überhaupt?
Man kann nicht eine ganze Stadt dazu benennen. Für mich gehört zu Berlin etwas ganz Spezielles, für einen Zweiten wieder etwas anderes...
Was gehört für dich zu Berlin?
Die Ecke, in der ich wohne, also Kreuzberg. Bestimmt beeinflusst einen das Umfeld, also der Laden, in dem man einkauft, oder das Kino, in das man geht. An der nächsten Ecke ist alles schon wieder ganz anders. Ich weiß nicht, ob es eher Zufall ist, wo man wohnt. Vielleicht war für Gisbert einfach nur die Miete in Berlin billiger oder er wollte mal wieder umziehen.
Bestimmt beeinflusst es einen, aber ich kann das schwer an irgendetwas fest machen. Ich finde es auch ein bisschen komisch, sich über einen Standort zu definieren.
Du bist 30 Jahre alt...
...31!
Sagen wir „um die dreißig“. Das ist ein Alter, in dem man ebenso zurück blickt wie auch nach vorn, man befindet sich in einem Zustand zwischen beidem. Wo blickt deine Musik eher hin: Erwachsenenalter oder Kindsein?
Manchmal denke ich darüber nach, was in zehn Jahren ist, und manchmal, was vor zehn Jahren war. Ich dachte früher, nach dem Abitur oder nach dem Studium fängt etwas Neues an. Aber ich habe das Gefühl, dass immer alles weiter läuft. Ich weiß nicht, ob das an mir, an meiner Lebensweise liegt oder ob das jedem so geht.
Aber in deinen Texten kommen Personen jeglichen Alters vor, von der kleinen Nichte über junge Paare, die von erwachsenen Nachbarn bespannt werden bis hin zum alten Mann, der im Sterben liegt. Versuchst du, dich durch diesen ständig veränderten Winkel in den Prozess des Alterns hereinzufühlen?
Es ist nicht so, dass ich versuche, eine möglichst große Bandbreite abzudecken. Es ist eher so, dass mich etwas interessiert, was mit einer bestimmten Person zu tun hat, beispielsweise bei dem alten Mann (Link). Im nächsten Moment ist es vielleicht ein Kind, weil ich mit meiner Nichte unterwegs bin, und daraus entwickelt sich der Text. Dort sind dann Vorstellungen enthalten darüber, was wäre, wenn ich Verantwortung für sie trage und der nicht gerecht werde, wenn ich auf sie aufpassen soll. Und sie ist wach und wartet und wartet, ich tauche aber nicht auf. Aber ich überlege mir nicht, dass es doch mal interessant wäre, aus dieser Perspektive zu schreiben.
Vorhin haben wir über das Altern geredet und du sagtest „Es geht immer weiter“, es beginnt nicht direkt etwas neues. Aber wenn du deine Nichte so betrachtest, merkst du dann nicht doch, dass du mittlerweile älter bist und sich Dinge verändert haben, weil du erwachsen bist und die Verantwortung für sie trägst?
Das stimmt, ja. Doch, das ist ein Unterschied dazu, wenn der alte Mann das sagen würde.
Ist es der Versuch, dich dir über deine Musik selber zu nähern und zu merken, dass sich Dinge im Leben eben doch verändern?
Das wäre ja so, als hätte ich es damit jetzt herausgefunden. Aber so ist es glaube ich nicht. Es sind Fragmente und Szenen, Figuren. Im Ganzen ergibt sich für mich selber aber nichts daraus, das mich konkret zu einem Schluss bringt. Aber es ist automatisch so, dass ich Dinge für mich selber herausfinde. Wenn ich etwas aufschreibe und mir Gedanken darüber mache, habe ich das nächste Mal eine andere Meinung als vorher. Oder ich verhalte mich besser.





















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