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IAMXInterview mit Chris Corner

IAMX

Das Künstlerherz ist seinem Wesen nach oftmals vom Verlangen angetrieben sich nicht nur geistigen und emotionalen Regungen hinzugeben, sondern diese auch für den Rezipienten fühlbar zu machen. Die musikalische Momentaufnahme als Zeugnis und Abbild der gegenwärtigen Seelenlage gewährt dabei häufig einen aufschlussreichen Einblick in das Innere des Künstlers. So auch bei Chris Corner, dem produktiven und einfallsreichen Akteur hinter dem Projekt IAMX. Mit dem neuen und inzwischen vierten Album Volatile Times lässt er uns ein weiteres Mal Anteil an seiner anregenden Geisteshaltung haben und äussert sich im Hinblick auf seine Aussenwelt gewohnt kritisch. Mehr als Grund genug für uns, um beim persönlichen Gespräch Näheres über seine Ansichten zu erfahren. In diesem formuliert Chris Corner besonnen seine Gedanken hinsichtlich aufgeworfener Thematiken wie der Stabilität im Leben, möglichen Selbstzweifeln, aber auch der schonungslosen Auseinandersetzung mit der Realität und dem eigenen Ich.


Du warst vor kurzem krank und musstest sogar ein paar Shows deiner Tour verschieben. Wie geht es dir jetzt? Hattest du etwas Zeit dich daheim zu erholen? Die Vorzüge deines großen Gartens konntest du wahrscheinlich nicht genießen, nehme ich an.
Das war das Tragische an der ganzen Sache, denn ich war die ganze Zeit im Bett und es war so langweilig. Man kann in so einem Zustand nicht einmal das Essen genießen. Es war schrecklich. Ich habe es gehasst (lacht). Ausserdem bin ich es gar nicht gewohnt nichts zu tun. Jetzt bin ich aber wieder auf dem Weg der Besserung und kann auch wieder mehr in meinem Garten machen, wenn es denn die Zeit zulässt.

Du wirkst als Person oftmals sehr nachdenklich und tiefgründig. Sowohl in deinen Songs als auch in Interviews. Was geht dir morgens als erstes durch den Kopf? Wandern deine Gedanken immer und überall umher?
Ja, genauso ist es. Im Allgemeinen wache ich mit dem Gedanken auf, warum ich überhaupt aufstehen sollte. Glücklicherweise habe ich an den meisten Tagen einen sehr guten Grund dafür. Ich bin froh, dass das so ist und hoffe, dass das auch bis an mein Lebensende der Fall sein wird...bis ich im Grab bin. Nun, ich will gar kein Grab haben. Das wird wohl nicht passieren. Ich wünsche mir jedenfalls, dass ich noch sehr lange mit einem positiven Gefühl aufwachen und den Antrieb verspüren werde aufzustehen. Ich glaube, wenn du morgens keinen Drang mehr verspürst das zu tun, dann bringt dich das irgendwann einmal um. Dann wirst du nicht mehr in der Lage sein dich selbst und auch die Umgebung um dich herum zu etwas Besserem zu machen. Ich wache also meistens mit dem Gedanken auf etwas tun zu können.

Du hast einmal gesagt, dass du dich danach sehnen würdest ein Tier zu sein. Hatte das auch etwas damit zu tun, dass du dir vielleicht manchmal zu viele Gedanken um die Dinge um dich herum machst und du dich ab und an gerne mehr von deinen Instinkten leiten lassen wollen würdest?
Ja, das stimmt, obwohl ich dabei bin über dieses Gefühl, was mich zu dieser Aussage verleitet hat, hinwegzukommen. Oder anders gesagt, ich möchte es von nun an lieber als eine Art alten Freund betrachten. Eine Zeit lang habe ich dieses Gefühl als etwas sehr destruktives angesehen, vor allem in psychologischer Hinsicht. Ich habe mich in keinster Weise und unter welchen Umständen auch immer wohl gefühlt, weil man so sehr über bestimmte Dinge nachdenkt, dass man irgendwann depressiv davon wird. Ich fange aber an diese ganze Sache mittlerweile etwas weniger ernst zu sehen. Wenn dieses Gefühl dann doch wieder einmal hochkommen sollte, dann versuche ich ihm wie einen alten Freund ins Gesicht zu lachen. In gewisser Hinsicht hilft es mir natürlich beim Songwriting, auch wenn das jeder Künstler von sich behauptet. Nimm dieses Gefühl ganz und gar weg und schon hast du nichts mehr worüber du schreiben kannst. So ist es doch, aber es ist wahr.

Wenn du schon dabei bist mehr Humor in dein Leben und auf deine Sicht der Dinge darin zuzulassen, was kann dich denn im Handumdrehen zum Lachen bringen oder zum Beispiel von der konzentrierten Arbeit, der du nachgehst, ablenken?
Ich würde nicht sagen, dass ich gerne albern bin, aber ich mag eine gute Form der Komödie. Ich glaube jeder lacht ab und an gerne. Ich lache wahrscheinlich auf einer tagtäglichen Basis viel mehr als die meisten Leute glauben würden. Im Allgemeinen bin ich eine ziemlich humorvolle Person, was das angeht. Manchmal ist mein Sinn für Humor vielleicht etwas tiefer in den Songs verborgen, aber er ist ganz sicher da und ich sehe ihn auch als grundlegenden Teil von mir an. Was mich ganz konkret zum Lachen bringt...Uuuh. Ich kann gar keine allgemeine Antwort darauf finden...Es ist schwer dafür ein spezifisches Beispiel zu finden, denn oftmals ereignen sich solche Momente ganz spontan. Ich bin der Meinung, dass sehr entspannte, interessante, nachdenkliche und auch gewissenhafte Menschen immer eine gute Art von Humor in sich tragen und in bestimmten Momenten zu Vorschein bringen. Ich versuche mich in der Umgebung solcher Menschen aufzuhalten, wenn ich sie denn finden kann.

Der Albumtitel deiner neuen Platte "Volatile Times"ist sehr bezeichnend für das jetzige Weltgeschehen. Die Unbeständigkeit der weltlichen Verhältnisse führt dazu, dass sich Menschen immer mehr nach Stabilität in ihrem Leben sehnen. Was bedeutet Stabilität für dich persönlich und hast du diesen Faktor irgendwo in deinem Leben?
Ich...(zögert)...ja, doch...(Denkpause). Den gibt es (lacht). Stabilität bedeutet für mich, dass ich mich emotional gesehen festgehalten fühle. Sei es mithilfe von Freundschaften oder Beziehungen oder was auch immer. Es muss ein bestimmtes Niveau vorhanden sein, das nicht auf wackeligen Beinen steht. Auf diesem kann ich dann mein nervöses, philosophisches Denken aufbauen. Ich bin aber davon überzeugt, dass es zusätzlich dazu und unter diesem Niveau auch immer einer gewissen eigenen Stabilität bedarf, die ich glücklicherweise schon als Kind hatte. Obwohl ich in einer Arbeiterfamilie groß geworden bin, wo das Geld oft knapp war und man mit Problemen dieser Art zu umgehen musste, hatte ich trotzdem immer das Gefühl auf einem emotional sehr sicheren Boden zu stehen. Das ist für mich immer noch sehr wichtig. Dennoch muss ich zugeben, dass es mit der Zeit eher schwieriger für mich geworden ist diese Stabilität aufrecht zu erhalten. Ich würde nicht sagen, dass ich im Laufe der Zeit keine bessere Person geworden bin, aber ich habe das Gefühl, dass besonders meine geistige Beständigkeit nun mehr gefordert wird als es damals der Fall war. Das ist aber wahrscheinlich nur eine vorübergehende Phase, die ich gerade mit diesem Album durchmache.

Mit jedem neuen Album unternehme ich den Versuch ein Stück näher an diese Stabilität zu gelangen. Das alles hat für mich einen sehr therapeutischen Charakter, meistens jedenfalls. Mit dem letzten Album "Kingdom Of Welcome Addiction" war das nicht so sehr der Fall, denn die Arbeit daran war viel härter. Als die Arbeit daran abgeschlossen war, habe ich mich in eine Art Übergangsphase begeben. Wenn man an einem Album arbeitet, dreht sich alles ausschließlich darum und man findet für sich innerhalb dieses Prozesses eine gewisse Stabilität. Kaum ist dieser Prozess aber vorüber, gelangt man an einen Punkt, an dem man einem großen Maß an Unsicherheit, Zweifel, aber auch Adrenalin begegnet. Es kommen viele Faktoren hinzu, die dich ganz wirr machen. Ich bin also gerade genau in dieser Phase. Du hast mich sozusagen in einem Moment erwischt, in dem ich leicht instabil bin, was das angeht. Trotzdem bin ich der Auffassung, dass diese Phase bedeutend ist, um an den nächsten Punkt zu gelangen. Ich habe auch das Gefühl, dass etwas sehr Solides auf mich zukommen wird...Man muss schließlich Hoffnung haben! (lacht)

Sind für dich die eben angesprochenen Faktoren wie Unsicherheit und Selbstzweifel essentielle Faktoren, die dich auf deinem musikalischen Weg nicht nur begleiten, sondern vor allem auch voran treiben? Könnte jemand wie du, der gleichzeitig Musiker und Produzent ist und sich selbst als Control Freak bezeichnet, ohne diese Elemente überhaupt weiter existieren?
Diese Faktoren sind schon sehr wichtig für mich. Würde man sie wegnehmen, wäre das vermutlich das Ende von allem. Vielleicht nicht von mir als Musiker, aber sehr wahrscheinlich von dem jetzigen Projekt IAMX. Besonders, da es einer gleichzeitig so persönlichen und auch eigenen Vision folgt, wie es nun einmal häufig der Fall ist, wenn man sich Soloprojekte im Allgemeinen ansieht. Ich denke nicht, dass damit der gesamte Motor hinter dem Ganzen wegbrechen würde, denn die Unsicherheit und die Selbstzweifel sind nur Teile davon. Das alles muss auch immer ein wenig mit einem blinden Glauben gepaart sein. Oder besser gesagt, Vertrauen. Ich mag es nicht das Wort Glauben zu verwenden. Man braucht dieses Vertrauen, um etwas, das man tut, auch wirklich abschließen zu können. Ich habe kein Problem damit Dinge zu beenden. Eventuelle Selbstzweifel treten bei mir vereinzelt während dieses Prozesses, aber vor allem dann auf, wenn ich die Arbeit an etwas abgeschlossen habe. Bis zur Fertigstellung wiege ich mich oft in einer Art blinden Vertrautheit, aber sobald dieser Punkt erreicht ist, machen sich Zweifel breit. Ich gewöhne mich aber zunehmend an diesen Zustand und betrachte ihn nicht mehr unbedingt als etwas Destruktives. In der Vergangenheit habe ich mich viel leichter in solchen Dingen wie Hedonismus, Eskapismus oder ähnlichen Sachen verloren. Das brauche ich jetzt nicht mehr.

Hast du das Gefühl, dass du mit jedem weiteren Album, das du aufnimmst, immer mehr zu dir selbst findest oder gar mit dir ins Reine kommst?
Das habe ich immer angenommen, aber bei "Volatile Times" musste ich geschockt feststellen, dass ich mich hinterher schlechter gefühlt habe als vorher (lacht). Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass die Themen, die mich interessiert haben und die ich ansprechen wollte, so einen rauen und für mich neuartigen Charakter hatten. Es hat sich für mich persönlich ein wirklicher Wandel vollzogen, der wahrscheinlich damit zu tun hat, dass ich immer erwachsener und älter werde und die nächste Phase in meinem Leben genauer formulieren möchte. Der gefühlte Schock rührte möglicherweise daher, dass das Album insgesamt ein für mich persönlich so großes emotionales Gewicht besitzt. Wenn ich mir zum Beispiel die Songtexte angesehen habe, fiel es mir manchmal schwer diese auch zu singen. Ich glaube nicht, dass ich noch einmal ein weiteres Album machen werde, was vom Charakter her ähnlich ist. Einfach aus dem Grund, weil ich meine Kunst zukünftig mehr genießen und nicht immer nur das Opfer sein möchte.

Es hat den Anschein, dass es im Vergleich zu älteren Alben eine spürbare Verschiebung der Thematiken gegeben hat. Dahin gehend, dass du auf "Volatile Times" nun weniger deine eigene Person und ihre Seelenlage in den Vordergrund stellst, sondern dich verstärkt sozialkritisch mit der Welt um dich herum auseinandersetzt. Hat dieser Wandel etwas damit zu tun, dass du dich als Individuum nun ebenfalls mehr deinem Umfeld öffnen konntest und zum Beispiel auch beim Entstehungsprozess des Albums bereit warst mehr Menschen darin zu involvieren?
Ich habe bewusst versucht genau das zu tun. Am Anfang hatten wir Aufnahmesessions mit verschiedenen Musikern und ich hatte ein durchaus positives Gefühl bei der ganzen Sache. Es hatte den Anschein zu funktionieren. Ich habe zunächst geglaubt, dass ich es zulassen könnte mehr Menschen in diesen Prozess zu involvieren, aber musste dann schnell feststellen, dass IAMX als Projekt genau das nicht wirklich erlaubt. Es kam dieser Punkt, an dem ich tief in mir drinnen fühlte, dass nur ich allein die Fäden so in der Hand halten konnte, dass es am Ende funktioniert. Das war schon immer in gewisser Weise das Wesen dieses Projektes. Was den sozialen Faktor angeht, ist alles also relativ schnell darauf hinaus gelaufen, dass ich mich alleine mit meinem Computer in einen Raum zurückgezogen habe, um Monate lang so an den Songs zu arbeiten. Das war dann gleichzeitig der Punkt, an dem auch die harte, innere Arbeit für mich angefangen hat. Was mein Privatleben betrifft, bin ich jedoch in der Zeit nach "Kingdom Of Welcome Addiction" sehr viel sozialer geworden, habe mich mehr nach draussen gewagt und auch meinem Kopf mehr Freiraum gegönnt. Ich habe mich viel mit Christopher Hitchens beschäftigt und dabei Gedanken und Sichtweisen entdeckt, die ich vorher noch nie so wahrgenommen oder gefühlt habe. Ich konnte mich dieser Philosophie des Denkens öffnen. Was es heisst ein Atheist zu sein und auch politische Verhältnisse im Zuge dessen kritisch zu betrachten, ohne ausnahmslos politisch zu sein. Es ging mir vielmehr darum die politische Welt im Allgemeinen in mein Denken mit einzubeziehen und ich stellte dabei fest, dass ich achtzig Prozent davon hasste. Mir wurde bewusst, dass sich daran wohl nie wirklich etwas ändern wird. Das war insgesamt ein sehr aufschlussreiches Gefühl.

Du bist, was deine Songs betrifft, schon immer sehr direkt und unverblümt mit deinen Aussagen gewesen und schreibst auch in deinem Blog freimütig, was dir auf der Seele liegt. Beim Titeltrack "Volatile Times" überschlägt sich deine Stimme fast, weil so viel Wut in dir steckt. Würdest du dich selbst als Realist bezeichnen, dessen Wut über die Dinge sich als Teil dieser Philosophie entlädt, oder steckt tief in dir drin doch irgendwo ein Träumer, der auf eine Veränderung hofft?
(lacht) Hmm, das sind fast schon zwei Fragen, die für mich aber auf dasselbe abzielen. Ich denke schon, dass ich ein Realist bin. Vielleicht bin ich aber auch eher ein Träumer, der im Körper eines Realisten gefangen ist. Ich empfinde es für mich als zu gefährlich nur ein Träumer zu sein, denn ich würde viel zu leicht zusammen brechen oder verletzt werden. Daher muss ich ab einem gewissen Punkt der Realität ins Auge blicken. Was die Musik angeht, bin ich dabei immer von einem praktischen Standpunkt ausgegangen. Als Musiker und Produzent bediene ich einen Computer, programmiere Sachen und spiele Instrumente. Es klingt nach einer sehr isolierten Arbeitsweise, aber praktisch gesehen, war es das beste Mittel, um meine Botschaft auf dem richtigen Weg nach außen zu transportieren und eben nicht auf verdünnte Weise durch andere. Musikalisch gesehen, bin ich also ebenfalls schon immer ein Realist gewesen. Nehmen wir mal ein großes Beispiel. Wenn du deinen Glauben an Gott verlierst und anfängst diese fundamentale Existenz von etwas ausserhalb von dir in Frage zu stellen, dann ist das nichts, was du einfach so abtun oder hinnehmen kannst. Es entsteht plötzlich ein großes Loch, das du mit anderen Dingen füllen musst.

Ich würde nicht sagen, dass ich zynisch geworden bin. Ich habe vielmehr gelernt die richtigen therapeutischen Maßnahmen für mich zu finden, um eben nicht von diesen Gedanken aufgefressen zu werden. In diesem Sinne bin ich wohl ein Realist. Was meinen Blog betrifft, wäre ich in der Vergangenheit wohl weniger hart mit mir selbst und mit meiner eigenen Arbeit umgesprungen, aber ich wollte deutlich klarstellen wie ich mich zu einem bestimmten Zeitpunkt gefühlt habe. Ausserdem möchte ich den Menschen zeigen, wie ich in solchen Momenten dieses langen Prozesses bin, aber es ist eben auch nur ein Teil vom Ganzen. Ich bin natürlich nicht durchgängig diese Person, die dort zum Vorschein kommt. Wenn ich einen Song aufnehme oder über meine Erfahrungen und Emotionen schreibe, dann möchte ich mir und anderen zeigen, dass man an ziemliche dunkle Orte gelangen kann, wenn man sich gedanklich auf so einem Terrain bewegt. Generell gesehen, geht es mir gut.

Wie gehst du damit um diese, deiner Aussage nach, Momentaufnahmen dann wiederum auf der Bühne zu reproduzieren? Dem Intensitätsgrad deiner Konzerte nach zu urteilen, kannst du die in den Studioaufnahmen einmal zum Ausdruck gebrachten Emotionen auch live auf einem hohen Niveau wiedergeben.
Es ist möglich diese emotionalen Momentaufnahmen auch live in ähnlicher Form zu reproduzieren, aber auf der Bühne spielt auch eine gewisse Sachlichkeit eine Rolle. Es ist so eine Art Kampf zwischen technischen Einzelheiten, Projektion, aber auch der Verbindung zum Publikum. Oftmals erinnert man sich nicht einmal daran, was man gerade gesungen hat, aber das ist auch gut so, denn man sollte besser nicht allzu viel nachdenken, wenn man auf der Bühne steht. Deswegen vergesse ich auch oft meine Texte, weil ich versuche mich an diese zu erinnern. Live geht es mehr darum bestimmte Energien im Raum in sich aufzunehmen und zu spüren, in welchen Momenten man loslassen kann oder man lässt sich vom Publikum leiten und es bestimmt den richtigen Moment dafür. Auf der Bühne lässt man auf beinahe schon brutale Art und Weise seine Gefühle aus sich heraus und genau das macht es für mich auch so unerlässlich aufzutreten. Ich brauche das Gleichgewicht zwischen der inselartigen, einsamen Atmosphäre im Studio und dem überaus öffentlichen Ausgesetztsein meiner Person vor einem Publikum.

Bei jeder Tour überarbeitest und veränderst du deine Songs auf's Neue, so dass im Laufe der Zeit unterschiedliche Interpretationen entstehen und neues sowie älteres Material jeweils miteinander harmoniert. Kannst du uns deine Vorgehensweise dabei schildern und vielleicht auch Intention dahinter erklären?
Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, dass ich nie wirklich zufrieden damit bin, was für ein Gewand ich diesem oder jenen Song, sprichwörtlich, gegeben habe. Es ist eher ein Gefühl, welches sich auf die Produktion bezieht. Ich mag es mehrere Optionen zur Auswahl zu haben und diese auch zu präsentieren, denn mir gefällt so viel unterschiedliche Musik. Ich bin irgendwo auch etwas altmodisch, denn für mich existiert nun einmal diese eine Originalversion, die sich jedoch im Laufe der Zeit aber durchaus verändern kann. Der Song "Spit It Out" vom Album "The Alternative" war so ein Fall. Ich habe einige verschiedene Versionen produziert, die ich allesamt hasste, bevor die Endfassung feststand. Aber selbst mit der war ich letztendlich nicht vollkommen zufrieden. Ich konnte nie die richtige Form für den Song finden, aber ich wusste auch, dass ich den Song irgendwann loslassen musste. Mit einigen Songs kann ich ganz gut leben, mit anderen ist das schwieriger für mich. Das sind dann auch diejenigen, bei denen ich live gerne dazu tendiere sie neu zu interpretieren und zu verändern. Es gibt auch Songs, die eine solche Nachbearbeitung fast schon verlangen, was ihr Wesen angeht. "Tear Garden" ist so ein Beispiel. Vom Charakter her ist er so offen und frei, dass er sich einfach nach einer neuen Form und einer Veränderung sehnt.

In den Album Credits auf "Volatile Times" gibt es eine Vielzahl von verschiedenen Begriffen, die du neben den üblichen Instrumenten und mitwirkenden Musikern aufgeführt hast. Neben recht nachvollziehbaren Termini wie "Nostalgia", "Desperation", "Admiration" oder "Tears"taucht beim Song "Cold Red Light" jedoch das auf den ersten Blick leicht verwirrende Wort "Gymnastics" auf. Was hat es damit auf sich?
Im Zuge der Veröffentlichung des neuen Albums gab es einen Pressetext, der meine Stimme als "erotic, vocal gymnastics" beschrieb, was eine etwas komische Art war meine Stimme in Worte zu fassen, aber gleichzeitig war es auch interessant (lacht). Genau daran habe ich mich des öfteren erinnert als ich diesen Song aufgenommen habe. Es gibt darin eine Passage, wo ich in einer sehr hohen Tonlage fast schon schreie während eine andere Stimme begleitend dazu einen tiefen Ton anschlägt. Dieser Kontrast hat mich dazu verleitet mich in den Album Credits auf diese Aussage zu beziehen. Ich glaube, ich wollte dem Ganzen auch einfach noch etwas Albernes hinzufügen.

Das ist dir in jedem Fall gelungen!
(lacht laut) Danke, das freut mich.

Trotz des engen Budgets, das dir als unabhängiger Künstler zur Verfügung steht, warst du stets bestrebt deine Musik auch auf Vinyl zu veröffentlichen und das obwohl heutzutage vieles nur noch über Downloads läuft. Warum die Liebe zur Platte?
Ich betrachte Vinyl immer noch als ein menschlich sehr wertvolles und großes Objekt. Es ist ein wenig so wie mit Gold, das niemals seinen Wert verloren, sondern im Grunde genommen, sogar gesteigert hat. Papiergeld ist dagegen nur eine virtuelle Welt, mit der wir uns arrangieren müssen. Die Realität sieht doch so aus, dass die Banken nur ungefähr zehn Prozent ihres wahren Wertes mit Papiergeld in Umlauf bringen und es daher auch nicht wirklich so viel wert ist wie sie uns weismachen wollen. Gold, hingegen, hat seinen realen Wert niemals verloren und es ist für die Menschheit ein reales, fühlbares und schweres Objekt. Mit Vinyl verhält es sich da ähnlich. Ein zugegebenermaßen sonderbarer Vergleich. Auch Vinyl ist ein kleines Kunstobjekt für sich. Es ist insgesamt gesehen eine viel schönere Erfahrung, bei der der Mensch sich bewusst Zeit für dieses Objekt nehmen kann. Ausserdem klingt Vinyl obendrein auch noch viel besser als eine CD. Vinyl hat über all die Jahre immer noch seinen eigenen Wert bewahrt, was ich sehr interessant finde. Es scheint sogar so zu sein, dass der Wert immer weiter steigt, wenn ich den Berichten glauben darf. Je mehr Menschen die Musik an sich durch zum Beispiel Downloads abwerten, je kostbarer werden solche Objekte wie Platten im selben Atemzug. Ich finde es sehr wichtig Fans, die den Wert von Vinyl schätzen, diese Option zur Verfügung zu stellen.

Ist der in deinen Augen gesteigerte Wert von Vinyl auch der Grund, warum es auf der LP Version von "Volatile Times" einen zusätzlichen Song ("Avalanches") gibt, der nicht auf der CD enthalten ist? Sozusagen ein kleiner Bonus für all diejenigen, die sich die Mühe machen noch Vinyl zu kaufen?
Ja, genau so habe ich es mir gedacht. Ich habe es als notwendig angesehen für die LP noch einen extra Track hinzuzufügen. "Avalanches" war ursprünglich nicht für diesen Zweck vorgesehen. Als wir uns dann entschieden hatten bei der LP einen weiteren Song mit ins Tracklisting aufzunehmen, hat mein Manager den Vorschlag gemacht dieses Lied so wie es zu diesem Zeitpunkt war für die Vinyl Ausgabe zu verwenden. In meinen Augen war der Song zwar noch nicht vollkommen, aber ich konnte damit in diesem Rahmen leben. Eigentlich sollte er noch auf das reguläre Album kommen, aber ich hatte nie die Zeit, um den Titel wirklich zu vollenden.

Du wohnst mittlerweile seit einigen Jahren in Berlin und hast dich auch mit der deutschen Sprache vertraut gemacht. Was genau findest du an dieser so anziehend, dass du sie nicht nur sprichst, sondern auch ab und zu deutsche Versionen deiner Songs zum Besten gibst, wie zum Beispiel erst kürzlich von "Bernadette"?
Ich wollte diesen Song unbedingt ins Deutsche übersetzen. Es gibt ein paar Dinge, die ich sehr an der deutschen Sprache mag. Gerade als englischer Muttersprachlicher, der ich nun einmal bin. Englisch ist ein vielerlei Hinsicht wenig präzise wie ich finde. Man wächst damit auf um die Dinge herum zu reden, was natürlich auch teilweise die Schönheit der Sprache ausmacht, eben weil man sich dadurch auf so unterschiedliche Weisen ausdrücken kann. Gleichzeitig kann es aber auch einschränkend oder gar eindringlich wirken, wenn man es auf die richtige Art und Weise sagt. Deutsch zu lernen, hat mir geholfen meine Denkweise zu präzisieren, mich direkter mitzuteilen und darüber hinaus auch mit anderen Menschen direkter zu kommunizieren. Davor war ich, was meine Denkweise angeht, doch sehr abstrakt und vage. Jetzt kann ich viel besser zum Ausdruck bringen, was ich meine und kann mit dem Gesagten leben. Natürlich fühlen sich Deutsche verständlicherweise unwohl, wenn sie nicht genau verstehen können, was du wirklich meinst. Ich habe das Lernen der deutschen Sprache als eine gute Übung empfunden direkter mit Menschen zu kommunizieren. In dieser Hinsicht hat es mir persönlich also sehr viel gebracht. Natürlich ist es manchmal dennoch vollkommen frustrierend (lacht).

An welches sprachliche Mysterium der deutschen Sprache denkst du dabei?
Ich wünschte, ich könnte noch viel mehr Deutsch reden und es in meinen Alltag aufnehmen, denn durch meinen Job und mein Leben spielt Englisch immer noch eine große Rolle in meinem Alltag. Es wäre schön noch tiefer in die Sprache einzutauchen und ihre Unmittelbarkeit sowie Poesie weiter zu erforschen. Ich denke da an Persönlichkeiten wie Hesse oder Brecht, die mit ihrem Sprachstil genau diese Verbindung zwischen einfacher Direktheit und wunderbarer Poesie geschaffen haben. Dieser Aspekt interessiert mich sprachlich gesehen wirklich sehr und ich würde mir wünschen irgendwann einmal an diesen Punkt zu gelangen. Die deutsche Version von "Bernadette" ist vermutlich mein erster Versuch auf dem Weg dahin.

17.04.2011 // annett
 

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