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Wye OakInterview mit Andy Stack

Wye Oak

Wye Oak sind ihren Namen nach zwar aus einem kräftigen Holz geschnitzt, setzen jedoch, was ihre Musik angeht, keinesfalls auf hölzerne Klänge oder verankern ihre Wurzeln so sehr im Boden, dass die nötige musikalische Bewegungsfreiheit unmöglich erscheint. Das Duo aus Baltimore rüttelt viel lieber an der Baumkrone und damit auch an seinen eigenen Songs, um für den nötigen Schwung zu sorgen. Dass sie dabei alle Hebel in Bewegung setzen und wie Andy Stack sogar präzise Fingerfertigkeiten am Schlagzeug und am Keyboard gleichzeitig beweisen, versteht sich dabei von selbst. Wir trafen und befragten den Drumstick und Tasten Akrobaten dort, wo sich Wye Oak von nun an Label technisch zu Hause fühlen dürfen, nämlich in den vier Wänden von City Slang.


Ihr seid gerade frischgebackene Mitglieder der City Slang Familie geworden. Was hat euch dazu bewogen den Stift zur Vertragsunterzeichnung zu zücken?
Wir sind in der Tat noch ganz neu, was das City Slang Umfeld angeht. Ganz ehrlich gesagt, City Slang war ganz oben auf unserer Liste als wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Label umgesehen haben. Unser Label in den Staaten, Merge Records, ist sehr ähnlich. Ich finde die beiden sind so etwas wie Bruder und Schwester, da sie ähnliche Ansprüche haben und beide ungefähr gleich alt sind. Beide haben sich unter all den unabhängigen Labels etabliert als diese anfingen eine größere Rolle im Musikbusiness zu spielen und haben gleichermaßen gut diese Lücke gefüllt, die in diesem Bereich vorhanden war. Es gibt ein paar Künstler, die auf beiden Labels vertreten sind und mit denen wir bereits in Verbindung standen. Ausserdem ist City Slang das Zuhause von einigen Bands, die wir unheimlich respektieren, wie zum Beispiel Yo La Tengo und Lambchop. Wir haben nur Gutes von ihnen über City Slang gehört. Alles zusammen genommen, sind wir sehr glücklich nun auch dort unter Vertrag zu sein.

Euer Verhältnis innerhalb der Band beruht ganz klar auf einem gegenseitigen Verständnis. Zu diesem kommt das erhoffte Verständnis des Publikums für eure Musik hinzu. Wie schwierig war es bei alldem für euch als Musiker euch bei der Suche nach einem Label ebenfalls wirklich verstanden zu fühlen?
Das kann manchmal ein sehr schwieriger Prozess sein, weil viele verschiedene Faktoren mit hinein spielen, um ein gegenseitiges Verständnis aufzubauen. Obwohl wir aber gerade erst in der City Slang Familie aufgenommen wurden, fühlen wir uns dort aber schon sehr verstanden. Wir sind sehr froh, dass das so ist. Alle Leute, die wir bisher kennen gelernt haben, geben uns das Gefühl, dass sie die neue Platte sehr mögen und sind sehr enthusiastisch. Wir hatten von Anfang an den Eindruck, dass die Zusammenarbeit miteinander passen könnte und so ist es auch. Auch die Mitarbeiter bei Merge ticken ähnlich. Das Label wurde von Leuten gegründet, die ebenfalls Musiker sind und diese Tatsache spiegelt sich auch in der Zusammenarbeit wider. Sie wissen einfach, was wir als Band brauchen, welche Art von Unterstützung wir benötigen usw. Wenn man auf einmal bei einem Label ist, ist das mit dem Verständnis so eine Sache, denn plötzlich merkt man, dass man nicht nur selbst hinsichtlich seiner Musik verstanden werden will, sondern ebenfalls versucht das Musikbusiness um einen herum besser zu verstehen. Es ist gewissermaßen ein Geben und Nehmen und im Idealfall sollten beide Seiten etwas davon haben. Insgesamt ist die City Slang Familie unheimlich unterstützend und gibt uns viel Halt. Bevor wir unseren ersten Plattenvertrag unterschrieben haben, hatten wir von nichts eine Ahnung. Man ist dann natürlich schneller angreifbar und läuft Gefahr ausgenutzt zu werden, aber wir sind zum Glück in die richtigen Hände geraten.

Eure Musik setzt nicht nur auf einprägsame Hooklines, sondern scheint auch stets darauf bedacht zu sein die Harmonien ab und an durcheinander zu bringen und zu stören. Woher kommt dieser Drang die Songstruktur mit Tempi-und Dynamikwechseln kontinuierlich auf Trab zu halten?
Die Songs auf dem neuen Album wurden zu einem großen Teil um die Phrasierungen des Gesangs herum geschrieben und nicht nach dem typischen Schema konzipiert, welches Strophe und Refrain vorsieht. Wir haben uns beim Schreiben eher auf bestimmte Phrasen gestürzt und versucht um diese herum die Musik aufzubauen. Meistens waren sie auch nicht linear, sondern bestanden aus Bruchstücken, so dass letztendlich auch die musikalische Begleitung gewisse Brüche aufweist und nicht durchgängig einem harmonischen Charakter folgt. Generell gesehen mögen wir es, wenn der größere musikalische Kontext sich nicht allzu sehr darauf stützt strukturell einer bestimmten Linie zu folgen. Für uns ist es viel spannender zu versuchen diese Geradlinigkeit zu verbiegen und dadurch unerwartete Wendungen zu schaffen. Wenn wir Musik schreiben, wollen wir konventionellen Methoden, wenn möglich, aus dem Weg gehen und uns lieber dem Gegenteil zuwenden.

Hat diese Abkehr von konventionellen Methoden und dem damit einhergehenden Verlust von Stabilität auf der anderen Seite auch etwas damit zu tun, dass ihr euch dadurch spielerisch gesehen mehr Freiräume schaffen könnt, gerade weil einem als Duo doch manchmal die Hände gebunden sind, was die Möglichkeiten angeht?
Ja, dieser Aspekt hat mit Sicherheit auch dazu geführt, dass wir uns besonders in der Anfangszeit der Band Gedanken um solche Faktoren wie Stabilität gemacht haben. Als Duo muss man nun einmal mit bestimmten Einschränkungen umgehen können, da man sich seiner Möglichkeiten sehr schnell bewusst wird. Zu zweit kann man nur aus einem begrenzten musikalischen Vorrat an Mitteln schöpfen. Besonders in dynamischer Hinsicht haben wir eine für uns hilfreiche Technik entwickelt, um die Songs einerseits nach unseren Wünschen, aber eben auch auf etwas unkonventionelle Weise zu gestalten. Brüche und Wechsel in der Dynamik sind in unserer Musik von großer Bedeutung und erlauben es uns als Duo viel aktiver mit dem Tonmaterial umzugehen. Zuerst haben wir uns diese Technik aus einer Not heraus zu eigen gemacht, aber mittlerweile ist sie zu einem festen Bestandteil für unser Songwriting geworden. Je mehr vier auf Tour waren und je mehr wir aufgenommen haben, umso stimmiger haben wir dieses stilistische Hilfsmittel bewusst für unsere Arbeitsweise genutzt und damit auch das musikalische Ergebnis fesselnder gemacht. Wir haben seit den Anfangstagen der Band einen Hang zu dazu gehabt musikalisch gesehen immer etwas an der Kante zu stehen und damit zu spielen, dass wir jeden Moment überraschend ins Wanken geraten und vielleicht sogar in die Tiefe stürzen könnten.

"Civilian" ist euer mittlerweile drittes Album. Wie sehr verlasst ihr euch im Rückblick betrachtet auf einmal bewährte stilistische Hilfsmittel, wenn ihr an neuen Songs arbeitet und wann muss man aufpassen, dass die gewollte Instabilität der Songstruktur und die damit verbundene wechselnde Dynamik nicht auf einmal zur Konstante wird?
Es kommt ganz darauf an, wie die jeweiligen Prioritäten aussehen, wenn wir ins Studio gehen. Natürlich ändern sich diese von Zeit zu Zeit und man widmet sich neuen Herausforderungen. Gerade im Studio mögen wir es sehr, wenn wir vollkommenen freie Hand haben und uns keine Gedanken darum machen müssen wie wir beim Songwriting vorgehen müssen. Rückblickend betrachtet hat es da einige Veränderungen gegeben. Besonders am Anfang haben wir unheimlich viel ausprobiert und wollten uns auch, was die instrumentale Besetzung angeht, nicht allzu sehr festlegen. Auf den ersten Alben haben wir daher immer die Tür weit aufgestoßen und alles mögliche zugelassen. Mittlerweile hat sich natürlich unser Songwriting weiterentwickelt, aber wir haben dennoch nicht das Gefühl, dass wir uns unbedingt auf etwas Bewährtes stützen müssen, wenn wir arbeiten. Was stilistische Hilfsmittel angeht, können wir zwar, wenn nötig, auf ein paar Dinge zurückgreifen, aber tun dies nicht zwanghaft nur um eine Konstante zu erschaffen. Obwohl wir im Studio gerne Neues ausprobieren und zum Beispiel mit Streichern oder einem Saxophon neue Wege einschlagen, sehe ich diese Veränderungen nicht unbedingt als notwendig an, nur um uns als Musiker selbst vor neue Herausforderungen zu stellen. Ich bin nicht der Meinung, dass wir unsere Musik von Album zu Album in einem vollkommen neuen Licht darstellen müssen. Wir wollen vor allem den Songs und ihrem Wesen gerecht werden. Dabei können gewisse Konstanten eine Rolle spielen, diese können aber auch durch Neuerungen ersetzt werden.

Anhand der Studioaufnahmen vermutet man kaum, dass hinter alldem nur zwei Menschen stecken. Auf der Bühne gestaltet sich die Umsetzung der Songs jedoch schwieriger und ihr werdet automatisch vor eine Herausforderung gestellt. Wie geht ihr mit dieser um und wie versucht ihr der Natur der Songs dort gerecht zu werden?
Das stimmt. Die Möglichkeiten, die wir im Studio haben, sind live natürlich nicht so einfach umzusetzen. Vergleicht man beides, ist das schon ein ziemlicher Kontrast, dem wir uns stellen müssen. Unsere Grenzen als Duo werden ganz klar auf der Bühne viel schneller deutlich als das im Studio der Fall ist. Trotzdem ist es gerade das, was wir beim Touren so schätzen und genießen. Wir sind einfach gezwungen anders mit unseren Songs umzugehen und wir liebes es damit zu spielen. Obwohl wir gerne alles Mögliche tun, um der Herausforderung live gewachsen zu sein, haben wir jedoch auch von Anfang an abgelehnt den Leuten im Publikum etwas vorzumachen. Das heisst für uns, dass wir wirklich live spielen und nichts vom Band nebenbei laufen lassen. Wir wollen alles so echt wie möglich halten und uns zu zweit dem nähern, was wir klanglich im Studio produziert haben. Natürlich werden da sofort Unterschiede hörbar, wenn man beides miteinander vergleicht. Im Studio lassen wir uns nicht davon beeinflussen, dass wir nur zu zweit sind und können mit zusätzlichen Musikern experimentieren. Auf der Bühne müssen wir uns da einschränken, aber können dadurch auch mit den Songs wachsen. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass alles so wie auf Platte klingen muss, weil das in unserem Fall sowieso nicht möglich ist.

Ist das für euch als Musiker eventuell manchmal auch ein wenig unbefriedigend auf der Bühne Kompromisse eingehen zu müssen oder machst du dir darüber keine Sorgen?
Oh doch, ich mache mir ständig Gedanken darüber. Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass ich mir Sorgen darum mache wie wir live klingen, aber es ist einfach eine Tatsache mit der wir gelernt haben umzugehen. Schon von Anfang an war uns bewusst, dass sich unsere Arbeit von der auf der Bühne unterscheiden wird, daher haben wir es uns auch nicht als Ziel gesetzt beide miteinander in Einklang zu bringen. Wir wissen, dass es hinsichtlich der Umsetzung auf der Bühne immer Kompromisse geben wird und wir haben uns darauf eingestellt. Für uns ist es wichtig, dass die Songs für sich stehen, egal ob mit einem Orchester und zehn weiteren Musikern im Rücken oder eben in simplerer Form nur mit Gitarre und Drums. Wenn man sich das bewusst macht, kann man auf der Bühne einen ganz neuen Anfang machen und wie ein unbeschriebenes Blatt an die Sache herangehen. Ich habe einen großen Respekt vor Bands und Künstlern, die es hinbekommen live genauso zu klingen wie auf Platte. Da gehört schon einiges dazu. Es ist aber dennoch nicht das, was wir mit unserer Musik und mit unsere Band beabsichtigen zu tun. Ich finde es als Musiker spannender mit diesem Unterschied zwischen Studio und Bühne umzugehen.

10.03.2011 // annett
 

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