Sea Of BeesInterview mit Julie Ann Bee
Wenn man jung ist, dauert es seine Zeit bis man sich selbst gefunden hat und man weiß wohin der Weg einen in der Zukunft tragen soll. Nicht selten sind Schlüsselerlebnisse ausschlaggebend für den nötigen Schubser in die vermeidlich ideale Richtung. Bei Julia Ann Bee aus Kalifornien war das ebenso. Irgendwann war der Sonnenschein und das bloße Rumsitzen nicht mehr genug für den damaligen Teenager und sie strebte nach mehr. Wir sprachen mit ihr im winterlichen Berlin unter anderem über den Auslöser für ihre ersten musikalischen Schritte, die Unterdrückung von Gefühlen und das Alleinsein.
Es ist bekannt, dass du durch den Kontakt mit der Kirche überhaupt erst dazu gekommen bist dich mehr für Musik im Allgemeinen zu interessieren. Würdest du sagen, dass dein Interesse davor eher durchschnittlich war, was das angeht?
Meine Mutter hat immer Platten von Cher, Barbara Streisand und Celine Dion gehört, aber ich kann nicht sagen, dass dadurch mein Wunsch gewachsen wäre es einmal selbst mit dem Singen zu probieren oder gar irgendwann einmal ein Album aufzunehmen. Erst durch die Kirche habe ich mich viel mehr mit Musik beschäftigt. Da gab es diesen Pianisten/Sänger mit einem riesigen Afro, der ziemlich gut war. Es war immer schön hm zuzuhören, aber ich bin eben nicht mit einem musikalischen Hintergrund aufgewachsen, daher habe ich mich nie getraut es auch einmal auszuprobieren und habe es lange dabei belassen. Irgendwann als ich sechzehn war, haben mich meine Schwester und meine Cousine mit zur Kirche genommen, da ich ihrer Meinung nach nicht besonders viel mit meinem Leben anfing. Ich hatte nie richtige Freunde und war es nicht gewohnt Zuneigung zu bekommen, aber dort fühlte ich mich sehr aufgehoben. Es war gleichzeitig der Ort, wo ich ein Mädchen singen gehört habe, dessen Gesang ich nicht widerstehen konnte. Sie war so hübsch und konnte wunderschön singen! Von da an wusste ich, dass ich den Wunsch in mir trug es ihr nachzumachen.
Was war der Auslöser dafür, dass du dich der Musik dann doch professioneller gewidmet hast als ihr zum Beispiel nur als Hobby für dich selbst oder im Rahmen der Kirche nachzugehen?
Ich wollte schon immer etwas mehr als nur das, aber ich habe mir wirklich so oft den Kopf darüber zerbrochen und es erschien mir einfach nicht möglich. Ich wusste nicht, wie ich es angehen sollte und es hat lange gedauert bis ich einen Ausweg aus dieser Misere gefunden habe. Als ich ungefähr dreiundzwanzig war, hat mir mein Freund John den nötigen Mut zugesprochen es alleine zu versuchen. Er hat mich an Künstler wie John Vanderslice oder Jason Lytle heran geführt und mir klar gemacht, dass diese keine große Band um sich herum brauchen und ihre Sache trotzdem unheimlich gut machen. Zuerst war ich nicht wirklich überzeugt, aber mit der Zeit habe ich dann angefangen ihm zu glauben, dass ich das auch schaffen könnte. Ich hatte auf einmal dieses Ziel vor Augen, was ich unbedingt erreichen wollte. Obwohl ich relativ spät angefangen habe Musik zu machen, hat das meinem Leben einen Sinn gegeben und ich wollte diesen um jeden Preis nicht aus den Augen lassen.
Wie war es für dich jemanden an deiner Seite zu haben, der dir so viel Mut zugesprochen hat, gerade als du selbst noch davon entfernt warst wirklich an deine Fähigkeiten zu glauben?
Das war wundervoll. Es hat mir so viel gegeben. Selbst wenn du noch nicht an dich selbst glaubst, ist es schön zu wissen, dass es jemanden gibt, der das tut. Das gibt einem sehr viel Hoffnung. Ich bin sehr dankbar dafür, wenn mir Menschen mitteilen, dass sie das, was ich mache, gut finden und mich darin unterstützen.
Du hast erwähnt, dass du während des Erwachsenwerdens nicht sehr viele Freunde hattest und eine Art Einzelgängerin warst. Denkst du, diese Tatsache hat auf eine gewisse Weise auch bewirkt, dass du heute alleine als Singer/Songwriterin unterwegs und nicht MItglied einer Band geworden bist?
Ich denke, ich wusste schon immer, dass ich nie in einer Band sein würde, sondern mich als Solokünstlerin versuchen würde. Dieses Gefühl hatte ich schon in meinen musikalischen Anfangstagen. Ich mache heute auch immer noch sehr viele Dinge alleine, aber es kann manchmal auch hart sein.
Dein Freund John hat dich zwar verbal ermutigt deine musikalischen Fähigkeiten nicht unbeachtet zu lassen, hat dir aber gleichzeitig auch enorm viele Freiheiten gegeben als du dich mit der Arbeit im Studio vertraut gemacht hast. War es im Nachhinein gesehen das beste für dich, dass du dir mehr oder weniger selbst überlassen warst und dadurch viel ausprobieren konntest?
Ja, ich denke schon. John hat mich eines Tages zu sich ins Studio eingeladen und mir eine kurze Einführung gegeben, was die technischen Sachen angeht. Er hatte großes Vertrauen in mich und bat mich später wieder ins Studio, damit ich dort meine Songideen aufnehmen konnte. Er zeigte mir lediglich eine handvoll Knöpfe, die ich brauchen würde und zog sich daraufhin zurück, um mir den nötigen Freiraum zu geben. Also saß ich da, nahm ein paar Demos auf und traute mich zuerst gar nicht ihm zu einem späteren Zeitpunkt die Ergebnisse vorzuspielen. Er hat sie dann aber doch gehört und wollte sie sofort mixen. Es ist schön einen so guten Freund zu haben. Dadurch, dass ich bei den Aufnahmen alleine war, habe ich auch keinerlei Druck von aussen gespürt. Niemand konnte mir reinreden und ich konnte einfach das machen, was mir in den Sinn kam. Alles, was für mich zählte, war, dass ich glücklich dabei war. Es war eine sehr befreiende Erfahrung für mich.
Du hast dir in musikalischer Hinsicht vieles selbst beigebracht, wie zum Beispiel das Singen oder das Gitarre spielen. Bist du eine sehr disziplinierte Person bzw. hast du viel Durchhaltevermögen, wenn du etwas erreichen möchtest?
Ganz zu Beginn war ich sehr diszipliniert, denn ich hatte viel Freizeit und konnte mich daher intensiv der Musik widmen. Ausserdem hatte ich kaum Freunde, was mir in diesem Fall zugute kam, da ich meine Zeit dadurch in andere Sachen investieren konnte. Jetzt, wo ich in musikalischer Hinsicht mehr zu tun habe, habe ich etwas von dieser Disziplin verloren und bin nicht mehr ganz so streng mit mir selbst. Eigentlich ist das sehr schade, denn ich kann nicht mehr so lange fokussiert an etwas arbeiten wie früher. Ich bin ein wenig faul geworden, was auch daran liegt, dass es momentan ganz gut läuft, was die Musik angeht. In gewisser Weise habe ich jetzt ein neues Kapitel aufgeschlagen. In diesem muss ich nun lernen mich besser zu organisieren, vor allem meine Gedanken.
Wenn dir im Studio niemand auf die Finger klopft und du all diese Freiräume genießt, um dich künstlerisch zu entfalten, wird man dann automatisch strenger mich sich selbst, was Fehler angeht, weil du für dich selbst verantwortlich bist oder ist genau das Gegenteil der Fall?
Oh, ich beginne langsam damit strenger mit mir selbst zu sein. Es ist ein Prozess, aber ich denke, es ist notwendig, dass das passiert. Es passiert schon, dass ich frustriert bin, wenn ich Fehler mache und dann muss ich aus diesem Kreis heraus treten und etwas Abstand zu den Dingen gewinnen. Ich muss in jedem Fall Spaß bei dem haben, was ich tue. Wenn dieser verloren geht, dann brauche ich einfach eine Pause. Ich freue mich gerade umso mehr, dass ich gerade so viel toure und aus Kalifornien herauskomme. Reisen wie diese inspirieren mich. Die Lichter hier in Berlin, die Stadt an sich...(seufzt).
Beim Anhören deiner Songs fällt auf, dass du dein Herz immer auf der Zunge zu tragen scheinst. Das kann unter Umständen risikoreich sein, oder nicht?
Ja, das stimmt. Mir wurde sogar schon vereinzelt vorgeworfen, dass ich zu offenherzig mit meinen Texten sein würde, dabei empfinde ich das gar nicht so. Ich mag es einfach nicht etwas zu verheimlichen und habe kein Problem damit meiner Umwelt meine Gefühle und Gedanken mitzuteilen. So bin ich nun einmal. Ich will nicht anders als andere sein, sondern einfach nur das machen, was mir richtig erscheint. Diese Offenheit in meinen Texten ist dabei ein Aspekt. Ich tue es ja nicht absichtlich. Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass ich für so lange Zeit meine Gedanken immer für mich behalten und nun das Publikum habe mit dem ich diese überhaupt teilen kann. Ich war jahrelang sehr verschlossen und konnte mich anderen nicht wirklich mitteilen. Ich musste mich schrittweise daran gewöhnen. Immer wenn ich jemanden sah, der diese Eigenschaft besaß, nahm ich mir ein Stück davon mit.
Du hattest vor noch nicht allzu langer Zeit den Coming Out. Kam es für dich jemals in Frage auch dieses persönliche Anliegen auf musikalischem Weg aus dir heraus zu lassen?
Ehrlich gesagt, wollte ich genau das tun, aber ich hatte zu viel Angst davor. Ich war mir sehr unsicher, was das anging. Niemand wusste davon und ich selbst wusste nur, dass ich etwas anders war. Von daher war es nicht so einfach plötzlich damit, zum Beispiel in einem Song, herauszubrechen. Meine Mutter hatte eine kleine Vorahnung, aber hat sich mir gegenüber nie darüber geäussert. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass jemand auf mich zukommt, dem gegenüber ich mich hätte öffnen können. Ich wusste einfach nicht wie ich die Stärke aufbringen sollte die Wahrheit zu sagen bis ich endlich den Mut aufbrachte eben jenes zu tun, weil ich meine Gefühle nicht länger versteckt halten wollte.
Ich habe ein Konzert gespielt, bei dem meine Mutter anwesend war, aber auch ein Mädchen, das ich sehr mochte. An diesem Tag habe ich sie meiner Mutter vorgestellt und ihr alles gesagt. Meine Mutter hat sehr cool reagiert und hatte kein Problem damit. Das war ein sehr schöner Moment für mich. Ich hatte im Vorfeld einfach so viel Angst. Ich bin in einem Vorort aufgewachsen, in dem die Kirche und der örtliche Pastor strikt gegen jegliche Form von Homosexualität waren. Es war einfach undenkbar für sie. Der Pastor hat sogar einem Transvestiten verboten zur Kirche zu gehen und am Gottesdienst teilzunehmen. Das hat mich nur noch mehr verunsichert. Vor allem, weil ich keine homosexuellen Freunde oder Zugang zu dieser Szene hat. Das hat sich zum Glück alles geändert als ich in die Stadt gezogen bin.





















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