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Bright EyesInterview mit Conor Oberst und Mike Mogis

Bright Eyes

Musik machen bedeutet für Conor Oberst in allererster Linie ein Gefühl beim Hörer zu erzeugen. "You better make people feel something, you know?" - diesen Grundsatz verfolgt er in der Tat seit unzähligen Jahren stets erfolgreich als kreativer Kopf von Bright Eyes und schafft es auch auf dem neuen Album The People's Key diesem wieder umgehend gerecht zu werden. Dabei hält er sich weder musikalisch noch textlich gerne an der Oberfläche auf, sondern dringt lieber wortgewandt in tiefere Regionen vor. Auf dem Weg dorthin lässt er auch bei den neuen Songs schnell erkennen, dass er in all den Jahren als Songwriter nichts an Aufgeschlossenheit und Biss verloren hat, um sich thematisch neuen Herausforderungen zu stellen. Wir trafen Conor Oberst zusammen mit seinem Freund und Bandkollegen Mike Mogis in Berlin und entlockten den beiden unter anderem ihre Ansichten über die Bedeutung des Glaubens, die kleinen Freuden im Leben und warum Vorhersehbarkeit in der Musik das größte aller Übel ist.


Wie fühlst du dich?
Conor: Mir geht es gut, danke. Ich bin letzte Nacht in Berlin angekommen und freue mich sehr auf die Show heute Abend.

Das Hotel in dem wir uns befinden brüstet sich damit eigens für Musiker und Musikliebhaber geschaffen worden zu sein. Gitarren per Zimmerservice rund um die Uhr verfügbar, zwei komplett ausgestattete Tonstudios direkt im Haus, auffällig buntes und futuristisches Design wohin man blickt - spricht dich das als Musiker an?
Conor: Nein, ganz und gar nicht, wenn ich ehrlich bin. Wir kommen manchmal in etwas komischen Hotels unter und suchen uns unsere Unterkünfte nicht selbst aus. Ich war gestern Abend sehr müde und hatte für einen Moment das Gefühl krank zu werden, weil das Interieur und die Farben hier im Hotel fast schon aggressiv sind. Zu meiner Verwunderung habe ich diesen Punkt dann aber schnell überwunden, weil ich richtig gut geschlafen habe. Die Tage zuvor habe ich gar nicht gut geschlafen, aber das Bett hier war sehr komfortabel. Es hat sich also alles zum Besten gewendet.

Vom Design her wirkt die Einrichtung und die Farbwahl sehr mädchenhaft, oder?
Conor: Ja, das habe ich auch schon zu den anderen gesagt! Es sieht ein wenig so aus, als wären die Zimmer von einem Mädchen in der sechsten Klasse gestaltet worden. Sie hat einfach eine Million Dollar bekommen und hatte freie Hand. (lacht)

(Mike Mogis gesellt sich dazu)

Mike: Ich werde mir eine dieser kleinen Shampoo-Flaschen klauen. Die sind so schön pink und meine sechsjährige Tochter wird sich freuen! (lacht)
Conor: Ich finde es sollte in jedem Zimmer so einen Süßigkeitenspender geben!
Mike: Das einzige, was mich hier farblich nicht abtößt, ist die Farbe im Badezimmer. Diese Mischung aus grün und gelb ist wenigstens halbwegs natürlich und ruft bei mir kein Gefühl von Übelkeit hervor.

Die geschaffene Atmosphäre hier würde euch also niemals dazu verleiten einen Fuß in eines der Tonstudios zu setzen und hier aufzunehmen?
Conor: Oh nein. Ich könnte mir das nicht vorstellen. Es kommt wohl auch darauf an, welche Art von Musik man machen will...für geistesgestörte Musik wäre es passend. (lacht)
Mike: Für eine futuristisch, elektronische Platte wäre es vielleicht der richtige Ort. Wenn man einen Hang zu Drogen und dieser Art von Musik hat. Die Oberfläche jedes Gegenstandes hier ist so glatt und poliert. Das fühlt sich alles sehr komisch an.

Was macht im Gegensatz dazu Omaha in euren Augen zu einem perfekten Ort, um dort gemeinsam Musik aufzunehmen?
Conor: Ich weiß nicht, ob Omaha als Stadt unbedingt eine besondere Anziehungskraft auf uns ausübt, aber wir haben uns dort in der Nähe von Mikes Haus ein schönes Studio aufgebaut und viel darin investiert, damit es unseren Vorstellungen entspricht. Ausserdem ist es schön den Luxus eines solchen Studios so nahe am eigenen Zuhause zu haben und trotzdem in den Genuss von guter Technik zu kommen. Man fühlt sich aufgrund dessen automatisch wohl und entspannt und kann darüber hinaus auf das für uns beste Equipment zurückgreifen. Das macht das Ganze meiner Ansicht nach schon sehr perfekt...und sehr schön! (lacht)
Mike: Ausserdem gibt es in Omaha relativ wenig Ablenkung. Es kommen recht wenig Bands dort vorbei und man fühlt sich nicht ständig dazu berufen auszugehen. Stattdessen kann man sich dort wirklich auf die Musik konzentrieren. Auch die Lebenserhaltungskosten sind vergleichsweise niedrig, so dass junge Bands hoffentlich auch in der Zukunft diesen Ort für sich nutzen können, um kreativ zu sein.

Auf dem neuen Album "The People's Key" finden sich textlich gesehen allerhand historische und auch biblische Referenzen und Begriffe wieder. Auch der Glaube an sich spielt wiederholt eine Rolle. Was bedeutet dieser für euch ganz persönlich?
Conor: Nun...das ist eine knifflige Frage. Ich finde es jedes Mal erstaunlich, wenn ich Menschen begegne, die voll und ganz an nur eine bestimmte Sache glauben und sich dann an diese klammern. Ganz egal, ob es sich dabei um ein religiöses, naturwissenschaftliches oder philosophisches System handelt und wie abgefahren dabei die Ansichten über die Menschheit oder unseren Platz im Universum sind. All diese Theorien sind ziemlich faszinierend. Was meinen persönlichen Glauben angeht, ist das schwer in Worte zu fassen...Ich glaube fest an solch grundlegende Dinge wie Liebe, Rock'n'Roll...oder auch Freundschaft.
Mike: Zusammengehörigkeit!
Conor: Ja. Falls mich etwas aus der Bahn werfen sollte, dann wüsste ich, dass mir meine Freunde und meine Familie wieder aufhelfen würden. Was den Glauben an irgendetwas angeht, kommt das meiner Vorstellung von diesem wohl am nächsten.

Gibt es auch etwas woran du mit der Zeit den Glauben verloren hast?
Conor: Das Leben an sich ist gewissermaßen wie eine Serie von Enttäuschungen, denen man sich stellen muss. Dennoch gibt es die Möglichkeit jeder dieser Enttäuschungen oder Defizite auch etwas Positives gegenüber zu stellen auf das man seine Aufmerksamkeit lenken kann. Es liegt bei einem selbst, ob man diese Wahl treffen möchte oder nicht. Wenn ich einen guten Tag habe, dann ist das meine Art mit dem Leben umzugehen und ich versuche mich auf die positiven Dinge um mich herum zu konzentrieren, nicht die negativen. Es ist natürlich immer einfacher gesagt als getan, aber an einem guten Tag lässt sich das gut umsetzen.

Nietzsche hat einmal sinngemäß gesagt "Glaube bedeutet die Wahrheit nicht kennen zu wollen". Was haltet ihr von einer Aussage wie dieser?
Conor: Er ist ein sehr redegewandter Mann gewesen...(lacht).
MIke: Manchmal wird es komplizierter je mehr man von einer Sache weiß.
Conor: Ich denke es gibt viele Glaubensrichtungen, die Elemente beinhalten, die sowohl Zweifel als auch Ungläubigkeit bei anderen hervorrufen können. Ich kann Nietzsches Worten in diesem Fall nicht wirklich widersprechen, aber sehe sie auf der anderen Seite auch nicht zwangsläufig als vollkommen wahrhaftig an. Ich denke da zum Beispiel an meine Großmutter. Sie ist ihr ganzes Leben lang eine fromme Katholikin gewesen und sie hat in ihrem Stuhl sitzend den Rosenkranz gebetet. Das war ihr ganzes Leben lang schon so und dieser Glaube hat ihr Trost gegeben, wenn sie ihn brauchte oder er hat ihr geholfen die Welt in einen bestimmten Kontext einzuordnen. Ihr Leben hat ganz einfach danach funktioniert und ich würde mir nicht anmaßen wollen zu behaupten, dass ich einen besseren Weg wüsste, um zu leben oder diesen gar verurteilen, denn es ist einer von vielen Pfaden, den man einschlagen kann. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten sein Leben zu leben und Glauben zu zulassen. Jeder von uns muss einfach seinen ganz individuellen Weg finden, der er gehen möchte und denjenigen wählen, der einen Sinn ergibt. Offensichtlich sieht jeder von uns einen etwas anderen Sinn in den Dingen.

Bis zu welchem Grad hat Denny Brewer, dessen Reden an mehreren Stellen auf "The People's Key" in die Songs mit eingebaut wurden, die Texte und gewählten Thematiken auf dem neuen Album beeinflusst?
Conor: Ich habe ungefähr ein Jahr vor dem eigentlichen Schreiben der Songs angefangen mich mit ihm zu treffen. Ich kann aber nicht sagen, dass meine Unterhaltungen mit ihm mich bewusst dazu gebracht haben diese Thematiken auch auf dem neuen Album anzusprechen. Es hat sich einfach während des Schreibens ergeben. Wir hatten traditionsgemäß, wie auch schon in der Vergangenheit, diese Vorstellung von einer Sound-Collage mit der wir das Album beginnen wollten. Also haben wir unsere Köpfe angestrengt, was wir dieses Mal machen könnten. Zur selben Zeit hat Denny angefangen ab und an bei uns vorbeizuschauen und mir ist dabei klar geworden, dass viele Ansätze der neuen Songs auf meine Gespräche mit ihm zurückzuführen sind, die allerdings über ein Jahr davor stattgefunden haben. Eine Menge der anfänglichen Ideen gehen auf Unterhaltungen mit ihm zurück und er hat in gewisser Weise die Saat für einige der Songs gestreut. Es hat einfach einen Sinn ergeben ihn deswegen auch bei den Aufnahmen zu involvieren. Ausserdem mag ich den Klang seiner Stimme sehr. Er war so etwas wie eine Art Fundgrube für uns, denn wir hatten letztendlich Tonmaterial von circa neunzig Minuten mit ihm. Die ursprüngliche Idee war also dieses nur für das Intro zu verwenden, aber dann haben wir uns recht schnell dafür entschieden es doch an verschiedenen Stellen auf dem Album einzubauen und damit Übergänge zwischen den Songs zu gestalten. Das Outro gefällt mir persönlich am besten. Es rundet das Album sehr schön ab wie ich finde.
Mike: Da stimme ich dir zu. Es schließt den Kreis des Albums auf eine schöne und positive Weise.

Die Tatsache, dass Teile seiner Reden für so signifikante Stellen wie sowohl das Intro als auch das Outro der Platte verwendet wurden, verleiht seinen Aussagen zusätzlich eine besondere Bedeutung. Warum habt ihr euch entschieden diesen Schritt zu gehen?
Conor: Wir wollten mit diesem Schritt einen Kreis um die Songs ziehen und sie in diesen einbetten.
Mike: Es war für uns wichtig die Songs deutlich als ein Ganzes miteinander zu verbinden und damit auch inhaltlich die aufgegriffenen Thematiken zu unterstreichen. Es geht viel um die Verbindung zwischen Menschen und auch der Aspekt der Einheit spielt dabei eine wichtige Rolle. Wir wollten auf ästhetischer Ebene daran anknüpfen und den Songs selbst eine ähnliche Eigenschaft zuschreiben, damit sie untereinander ebenso verbunden sind.
Conor: Wir gehen immer noch mit der Vorstellung an unsere Alben heran, dass sich jemand die Songs von vorne bis hinten anhört und sich daraus ein größerer Zusammenhang für den Hörer ergibt. Es sind zwar jeweils immer einzelne Songs, aber diese sind so miteinander verbunden, dass ein Ganzes sichtbar wird. Das war schon immer unsere Absicht, wenn wir ins Studio gegangen sind. Mir ist bewusst, dass das die Hörer nicht immer die nötige Zeit aufwenden können, um sich vierzig oder fünzig Minuten lang durchgängig und vor allem aufmerksam mit der Musik zu beschäftigen, aber heimlich hegen wir genau diesen Wunsch und verfolgen genau diesen Ansatz, wenn wir Songs aufnehmen. Ich mag es auf diese Art Musik zu machen und hoffe, dass diese Kunstform nicht irgendwann verschwinden wird. Es ist doch etwas Wunderbares, wenn ein Künstler einen auf eine kleine Reise mitnehmen kann. Es steckt doch eine bestimmte Philosophie dahinter, dass Filme nun einmal meistens eineinhalb Stunden lang sind und Bücher sich mehr oder weniger immer über ein paar hundert Seiten erstrecken.
Mike: Man nimmt sich für gewöhnlich ja auch kein Buch vor und fängt an ein Kapitel in der Mitte davon zu lesen, wenn man den Rest noch nicht kennt. Es wäre unsinnig bei Kapitel sechs ansetzen zu wollen.
Conor: Ich glaube solche Strukturen existieren aus einem guten Grund, denn sie sind dazu da den Sinnen des Hörers oder des Lesers zu schmeicheln.
Mike: Was die Songs angeht, finde ich, dass sie sich so wie sie aufgebaut sind gegenseitig komplementieren und auch stärken. Jeder einzelne Song wirkt auch allein, aber wenn sie alle als Ganzes zusammenkommen, werden sie noch einmal aufgewertet und im Rahmen des Albums gefestigt. Oh...diese Erdbeere ist verdammt gut!

(Alle lachen)

Mike: Wirklich! Ich hatte Lust auf etwas Süßes, aber keinen Appetit auf all die Schokolade, die hier in greifbarer Nähe ist. Du solltest auch eine kosten. Willst du?

Warum eigentlich nicht, gerne! Während ich eine probiere, könnt ihr mir ja die nächste Frage beantworten...
Conor: (lacht) Abgemacht!
Mike: (Holt den Teller mit Erdbeeren) Diese hier ist nicht ganz so schön rot wie meine eben, aber schmeckt bestimmt trotzdem gut. (lacht)

Wie viel lehrreiches habt ihr denn aus den Gesprächen mit Denny für euch persönlich heraus gezogen? Seine Reden haben einen fast schon aufklärerischen Charakter.
Conor: Ja, ich weiß was du meinst.
Mike: (flüstert) Iss die Erdbeere!
Conor: (lacht) Denny mag es zu reden und er ist in meinen Augen so eine interessante Persönlichkeit. Viele Menschen würden seine Aussagen wahrscheinlich missachten oder ihn als einen Verrückten abstempeln, aber es ist auch so viel Wahres in dem was er sagt. Ein großes Thema ist bei ihm zum Beispiel die Naturheilkunde. Das finde ich persönlich zwar nicht spannend genug, um es in einem Song zu verwenden, aber auch da hat er viele gute Ansichten. Jeder versucht ja irgendwie mehr oder weniger auf sich aufzupassen, gesund zu leben und das Leben, das er hat, so lange wie möglich zu verlängern. Was aber interessant ist, sind all die Verknüpfungen, die die moderne Medizin aufweist und wie korporativ das System insgesamt ist. Einiges davon finde ich absolut widerlich, wenn ich nur darüber nachdenke. Die ganze Pharmaindustrie ist doch grauenhaft. Jedenfalls sind das Themen, die mich interessieren und die mir Denny in all den Gesprächen näher gebracht hat, auch wenn sie in dem Fall nicht explizit auf dem Album vorkommen. Abgesehen davon haben wir viel Zeit damit verbracht über die Menschheit an sich und ihre Verbindung zum Universum zu sprechen. Das hat mich eigentlich schon immer interessiert, wenn ich ehrlich bin. Die Schöpfung der Erde und der Menschheit ist sehr faszinierend. Jede Religion hat im Zusammenhang damit ihre eigenen Geschichten. Ich finde das sehr spannend. Ich frage mich oft, was es mit all dem auf sich hat und denke über den Ursprung des Lebens nach.
Mike: Es gibt ab und an natürlich Parallelen zwischen den einzelnen Auffassungen und Glaubensrichtungen, was das angeht, aber obwohl sie alle über eine gemeinsame Sache diskutieren, gehen die Vorstellungen manchmal doch so weit auseinander. Es gibt zu diesem Thema so unheimlich viel zu sagen, gerade weil der Glaube an sich so vielfältig sein kann.

Im Outro des letzten Songs des Albums "One For You, One For Me" philosophiert Denny Brewer unter anderem über den Zustand des aufgeklärten Denkens. Nach all dem lehrreichen Input der vergangenen Jahre, wie nah oder wie weit entfernt seid ihr von der Vorstellung euch im Jahre 2011 aufgeklärt zu fühlen?
Mike: Oh ich weiß es nicht genau...Ich versuche mir nicht zu viele Gedanken darum zu machen. Das einzige, was ich versuche umzusetzen, ist so viel wie möglich positiv zu denken bei allem, was ich tue. Immerhin gibt es da draussen so viel Schlechtes. Ich habe zwei Kinder und das hat für mich einiges verändert. Ich habe gelernt weitaus weniger eigennützig zu sein und meine Augen viel mehr für die Dinge um mich herum zu öffnen. Bevor ich vor sechs Jahren zum ersten Mal Vater wurde, war das noch nicht so sehr der Fall. Ich versuche das aber weiterhin fortzusetzen. Ich werde wahrscheinlich niemals das Gefühl haben völlig aufgeklärt zu sein, was auch immer das im Einzelnen bedeuten mag, aber ich fühle, dass ich persönlich gesehen mittlerweile an einem besseren Ort angekommen bin.
Conor: Bin ich eigentlich zu laut, wenn ich esse? (kaut auf einer Birne herum) Entschuldigt bitte die Unterbrechung! (lacht)
Mike: Das ist schon okay. Für eine Birne scheint sie aber wirklich sehr hart zu sein. Ist sie süß? Ist das überhaupt eine BIrne, die du da isst?
Conor: (murmelt mit vollem Mund) Doch, das ist eine Birne und sie ist etwas süß.
Mike: Weisst du, Birnen sind meine absoluten Lieblingsfrüchte. Ich hatte vorhin auch eine in der Hand und wollte sie essen, aber sie war so hart, da habe ich es lieber gelassen. Ich dachte mir, da stimmt doch irgendetwas nicht!
Conor: Um mal auf deine Frage zurück zu kommen, ich verfolge den Ansatz immer auf der Suche nach Wissen und Informationen im Allgemeinen zu sein. Ich will einfach aufgeschlossen sein, das Bewusstsein der Menschen und die damit einhergehenden Verbindungen anregen und positiv denken. Negatives Denken beschwört nur noch mehr negative Gedanken herauf.

Was ist für euch persönlich eine wertvolle Erkenntnis, die euch das Leben selbst und kein Buch gelehrt hat?
Conor: Es ist nicht gut sich über Kleinigkeiten den Kopf zu zerbrechen.
Mike: Genau dasselbe wollte ich auch gerade sagen! (lacht)
Conor: Es gibt so viele kleine Dinge, die uns tagein, tagaus stressen und das für den Rest unseres Lebens tun, es aber im Grunde nicht wert sind überhaupt von uns beachtet zu werden. Sie sind für das große Bild, welches uns vorschwebt, nicht wichtig und wir sollten aufhören den Versuch zu unternehmen es andauernd zu verbessern.
Mike: Das Leben bringt nun einmal Höhen und Tiefen mit sich...
Conor: Wichtig ist, dass man diese Sachen nicht allzu sehr an sich heranlässt.
Mike: Ja, man sollte versuchen sich nicht so sehr von Kleinigkeiten im täglichen Leben vereinnahmen oder beeinflussen zu lassen, weil diese doch nur das Zusammensein und das Wohlbefinden an sich stören.
Conor: Wenn man die Möglichkeit hat jemanden oder etwas im Leben zu lieben, sollte man diese Chance unmittelbar ergreifen. Selbst wenn man dies nur durch eine kleine Tat demonstrieren oder zum Ausdruck bringen kann, ist es das wert und eines der schönsten Dinge auf der Welt, die es gibt.

Es gibt viele verschiedene Wege und Mittel sich effektiv seiner Umwelt mitzuteilen und seinen Aussagen Nachdruck zu verleihen. In der Politik wird zum Beispiel gerne Angst als Mittel eingesetzt, um sich Gehör zu verschaffen. Welche rein musikalisch oder auch textlich gesehenen Mittel betrachtet ihr für eure Musik als besonders wirkungsvoll, um euch aussagekräftig mitzuteilen?
Conor: Lass mich kurz darüber nachdenken, denn das ist nicht so einfach zu beantworten. Musik wird meistens nicht als ein direktes Instrument oder Medium benutzt, um effektiv Botschaften auszusenden. Es ist verglichen mit der Politik eher subtil.
Mike: Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich die Frage wirklich verstanden habe, obwohl sie mir sehr gut erscheint!
Conor: (wiederholt und erläutert die Frage noch einmal für Mike) Ich denke das effektivste Mittel, was unsere Songs betrifft, ist die Tatsache, dass wir die Hörer sprachlich gesehen mit unseren Texten zum Nachdenken anregen wollen. Wir wollen ihre Vorstellung gegenüber den Dingen weiter öffnen. Fast hätte ich gesagt, wir möchten auch, dass sie sich mit den Texten identifizieren sollen, aber das muss gar nicht unbedingt der Fall sein. Einige für mich sehr wertvolle Werke zeichnen sich zum Beispiel dadurch aus, dass man nicht unmittelbar und auf den ersten Blick einen Zugang zu ihnen findet, sondern erst später, wenn man bereits ein wenig Zeit mit ihnen verbracht hat. Es geht vor allem darum in seinem Denken von etwas angeregt zu werden und etwas dabei zu fühlen. Als Künstler sollte man Gefühle bei den Rezipienten hervorrufen. Darum geht es mir, wenn ich Musik mache.
Mike: Um das zu bewirken, braucht es gar nicht unbedingt solche wirkungsvollen Mittel, wie sie manchmal in der Politik eingesetzt werden.
Conor: Es geht auch nicht darum immer um jeden Preis ernsthaft zu sein. Man kann jemandem auch einfach nur ein gutes Gefühl vermitteln wollen.
Mike: Nehmen wir doch zum Beispiel den Song "Friday I'm In Love" von The Cure. Der ruft beim Hören automatisch eine positive Schwingung hervor und steigert die Sehnsucht nach dem Gefühl glücklich zu sein.
Conor: Oh ja, mich macht der Song immer glücklich.

Bei euren Songs fällt auf, dass ihr eure Zuhörer gerne intellektuell fordert, vor allem was die Texte angeht. Ist es eure Intention deren Wissbegierde konstant anzuregen? Gerade auf "The People's Key" gibt es viele Stellen, an denen in sprachlicher Hinsicht viel geboten wird, was einen zweiten aufmerksamen Blick verdient und nicht selten zum Nachschlagen einlädt, besonders was religiöse und geschichtliche Referenzen betrifft.
Conor: Ich setze mich nicht bewusst hin und versuche beim Schreiben der Texte dem späteren Rezipienten zu gefallen. Vielmehr versuche ich für mich Wörter zu verwenden, die interessant klingen. Ich liebe es, wenn ich einen Song höre und darin einen Begriff finde, den ich so noch nie in einem Song gehört habe und bei dem ich das Gefühl habe, dass er nicht seltsam oder erzwungen klingt. Er muss einfach zum Song passen. Genau das versuche ich auch beim Schreiben meiner eigenen Texte ab und an in dieser Form umzusetzen. Das Wort "Oscilloscope" ("Shell Games") ist ein Beispiel dafür. Ich habe das noch nie in einem Song gehört und wollte es unbedingt verwenden, weil ich es so cool fand. Ich wusste gar nicht, dass dieses Wort überhaupt existiert bis ich im Studio, wo wir das neue Album gemastert haben, ein solches Gerät vorfand.
Mike: Ich habe bestimmt jeden Tag mindestens zwölf Stunden davor gesessen und auf den Bildschirm des Geräts gestarrt. (lacht)
Conor: Man kann damit alle Frequenzen sehen und es sieht ein wenig wie ein großes Durcheinander aus. Wenn die Frequenz komprimiert wird, entsteht eine Verzerrung des Klangs. Ich mochte diesen Apparat von Anfang an und fand obendrein die Bezeichnung ziemlich cool. Deswegen habe ich verzweifelt versucht diesen Begriff in einem Song zu verarbeiten. Ich habe mir gedacht "Ich muss das Wort irgendwo unterbringen!" (lacht) Abgesehen davon bemühe ich mich keine Reime zu verwenden, die allzu hart klingen. Ich bevorzuge eher weichere Reime, schon allein deswegen, weil man in der Musik überall und andauernd diese harten Reime hört.
Mike: Es ist meiner Meinung nach viel schwerer einen Reim zu verfassen, der weich erscheint und nicht allzu offensichtlich ist.
Conor: Das ist wahr. Ausserdem sind diese Formen meistens auch nicht so vorhersehbar. (Conor überlegt kurz und stimmt aus dem Stehgreif und mit übertriebener Betonung folgende Zeile an) "She was standing in the light...and it felt so right". So etwas ist doch total langweilig und wir haben das schon hundert Mal gehört!

Eigentlich enttarnen sich solche lieblos geschriebenen Zeilen doch häufig selbst, weil man sie als Hörer schon vervollständigen kann, ohne dass man den Song auch nur kennen würde. Das ist doch schon Beweis genug dafür, dass sich nicht besonders viel Mühe beim Texten gegeben wurde.
Conor: Genau! Das ich sehe ich auch so. Bei nicht so offensichtlicheren Reimen bleibt die Spannung erhalten und man kann einfach nicht vorhersagen, was als nächstes kommt.
Mike: Man wird als Hörer automatisch gezwungen dem Song mehr Aufmerksamkeit zu schenken, wenn man ihn hört und auf sich wirken lassen möchte. Allzu vorhersehbare Zeilen kann man dagegen sehr schnell ausblenden und man merkt wahrscheinlich nicht einmal, wenn es passiert. Das ist eine Sache, die wir auf jede Fall bei unseren eigenen Songs vermeiden wollen so gut es geht.

Leider ist die Zeit schon um, aber habt herzlichen Dank für das Gespräch.
Mike: Vielen Dank auch an dich!
Conor: Es hat mich sehr gefreut mir dir zu reden. Das war ein wirklich schönes Gespräch.

27.02.2011 // annett
 

3 Kommentare

David am 27.02.2011 um 15:45 UHR

Schönes Interview. Besonders der Einstieg ist sehr gelungen finde ich.
Ich habe beim Konzert im Lido fotografiert, vielleicht ist das interessant für euch.

http://david-jacob.de/blog/2011/02/bright-...otos/

Felix am 28.02.2011 um 15:18 UHR

tolles Interview+tolle Fotos, Dave.

Julia am 14.07.2011 um 22:55 UHR

Der Kommentar kommt zwar relativ spät, aber ich möchte unbedingt anmerken, dass dies ein wunderbares Interview ist. Das Gespräch wirkt sehr locker, die Fragen sind interessant...die Antworten sowieso! Insgesamt also sehr schön.

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