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Ghost of Tom JoadInterview mit Henrik Roger

Ghost of Tom Joad

unsere liebsten indiepop-punks ghost of tom joad sind nun (endlich?) im new wave angelangt. wie überzeugend und erwachsen das klingt, davon kann man sich ab diesem freitag auf ihrer neuen platte black musik überzeugen.

sänger und gitarrist henrik roger erklärte uns im interview, wie das neue album entstand, warum diesmal synthesizer und nicht gitarren den ton angeben und warum ghost of tom joad so gerne touren.


was bedeutet für euch der titel eurer neuen platte, 'black musik'? und warum die deutsche schreibweise in letzerem wort?
eigentlich sprechen wir das schon englisch aus, also wie 'music', nur da wir aus dieser punk-sozialisation kommen hatten wir immer den drang was zu machen, wo die meisten menschen sich denken 'bitte, was soll denn der schrott?'

zu beginn eurer laufbahn wurzelte die musik stark in eben erwähntem punk-spirit, und eure neue platte wirkt nun wie der nächste große schritt nach vorn, der sich schon bei eurem zweiten Album 'matterhorn' angekündigt hatte. wie kam es zu diesem erwachsenwerden? zu mehr synthesizern und weniger gitarrengeschrammel?
bei uns standen im proberaum immer schon viele synthesizer rum, und ich habe die einfach gerne gespielt. das fühlte sich für uns natürlich an, und natürlich werden viele sagen, dass wir da den 80ern verfallen sind, aber wir mögen tatsächlich einfach den sound und da die instrumente sowieso bei uns herumstanden, hat das super gepasst. wir schotten uns von der außenwelt ab und spielen drauf los, bis die idee, wie die platte denn klingen soll, fertig ist. ins studio gehen wir dann wirklich nur noch für die aufnahmen und feinheiten. unser produzent dennis scheider ist ja ein guter freund von uns.

eure neue platte erscheint ja wieder auf richard mohlmann records, wird aber von universal vertrieben. ist künstlerische autonomie für euch als gut etwas, das man nicht an ein major verkaufen sollte?
ich kann nur von unseren bisherigen erfahrungen sprechen, und bei universal arbeiten alles fantastische leute. ich glaube diese angst bzw. die stigmatisierung auf 'gutes indie – böser major' hat sich in den letzten zehn jahren total aufgelöst. man findet genauso seltsame strukturen bei kleinen indielabels wie man sie von majors erwarten würde, und alles was ich sagen kann ist, dass wir mit ausnahmslos guten leuten zusammenarbeiten, sei es jetzt bei der plattenfirma, im vertrieb oder bei unserer bookingagentur. ob da jetzt am ende 'indie' or 'major' draufsteht ist uns völlig gleich.

ihr habt jetzt in drei jahren drei platten veröffentlicht. auf welchem geheimnis beruht eure produktivität? seid ihr eine ehrgeizige band und setzt euch ziele?
bei uns ist das so, dass wir neben der band keine anderen sachen machen. in dieser konstellation kennen wir uns seit frühester kindheit und haben schon zusammen in irgendwelchen punkbands gespielt. 2006 haben wir dann 'ghost of tom joad' gegründet, und wir sind so gut wie jeden tag im proberaum und machen musik. dementsprechend hat man dann ja einen großen output und wenn man die möglichkeit hat, auf einem label immer wieder platten zu veröffentlichen, macht das riesigen spaß. eigentlich ist das unser einziger motor, dass wir gerne viel musik machen und die dann herausbringen. da steckt kein masterplan dahinter im moment.

bisher hast du ja die meisten songs geschrieben. wie seid ihr denn diesmal herangegangen?
diesmal hatten wir tatsächlich eine andere herangehensweise. auf 'matterhorn' habe ich allein fast das gesamte arrangement gemacht, und diesmal wir haben zu beginn total viele schlagzeugrhythmen gesammelt, uns also einfach wie immer im proberaum getroffen, und christoph (der drummer, anm. d. red.) hat einfach drauflosgespielt. auf dieser basis haben wir dann wie eine hip hop-band gearbeitet, also quasi von uns einen eigenen remix angefertigt. wir haben viel gesampelt und die melodien und textideen, die ich von zuhause mitgebracht hatte, dann mit den rhythmen zusammengebracht. daraus sind dann letztendlich die songs entstanden.

eure musik ist ja wie gerade erwähnt reifer geworden, aber wie sieht es mit den texten aus? seit eurem debut dreht sich bei euch vieles ums reisen, allein titel wie 'no sleep until ostkreuz', 'unterwegs' oder 'köln-brüssel-paris'. ist das für dich eine inspirationsquelle, das abschied-nehmen, sich nicht zuhase fühlen, rastlos sein?
absolut. dieses leitmotiv ist wohl aus der punk-mentalität von früher hängengeblieben, 'live your heart and never follow', veränderung ist gut, stillstand nicht, und das zieht sich immer noch sowohl durch die band- als auch durch unsere eigene biografie: dass man einfach keinen stillstand will. schon als wir angefangen haben, musik zu machen, war es für uns wichtig, auf tour zu sein, und das macht uns immer noch großen spaß.

zwei drittel eurer band wohnen aber noch immer in münster, ist das für euch dann euer zuhause, das ihr nicht aufgeben wollt? hattet ihr nie den drang, wie die meisten anderen bands eures kalibers nach berlin zu ziehen?
wir sind zwar große fans dieser stadt, aber wir haben einfach festgestellt, dass es tatsächlich nicht auf die stadt, sondern auf die leute ankommt, die dort wohnen. und da wir als band alle aus münster kommen – und als band hat man kaum jemand anders –, bleiben wir natürlich dort. wenn einer von uns wegziehen würde, würden wir wahrscheinlich alle mitkommen. und eine stadt ist nur so stark wie die leute, die dort sind.

wie stehts denn mit richard mohlmann records, eurem zuhause seit nun drei platten? wie findet ihr das labelroster, und was haltet ihr von beat!beat!beat!, die zurzeit ja in aller munde sind?
beat!beat!beat! finden wir total super. wir waren mal in berlin auf einem frühen konzert von denen, als gerade die ep rauskam, und da hat die hütte gebrannt. man muss da natürlich auch das alter anführen, die sind ja sehr jung, aber auch unabhängig davon ist was sie machen fantastisch. ich habe festgestellt, dass man bei richard mohlmann in letzter zeit immer mehr zusammenwächst, und dennis (scheider, labelchef und produzent, anm. d. red.) bringt ja immer mehr gute sachen heraus.

wenn man beat!beat!beat! und euch beide live gesehen hat, wirkt ihr im vergleich auf der bühne viel lockerer und kommuniziert viel mehr mit dem publikum. wie wichtig ist euch, dass neben der ernsthaftigkeit der musik auch die freude vermittelt wird, die ihr daran habt, live oder im studio?
gerade bei dieser platte hatten wir enorm viel spaß. gerade zu matterhorn-zeiten hätten wir nie das ganze mit einem leichten augenzwinkern nehmen können, und heute nehmen wir unsere musik zwar immer noch sehr ernst, uns selbst als personen aber nicht mehr. ganz viele sachen sind uns viel leichter von der hand gegangen, und ich persönlich mag es auf der bühne sehr, über den dingen drüberzustehen und die leute zu unterhalten.

zeuge eurer live-qualitäten konnte man ja schon ganz früh beim red bull-tourbus werden. was haltet ihr von musik-support aus der industrie, also z.b. von eben genannter tourbus oder die 'rockliga' eines spirituosenherstellers?
im prinzip denke ich immer, dass musik leute erreichen muss. das ist das wichtigste. man macht musik natürlich immer für sich selber, aber im endeffekt sollen andere leute ja mitbekommen, was man da gerade für eine tolle platte aufgenommen hat, und uns ist es egal, welche marke oder welcher hersteller das irgendwie unterstüzt. ich habe da wirklich keine berührungsängste. es gibt ganz viele leute, die das natürlich ablehnen, aber mir ist immer die musik das wichtigste gewesen und wenn man am ende ein produkt als vehikel dafür benutzt soll mir das recht sein. ob das produkt dazu dann gut ist oder nicht – da muss man selber entscheiden und auch mal nein sagen können.

hälst du das für eine zunehmende tendenz, dass musik immer weniger von konsumenten, also vom hörer bezahlt wird, sondern beispielsweise durch werbung auf streamingportalen wie spotify oder grooveshark? musiker also mit unternehmen joint ventures eingehen, um sich gegenseitig weiterzubringen?
ich denke, dass das klassische prinzip, mit plattenverkäufen geld zu verdienen, seit zehn jahren tot ist. für firmen gibt es, meine ich, nichts besseres, als mit popmusik einen schulterschluss einzugehen und coole bands für sich zu engagieren. schwierig wird es natürlich, wenn die musiker davon nicht profitieren, da muss man am ende des tages immer schauen was für die band eigentlich dabei rausspringt. heutzutage ist es am wichtigsten, dass die leute auf konzerte kommen, weil das der ort ist, wo musik 'passiert'. ob die musik von cd kommt oder vom streamingdienst, ist fast egal, weil die tour der ort ist, wo sich hörer und band treffen.

ihr seid also große fans des touren? es gibt ja genug gruppen, die das ganze irgendwann nicht mehr machen wollen, weil sie das ganze nicht mehr als musik-machen wahrnehmen sondern als schufterei.
ich kann das ganze gut nachvollziehen, zum beispiel haben ja die black keys vor kurzem ihre tour wegen erschöpfung abgesagt. das ganze ist natürlich ein schöner knochenjob, wenn man ganz drei monate auf tour ist, aber davon kann eine deutsche band ja nur träumen. wenn man in deutschland einen monat auf tour ist, dann ist das ja schon lang. jeden abend aber auf die bühne zu gehen und den leuten seine songs vorzuspielen ist ja ein traum!

25.02.2011 // jakob
 

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