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Cold War KidsInterview mit Nathan Willett und Matt Maust

Cold War Kids

als freunde und bandkollegen sind die cold war kids seit jahren ein eingeschweisstes team. mit ihrem dritten album "mine is yours" zog es sie daher auf ganz natürliche weise einmal etwas tiefer in ihr persönliches umfeld. die band nahm sich im heimischen kalifornien eine auszeit, um sich auf sich selbst und alle persönlichen umschwünge im privatleben zu konzentrieren. diese sollten auch für die aufnahmen des neuen albums eine nicht unerhebliche rolle spielen. wir haben uns unter sechs augen an die füße von nathan willett und matt maust geheftet und sie über das erwachsenwerden, beziehungen und das gefühl von unabhängigkeit philosophieren lassen.


"mine is yours" - yours is mine. wo bleibt denn da die unabhängigkeit?
matt: irgendwo mittendrin (lacht)! je mehr dein charakter fest im boden verankert und fähig ist sich anzupassen und es deiner seele gleichermaßen gut geht, je mehr möglichkeiten ergeben sich, um unabhängig zu sein und sein leben danach zu gestalten. je freier deine gedanken sind, umso einfacher gestaltet sich der weg zur unabhängigkeit. ich denke so funktioniert das ganze.

gab es jemals einen punkt für euch, an dem ihr eure unabhängigkeit aufgeben musstet?
matt: als wir die band gegründet haben. ab diesem punkt mussten wir einen guten teil unserer eigenständigkeit aufgeben. wenn eine veröffentlichung oder eine tour ansteht, muss man auf vieles verzichten und zu einigen dingen nein sagen.
nathan: ich glaube, wir lernen in diesem bandgefüge mehr über das verheiratet sein als in unseren jeweiligen ehen.
matt: ich bin gar nicht verheiratet und kann da nicht mitreden (lacht).

macht das verheiratet sein wirklich einen so großen unterschied?
nathan: ich glaube schon, dass es einen unterschied macht. wenn man in einer festen beziehung ist, dann kann diese tatsache es einem als künstler einfacher machen sich völlig in der kunst zu verlieren. es ist unglaublich gut zu wissen, dass in solchen situationen jemand da ist, der dich vollkommen versteht und weiß, was gerade mit dir passiert. im gegensatz dazu bietet dir eine instabile oder chaotische beziehung nicht diesen rückhalt und es ist viel schwieriger sich in einer sache, wie zum beispiel der musik, auf dieselbe tiefgründige art zu verlieren. sobald sich chaos in deinem leben breit macht, wird es für dich als künstler viel komplizierter über deinen eigenen schatten zu springen und bestimmten kreativen impulsen oder eingebungen zu folgen. traurigkeit in deinem eigenen leben ist nicht dasselbe wie ein kreatives hochgefühl in der kunst. ich bin der meinung, dass man persönlich ausgeglichen sein muss, um auch kreativ eine hochphase zu erreichen, weil man sich ansonsten nicht völlig seinem künstlerischen schaffen hingeben kann. jetzt werden wir hier allerdings etwas abstrakt fürchte ich (lacht).

lasst uns doch etwas spezifischer werden. euer albumtitel "mine is yours" erscheint auf ersten blick simpel, dennoch kann man ihm auch eine tiefergehende botschaft attestieren. ist er ebenso philosophisch inspiriert wie "loyalty to loyalty", dessen titel auf eine schrift von josiah royce zurückgeht?
nathan: der titel ist nicht durch einen vordergründig so philosophischen ansatz geprägt, wie "loyalty to loyalty", aber hat durchaus ebenfalls eine tiefsinnigere botschaft, wenn man denn mehr dort hinein interpretieren möchte. es fing alles mit einer einfachen textzeile an, die sich dann letztendlich zum albumtitel entwickelt hat. es ist also nicht wie bei "loyalty to loyalty" gewesen, wo wir uns von einer philosophischen schrift haben inspirieren lassen. auf dem zweiten album haben wir viele songs, bei denen ich es in textlicher hinsicht nicht unbedingt darauf abgesehen hatte einen spezifischen sinngehalt zu verfolgen. im großen und ganzen bin ich textlicht gesehen an vielen stellen vage geblieben, so dass dem hörer genügend raum blieb, um gedanklich daraus zu schöpfen, was auch immer er in die zeilen hineinlesen wollte. auf dem neuen album wollte ich dagegen etwas intimeres schaffen, bei dem der sinngehalt der jeweiligen songs greifbarer schien und ich auch selbst eine direktere verbindung von meiner seite aus schaffen konnte. vielleicht hatte es auch etwas damit zu tun, dass wir lange genug zeit hatten zu hause bei unseren familien zu sein und der realität ins auge zu blicken. auf tour ist so manches weit weg von dieser realität, aber bei "mine is yours" hatten wir genügend gelegenheit auch an unserem persönlichen umfeld und an den menschen darin teilzuhaben.
matt: wir waren seit dem bestehen der band noch nie so lange zu hause!
nathan: ich fand den titel am ende so passend für das album, aber gleichzeitig auch für unsere allgemeinen lebensumstände in der band, weil wir in der zeit, in der wir zu hause waren, auf so vielen verschiedenen ebenen mit dem echten leben konfrontiert wurden, wozu natürlich auch beziehungen gehören. plötzlich bekommst du von allen seiten diese eindrücke, auch wie es gerade bei freunden beziehungsmäßig so läuft. wenn man auf tour ist, entgeht man dieser realität sehr schnell oder blendet sie teilweise auch aus, weil man jeden tag praktisch ein neues leben an einem anderen ort führt und die beständigkeit, die dir zum beispiel eine beziehung gibt, fehlt. ich fand es interessant das album thematisch von diesem aspekt ausgehend aufzubauen. vieles davon hat ursprünglich seine wurzeln, in dem, was wir in unseren eigenen, aber auch in den leben unserer freunde mitbekommen haben. das ist eine spannende phase, die künstlerisch gesehen viel zu bieten hat. man ist ende zwanzig, um einen herum werden alle plötzlich so seriös, erwachsen, schließen den bund für's leben und es findet im allgemeinen eine art umbruch statt, der zum teil große persönliche veränderungen mit sich bringen kann. das alles war sehr lohnenswert auch einmal musikalisch und lyrisch näher betrachtet zu werden.

ihr habt angesprochen, dass ihr seit dem bestehen der band nicht mehr so lange zu hause wart. hat das schreiben der songs in diesem umfeld geholfen den songs insgesamt eine so persönliche note zu geben?
nathan: ja, absolut. wir haben diesem umstand wirklich viel zu verdanken. zu hause hatten wir die möglichkeit alles andere aussen vor zu lassen und uns wirklich auf uns selbst als band zu konzentrieren. wir sind ansonsten wohl nicht unbedingt die professionellsten musiker, was das schreiben oder das proben angeht, aber als wir zu hause waren, hatten wir genügend zeit uns als gruppe in einen neuen einklang zu bringen, in sehr persönlicher atmosphäre musik zu machen und untereinander als kollegen und freunde die ohnehin bestehende tiefe verbundenheit zwischen uns auf's neue zu betonen. diese tatsache hatte natürlich auch auswirkungen auf die musik, die in dieser zeit entstanden ist. die persönliche note, die in den songs mitschwingt, ist ein sehr direktes resultat davon, was wir in diesen momenten empfunden haben.

wie sehr öffnet ihr euch denn auf persönlicher ebene den anderen in der band, wenn ihr in so intimer atmosphäre zusammenarbeitet? ist die tiefe verbundenheit zwischen euch grenzenlos oder gibt es doch momente, in denen ihr gewisse grenzen um euch herum zieht?
nathan: kreativ gesehen ist das, was in so einem künstlerischen prozess am ende herauskommt, an dem mehrere leute beteiligt sind, wie zum beispiel in unserem fall, etwas sehr einzigartiges. gerade wenn jeder in der band sich so weit wie möglich öffnet und auf natürliche weise seinem innersten ausdruck verleiht. trotz der tiefen verbundenheit untereinander gibt es aber gewisse grenzen, die man automatisch um sich herum zieht. ich bin der meinung, dass man am besten miteinander harmoniert, was das arbeiten angeht, wenn jeder genau so sein kann, wie er nun einmal ist und persönlich gesehen den anderen tiefe einblicke gewährt, es aber trotzdem bestimmte grenzen geben muss, die man dabei nicht überschreiten sollte. jeder braucht trotz der existierenden nähe auch seinen persönlichen freiraum. schließlich lässt sich niemand gerne unmittelbar über die schulter blicken, wenn er kreativ tätig ist. mir geht das beim texten genau so wie matt, wenn er am artwork oder visuellen ideen im allgemeinen feilt. es ist gut, wenn man sich ab und zu untereinander abstimmt, aber oftmals braucht man auch die künstlerische abgeschiedenheit von den anderen, um dorthin zu gelangen, wo man hin möchte. niemand bekommt gerne gesagt, was er oder sie tun soll, so ist es doch. gerade bei diesem album hatte ich das gefühl, dass es für mich nötig war teilweise kleine mauern um mich herum aufzubauen. das war sehr hilfreich, um persönlichen impulsen nachzugeben, die am ende zu dem werden konnten, was ich als sänger im kollektiv mit der band aussagen wollte.

kommt es vor, dass ihr diese persönlichen mauern auch manchmal ausserhalb und nach beenden solch kreativer prozesse aufbaut, wenn ihr zum beispiel auf tour seid und diese songs abend für abend vor einem publikum reproduziert?
nathan: doch, es gibt diese situationen, in denen wir mauern um uns herum aufbauen müssen. gerade wenn wir auf tour sind, schlüpfen wir in bestimmte rollen und schirmen uns vor einigen dingen um uns herum ab. das hat meistens den grund, dass wir uns selbst schützen wollen. solche persönlichen mauern dienen dazu, dass wir nicht alles an uns oder die band heran lassen, weil das unter umständen nicht gut wäre. wenn ich zum beispiel gerade am telefon etwas schlechtes mitgeteilt bekomme und ich weiß, dass wir kurz darauf eine show spielen müssen, dann würde ich das wahrscheinlich so lange für mich behalten bis die show vorbei ist, um die anderen nicht gedanklich zu beeinträchtigen oder aufzuwühlen. man lernt mit der zeit einige dinge erst einmal zu begraben, die die band in welcher weise auch immer angreifen könnten und in bestimmten momenten eben nicht gut für sie wären.

es gibt also trennlinien zwischen persönlichen anliegen und eurem arbeitsverhältnis innerhalb der band?
nathan: richtig. wir sind zwar miteinander befreundet und passen gut auf uns auf, aber gleichzeitig sind wir auch wie ein team, das funktionieren muss. manchmal muss man dabei abwägen, inwiefern zum beispiel eigene probleme und sorgen einen platz in der band haben und bis zu welchem grad man diese auf den tisch legt. als freunde nehmen wir natürlich immer anteil am wohl des jeweils anderen, aber gleichzeitig haben wir auch künstlerisch gesehen eine verantwortung für einander und da muss man manchmal grenzen setzen, weil man unter umständen eventuell persönliches und geschäftliches zu sehr miteinander vermischt. wir sind zwar enge freunde und wie eine familie, aber wir wollen auch als band erfolgreich sein und nicht nur existieren, um gegenseitig in menschlicher hinsicht auf uns aufzupassen. wir brauchen beides, schätze ich.

mit jedem neuen album debattiert die musikwelt auf's neue über weiterentwicklung oder stillstand des jeweiligen künstlers. ist für euch eine weiterentwicklung eures sounds in jedem fall an musikalische veränderungen geknüpft?
matt: ich glaube das hängt ganz davon ab, was man als band möchte. wenn man einfach eine reihe von alben aufnehmen will und das machen von musik als reine pflicht ansieht, um eine gruppe von fans zufrieden zu stellen, dann bleibt die weiterentwicklung wohl auf der strecke. wir wollen jedoch genau das gegenteil, denn unsere fans sollen mit uns wachsen. wenn ich mir radiohead ansehe, dann habe ich das gefühl, dass sie unglaublich gut darin sind mit jedem neuen album zum teil völlig neue wege einzuschlagen, ohne jemals langweilig zu werden. sie sind als band sehr wandelbar und das schätze ich an ihnen. ich brauche jedes mal eine weile bis ich mich an ihr neues material gewöhne, aber mag es, dass ihr ganzes kreatives schaffen so vorwärts gerichtet ist. wir machen keine so großen sprünge wie sie, aber tendenziell wollen wir ebenfalls veränderungen zulassen und nicht auf der stelle treten.

26.01.2011 // annett
 

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