Sea WolfInterview mit Alex Brown Church
dass das schreiben alex brown church im blut liegt, daran muss nicht gezweifelt werden. er schreibt sogar so gerne, dass er neben der musik auch den stift zur hand nimmt, um drehbücher zu verfassen oder sich musikalischen projekten ausserhalb seiner band sea wolf zu widmen. im gespräch mit ihm sind wir deswegen einmal genauer den dingen auf den grund gegangen, was seine leidenschaften für musik, film und literatur angeht. warum diese durchaus parallelen aufweisen und nicht immer klar voneinander zu trennen sind, erläutert uns alex umsichtig und gewissenhaft.
der winter hält europa immer noch in schach und du befindest dich gerade mittendrin. wie kommst du mit touren im winter im allgemeinen klar? kommst du mehr zur ruhe oder schreibst intensiver an songs, weil man automatisch mehr zeit drinnen verbringt?
ich schaffe fast nichts dergleichen, wenn ich auf tour bin. meistens heisst es aufstehen, losfahren, show spielen, ab zum hotel und das ganze dann wieder von vorne. es bleibt nicht wirklich zeit um an musik zu arbeiten. ich mag es aber mich dem songwriting im winter zu widmen. ich fühle mich dann nicht so schuldig, wenn ich den ganzen tag drinnen bin (lacht).
deine biographie deutet an, dass songwriting für dich immer mit einem bestimmten ort und einer zeit verbunden ist. deine umgebung ist also in jedem fall ein direkter einfluss, wenn du musik machst?
ja, das kann der fall sein, muss es aber nicht unbedingt. ich kann mir auch einen ort einfach nur vorstellen und von dieser perspektive aus schreiben. bei "white water, white bloom" habe ich viele songs in montreal geschrieben. die umgebung dort hat die bildhaftigkeit in den songs sehr beeinflusst. andere songs habe ich dagegen bereits vor zehn bis fünfzehn jahren geschrieben.
kommt dir das songwriting unter dem aspekt der unmittelbaren beeinflussung durch deine umgebung auch manchmal wie das führen eines musikalischen tagebuchs vor?
manchmal ist das in der tat so. als ich angefangen habe musik zu machen, war das noch stärker der fall. jetzt ist das nicht unbedingt immer so. die songs sind teilweise persönlich, aber nur bis zu einem bestimmten grad. ich will letztendlich nicht, dass meine songs einen zu persönlichen charakter besitzen. ich möchte, dass die themen sich soweit öffnen, dass auch aussenstehende menschen etwas damit anfangen können. es ist schön, wenn andere menschen sich auf dinge in den songs beziehen können. meine songs müssen natürlich in allererster linie mir selbst gefallen. wenn sie zu offenbarend hinsichtlich meiner persönlichkeit wären, würde ich sie vermutlich für mich behalten und sie nicht öffentlich machen.
du hast einmal gesagt, dass es dir wichtig ist wie sich die wörter in deinen texten anfühlen. experimentierst du hinsichtlich der wortwahl beim texten ebenso viel wie vergleichsweise beim eigentlichen musizieren?
ja, doch. das tue ich. ich mag es mit wörtern zu spielen und ihnen gebührend zeit zu widmen. vielleicht, weil die musik im gegensatz zu den texten relativ einfach aus mir heraussprudelt. die melodien bereiten mir keine probleme, aber die passenden worte zu finden, ist dagegen viel schwieriger. es kommt ab und zu vor, dass ich sogar die melodien leicht verändere, wenn ich unbedingt eine bestimmte textzeile so und nicht anders verwenden möchte. ich experimentiere aber nur bis zu einem gewissen punkt mit worten. ich setze mich nicht bewusst hin und reime mir zeilen zusammen. es muss sich schon natürlich anfühlen und darf kein gekünstelter vorgang sein.
lassen sich manche dinge für dich einfacher mit einer melodie ausdrücken als unbedingt mit worten?
dem würde ich zustimmen. für mich ist die musik und die melodie immer das wichtigste. durch sie kann ich mich wohl am stärksten ausdrücken. es gibt einige künstler, die in ihren songs so viel gefühle allein durch die musik transportieren, aber deren texte nur durchschnittlich sind. meine prioritäten liegen definitiv bei der musik. die texte sind dabei zweitrangig. es gibt diese momente, in denen ich mich lyrisch bewusst zurücknehme, wenn ich der meinung bin, dass die musik bereits so viel mehr aussagt als das worte jemals könnten. meine größte sorge ist, dass ich einfältige und dumme dinge singen könnte, daher verbringe ich doch ab und zu mehr zeit mit dem texten als mir lieb ist. ansonsten ist für mich das in der musik zum vorschein gebrachte gefühl weitaus wichtiger.
ist das schreiben von songtexten für dich ein ähnlicher lernprozess gewesen wie das schreiben von musik?
man kann beides definitiv miteinander vergleichen und findet einige ähnlichkeiten, was den lernprozess angeht. wenn ich eine idee habe, dann muss ich versuchen diese im ansatz weiterzuführen und kreativ mit ihr umzugehen. das stellt mich jedes mal sowohl musikalisch als auch lyrisch vor eine neue herausforderung, die ich allerdings sehr gerne bewältige. im grunde genommen geht es darum die an die oberfläche kommenden gedanken und gefühle bestmöglich umzusetzen und das auf beiden gebieten. dabei stellen sich einem oftmals kleine probleme in den weg, die man versucht so gut es geht zu lösen. der umgang damit ist beim schreiben von musik und auch beim texten meiner ansicht nach sehr ähnlich, aber es kommt natürlich darauf an, wie man als künstler generell mit seinen songs umgeht. für mich weisen beide prozesse parallelen auf.
der name "seawolf" wurde von der gleichnamigen novelle von jack london inspiriert. bist du allgemein gesehen jemand, der viel liest?
oh, absolut. ich lese sehr gerne. ich habe als kind nie ferngesehen, dafür hatte ich musik und bücher. vielleicht hatte es auch etwas damit zu tun, dass ich ein einzelkind war, dass ich gerne meine zeit mit lesen verbracht habe. ich wollte schon damals immer ein autor werden. deswegen bin ich auch zur filmhochschule gegangen und habe das schreiben von drehbüchern studiert. davor hatte ich im sinn ein schriftsteller im eigentlichen sinn zu werden, aber mit der zeit bin ich immer mehr zum drehbuchautor tendiert und habe mich diesem genre verschrieben. was literatur angeht, würde ich mich nicht als gelehrten in dieser hinsicht sehen. falls es literarische einflüsse in meinen songs geben sollte, dann sind diese wohl eher zufällig. ich bin ein ganz normaler typ, der einfach gerne liest, wie viele andere menschen auch.
wie stillst du deine leidenschaft für bücher und wo bekommst du den gewünschten literarischen nachschub, wenn dich wieder einmal der leseeifer packt?
für gewöhnlich versorgt mich meine mutter immer mit ausreichend büchern (lacht). sie ist mitglied in zwei buch-clubs. sie hat eine so große sammlung an büchern! jedes mal, wenn ich sie besuche, fahre ich mit ungefähr 40 neuen büchern im gepäck wieder nach hause. ich habe immer eine lange liste, was bücher angeht, die ich noch gerne lesen möchte. ich versuche ständig diese abzuarbeiten, aber die chancen stehen eher schlecht, dass ich das schaffe, weil sie unglaublich lang ist!
die bildsprache in deinen songs ist sehr ausgeprägt. ist diese tatsache auch auf dein studium an der filmhochschule zurück zu führen oder besteht kein zusammenhang zwischen beiden?
doch, es besteht für mich definitiv ein zusammenhang zwischen beiden welten. wenn ich einen song schreibe, dann visualisiere ich gleichzeitig auch immer den ort, an dem dieser mit seiner eigenen geschichte stattfindet. ich kann mich sehr gut gedanklich an den gewünschten ort versetzen und meine vorstellungskraft dahin schweifen lassen. ich würde aber nicht sagen, dass ich beim songwriting explizit auch ans filme machen denke oder auf dinge zurückgreife, die ich beim studium gelernt habe. das würde etwas zu weit führen. die vorhandenen parallelen sind viel subtiler und oftmals gar nicht fassbar.
der erfolg eines films beruht vielfach auf einer guten story. ist für dich der inhalt eines songs ebenso ausschlaggebend oder sind für dich eher rein emotionale wirkungen der schlüssel zu einem guten song?
wenn wir einmal ehrlich sind, dann achten die meisten menschen eher auf die musik und was sie in ihnen auslöst anstatt sich auf den liedtext zu konzentrieren. der spielt in songs doch oft nur eine untergeordnete rolle. mir geht es ja auch so, dass ich mich viel mehr von der musik einnehmen lasse als von dem dazu gehörigen text. ich bekenne mich hiermit schuldig (lacht). dennoch halte ich es für wichtig, dass der songtext neben der musik nicht untergeht und denke, dass er nicht selten unrechtmäßig behandelt wird. auch für einen song gilt, dass eine gute story unheimlich viel beim hörer bewirken und sie seine aufmerksamkeit steigern kann.
neben deinen eigenen alben hast du unter anderem einen song für augusten burroughs hörbuch "a wolf at the table" geschrieben. wie war diese erfahrung für dich und wie kam es überhaupt dazu?
ich hatte zuvor noch keines seiner bücher gelesen, aber mir war durchaus bekannt, dass er ein angesehener autor war, dessen name auch auf den bestsellerlisten der new york times stand. eines tages bekam ich von einem seiner mitarbeiter eine email mit der anfrage, ob ich nicht einen song zu seinem hörbuch "a wolf at the table" beisteuern wollte. das war allein schon wegen dem buchtitel ein sehr lustiger zufall. ich habe sofort ja gesagt (lacht)! in dem buch verarbeitet burroughs auch seine sehr turbulente beziehung zu seinem vater, was ich durchaus nachempfinden konnte, ohne jetzt weiter darauf eingehen zu wollen. der elterliche konflikt der geschichte im allgemeinen war etwas, was nachvollziehbar war. aber auch ohne diese verbindung hätte ich das angebot wohl angenommen und mich auf die zusammenarbeit gefreut.
könntest du dir vorstellen in der zukunft ähnliche projekte in angriff zu nehmen?
ich will es nicht ausschließen, aber im großen und ganzen schreibe ich lieber meine eigenen songs anstatt "auftragsarbeiten" für andere zu erledigen. es kann eine durchaus schöne erfahrung sein, aber es ist nichts, was mir ständig vor meinem inneren auge vorschwebt. würde ich vermehrt solche projekte angehen, würde es sich irgendwann nur noch wie ein job anfühlen und das will ich nicht. wenn ich musik schreibe, will ich das vornehmlich für mich tun und nicht, um anderen zu gefallen.
hattest du denn bei der auftragsarbeit für augusten burroughs vollkommen freie hand, was die künstlerische umsetzung anging?
im prinzip schon. es gab nur sehr vage vorschriften, an die ich mich halten musste. zum einen musste ich natürlich das buch erst einmal lesen und zum anderen, sollte der song auf welche weise auch immer davon inspiriert sein. ansonsten wurden mir aber keine strengen vorschriften auferlegt, die ich zu erfüllen hatte. ich konnte mich musikalisch gesehen mehr oder weniger austoben. ich habe das buch innerhalb von einem tag gelesen und habe danach sofort die gitarre zur hand genommen, um die eindrücke, die ich beim lesen gesammelt hatte, auf diesem weg aus mir heraus zu lassen. es war ein sehr emotionales buch, das einige gefühle hochgebracht hat, von daher war es besser sich sofort an die arbeit zu machen anstatt länger damit zu warten. ich hatte nach fertigstellung des songs einige bedenken, ob meine interpretation gefallen finden würde, weil sie nicht zu hundert prozent der version des buches entpricht und zum teil persönlicher als gedacht ausgefallen ist, aber die sorgen waren letztendlich unbegründet, denn der song stieß auf positive kritik. augusten hat mir danach eine sehr lange, überschwängliche email geschickt, in der er sich bei mir bedankt hat. die sollte ich mir einrahmen und aufhängen so schön ist sie (lacht).
die klanglandschaft auf "white water, white bloom" ist um einiges größer als auf dem vorgänger. was genau hat dich dazu verleitet und welche rolle hat mike mogis dabei als produzent gespielt?
der vorgänger war um einiges persönlicher und klanglich schlichter angelegt, da stimme ich dir zu. ich hatte von vornherein den plan mit "white water, white bloom" eine etwas andere richtung einzuschlagen und den klang zu intensivieren. mike mogis stand dabei sehr weit oben auf meiner wunschliste als das label auf mich zukam und einen "richtigen" produzenten verlangte, da ich das erste album im alleingang produziert hatte. der gedanke bei allem war, dass dieses mal der live sound viel mehr bei den aufnahmen gewürdigt werden sollte und ich hatte im gefühl, dass mike mogis der richtige mann für den job sein würde. dabei ging es mir aber vor allem darum, dass wir auf einer wellenlänge liegen sollte, was grundlegende dinge betraf. schon nach dem ersten telefonat mit ihm war ich überzeugt, dass er mich und meine musik verstand, aber meine songs darüber hinaus auch klanglich weiter formen könnte. von ihm stammte zum beispiel der vorschlag ein streichquartett mit einzubauen. ich war mir zuerst nicht sicher, habe ihm aber vertraut und begrüße die entscheidung nun umso mehr. als musiker ist man gewohntermaßen ein wenig sensibel, wenn sich aussenstehende in die eigenen songs einmischen, aber ich kann kritik eigentlich ganz gut annehmen.
war es hilfreich für dich bei diesem album etwas distanz zu den eigenen songs zu gewinnen, weil mike auf dem produzentensessel saß?
ja, das war es. ich habe aus vorherigen zusammenarbeiten mit produzenten gelernt, dass es lehrreich sein kann, wenn man sich selbst etwas zurücknimmt und die kontrolle über die eigenen songs auch einmal aus der hand gibt. man kann unheimlich viel lernen, wenn man sich für die vorschläge von produzenten öffnet und in diesem fall war das ebenfalls so. ich glaube aber trotzdem, dass ich auf der nächsten platte gerne wieder mehr involviert sein möchte, was die produktion angeht. nicht, weil mir mikes arbeit nicht gefallen hat, im gegenteil, aber ich brenne ein wenig darauf mein neu erworbenes wissen selbst anzuwenden und das gelernte bei kommenden produktionen umzusetzen.
wie sehr haben sich die fertigen songs auf dem jetzigen album im vergleich zu den demos unterschieden, die noch in eigenregie entstanden sind?
da gibt es ganz unterschiedliche entwicklungen. einige der demos sind bis auf kleine klangliche veränderungen bei den aufnahmen gleich geblieben und wurden letztendlich nur etwas professioneller aufgenommen. andere songs haben sich jedoch stark verändert und sind nur in ansätzen so erhalten geblieben wie sie ursprünglich einmal niedergeschrieben wurden. in jedem fall haben sich diese dann aber auch zum besseren gewandelt, wenn ich so darüber nachdenke. die songs haben in dieser form genau die momente und gefühle festgehalten, die mir zu diesem zeitpunkt auf dem herzen lagen. von daher bereue ich keine der entscheidungen, die ich getroffen habe, obwohl ich selten vollkommen zufrieden bin, was meine arbeit angeht. für mich ist ein album immer wie ein sprungbrett zum nächsten und die jeweiligen aufnahmen reflektieren bestimmte phasen meines schaffens, die nicht endgültig sind.






















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