Tu FawningInterview mit Joe Haege
Wenn mehrere Multi-Instrumentalisten zusammenfinden, die gemeinsamen Ambitionen hohe Wellen schlagen und sich beim fleissigen Arbeiten am Debüt statt drohenden Abgründen jede Menge Möglichkeiten auftun, dann muss die Rede von Tu Fawning sein. Das Quartett aus Portland mit den Kreativspitzen Joe Haege (31Knots) und Corrina Repp schickt sich gleich im neuen Jahr an den Musikliebhabern mit "Hearts On Hold" ordentlich frischen Wind um die Nase zu wehen. Warum sie dabei textlich gerne in die fiktionale Trickkiste greifen und musikalisch sowohl das Herz als auch den Verstand sprechen lassen, erklärt uns ein geistreicher Joe Haege.
"Hearts On Hold" ist ein sehr wohlklingender, wenn auch nachdenklicher Albumtitel. Was hat es damit auf sich und wie viel Wert legt ihr im Allgemeinen auf die Namensgebung eurer Songs und Alben?
Jedes Mal, wenn ich ein Album aufnehme, sei es mit 31Knots oder mit Tu Fawning, nehme ich mir vor mir nicht allzu viele Gedanken um die Albumtitel zu machen. Ich wünschte, ich könnte diese ganze Angelegenheit völlig aussen vor lassen, aber spätestens, wenn die Aufnahmen sich dem Ende nähern, will ich unbedingt einen guten Namen für das Album finden (lacht). Ein Album ist für mich ähnlich wie ein Buch. Ich liebe Buchtitel! Während der ganzen Aufnahmen für "Hearts On Hold" habe ich mir insgeheim Gedanken über den Albumtitel gemacht.
Ich glaube, es geht jedem so, der eine Platte aufnimmt. Letztendlich habe ich mich bei der Namensgebung von denen in den Songs transportierten Gefühlen inspirieren lassen. Es gibt viele unerfüllte Emotionen, die dabei eine Rolle spielen, die sich wie eine Mauer aufbauen und das Herz dadurch beschützen, daher erschien mir "Hearts On Hold" sehr passend. Es geht dabei jedoch nicht nur um Liebe, sondern um viel mehr, wie zum Beispiel Erfahrungen und das Leben im Allgemeinen.
Der Titel weckt auch die Assoziation Gefühle oder Herzensangelegenheiten aus Selbstschutz auf Eis legen zu wollen, um nicht verletzt zu werden.
Ja, dieser Gedanke spielt definitiv ebenfalls eine Rolle. Für uns als Band hat der Titel jedoch auch eine sehr wortwörtliche Bedeutung. Keiner der Songs auf der Platte hat einen persönlichen Hintergrund, d.h. es geht in den jeweiligen Songs nicht explizit um Corrinas oder mein Leben. Wir haben uns lediglich bemüht Geschichten zu schreiben und unsere eigenen Herzen "anzuhalten". Des Weiteren gibt es aber innerhalb der Geschichten oftmals Charaktere, die nicht fähig sind die Dinge um sich herum zu lieben und so sind Erzählungen über Menschen entstanden, die sehr umsichtig sind, was das Thema Liebe angeht. Es gibt also verschiedene Ansätze, was den Albumtitel betrifft. Viele Musiker kommen gar nicht umhin ihren Songs auch ein Stück ihrer eigenen Persönlichkeit anzuhaften.
Wie habt ihr euch bei der Arbeit am Album denn davon freigemacht, wenn du sagst, die Geschichten in den Songs betreffen euch nicht persönlich? Ist demnach alles auf "Hearts On Hold" erfunden?
Ja, das ist es gewissermaßen. Corrina und ich schreiben beide die Songtexte und wir sind mittlerweile an einen Punkt gekommen, an dem wir es leid sind, wenn zum Beispiel Singer/Songwriter ständig über ihr eigenes Leben singen und es in ihren Songs auseinander nehmen. Es war daher eine ziemliche Herausforderung einen völlig neuen Ansatz zu wählen und Geschichten zu erfinden, bei denen man selbst in verschiedene Charaktere schlüpfen kann. Das alles war eine sehr befreiende Erfahrung für uns. Man kann auch in dieser erfundenen Welt persönliche Dinge mit in die Geschichten einfließen lassen, aber es verhält sich ungefähr so wie mit einem Roman, bei dem der Autor einfach den Charakteren und ihren Taten freien Lauf lässt.
Deinen Schilderungen zur Folge scheint ihr euch mit der Konzipierung des Albums sehr nahe am Schreiben von Büchern bewegt zu haben. War das von vornherein so beabsichtigt?
Ja, das war es wirklich. Für dieses Album war das genau die Art von Vorgehensweise, die wir unbedingt in Angriff nehmen wollten. Es war ein sehr aufregender und spannender Prozess und es hat sich einfach richtig für uns angefühlt. Was 31Knots angeht, verhält es sich ähnlich, denn auch dort scheine ich mich immer mehr in diese Richtung zu bewegen, was das Songwriting angeht. Dennoch sind die Texte, die ich dafür schreibe noch viel mehr in meiner Persönlichkeit verankert. Corrina und ich wollten dagegen ähnlich wie all die Duos aus den Sechzigern agieren, deren Songs wirkliche Geschichten waren. Damals hat man sich einfach hingesetzt, eine Geschichte verfasst und diese konnten dann wiederum andere Künstler mit ihren eigenen Interpretationen aufgreifen. Wir mochten diese Vorstellung sehr und haben versucht auf ähnliche Weise zu arbeiten. Dieses Bild vor Augen erschien uns viel inspirierender als unsere persönlichen Lebensgeschichten in Songs umzuwandeln. Ich bin mir nicht so ganz sicher, was das über uns aussagt! (lacht)
Glaubst du, dass Menschen sich eher von Songs angezogen fühlen, in denen persönliche Geschichten erzählt werden, vielleicht gerade weil es einfacher erscheint ab und zu eine thematische Verbindung zum eigenen Leben herzustellen?
Damals war das auf jeden Fall so. Heutzutage bin ich mir da nicht so sicher, was das angeht. Bis zu den Achtzigern hin war es sehr üblich sich beim Songwriting dem Erzählen von Geschichten zu widmen. Vieles, was danach folgte, schlug eine völlig andere Richtung ein. Musiker begannen verstärkt ihre eigenen Gefühle in den Vordergrund zu rücken und sich ausgiebig mit diesen auseinander zu setzen. Ich glaube schon, dass es viele Menschen gibt, die viel schneller einen Bezug zu einem Song finden und sich mit dessen Inhalt identifizieren können, wenn er von solch persönlichen Wörtern wie "ich", "mein" usw. durchdrungen ist. Ich ganz persönlich höre solche Songs nicht mehr besonders gerne, in denen ein bestimmtes Subjekt die Hauptrolle spielt.
Es gibt einfach viel zu viele andere wichtige Dinge auf der Welt, die man mit Worten umschreiben kann und die es Wert sind aufgegriffen und ausgesprochen zu werden. Es ist genau so, als ob man einen Popsong mit vier Akkorden schreibt. Jemand hat es getan, dann noch jemand und noch jemand und schon bestehen Popsongs nur noch daraus. Auf lyrischer Ebene sieht das oftmals nicht anders aus. Daher bewundere ich Menschen, die sich nicht diesem Schema beugen und sich an ihre eigenen Grenzen wagen, um andersartige Gedanken auf das Papier zu bringen und weniger konventionell arbeiten.
Heutzutage ist es kommerziell jedoch weitaus tragbarer, wenn man sich künstlerisch nicht zu weit aus dem Fenster lehnt, sondern brav im Strom mit schwimmt. Es ist nunmal einfacher Musik zu verkaufen, bei der vielfach auf Emotionen gesetzt wird, gerade weil sich immer weniger Menschen die Zeit nehmen auf die wahren Inhalte von Songs zu achten.
Das ist absolut richtig. Damals gab es diese Maschinerie in der Musikindustrie zwar auch schon, aber sie hat über die Jahrzehnte immer mehr die Oberhand gewonnen. Heute wird oftmals nur noch ein Programm abgespult, bei dem sich häufig aus einem einfach gestrickten Register bedient wird. Liebe, Trauer und solche grundlegenden Emotionen werden dabei schnell aus der Schublade gegriffen und im Einheitsverfahren verarbeitet. Gute Geschichten fallen dabei meistens gänzlich unter den Tisch. Alles wird nur sehr oberflächlich behandelt. Natürlich gibt es ab und an Songs, die einen trotzdem ansprechen, aber das ist selten der Fall. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die sich jedoch nach etwas mehr Tiefgang sehnen und mehr von einem Song wollen. Wenn einem alles deutlich und direkt vor die Nase gesetzt wird, dann wird das schnell langweilig. Es ist doch viel erfüllender, wenn man sich wirklich mit einem Song und dessen Inhalt auseinandersetzen und seinen ganz individuellen Zugang finden kann. Das kann unter Umständen länger dauern und schwierig sein, aber am Ende lohnt es sich dafür umso mehr.
Mit Verlaub darf wohl gesagt werden, dass sich eure Songs auch nicht unbedingt sofort vollständig erschließen, da ihre Struktur viel zu komplex ist. Es ist schon ratsam sich wirklich auf die Vielschichtigkeit der Musik einzulassen und nebenbei nicht gefühlte hundert andere Dinge zu machen.
Danke, das ist genau die Art von Songwriting, die Corrina und ich beabsichtigt haben. Leider bleibt es wohl ein reines Wunschdenken von uns, dass unsere Musik im größeren Rahmen wirklich so gehört wird. Vielleicht nehmen sich Fans die nötige Zeit, aber gerade die amerikanischen Journalisten neigen oftmals dazu Musik wie unsere schnell abzutun, weil man dazu nicht so schön abwaschen kann! (lacht) Wir sind nunmal Musiker geworden, denen etwas daran liegt Songs zu schreiben, die etwas mehr Aufmerksamkeit als der Durchschnitt benötigen. Es kann einen schon manchmal traurig stimmen, dass man womöglich vergebens versucht einige Menschen da draussen mit dem Resultat zu erreichen, weil sie sich vor solcher Musik verschließen, aber andererseits können wir nur so uns selbst treu bleiben und nichts daran ändern.
Von wem lasst ihr euch in der Anfangsphase des Songwritings mehr leiten, dem Bauchgefühl oder den Dingen, die sich im Kopf abspielen?
Wir versuchen als Band gerade in der Anfangsphase allein auf unser Bauchgefühl zu hören und schreiben rein intuitiv. Im ersten Prozess der Entstehung der Musik sind emotionale Aspekte deutlich in der Überzahl. Erst nachdem die grundlegenden Ideen geschaffen sind, schalten wir unsere Köpfe ein und formen sie nach unseren Vorstellungen. Davor macht es keinen Sinn sich Gedanken um bestimmte Einzelheiten zu machen. Mit 31Knots habe ich im Anfangsstadium oft zu früh den Kopf benutzt anstatt mich von meinen Emotionen leiten zu lassen. Jetzt ist mir das jedoch sehr zuwider. Es muss zuerst eine emotionale Verbindung zwischen dir und dem Song da sein bevor du mit dem Nachdenken anfängst. Gute Popsongs sind genau so gestrickt. Ich liebe diese Art von Popmusik, schöne Melodien und gute Hooklines und diese entstehen nun einmal zunächst aus einem Gefühl heraus.
Habt ihr in Tu Fawning schon von vornherein nach diesem Prinzip gearbeitet oder was hat bei dir zu diesem Umdenken in arbeitstechnischer Hinsicht geführt?
Also wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir allein wohl kaum diese Maßstäbe gesetzt und einfach nur drauflos geschrieben. Corrina als Singer/Songwritern wollte Musik machen, die verschachtelter und durch mehrere verschiedene Schichten gekennzeichnet war. Wir kamen beide aus so unterschiedlichen Ecken, dass wir uns unmittelbar darüber im Klaren werden mussten, wie wir es anpacken sollten. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar dafür, dass wir von Anfang an ein Ziel vor Augen hatten, was unsere Arbeitsweise angeht. Ohne all das wären wir vermutlich ewig im Ozean herum geschwommen und hätten Land gesucht. So hatten wir ziemlich schnell eine ausgeglichene Ausgangsposition, von der wir ablegen konnten. Ausserdem kommen wir gemeinsam immer sehr schnell an den Punkt, an dem wir uns über gewisse Dinge einig sind. Diese Eigenschaft verbindet uns alle in der Band, da wir ähnliche Einflüsse haben und uns gut miteinander arrangieren können, was vieles einfach macht. Kurz nachdem wir unsere ersten Demos aufgenommen und die ersten Shows gespielt haben, wurde uns bewusst, dass wir auf dem richtigen Weg waren.
Eure musikalischen Ambitionen haben dazu geführt, dass Tu Fawning unweigerlich von einem Duo zu einem Quartett angewachsen ist. Bei so vielen Multi-Instrumentalisten in einer Band, wie tastet ihr euch in dieser Situation an das Schreiben von Songs und deren Umsetzung heran, wenn jeder von euch so vielseitig einsetzbar ist?
Momentan gibt es ungefähr drei bis vier verschiedene Arten wie wir miteinander Songs schreiben. Alles hat aber damit angefangen, dass Corrina und ich jeweils Melodien geschrieben haben, die dann später von Liza und Toussaint ergänzt wurden. Als wir dann wirklich als Quartett zusammen gearbeitet haben, sind viele kleine Songteile in einem Ganzen entstanden, bei dem alle mitgewirkt haben, wie zum Beispiel bei "Sad Story". Es gibt aber auch Momente, in denen ich ganz alleine Songs schreibe, die ich dann erst einmal mit dem Computer aufnehme, weil gerade niemand da ist. Am Anfang habe ich das Projekt eher als Produzent gesehen, bei dem ich Melodien und Beats am Computer geschaffen habe und Corrina den Gesang hinzugefügt hat. Ich mag diesen Hip Hop Ansatz bei dem eine einzelne Person für die ganze Musik verantwortlich ist und der Gesang diesem entgegengesetzt wird.
Aber für Tu Fawning war dieser Ansatz nicht tragbar?
Ich dachte zunächst, dass man etwas ähnliches auch mit einem anderen Musikgenre realisieren könnte, aber ich habe mich schnell von diesem Gedanken verabschiedet, weil wir mit Tu Fawning auch als Live Band unterwegs sein wollten. Wir mögen Gitarren viel zu sehr und es macht auch viel zu viel Spaß Schlagzeug zu spielen, also was soll's...packen wir doch wieder alles in einen Song (lacht)! Das nächste Album könnte wirklich interessant werden, wenn die Band geschlossen als Einheit in einem Raum zusammen an allen Songs arbeitet. Bei "Hearts On Hold" gab es noch so viele verschiedene Perspektiven aus denen heraus Songs entstanden sind.
Angesichts der vielen Ideen auf eurem Debüt darf man also schon annehmen, dass der Nachfolger in euren Köpfen umher spukt?
Ja, ein wenig. Es gibt aber durchaus Phasen, in denen mir auch mal die Ideen ausgehen (lacht). Corrina ist da wiederum ganz anders. Sie nimmt sich immer sehr viel Zeit, um an einem Song zu arbeiten und lässt die Form gerne offen, so dass man hinterher immer noch Veränderungen vornehmen kann. Bei mir ist es so, dass ich das Musik machen brauche, um mich geistig gesund zu fühlen. Je kreativer ich bin, umso zurechnungsfähiger fühle ich mich dann auch (lacht). Wenn ich also Ideen in meiner Hosentasche mit mir herumtrage, dann fühle ich mich immer ganz wohl und rede mir ein, dass alles gut ist (lacht)! Es gibt noch Demos, die wir weiter ausbauen könnten, aber es ist alles noch sehr wage, was die Richtung angeht. Am liebsten würde ich sofort nach Hause fahren und mit weiteren Aufnahmen beginnen. Das Gute an Tu Fawning ist, dass wir ein relativ großes Spielfeld haben, auf dem wir uns bewegen und von dem wir uns inspirieren lassen können, was jedoch auch die Gefahr in sich birgt, dass wir unter Umständen zu viele Ideen in einen Topf werfen. Ich denke auf unserem Debüt haben wir aber eine gute Balance hinbekommen.
Ist diese Balance auch dadurch begründet, dass jedem Bandmitglied eine bestimmte Rolle zukommt, die die Band letztendlich als Einheit so gut funktionieren lässt?
Das kann man so sagen. Wir haben während der Entstehung der Songs bezüglich der Ideen kaum miteinander diskutiert, was auch daran lag, dass es von Anfang an so etwas wie klar definierte Arbeitsbereiche gab. Als Gründungsmitglieder hatten Corrina und ich anfangs etwas mehr kreativen Einfluss. Jetzt hat sich das Blatt aber etwas gewendet und wir bringen uns alle vier beim Songwriting ein und sind nahezu gleichberechtigt. Es ist jedoch immer noch so, dass Corrina und ich die grundlegenden Melodien und die Texte schreiben, d.h. wir beide sind automatisch etwas mehr miteinander in Diskussionen verwickelt. Es wäre wahrscheinlich sehr schwer eine demokratische Einigung zu erzielen, wenn vier Leute in der Band überall mitmischen würden. Das würde vielleicht noch zu richtigen Auseinandersetzungen führen (lacht).
Die Band besteht nun schon seit ein paar Jahren. Gibt es trotzdem noch Überraschungsmomente, wenn ihr zusammen Musik macht oder wisst ihr mittlerweile genau wie der jeweils andere tickt und versteht euch blind?
Ich glaube, wir fangen erst jetzt so richtig an zu verstehen, was alles mit uns als Band geschieht und was jeder von uns musikalisch beitragen kann. Das liegt unter anderem daran, dass wir so viel zwischen den einzelnen Instrumenten umher springen und nicht auf ein Instrument versteift sind. Dadurch entstehen immer wieder völlig neue Möglichkeiten miteinander zu musizieren, was sehr angenehm ist. Gleichermaßen gibt es dadurch auch diesen großen unbekannten Teil um uns herum, der uns völlig fremd ist und den wir uns ständig Stück für Stück erschließen. Das macht die Zusammenarbeit ungemein spannend, aber es kann einem manchmal auch Angst einflößen, weil man nie so genau weiß, wo das alles hinführt und wie wir am Ende einen einheitlichen Kontext schaffen können. Dennoch haben wir mit der Zeit ein unterschwelliges Gefühl dafür bekommen, wie wir gut miteinander harmonieren können.
Ist es deiner Meinung nach eher von Vorteil, dass es in kreativer Hinsicht in Tu Fawning keine allzu großen Konstanten gibt und ihr ständig von Veränderungen umgeben seid, auf die ihr euch einstellen müsst?
Dem kann ich voll und ganz zustimmen. Ich sehe es als sehr hilfreich an, dass wir genau so funktionieren. Es macht unheimlichen Spaß, wenn man auf keiner Position festgewachsen ist und man die Möglichkeit hat ununterbrochen neue Ideen zu verfolgen und dann auch noch mit verschiedenen Instrumenten zu hantieren. Ich weiß nicht, ob das live für den Tontechniker ebenso spaßig sein wird. Der wird vermutlich wahnsinnig werden, weil wir uns ständig bewegen und untereinander die Instrumente tauschen (lacht)! Am Anfang war es auch für uns etwas eigenartig ständig zwischen all den Instrumenten umher zu rennen, weil man plötzlich auf einer ganz anderen Position auf der Bühne ist und sich selbst und sein Spiel anders wahrnimmt. Sobald man sich dann aber daran gewöhnt hat, fängt es an Spaß zu machen. Es ist fast so etwas wie eine Art Tanz, bei dem man manchmal bei seinem Instrument stehen bleibt oder sich in Bewegung setzt.
Haben sich alle eure Ideen bisher immer reibungslos nach diesem Prinzip auf der Bühne umsetzen lassen oder seid ihr auch schon einmal an eure Grenzen gestoßen?
Oh doch, das ist schon mehrmals vorgekommen (lacht). Meistens meldet sich dann irgendwann mein logischer Verstand bei mir und muss einschreiten. Es gibt Ideen, die vielleicht im Studio funktionieren, aber live ist das noch einmal etwas ganz anderes. Dann stehe ich mit erhobenen Finger vor den anderen und sage "Das können wir live unmöglich umsetzen!". Es passiert also schon ab und zu, dass uns unsere eigenen Ideen einen Strich durch die Rechnung machen und wir nicht wild alles in einen einzelnen Song werfen können, so verlockend das manchmal auch sein kann. Das kommt davon, wenn man zu zielstrebig ist und unbedingt doch noch einen Bass und eventuell eine zusätzliche Gitarre unterbringen möchte. Irgendwann muss Schluss sein, weil es ansonsten logistisch und motorisch unmöglich wird das alles zu realisieren. Ich würde stattdessen lieber bei dem bleiben, was wir momentan haben und dort ein wenig tiefer graben. Die nächsten Touren werden sicherlich nur von uns vier bestritten werden, aber ich schließe ein größeres Line-Up in der Zukunft keinesfalls aus. Es würde bestimmt eine Menge Spaß machen noch mehr Leute ins Boot zu holen.
Hat der finanzielle Aspekt bei diversen Versuchen die Songs live umzusetzen und eventuell aufwendiger zu gestalten auch eine Rolle gespielt oder waren eure Motive für das bestehende live Line-Up als Quartett stets logistischer Natur?
Der finanzielle Aspekt hat natürlich ebenfalls zum Umdenken bei bestimmten Entscheidungen geführt. Am Ende muss man sich doch irgendwann Gedanken darum mache, ob es finanziell überhaupt möglich wäre die Songs ohne akustische Verluste live auf die Bühne zu bringen und oftmals ist es bei Bands im Allgemeinen dann der Fall, dass gute kreative Einfälle letztendlich den Finanzen zum Opfer fallen. Wenn keine ausreichenden Mittel vorhanden sind, dann plant man automatisch anders, simplifiziert seine Vorstellungen und wägt mehr ab. Erfolg auf künstlerischer Ebene würde für mich bedeuten diese Kompromisse nicht eingehen zu müssen und mich stattdessen allein von meinen Vorstellungen leiten zu lassen, ohne mir Sorgen um die anschließende Umsetzung zu machen. Wenn man auf diesem Level erfolgreich wäre, ließen sich so einige Dinge einfacher gestalten. Wir brauchen auf der nächsten Tour ein paar zusätzliche Bläser? Schafft sie herbei! So ähnlich stelle ich mir das vor...Jetzt heisst es also Daumen drücken und hoffen (lacht).
Bis dahin wird aber erst einmal weiterhin der Computer fleissig eingesetzt, nehme ich an. Bis zu welchem Grad zieht ihr dieses Hilfsmittel heran, um den gewünschten Sound zu erschaffen?
Ja, der Computer wird uns noch erhalten bleiben. Viele Ideen entstehen auf diese Weise und wir setzen auch gerne Samples ein. Als wir noch zu zweit unterwegs waren, war der Computer sehr hilfreich für uns, aber wir sind teilweise auch an unsere Grenzen gestoßen und wollten irgendwann zusätzliche Musiker. Es war geradezu ein richtiger Lernprozess diesen für unsere Zwecke optimal zu nutzen. Obwohl ich viel dabei gelernt habe, würde ich es nicht noch einmal auf diese Weise machen wollen. Zumindest nicht für diese Art von Musik. Unter anderen Umständen vielleicht, wenn man mit zwei Gitarren experimentiert oder nur mit Piano und Schlagzeug. Es war eine ziemliche Herausforderung seinen eigenen Ansprüchen in dieser Form gerecht zu werden. Wir haben in den Anfangstagen eine kleine Tour zusammen gemacht und es war zugegebenermaßen sehr schwierig die eigene Vorstellung vom Sound unter diesen Voraussetzungen und nur mit zwei Mitgliedern genau so auf der Bühne umzusetzen. Der Soundcheck war jedes Mal unglaublich kompliziert.
Du warst also schnell von dieser Vorgehensweise geheilt?
Oh ja. Ich glaube viele Künstler und Bands laufen erst bei der Live-Umsetzung ihrer Musik gegen eine Wand, weil heutzutage doch jeder alles alleine im Studio machen kann. Nur auf der Bühne wird dann schnell klar, dass es nicht so einfach funktioniert, wenn man das in den vier Studiowänden technisch Produzierte mit Musikern reproduzieren möchte. Ich habe nichts dagegen, wenn live Samples verwendet werden oder einige Dinge aus dem Off durch die Lautsprecher dringen, aber zusätzlich dazu müssen auch die Akteure auf der Bühne einiges zum Sound beitragen. Einspieler aus dem Computer können den Klang vielleicht ergänzen, aber sollten diesen meiner Meinung nach nicht bestimmen und maßgeblich prägen. Mit 31Knots habe ich noch ein wenig anders gedacht, aber mit Tu Fawning würde mir das überhaupt nicht einfallen. Einfach nur auf "Play" zu drücken und darüber zu singen, kann doch nicht alles sein. Wenn man schon auf solche Hilfsmittel zurück greift, dann bitte nur, wenn noch etwas mehr auf der Bühne passiert, was das rechtfertigt.
Woher kommt die fast durchgängig etwas schwermütige Stimmung der Songs auf dem Album?
Wahrscheinlich rührt sie daher, dass wir aus Portland kommen und da im Allgemeinen nicht so heiterer Sonnenschein herrscht. Ausserdem lieben Corrina und ich beide die Wüste, die mitunter auch ein etwas bedrückendes Gefühl bei einem hinterlassen kann. Wir haben in gewisser Weise versucht Landschaftsbilder mit unserer Musik einzufangen und diese beiden Orte hatten mit Sicherheit einen großen Einfluss auf den Klang des Albums. Ich glaube, wir beide brauchten zu diesem Zeitpunkt die Erfahrung ein etwas makaberes Werk zu schaffen. Für mich ist die Platte so etwas wie ein "Film Noir", der einfach so aus uns heraus gesprudelt ist. Ich denke nicht, dass die folgenden Alben ähnlich klingen werden. Es musste nur einfach mit diesem so passieren. Wir wollten eine etwas bedrückte Stimmung einfangen, die aber keineswegs ausschließlich von purer Traurigkeit geprägt sein sollte und ich glaube das haben wir geschafft. Es ist wirklich kein trauriges Album geworden, eher etwas Geheimnisvolles, ohne dabei auf Schrecken und zu viel Dunkelheit zu setzen.
Lasst ihr euch beim Schreiben der Songs generell von visuellen Eindrücken, wie zum Beispiel denen aus eurer Umgebung beeinflussen?
Ja, das tun wir ununterbrochen. Corrina und ich sind beide sehr visuell veranlagte Menschen, d.h. wir kreieren oft eine Melodie um etwas herum, was uns entweder vor unserem realen oder geistigen Auge erscheint. So entstehen sehr viele unserer Songs und das ist auch gut so, denn es hebt sich sehr von dem ab, was wir vorher mit unseren anderen Projekten gemacht haben. Wenn wir mit unseren Songtexten Geschichten erzählen, wollen wir diesen auch auf musikalischer Ebene eine visuelle Komponente hinzufügen, so dass beim Hörer im besten Fall ein kleiner Film abläuft, wenn er den Song hört. Die Umgebung von Portland hat uns dabei sehr inspiriert, denn das Wetter ist dort unglaublich eintönig und grau. Der Kalender zeigt auf Frühling oder Sommer und trotzdem regnet es und alles erscheint irgendwie düster. Das kann einen manchmal echt fertig machen (lacht)! Also wie soll es anders sein, wir haben düster angehauchte Musik geschrieben. Trotzdem liebe ich es an so einem verregneten Tag mit einer Tasse Kaffee da zu sitzen und Piano zu spielen. Das wird für immer eine meiner absoluten Lieblingsbeschäftigungen sein.
Ein Kommentar
Kommentar abgeben
Kommentare müssen nach dem Absenden per E-Mail bestätigt und aktiviert werden. Achtet daher bitte auf die korrekte E-Mail-Adresse. Kommentare die in der Vergangenheit schon einmal aktiviert wurden, werden sofort veröffentlicht.






















Bernd am 10.03.2011 um 23:23 UHR
Vielen Dank für das schöne und informative Interview. Wäre ich nicht sowieso schon neugierig auf die Band, wäre ich es spätestens jetzt.