Zazie von einem anderen SternInterview mit maike zazie matern

von Karina Henschel · 04.12.2010

Hallo Zazie, danke für deine Zeit schon mal! Wir wollen gerne etwas über dich und deine Musik erfahren, da ja vor kurzem dein Debut-Album veröffentlicht wurde.

Wie entsteht ein Song bei dir?
Manchmal ist zuerst die Melodie da, plötzlich, und will festgehalten werden, weil sie so schön ist. Wie ein Bild, das man fotografieren muss. Die Melodie entsteht unterbewusst und ich versuche zu erfahren, was sie mir erzählen will. Dann fange ich an, sie aufzuschreiben und weiter auszuführen.

Oftmals ist es auch ein konkreter Gedanke, ein Thema, das mich beschäftigt. Eine Geschichte, die ich erzählen will. Und ich frage mich, wie lässt sich das sozusagen in Klang übersetzen. Klang ist für mich eine Sprache, das fertige Musikstück Text, geschrieben wie ein Roman.
Gleichzeitig habe ich auch oft den Eindruck ein Maler zu sein, dessen Farben Töne sind. Das fertige Musikstück wird zu einem Gemälde voller Bewegung, voller kleiner Details und Augenblicke.

Wann ist dir der Gedanke gekommen, ein Album zu produzieren?
Im Sommer 2008 wollte ich gerade beginnen, einige Stücke zu überarbeiten, und mich dann auf die Suche nach einem geeigneten Label zu machen. Drifting Falling kam mir zuvor und fragte, ob ich Interesse hätte, eine EP mit Ihnen zu produzieren. Daraus ist schließlich ein ganzes Album geworden.

Gab es einen Moment des Entschlusses oder würdest du eher sagen, dass es eine stete Entwicklung bis zum fertigen Album war?
Die Stücke auf regen:tropfen sind schon sehr präzise konzipiert und arrangiert, um damit etwas Fortlaufendes erzählen zu können. Nicht zufällig sind Schritte, die ein Treppenhaus ersteigen, bis die Person schließlich eine Tür erreicht, das Erste, was man auf dem Album hört: Regen:tropfen ist eine Reise in die Welt des Klangs. Die Erzählung beinhaltet eine Chronologie.
Daher gab es schon eine Art To-do-Liste, an der ich mich entlang gehangelt habe.

Wo hast du deine Tracks aufgenommen? Wie war die Aufnahmesituation?
Den Großteil habe ich in meiner Wohnung aufgenommen: Gesang, Samples aus Flaschen oder Topfdeckeln und Instrumente wie Cello oder Glockenspiel. Das Equipment war hier minimal, bestehend aus einem Mikrophon, Computer und Interface. Genauso bei Außenaufnahmen in Berlin oder am Mälaren in Stockholm.
Das Klavier wurde hingegen an zwei Tagen zu Hause bei Nils Frahm in dessen Durtonstudio aufgenommen.

Woher kommen deine Ideen oder Anreize?
Das ist ganz unterschiedlich, aber die meisten Dinge erlebe ich selbst und finde sie schön oder denke über sie nach. Zum Beispiel der Spatzenschwarm, den man auf Morgen hören kann, lebt in unserem Hof. Soweit ich mich erinnere, trug die Faszination daran ursprünglich dazu bei, mit einem Stück über den Morgen zu beginnen. Irgendwann wurde ich frühmorgens vom Gesang der Vögel wach und stand kurz auf, um die Mikrophone am Fenster zu installieren, die Aufnahme zu starten und zurück ins Bett zu kriechen und weiterzuschlafen.
Auch die Intimität der Aufnahmen im Durtonstudio, das Geräusch der Klaviertasten, das Knarren des Stuhls und des Dielenbodens, Nils, der in der Küche mit Kaffeetassen klapperte und dessen Schritte ganz leise auf morgen zu hören sind, trugen wohl sehr zur Stimmung bei.

Woher kommst du eigentlich und wie ist dein musikalischer Werdegang verlaufen?
Ich bin in einer Vierzigtausendeinwohnerkleinstadt in der Nähe von Mannheim und Heidelberg aufgewachsen, zu der es jedoch nicht viel zu sagen gibt und zu der ich heute auch kaum noch heimatliche Gefühle verspüre. Mein Vater besaß hingegen immer eine Reihe verschiedener Instrumente, die daheim herumlagen und schon früh mein Interesse weckten. Nicht zu vergessen ein Flügel im Wohnzimmer. Andere befreundete Musiker waren häufig zu Besuch und die Wochenenden verbrachten wir auf Jazzkonzerten.
Ersten Musikunterricht hatte ich selbst mit vier oder fünf, Klavier habe ich mit neun und mit sechzehn Jahren noch Cello zu spielen begonnen.

Berlin, dein Wohnort, ist nicht gerade für Künstlermangel bekannt. Würdest du sagen, es ist eher schwerer, hier Fuß zu fassen als andernorts oder leichter, weil das Interesse größer ist?
Für mich war Berlin eine unglaubliche Inspirationsquelle, die in der Kleinstadt, in der ich groß geworden bin, völlig fehlte. Die Außenwelt kann außerdem zeigen, was aus einem selbst heraus alles möglich ist, wenn man selbst noch zu unsicher ist. Der Weg, den ich eingeschlagen habe, wurde mir erst geöffnet durch die Menschen und Dinge, denen ich hier begegnet bin, auch wenn davor schon alles in mir schlummerte.

Wie sind deine Erfahrungen mit Auftritten und Konzerten?
Mein erstes Konzert fand gerade vor zwei Wochen anlässlich der Veröffentlichung statt. Ich hab lange damit gewartet, doch nun schien es an der Zeit zu sein, der Moment fühlte sich richtig an. Und natürlich war ich erstmal aufgeregt und dachte, als ich die Leute sah, die kenn ich ja alle gar nicht, was wollen die denn hier? Jetzt steht gerade mein zweites Konzert an und das fühlt sich im Augenblick fast schon ein wenig wie Routine an. Zumindest keine Spur mehr von der großen Angst: Ich darf ja keine Fehler machen.

Ein essenzielles Element ist die intime Stimmung auf deiner Platte. Hast du bewusst versucht, eine solche Stimmung zu schaffen?
Intimität hängt direkt mit dem Gedanken zusammen, der das ganze Album trägt, nämlich die Welt akustisch-sinnlich zu erfassen. Es ist ja meine eigene Wahrnehmung, meine eigene akustische Sicht der Dinge, die ich an den Hörer weitergebe. Die minimale Ausstattung daheim ebenso wie die wunderbare Aufnahmesituation in Nils’ Studio tragen diese Stimmung bewusst.

Wolltest, bzw. willst du etwas Bestimmtes mit deinem Album transportieren, zum Beispiel eine Idee, ein Gefühl, eine Einstellung?
Da fallen mir mehrere Sachen ein, die Hörer mitnehmen könnten. Bewusste Wahrnehmung. Sinnlichkeit. Das Leben spüren & leben. Sich fallenlassen. Mut zum Kindsein. & vor allem mehr Zuzuhören: Der Welt, sich selbst und den Anderen. Einen sensiblen Umgang mit den Dingen und dir und den Menschen zumindest erwägen.

Hast du einen Lieblingssong auf deinem Album?
Davon habe ich sogar drei: morgen, raum ohne zeit & regentropfen.

Welche Künstler haben dich in deinem musikalischen Werdegang am meisten beeinflusst?
Keith Jarrett war der wichtigste Musiker, der mir sozusagen von meinen Eltern schon in der Kindheit mitgegeben wurde. Selbst Klavier spielen lernte ich mit Frédéric Chopin, Eric Satie und Robert Schumann. Und mit zwölf Jahren bin ich auf Tori Amos’ Boys for Pele gestoßen und war damals völlig fasziniert von ihrem Spiel. (Und fand sie wohl schon alleine großartig, weil meine Mutter völlig entsetzt von der Laszivität der Pianistin und ihrem Gesang war.) Das Klavier in der Popmusik war mir zu diesem Zeitpunkt noch völlig fremd. Später kamen dann elektronische Einflüsse hinzu, vor allem von Isländern wie Múm oder Björk, sowie Neoklassiker wie Yann Tiersen oder Arvo Pärt.

Und welche Menschen in deinem Umfeld?
Mein Vater spielt selbst mehrere Instrumente. An sich war Musik in meiner Familie und deren Freundeskreis immer ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Das wurde mir mitgegeben. Ohne Musik kann ich nicht sein. Ich würde auf eine Weise verdorren wie ein Baum ohne Regen. In Berlin habe ich dann Matthias Grübel kennen gelernt, der damals sein Debüt als Phon°noir gab und mich ermutigte, alte Kompositionen hervorzukramen und fortzuführen. Auch die Begegnung mit Nils, Peter Broderick und deren Musik hat dazu beigetragen, meinem neoklassischen Interesse stärker nachzugehen.

Wer hat dir beim Aufnehmen geholfen?
Als ich Ende 2008 Nils kennen lernte, stand die Produktion des Albums gerade an ihrem Anfang. Nils war sehr hilfsbereit und bot mir an, das Klavier bei ihm aufzunehmen. Matthias hat mir zudem alle möglichen technischen Fragen beantwortet, von denen ich anfangs noch keine Ahnung hatte und in die ich mich erst während der Produktion hinein gearbeitet habe. Mit ihm habe ich schließlich auch, als alle Stücke standen, das Album noch einmal in seinem Studio durchgehört und besprochen. Den Stücken ihren letzten Schliff verpasst.

Wie hast du die Reaktionen auf dein Album erlebt?
Als ich gleich in der zweiten Review vom Webzine Coke Machine Glow neben Peter Broderick als deren europäische Antwort auf neoklassische Musik gepriesen wurde, erfüllte das natürlich mit Stolz. Und vom englischen Versandhandel Norman Records zum Album der Woche gekürt zu werden, war eine wunderbare Überraschung.

Hast du vor diesem Album schon in anderen Bands oder Projekten mitgespielt?
Nein. Ich bin aber auch eher jemand, der viel für sich alleine vor sich hin arbeitet und puzzelt. Wobei ich in Zukunft auch mal noch gerne über diese Grenzen hinaus schreiten würde.

Die Taz zählt dich beispielsweise zu einer neuen Generation von Musikerinnen. Kannst du dich mit dieser Zuschreibung identifizieren? Findest du, es spielt eine Rolle für deine Musik, dass du eine Frau bist? Wie definierst du dich als Musikerin?
Zwar habe ich zu den anderen genannten Musikerinnen keine persönliche Beziehung - und ich definiere mich auch nicht als Songwriterin, vielmehr sozusagen als akustische Poetin - aber wenn Sonja Eismann schreibt, unser neuer musikalischer Weg führe in ein Innen, unsere Werte kreisten nun um Konstrukte wie Ehrlichkeit und Authentizität, dann trifft sie damit schon einen Punkt. Meine Musik ist ganz deutlich nach innen gerichtet, versucht vielmehr den Menschen und seine engsten Bindungen zu manifestieren anstatt sich an einem gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen. Der Radius ist dabei schon sehr eng, dafür fokussiert auf für mich und mein Leben essentielle Werte.

Der Wunsch nach mehr Anerkennung als Frau in unserer Gesellschaft stellt für mich keine Antriebskraft dar. Ich fühle mich nicht benachteiligt, wahrscheinlich, weil ich schon in einem weitgehend emanzipierten Elternhaus groß geworden bin. Es wundert mich höchstens, dass all die Musiker in meinem Umfeld, alle einflussreichen Personen, die ich hierzu genannt habe, Männer sind. Ich frage mich dann: Warum ist das so? Warum scheint die Musikerszene doch ein so männerdominiertes Feld zu sein? Oder ist das nur in meinem persönlichen Umfeld so? Eine Antwort darauf habe ich noch nicht wirklich.

Und wohl weil ich hier keine Einschränkung, keine Behinderung in meinem Dasein und Schaffen verspüre, hat diese Frage keine außerordentliche Bedeutung mehr für mich und damit auch nicht für meine Musik. So bekommt wohl nun die Sehnsucht nach mehr Innerlichkeit und Ruhe in einer sich stetig beschleunigenden Gesellschaft eine stärkere und essentiellere Kraft und gibt meiner Musik ihr zentrales Thema. Das scheint vielmehr der Punkt, wo sich etwas in mir entladen muss, der persönliche Grund, etwas zu schaffen, um etwas zu verarbeiten und einen Weg für mich zu finden.

Regen:tropfen wurde insbesondere in der Blogszene von vielen besprochen. Wie ist es, darüber zu lesen, was andere schreiben?
Das ist vor allem wunderschön zu beobachten, wen ich mit der Musik alles erreiche und bewege. Der erste Eindruck war zu der großen Freude hingegen auch etwas ungewohnt und fast befremdlich: Ich hatte das Gefühl in einer Besprechung durch den fremden Blickwinkel zu einer Kunstfigur gemacht zu werden, die der Realität vielleicht kaum entspricht. Mein Name ist plötzlich auch Produkt.

Wie gehst du mit Kritik um?
Konstruktive Kritik ist doch das A und O des Antriebs. Unheimlich wichtig für mich, Rückmeldungen zu bekommen. Wie kommt das an? Was kann man vielleicht anders machen? Wie kann ich mich weiter entwickeln? Weil der Außenstehende ja doch immer alles ganz anders wahrnimmt als ich selbst. Allerdings muss ich mich dann schon immer fragen, inwieweit das nun mit meinen eigenen Vorstellungen übereinstimmt. Es geht nicht ums Gefallen und ich will mich nicht verbiegen, weil mit der Musik ja doch bedeutende Teile von mir mitgegeben werden. Musik und Kunst allgemein ist immer auch Geschmackssache.

Du studierst ja auch, stehst kurz vor deiner Magisterprüfung. Wenn du die Möglichkeit hättest, würdest du den Stress von bevorstehenden Prüfungen und einer Albenproduktion erneut auf dich nehmen?
Tatsächlich funktioniert das nicht wirklich zusammen. Ein Kunstwerk zu schaffen erfordert schon alleine viel zu viel Kraft und Aufmerksamkeit. Für mich war da kein Platz für etwas zweites derartig Intensives. Da ich allerdings tatsächlich noch plane, weiter zu studieren, muss ich mich wohl in Etappen organisieren. Das zweite Album muss dann vielleicht noch davor kommen, wenn ich endlich meine Magisterprüfung absolviert habe.

Wie geht es jetzt weiter, was sind deine geplanten Projekte für die nähere Zukunft? Kooperationen, Konzerte oder eine neue Platte oder etwas ganz anderes?
Von allem ein bisschen. Zeitgleich mit dem Album ist nun auch mein Hörgedicht an open field auf Peter Brodericks Compilation numbers erschienen. Zudem möchte ich meine ersten Konzerte in Berlin spielen und für die Zeit danach danach kamen Anfragen für eine kleine Europatour, unter anderem von einer Agentur. Lust, dafür mein momentanes Piano-Solo-Liveset elektronisch zu erweitern ist ebenso da wie der Wunsch nach einem akustischen Bandprojekt. Die Zeit wird reif für gemeinsame Projekte.

Neue Klänge wachsen ebenso, langsam, doch stetig. Ich möchte nun eher ein weniger elektronisches Album, leiser und noch mehr auf das Klavier fokussiert. Ebenso habe ich mit neuen Stücken begonnen, bei denen Stimme und Text eine weit zentralere Rolle spielen als nun bei regen:tropfen, wo ja alles irgendwie parallel zueinander läuft, alles genutzt wird, was da ist.

Ich bin selbst gespannt…

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