The Gaslight AnthemInterview mit Benny Horowitz

von Maximilian Römer · 27.10.2010

No sleep until New Jersey: The Gaslight Anthem sind wieder auf Tour. Gestern Köln, heute Hamburg und morgen dann Malmö. Diese Band scheint nicht zu schlafen, denn die aktuelle Tour ist immerhin schon die Vierte zum im Juni erschienenen Album „American Slang“. Im Gepäck hat das Quartett neben Songs aller bisherigen Veröffentlichungen auch Hot Water Music Gitarrist Chuck Ragan und die britischen Newcomer Sharks. Vor dem Konzert nimmt sich Schlagzeuger Benny ein paar Minuten Zeit um Fragen zur aktuellen Tour, peinlichen Erlebnissen und zum ewigen New York / New Jersey Konflikt zu beantworten.


Zur Europatour von „American Slang“ gab es ja einen T-Shirt Contest und die Einnahmen dieser T-Shirt Verkäufe kommen dem Charity-Projekt „Skate Aid“ zu Gute. Ist es das erste Mal, dass ihr als Band so etwas macht?
Nein, wir machen solch eine Charity-Aktion nicht zum ersten Mal. Bei ein paar Konzerten in Amerika, insbesondere in New York und New Jersey habe ich bei „Food Banks“ mitgeholfen und versucht „Food Drives“ zu organisieren. Die Idee dahinter ist Lebensmittel für diejenigen zu Verfügung zu stellen, die es sich schlichtweg nicht leisten können. Das habe ich auch schon gemacht als ich noch jünger war und damals war das auch noch ziemlich populär. Da haben die Shows 6 Dollar Eintritt gekostet und es gab Ermäßigung wenn man eine Essenspende mitgebracht hat. Vor einigen Jahren war das ziemlich erfolgreich, da haben die Leute wirklich viel gespendet. Als ich das jetzt wieder versucht habe, habe ich gemerkt, dass diese Methode aber nicht mehr den Nerv der Zeit trifft. Die T-Shirt Aktion hingegen erreicht einfach mehr Leute. Jetzt als Band haben wir natürlich auch die Möglichkeit viel mehr Leute zu erreichen. Wir wollen natürlich das sich so viele Leute wie möglich an solchen Charity-Aktionen beteiligen und desto bekannter wir werden desto einfach wird es für uns natürlich auch die Leute zu erreichen. Ich denke wenn wir schon so privilegiert sind als Band, dann sind wir auch dazu verpflichtet etwas abzugeben. Das ist uns wirklich wichtig und man verliert als Band nicht so schnell den Bezug zur Realität.

Wird es also in Zukunft noch mehr solcher Projekte geben?
Es gibt eine Organisation namens „Hole in the Wall“ die mir erst kürzlich vorgestellt wurde. Die organisieren Sommercamps für Kinder mit Krebs im Endstadium. Die geben den Kindern einen Platz, wo sie vielleicht zum letzten Mal eine schöne Zeit mit anderen Kindern haben können. Als ich noch Pizza ausgefahren habe musste ich oft Lieferungen zu einem Krankenhaus in New Brunswick fahren. Dort lagen viele Leute mit Krebs im Endstadium und als ich da dann auch ein paar Kinder sah hat mir das einfach das Herz gebrochen. Diese Kinder waren für mich immer so unschuldig und dann ist ihnen doch das schrecklichste wiederfahren, dass man sich nur vorstellen kann. Wenn ich dann daran denke, dass viele von denen vielleicht niemals wissen werden wie sich ein „normales“ Leben anfühlt macht mich das wirklich traurig und deswegen wollen wir unbedingt mit dieser Organisation zusammen arbeiten.

Also war diese T-Shirt Aktion, an der sich ja verdammt viele Leute beteiligten, auch nicht die letzte in dieser Form?
Vielleicht. Wir haben ja bei unseren Touren auch immer Sponsoren, wie zum Beispiel Levis bei dieser Tour. Wir wollen versuchen das sich unsere Sponsoren in Zukunft an solchen Aktionen beteiligen, damit das Ganze nicht nur von der Bandseite aus kommt. Diese Firmen haben einfach verdammt viel Geld und wir müssen sie dazu bringen das Geld für die richtigen Aktionen einzusetzen. Ich meine die haben mehr Geld als ich jemals besitzen werde. Wenn ich diese Firmen also dazu bringen etwas zu spenden oder mit uns zusammen an Projekten zu arbeiten wäre das viel effektiver!

Sprechen wir doch mal über „American Slang“: Wenn man sich die Texte eurer Veröffentlichung durchliest, merkt man das ihr euch von den 50er Jahren in Amerika inspirieren lassen habt. Woher stammt diese Faszination?
Die Zeit in der man nicht selbst groß geworden ist, ist ja für einen immer besonders faszinierend – so ist das zumindest bei vielen Leuten, die ich kenne. Ich bin zum Beispiel Mitte der 90er mit Hardcore groß geworden. Oft kommen Jüngere zu mir und sagen: „Wow, ich kann kaum glauben, dass du wirklich in dieser Szene groß geworden bist und all diese Bands gesehen hast“. Aber für mich ist das eben irgendwie normal. Das bedeutet vielen anscheinend mehr als mir, weil sie darüber völlig anders denken. Und eben genau wie manche von dieser ganzen Hardcore Sache fasziniert sind, sind wir fasziniert von den 50ern. Ich verbinden mit den 50ern irgendwie sehr viel Reinheit und Unschuld. Diese Nachkriegszeit, wo die Leute versucht haben einfach eine gute Zeit zu haben, obwohl ich die Situation der meisten Amerikaner damals ja nicht unbedingt als gut beschreiben würde. Aber das damalige Verhalten fasziniert uns einfach. Wenn man selbst nicht in der Zeit aufgewachsen ist kann man ja auch immer nur das sehen, was man sehen will. Die schlechten Seiten gehen dann einfach unter. Und was wir dort sehen gefällt uns!

Schon auf „The 59 Sound“ war dieser Hang zu den 50ern ja zu hören. Zur neuen Platte hat diese Faszination aber noch deutlich zugenommen, besonders wenn man die Texte der jetzigen und eurer anderen Veröffentlichungen vergleicht. . Wer ist bei euch in der Band verantwortlich dafür? Gibt es jemanden, der sich ständig damit auseinandersetzt?
Am meisten ging das schon von Brian [Fallon] aus, vor allem auch die Sache mit dem Bild welches wir zum American Slang um uns kreiert haben. Da muss man sich ja einfach nur mal unsere aktuellen Promofotos oder unser Video zu American Slang angucken. Und textlich gesehen ist Brian natürlich auch der Verantwortliche, da er als Einziger die Texte für die Band schreibt. Trotzdem sind die 50er eine Ära die uns alle einnimmt und fasziniert.

Eure Band stammt ja aus New Jersey und trotzdem ist New York immer wieder Thema auf der aktuellen Veröffentlichung. Wenn man da an den New York / New Jersey Konflikt denkt fragt man sich natürlich: „Darf“ man das überhaupt?
Ha, das ist das Gute daran, wenn man aus New Jersey kommt, denn die Einwohner hier hatten nie ein Problem mit den Bewohnern New Yorks oder New York an sich. Die New Yorker haben einfach ein Problem mit New Jersey. Wenn Leute in New York geboren und aufgewachsen sind und dann nach New Jersey ziehen, dann denken sie, dass sie im Leben gescheitert wären. Deren Gedanke ist, dass wenn man als New Yorker in New Jersey endet dann hat man was im Leben wirklich falsch gemacht. Meine ganze Familie, also meine Eltern, Tanten, Onkels und sogar meine Geschwister sind in New York geboren und ich bin der Einzige der in New Jersey geboren wurde. Deswegen machen die sich auch oft über mich lustig. Die sind da genau so wie man sich das eben vorstellt. Ich bin aber stolz in New Jersey geboren zu sein, ich mag es da lieber als in New York. Ich bin auch nie näher an New York rangezogen. Im Gegenteil: Ich mag es weit weg von dieser Stadt zu sein, die ist mir irgendwie viel zu stressig und aufgebläht. Ich mag es das Gefühl einer Kleinstadt. Ich bin kein Städter.

Für uns als Band spielt New Jersey eine sehr wichtige Rolle. Es ist ein einzigartiger Ort um aufzuwachsen und daher glaube ich das die Leute die aus New Jersey stammen auch alle sehr einzigartig sind. Wenn man Musik schreibt, dann spielt der Ort an dem man groß geworden ist eine immense Rolle. New Jersey hat unseren Stil auf jeden Fall maßgeblich beeinflusst. Wenn wir woanders aufgewachsen wären hätte es diese Band so nicht gegeben.

Und daher lebt ihr alle auch noch in New Jersey?
Alle bis auf Brian leben hier. Der ist vor kurzem nach Brooklyn, New York gezogen, aber ich glaube das er bald auch wieder zurückziehen will. Er wollte unbedingt die Erfahrung machen wie es ist dort zu leben. Und besonders um American Slang zu schreiben war es ihm wichtig an diesen Ort zu gehen, den er ja eigentlich gar nicht kannte. Dieses Neue und Unbekannte ist ja auch immer wichtig für kreativen Input und Output. Das hat ja auch geklappt, wenn man sich die Platte anhört. Meine Freundin musste ich sogar überreden zurück nach New Jersey zu ziehen, da sie zuvor in New York gewohnt hat. Nun wohnt sie quasi wieder auf der guten Seite.

Wie fühlt es sich für euch, nach der relativ langen Europaabstinenz, an wieder hier zu sein? Wie man euren texten entnehmen kann spielen Städte für euch ja eine besondere Rolle. Verbindet ihr etwas besonders mit manchen Städten hier in Europa, oder gar in Deutschland?
In Deutschland gibt es ja quasi keine Stadt in der wir noch nicht gespielt haben. Unsere ersten Platten kamen ja auf einem kleinem Label in Bremen raus und derjenige, der die veröffentlichte hat auch unsere erste Tour hier gebucht. Wir haben zwei sechswöchige Touren nur in Deutschland, mit kurzen Abstechern in die Niederlande gespielt und da waren wir wirklich überall. Wir haben hier in Hamburg auch schon vor nur 50 Leuten gespielt und heute ist das Konzert restlos ausverkauft. Gestern waren wir ja in Köln und dort waren vor ein paar Jahren nur 15 Leute vor der Bühne. Und Erinnerungen haben wir an fast jede Stadt. An Hamburg erinnern wir uns besonders gerne. Hier hatten wir immer eine wirklich gute Zeit und hier passieren irgendwie immer verrückte Sachen. Es gibt ein Bild von uns, das am Hafen gemacht wurde und kurzweilig sogar als Promobild benutzt wurde. Das Shooting fand am Morgen nach unserem Konzert statt und wir waren alle ziemlich verkatert. Keinem von uns ging es gut, wir hingen wirklich in den Seilen. Auf jeden Fall ist mir ein Malheur passiert als ich ein wenig Luft ablassen wollte. Auf den Fotos trage ich auf jeden Fall keine Unterhose mehr unter meinen Jeans. Das war wirklich peinlich. Ich weiß gar nicht warum ich dir das jetzt erzählt habe, das wissen noch nicht einmal die anderen in der Band...

Ihr habt in einem Interview mit der Toronto Sun durchsickern lassen, dass ihr an neuem Material arbeitet. Lässt sich jetzt schon sagen ob und inwiefern sich die neuen Stücke von den anderen Veröffentlichungen unterscheiden bzw. unterscheiden werden?
Wir sind gerade in den frühen Prozessen einen neuen Langspieler anzufertigen. Jetzt wo wir solange getourt haben sind wir dabei uns zu überlegen in welche Richtung diese Platte gehen könnte. So richtig sicher sind wir uns da aber noch nicht. Wir versuchen einen gewissen Vibe zu finden, aber das ist gar nicht so einfach. Was immer bleiben wird ist die Idee Punkrock mit Blueseinflüssen zu machen. Konkret lässt sich aber noch gar nichts sagen, nur das wir definitiv eine neue Platte in naher Zukunft aufnehmen wollen.

Jetzt seit ihr auf Tour und gebt auch fast jeden Abend Interviews und beantwortet wahrscheinlich immer und immer wieder die selben Fragen. Was ist denn so eine Frage auf die ihr eigentlich nur so wartet, die aber nie gestellt wird?
Ich bin ja Schlagzeuger und trotzdem fragt mich nie jemand übers Drumming. Obwohl ich das ja eigentlich mag das Schlagzeug so im Hintergrund steht. Man sieht ja meistens kaum das die Schlagzeuger da sind, sitzen da im Hintergrund und bewegen nur ihren Kopf. Ich meine Brian ist so ein guter Schreiber, da will man sich ja auch nicht in den Vordergrund stellen. Ich könnte auch die ganze Zeit irgendwelche verrückten Fills spielen, aber das würde den Songs den Zauber nehmen. Trotzdem könnte mich mal jemand über mein Schlagzeugspiel ausfragen.

Und ich finde es spannend das wir nie über Politik gefragt werden. Wir sind da sehr interessiert und haben auch was zu sagen. Aber ich habe den Eindruck, dass ein Großteil der Leute darüber einfach nicht sprechen will und das ist etwas was mich nervt. Die Leute sollten wirklich mehr über Politik sprechen!

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