Paul Smith (Maxïmo Park)Interview mit Paul Smith
Was bedeutet es kreativ unabhängig zu sein und sich all den damit verbundenen Herausforderungen ganz alleine zu stellen, wenn man normalerweise Vollzeit-Mitglied einer erfolgreichen Band ist? Diese Jahr wollen es gleich mehrere namhafte Musiker auf einen Streich wissen und so hagelt es innerhalb von nur wenigen Monaten Soloalben und Projekte aus den Bandlagern von Travis, Snow Patrol, Bloc Party, TV On The Radio und nun auch Maxïmo Park. Während sich die einen musikalisch im Dunstkreis ihrer Bandfamilien bewegen, wagen andere gleich den Sprung durch den Nebel und landen in völlig neuartigen Gefilden. Paul Smith ist einer von ihnen und zeigt sich auf "Margins" von einer deutlich gefühlsbetonteren und intimeren Seite als bei Maxïmo Park. Unter vier Augen berichtet er redselig und beherzt davon, was es heisst musikalisch auf eigenen Füßen zu stehen, warum es ihm Berlin angetan hat und ihm beim Songwriting Klischees mehr als zuwider sind.
Die Einträge in deinem Blog haben mir verraten, dass du dich in der letzten Zeit ein wenig in Berlin aufgehalten und hier viele Dinge unternommen hast.
Ja, das ist richtig. Heute Morgen kam ich mit dem Nachtzug aus Zürich, wo ich mit Maxïmo Park gespielt habe, aber davor habe ich auch schon etwas Zeit in Berlin verbracht. Ich war zwei Wochen lang auf Urlaub in der Stadt und bin danach nur zwei Tage wirklich zu Hause gewesen.
Wenn du so oft unterwegs bist, ist es da umso wichtiger trotzdem noch einen Ort zu haben, den du als dein wahres Zuhause ansiehst?
Absolut. Newcastle ist definitiv ein Ort, an dem ich mich sehr wohl fühle. Ich wohne jetzt schon seit zehn oder zwölf Jahren dort. Seit ich wegen des Studiums hingezogen bin und ich mag es immer noch dort zu leben. Ich habe aber ein paar Freunde in Berlin und als ich hier unterwegs war, habe ich ein paar Gegenden entdeckt, die mir auch gefallen könnten. Ich habe mir ernsthaft überlegt, ob ich mir nicht ein kleines Apartment suchen sollte. Einfach, damit ich herkommen kann, wenn ich mal etwas Abstand von England brauche. Ich liebe Berlin und fühle mich hier jedes Mal sehr wohl.
Die Veröffentlichung deines ersten Solo-Albums "Margins" steht kurz bevor. Wie geht es deiner Pulsfrequenz, schießt sie kontinuierlich in die Höhe?
(lacht) Momentan geht sie gerade wieder etwas nach unten, weil ich nun auch das Artwork fertig gestellt habe. Gleichzeitig dazu habe ich auch an dem Buch gearbeitet, welches ebenfalls mit dem Album herauskommen wird. Darin befinden sich Polaroids der letzten vier oder fünf Jahre, die ich gemacht habe. Das Cover dafür ist gerade fertig geworden und mein Bruder, der ein Grafikdesigner in Glasgow ist, und ich haben zusammen das Layout gestaltet. Ich bin sehr detailverliebt, was das Ganze angeht. Deshalb habe ich alle Songtexte auf Rhodia Notizpapier geschrieben und abfotografiert. Meine Website ist im gleichen Stil gehalten. Ich mag es nicht so sehr, wenn Dinge eingescannt werden, weil man es hinterher meistens deutlich sehen kann. Mein Bruder und ich haben also viele Nächte lang daran gearbeitet und ich hatte am Ende ganz große Augen, weil ich so lange auf den Bildschirm gestarrt habe (lacht). Noch eine Sache, die etwas stressig war, hatte damit zu tun, dass ich keinen Bassisten finden konnte.
Warum hat sich die Suche denn so schwierig gestaltet?
David, der auf dem Album Bass spielt, konnte keine vier Wochen am Stück mit mir touren, weil er noch bei "Field Music" spielt. Ein anderer potentieller Kandidat ist zwischenzeitlich auch abgesprungen und als ich in Berlin war, wurde mir dann glücklicherweise Claire empfohlen und die Lage hat sich, was das angeht, entspannt, worüber ich sehr froh bin. Wir werden das Album in kleinen Clubs vorstellen, was insgesamt auch zu der intimen Atmosphäre der Songs passt. Es würde mir nicht in den Sinn kommen in solchen großen Hallen wie mit Maxïmo Park zu spielen. Erstens, wird das Interesse an "Margins" weitaus weniger groß sein und zweitens, ist die Chance größer, dass man den Songs in kleineren Clubs mehr Beachtung schenkt. Es gab also schon ein paar Momente, in denen ich ausgeflippt bin, weil ich so viel Arbeit zu erledigen hatte, aber jetzt, wo alles fertig ist, bin ich viel entspannter und auch sehr glücklich mit allem. Vor allem, weil ich weiß, dass ich morgen keine Radio Sessions spielen werde. Ich habe das einmal in Belgien gemacht, weil unser Gitarrist krank war. Sagen wir mal so, ich war nicht gerade gut vorbereitet! Wahrscheinlich haben Maxïmo Park danach in Belgien auch keine Platten mehr verkauft (lacht). Jedenfalls bin ich umso glücklicher momentan einfach nur hier zu sitzen und wie eine normale Person über mein Album zu reden, ohne dass ich dabei gefilmt oder fotografiert werde. Ich bin sowieso erstaunt, dass sich so viele Leute für mein Album interessieren.
Du hast bereits angesprochen, dass sich dein Soloalbum sehr von deinen kreativen Ausflügen mit Maxïmo Park unterscheidet. Macht ein Soloprojekt, wie in deinem Fall, nur dann Sinn, wenn es musikalisch ganz bewusst in eine andere Richtung geht?
Ich denke jeder hat seine ganz eigenen Motive, wenn er sich als Solokünstler versuchen will. Ich kann nicht beurteilen, ob es nur dann wirklich Sinn macht, wenn man mit etwas völlig Anderem daherkommt. Es gibt da kein richtig oder falsch meiner Ansicht nach. Ich kann nur von mir ausgehen und sagen, dass es sich für mich zunächst gar nicht wie ein Soloalbum angefühlt hat. Ich habe einfach Songs aufgenommen. Es hätten auch nur Demos sein können, aber nach fünf oder sechs Liedern habe ich festgestellt, dass sie etwas Eigenständiges darstellen und mein Gitarrenspiel ebenfalls ganz ok war. Es klang alles sehr nach mir und ich hatte vorher noch nie das Bedürfnis diese Ideen dann auch mit der Öffentlichkeit zu teilen. Mein Drummer Andy, der das Album auch produziert hat, hat eine sehr lockere Spieltechnik und mein Gitarrenspiel auf den entstandenen Songs war ebenfalls sehr ungebunden. Ich habe diese Ideen dann Freunden von mir vorgespielt und sie haben mir geraten diese doch einmal zu veröffentlichen. So hat sich das über ein paar Jahre hingezogen und entwickelt. Ich habe die einzelnen Songs immer gerne innerhalb eines Tages fertig gestellt, was meine Freunde manchmal in den Wahnsinn getrieben hat (lacht). "Strange Friction" ist zum Beispiel sehr schnell entstanden und daher wohl auch ein wenig naiv. Es wirkt spielerisch gesehen vielleicht nicht so professionell, aber viele Leute, die es gehört haben, mochten es. Auch die Art und Weise der Aufnahmen waren anders als bei Maxïmo Park, denn wir haben mit Doppelungen der Gesangsspur gearbeitet, was ich innerhalb der Band nie befürwortet habe, weil ich die Direktheit des Gesangs immer bevorzugt habe. Auf "Margins" habe ich es aber zugelassen, weil es zu den Songs passte und wir haben noch viele andere Sachen ausprobiert. Am Ende war das Album fertig, ohne dass ich zu viel darüber nachgedacht hätte wie es letztendlich klingen sollte.
Deine Freunde waren also sehr von den neuen Stücken angetan. Wie hat denn der Rest der Band auf die Songs reagiert?
Manche dieser Songs habe ich dem Rest der Band vorgespielt und sie fanden, dass sie vielleicht nicht unbedingt für Maxïmo Park geeignet wären. Danach war ich ungefähr einen Tag lang deprimiert, aber habe auch festgestellt, dass die anderen damit Recht hatten. Als Band haben wir auf unseren ersten drei Alben sehr schnelle, lebhafte Musik mit einer bestimmten Stimmung gemacht, die definitiv ein gemeinsames Resultat von uns fünf Bandmitgliedern und all unseren Persönlichkeiten war. Die Songs, die nun auf "Margins" gelandet sind, sind jedoch sehr gegensätzlich und unglaublich eng mit meiner Persönlichkeit verbunden, so dass ich mir gut vorstellen kann, dass der Rest der Band sich nicht so wohl mit ihnen gefühlt hätte. Ausserdem mag ich ruhige Musik sehr gerne und finde es schön, wenn man die Texte auch wirklich ohne Probleme verstehen und dadurch eine Geschichte entdecken kann. Die Dinge über die ich in den neuen Songs schreibe, sind thematisch gesehen nicht Millionen Kilometer von denen in Maxïmo Park entfernt, aber trotzdem gibt es einige Zeilen und viele Details, mit denen sich die Band vielleicht nicht unbedingt identifiziert hätte, was auch völlig ok ist.
War das der Fall, weil die Texte insgesamt noch intimer geworden sind?
Ja, genau so war es. Ich habe bei der Entstehung der Lieder eine Phase durchlaufen, in der ich Zwiegespräche mit meinem eigenen Kopf geführt habe, um mir darüber im Klaren zu werden, ob die Songs für die Band geeignet wären oder nicht, weil ich niemanden ausserhalb dazu befragt habe. Sowas wie "Fühle ich mich wohl dabei das vor den anderen Jungs zu singen?" usw. Andy, mein Co-Produzent, hat mir immer gesagt, dass kaum auf die Texte achtet so lange die Musik für ihn stimmt. Vielen Leuten geht es ähnlich damit. Daher habe ich mich bei den Aufnahmen nicht befangen gefühlt über Themen wie Lust, das Ende von Beziehungen oder Depressionen zu singen. Um auf deine Ausgangsfrage zurückzukommen, dadurch, dass das Songmaterial so unterschiedlich war, hat es sich für mich natürlich angefühlt es nicht im Rahmen von Maxïmo Park zu veröffentlichen, sondern etwas anderes damit zu machen. Es hat einfach Sinn gemacht es unter meinem Namen herauszubringen. Alles andere wäre nicht sehr ehrlich gewesen, weil die Songs so unverkennbar meine persönliche Handschrift tragen. Ob das nun gut oder schlecht ist, weiß ich nicht, aber so ist es nun einmal.
Demnach wurde also von beiden Seiten aus entschieden, dass deine Songideen nicht so recht zu Maxïmo Park passen würden. Es kommt doch aber sicherlich auch oft genug vor, dass solche Demos sich im Laufe der Zeit stark verändern und unter dem Einfluss aller Bandmitglieder "passend" gemacht werden oder?
Das stimmt, aber ich glaube, bei den neuen Songs gab es für mich kein Zurück mehr als ich an den Punkt gekommen bin, dass ich rundherum wohl mit dem klanglichen Ergebnis gefühlt habe. Die Art, wie ich meine Stimme anders eingesetzt habe und der Moment, an dem ich zufrieden mit meinem Gitarrenspiel war. Von da an war mir bewusst, dass ich nicht krampfhaft die entstandenen Songideen mithilfe der Band verändern muss, sondern sie so nehmen sollte, wie sie gekommen waren. Ich war vielleicht auch etwas egoistisch, denn ich wollte, dass man die Lieder genau so zu hören bekommt und sie auch nicht jemand anderem geben. Ich wollte sie irgendwann live spielen und nach der Hälfte der Aufnahmen wurde mir klar, dass meine Vorstellungen wahr werden könnten. Als dann die Basslines hinzu kamen, die von David (Field Music) eingespielt wurden, wurde alles noch viel realistischer. Ich finde ihn unglaublich am Bass und bewundere ihn sehr.
Es ist so wichtig Leute um sich zu haben, denen man völlig vertrauen kann. Man spielt sich gegenseitig etwas vor und ermutigt sich, wenn man etwas gut findet. Ich habe David also eine CD mit allen Songs gegeben und ihn gefragt, ob er Lust hätte Basslines dafür einzuspielen, aber nur wenn er wirklich Interesse daran hätte. Es ging nicht nur darum, dass er mir einen Gefallen tut. In erster Linie wollte ich von meiner Seite aus auch eine Art Bestätigung von ihm bekommen, dass die Songs überhaupt etwas wert sind. David hat mir dann gesagt, dass er die Songs sehr mag und er fand, dass sie zu meinen Besten gehören. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen soll, weil ich all die Maxïmo Park Songs ebenfalls sehr mag, aber es hat mich natürlich gefreut, dass er ein Teil dessen sein wollte. Es hat dann ein paar Monate gedauert bis die Basslines fertig eingespielt waren. Sobald jemand anderes sich den Liedern annimmt, entsteht so eine angenehme, kleine Distanz zwischen dir und dem Ergebnis. Spätestens in diesem Moment, als die Songs vollständig waren, habe ich gemerkt, dass sie viel zu eigen sind und ich sie alleine herausbringen sollte.
Wie wichtig ist dir deine kreative Unabhängigkeit, wo du dich doch seit einiger Zeit sehr erfolgreich im Kollektiv mit dem Rest von Maxïmo Park verwirklichst?
Es ist mir schon sehr wichtig. Kreativ unabhängig zu sein, ist wunderbar, aber ich möchte auch die Erfahrung innerhalb einer Band wie Maxïmo Park nicht missen, wenn ich ehrlich bin. Ich finde es sehr schön beide Wege zu gehen, wenn möglich. Ich will meinen Kuchen und ich will ihn auch essen! (lacht) Es ist ein tolles Gefühl die Stärke zu spüren, die man als Teil einer Band versprüht. Maxïmo Park sind von einem kleinen Indie-Label zu einer Band heran gewachsen, deren Musik weltweit von Menschen gehört wird. Das ist doch Wahnsinn. Wie ist das überhaupt passiert?!? Ich habe keine Ahnung! (lacht) Hoffentlich hat es etwas damit zu tun, dass wir gute Songs schreiben und hart arbeiten. Man muss aber auch sehr viel Glück haben und ich bin sehr froh, dass wir etwas davon abbekommen haben. Ansonsten würde sich wahrscheinlich auch niemand für meine Soloplatte interessieren, wenn ich nicht der Sänger von Maxïmo Park wäre. Seien wir doch einmal ehrlich, ansonsten wäre ich doch nur ein beliebiger Singer/Songwriter, der ein Album veröffentlicht und gehört werden will. Ich bin durch die Band natürlich in einer guten Position auch abseits davon musikalisch auf offene Ohren zu stoßen. Ich würde die Erfahrung in einer Band zu spielen niemals aufgeben wollen, das steht fest. Letztendlich könnte genau das aber auch dazu führen, dass man als Musiker sehr durchschaubar wird und sich stets in Sicherheit wiegt. Das macht mir doch Sorgen.
Apropos Sorgen, neben all den Glücksgefühlen, die beim musikalischen Alleingang entstehen, kam es während all der Zeit dennoch vor, dass sich auch einmal Ängste bei dir eingeschlichen haben?
Ja, absolut. "Margins" bringt mich dazu, dass ich mich etwas vor dem ängstige, was auf mich zukommt, weil ich musikalisch plötzlich auf eigenen Füßen stehe. Alle Auswirkungen, die auf mich zukommen, schlagen auf mich allein ein und werden von niemand anderem aufgefangen. Bei den Live Shows werde ich mit einer neuen Band zusammen spielen und das vor einem relativ großen Publikum und nicht als Niemand in einem Pub um die Ecke. Der Gedanke daran ist schon etwas erschreckend (lacht). Ich werde dastehen, Gitarre spielen und gleichzeitig singen, was nicht so einfach ist. Es geht aber darum, dass man sich selbst ab und zu herausfordert und nicht versteckt. Am Ende läuft alles darauf hinaus, dass man ein kreatives Ziel verfolgt, auch wenn man vielleicht ein paar Zweifel hat. Unabhängig zu sein, bedeutet mir daher sehr viel, weil ich dadurch auch zu mir selbst finde. Auf gewisse Art und Weise ist es aber auch eine Erklärung an die Aussenwelt, dass ich eben nicht nur dieser Typ aus der Indie-Band bin, sondern verschiedene Songs schreiben kann und generell unterschiedliche Sachen mag. Hoffentlich wird es Leute dazu bringen ihre Meinungen über Maxïmo Park etwas breiter zu fächern und uns nicht einfach abzustempeln, weil sie alle paar Jahre einmal eine Single im Radio hören ohne das ganze Album zu kennen. "Margins" wird hoffentlich dazu beitragen, dass einige von ihnen bemerken, dass es ein recht romantisches Album ist, das auf sehr intime Weise Beziehungen diskutiert.
Wie sehr beschäftigt dich der Gedanke daran, was Aussenstehende über deine Musik denken?
Ich mache mir schon manchmal Gedanken darüber, was Menschen von unserer Musik halten...Besonders, wenn mir Fragen gestellt werden, wie "2005 gab es viele Bands, die große Alben herausgebracht haben...". Daran merkt man, dass man automatisch in eine Schublade gesteckt wird. Ich finde das nicht mehr überraschend, denn Menschen brauchen immer etwas, auf das sie sich konzentrieren können, etwas, das so vereinfacht werden kann, dass sie es verstehen, so ist nun einmal das Leben. Für mich ist das Leben aber vielschichtiger und weitaus komplizierter. Daher rührt auch "Margins", der Name des Albums. Es gibt so viele Dinge im Leben, die marginal sind, aber oftmals gerade in Songs keine Beachtung finden oder diskutiert werden. Wie zum Beispiel Gespräche, die man führt, wenn man ein Glas Coca Cola getrunken hat und wie es hinterher auf der Zunge prickelt oder solche Kleinigkeiten. "Improvement / Denouement" ist zum Beispiel sehr direkt und offen, was Gefühle angeht. Ich versuche Unbeschreibliches zu fassen. In "Strange Friction" versuche ich die Chemie zwischen zwei Menschen zu beschreiben und habe mir die Frage gestellt, wie ich das mache kann.
Ich wollte Momente, die mir persönlich viel bedeuten, einrahmen und dadurch für andere Menschen zugänglich machen. Meine Interessen, was die Texte angeht, waren oftmals eher nebensächlich. Ich wollte nicht darüber singen, wie man die Welt retten kann oder "Ich liebe dich...", "Alle lieben..." und solche Dinge. Wen kümmert das schon!? (lacht) Das wurde doch alles schon viel zu oft gemacht und kommerziell ausgeschlachtet. Ich weiß nicht, wie viele Menschen "Margins" ihre Aufmerksamkeit schenken werden, weil die Radios es wohl eher nicht spielen werden, weil es nicht "Pop" genug ist oder es in einem Schlafzimmer aufgenommen wurde. Manchmal macht es mich wahnsinnig, wenn ich zu viel über solche Dinge nachdenke...genauso wie die Tatsache, dass ich eben den Faden verloren habe und wahrscheinlich schon wieder am Thema vorbei rede (lacht).
Dann nehmen wir den Faden doch einfach an der Stelle auf, wo du über deine Detailverliebtheit und Interesse für "lyrische Nebensächlichkeiten" gesprochen hast. Muss man deiner Meinung nach generell ein genauer Beobachter sein, um gute Songtexte verfassen zu können? Immerhin scheinst du deine Umwelt sehr genau wahrzunehmen und die für dich wichtigen Details heraus zu picken, die du dann in Songs verarbeitest.
Ich denke schon, dass man diese Eigenschaft haben muss, wenn man gute Texte schreiben will. Mir fällt es auch bei anderen Künstlern auf und ich bin manchmal fasziniert davon welche Dinge sie sich heraus picken, um darüber zu singen. Manche von ihnen wäre mir nie im Leben eingefallen, aber obwohl ich sie nicht unbedingt selbst erlebt habe, sprechen sie mich trotzdem an, was mir sehr gefällt. Mark Kozelek, einer meiner Lieblingssänger, ist jemand, der sich diese Eigenschaft ganz sicher zu Nutzen macht. Seine Songs sind oft sehr melancholisch und handeln von Beziehungen, aber greifen auch unscheinbare Dinge auf, wie ein Kleid, dessen Stoff in der Sommerluft in Bewegung gesetzt wird und schon erinnerst du dich, dass du zum Beispiel in deiner Kindheit ähnliche Sachen wahrgenommen hast. Man kann sich automatisch in seine Person hinein versetzen. Auf "Margins" gibt es diese Stelle, bei der ich einen Scott Walker Magneten am Kühlschrank erwähne. Es werden vielleicht nicht viele Leute so einen am Kühlschrank haben, aber vielleicht versetzt sie dieses doch sehr häusliche Detail in eine Zeit zurück, in der sie vielleicht ähnliche Sachen in der Küche oder an den Wänden hatten.
Selbst wenn nicht, werden sie hoffentlich erkennen, dass der Song etwas Reales aufgreift, dass mir zumindest für einen Moment lang wichtig erschien. Der Rest des Songs darf hingegen durchaus etwas universaler sein, denn ich will meine Texte schließlich nicht wie Tagebucheinträge wirken lassen. Sie sollen gefühlsbetont, aber dennoch sprachlich so gestaltet sein, dass es unverkennbar meine Worte sind, die sich ab und zu reimen. Künstler wie Leonard Cohen, Joni Mitchell oder Bill Callahan haben genau diese Gabe und können kleinste Momente mit ihren Worten so treffend beschreiben, dass sie im Hörer etwas auslösen und sich dieser genau in die beschriebene Situation hinein versetzen kann. Gute Songwriter können aus den kleinsten Details Songs machen und mit ihren eigenen Worten Momente lebendig erscheinen lassen. Wenn man Glück hat, entsteht dadurch etwas ganz Eigenes.
"Margins" ist, sowohl was die Instrumentierung als auch die Produktion angeht, eher simpel gehalten und ermöglicht dem Hörer dadurch auch verstärkt auf die Texte zu achten. Gleichzeitig scheinst du mit der Intention dem Album einen etwas ungeschliffenen Charakter zu geben, aber auch gegen so ziemlich alles zu streben, was Popmusik heutzutage ausmacht, wo es oft genug doch nur noch darum geht alles noch glatter und perfekter zu machen.
Ja, leider ist das meistens der Fall. Ich habe den ganzen Prozess als sehr natürlich empfunden und habe nicht bewusst diesen Weg gewählt. Erst als die Songs fertig waren und ich die Veröffentlichung mit meinem Management besprochen habe und sie vorschlugen doch ein paar Songs neu aufzunehmen, wurde mir klar, dass sie als Business-Leute natürlich ein Produkt von dir wollen, das sich auch verkauft. Das ist nun einmal eine Tatsache. Ich bin natürlich nicht so blind und verschließe die Augen davor, dass mein Album letztendlich Hörer und Käufer finden soll, denn natürlich würde ich gerne ein zweites Album machen, aber wenn ich persönlich Musik höre, dann ist das vorrangig eine Kunstform für mich. Popmusik ist Kunst für mich, die etwas in Menschen bewirken und sie eventuell verwandeln kann. Ich denke genau daran, wenn ich selbst Musik mache. Ich könnte die Songs so polieren, dass mehr Leute gefallen an ihnen finden und sie kaufen, aber das würde den Kern der Songs völlig zunichte machen. Sie sind schließlich ein direkter Ausdruck dessen, was mich bewegt.
War es dir deshalb auch bei der Produzentenfrage wichtig jemanden an deiner Seite zu haben, der genau das aus den Songs herausholen kann?
Absolut. Bei Maxïmo Park haben wir immer einen Produzenten gesucht, den wir kannten oder dessen Arbeit wir sehr bewunderten. Bei "Margins" habe ich jedoch einen Freund gebeten die Songs zu produzieren, den viele Leute womöglich gar nicht als Produzenten ansehen würden, weil er relativ unbekannt ist. Ich denke aber, dass er sehr gute Arbeit geleistet und den Songs viel gegeben hat. Besonders, was die Synthesizer und Gitarren-Sounds angeht, hat er das Ergebnis maßgeblich beeinflusst. "I Drew You Sleeping" erinnert mich sogar ein wenig an die Cocteau Twins! (lacht) Ich habe das nicht weiter hinterfragt, weil es mir gefallen hat, aber bei Maxïmo Park hätte ich mir womöglich den Kopf darüber zerbrochen, ob wir das so machen können, weil wir ein paar Regeln haben, was das Aufnehmen angeht. Zum Beispiel heisst es immer "Kein Hall auf der Stimme!" (lacht) Es lenkt doch nur ab und jeder benutzt es. Auf "Margins" habe ich bis zum Umfallen Hall eingesetzt, so dass es sogar zu einem Merkmal des Albums geworden ist. Natürlich singe ich auch anders als sonst. Alles ist sehr viel ruhiger als bei Maxïmo Park und alle Klänge fügen sich ein wenig dem Hall auf der Stimme, wie bei "I Wonder If" oder "Alone, I Would've Dropped". Bei den akustisch gehaltenen Liedern wie "Pinball" gibt es hingegen keinerlei Hall und man kann die einzelnen Instrumente, wie Gitarre oder Cello sehr deutlich hören.
Bist du durch "Margins" viel mehr zum Klangtüftler geworden?
In gewisser Weise stimm das, obwohl ich wahrscheinlich auch sehr von My Bloody Valentine beeinflusst wurde, deren Album "Loveless" mich begleitet hat, als ich erwachsen wurde. Ich dachte mir damals "Wie machen die das nur? Wie bekommen sie diesen Klang hin?" Bei meinen neuen Songs habe ich zusammen mit Freunden einfach experimentiert, was Klänge angeht. Wir wussten manchmal auch nicht genau, wo sie eigentlich her kamen, aber genau das war der Punkt. Es wäre auch unmöglich gewesen sie ein zweites Mal entstehen zu lassen. Die am Ende entstandene, verträumt klingende Atmosphäre ist nun zu einem prägenden Merkmal des Albums geworden. Es ist keine traditionelle Singer/Songwriter Platte geworden und obwohl eine komplette Band die Songs eingespielt hat, wirken sie nicht aggressiv. Selbst wenn ich sehr hohe Töne wie in "The Crush And The Shatter" anschlage (imitiert sich selbst und versucht im Scherz krampfhaft einen hohen Ton zu treffen), dann wird das durch den Hall und den restlichen Sound ausbalanciert und funktioniert am Ende. Ich war selbst überrascht, denn ich hatte zunächst angenommen, dass die Songs alle viel zu unterschiedlich klingen würden. Daher wollte ich auch mit der gewählten Abfolge der Songs den Hörer bestmöglich durch das Album führen.
Du nimmst den Hörer also Song für Song an die Hand und erlaubst ihm gezielt mit jedem Stück einen etwas größeren Einblick in das Ganze zu erhalten.
Genau so ist es. Mein Management fragte mich manchmal "Bist du dir wirklich sicher, dass "While You're In The Bath" der fünfte Track sein soll?". Ich war mir bei der Auswahl aber völlig sicher, denn alles andere hätte den Hörer auf die falsche Fährte geführt, was das Album angeht. Nenn mich altmodisch, aber ich finde, dass man sich ein Album ganz und gar anhören sollte und auch die Reihenfolge der Songs eine Bedeutung hat. Wenn ich mir eine Platte anhöre, dann will ich mir ihr wachsen und an ihrer Entwicklung teilhaben. Selbst, wenn ich beim Hören unterbrochen werde, kann ich dadurch nahtlos dort anknüpfen, wo ich aufgehört habe. Heutzutage nehmen sich nur noch wenig Menschen die Zeit ein Album ganz durch zu hören, aber ich finde es nach wie vor sinnvoll das zu tun. Wenn ich nicht von einem Song überzeugt wäre, dann würde ich ihn auch nicht veröffentlichen. Also hat jedes der dreizehn Lieder auf "Margins" seinen besonderen Platz auf der Platte.
Viele Künstler verstecken sich heutzutage immer öfter hinter der Studio-Technik. Gibt es für dich als Musiker gewisse Regeln, die du versuchst einzuhalten oder stehst du allen Dingen offen gegenüber? Du erwähntest bereits, dass es zum Beispiel bei Maxïmo Park doch einige Regeln gibt, was den Klang angeht.
Ich halte keine Regeln mehr ein. Ich würde gerne ein weiteres Soloalbum machen, was elektronischer und viel lauter ist, aber trotzdem bestimmte Gefühle vermittelt. Eine kalt klingende Platte, die nicht unbedingt mein Stil ist, aber in der ich mich austoben kann. Es gibt so vieles da draussen, was mir musikalisch anspricht und für das ich noch nicht einmal einen Namen habe. Minimal Techno ist sehr faszinierend und ich frage mich, was passieren würde, wenn man die menschliche Stimme als Element hinzufügen könnte und was das bewirken würde. Depeche Mode haben in den 80ern solch einen kühl klingenden Sound so mit stimmlichen Harmonien verbunden, dass etwas Neues dabei entstanden ist. Ich mag es viele verschiedene Instrumente in die Songs einfließen zu lassen, aber bei "Margins" habe ich einfach das genommen, was gerade da war und das war vorrangig meine Gitarre. Man kann Technologien sehr zu seinem Vorteil nutzen, wenn man sich geschickt anstellt. Disko-Musik ist oftmals sehr oberflächlich, aber genau das ist auch der Punkt. Es geht eben nur darum eine gute Zeit zu haben und sonst nichts. Und dann gibt es Künstler wie Arthur Russell, der zu meinen Lieblingskünstlern gehört, der viele verschiedene Stile miteinander kombiniert hat.
Er hat in den 70ern unter anderem mit Philip Glass oder David Byrne und bekannten Leuten aus der New Yorker Szene zusammengearbeitet. Seine Disko-Songs waren aber so vielschichtig und seine Texte so tiefsinnig im Vergleich zu anderen Songs aus diesem Genre. Er hat Akustik-Gitarren, Trompeten und Celli in die Lieder mit eingebaut und sie überraschend und mit großem Effekt eingesetzt. Er war selbst ein großer Cellist und hat House Musik mit erschaffen bevor es überhaupt einen Namen dafür gab. Künstler wie Arthur Russell beweisen, dass alles möglich ist, wenn man nur will. Daher würde ich mich niemals vor irgendetwas verschließen wollen. Man kann heutzutage eine ganze Platte nur aus einem Loop und ein paar Klicks erschaffen, denen man eine verzerrte Stimme hinzufügt. Das gute an Musik ist, dass es keine Limits gibt und man alles ausprobieren kann.
Genau das wird der erschaffenen Musik aber auch oft genug zum Verhängnis, oder?
Da stimme ich dir zu. Das Problem liegt darin, wenn Menschen der Meinung sind, dass sie bedeutungsvolle Musik allein mit ein paar Effekten erzeugen können, die für jeden zugänglich sind und damit die Seele des Songs spürbar verformen. So etwas wie Auto-Tuning beim Gesang ist doch schrecklich. Entweder man kann singen oder man kann es eben nicht. Arthur Russell war auch kein perfekter Sänger, aber er hat daraus eine Tugend gemacht und man hat seiner Stimme angehört, dass sie etwas besingt, was ihm viel bedeutet. Das ist auch genau das, was ich versuche mit meinen Songs zu erreichen. Ich halte mich nicht für einen besonders guten Sänger (lacht), aber ich versuche die in den Songs geweckten Emotionen stimmlich zum Ausdruck zu bringen. Mir liegt viel daran die emotionalen Töne zu treffen, auch wenn einmal der eigentliche Ton nicht getroffen wird. Das wäre natürlich ein Bonus! (lacht) Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Menschen versuchen sich einfach auf ihre Weise auszudrücken anstatt sich in Klischees zu verlieren, seien es melodische, instrumentale oder lyrische Klischees.
An welche Klischees denkst du dabei?
So etwas wie dicke Gitarrensoli finde ich zum Beispiel ganz furchtbar. Es gibt haufenweise solcher Klischees, die immer wieder von Menschen verarbeitet und dann irgendwann als üblich im Mainstream angesehen werden. Ausserdem geht es dabei nur darum Geld zu machen. Gerade als Rockstar funktioniert das seit Ewigkeiten wunderbar. Nehmen wir zum Beispiel Bon Jovi. Er sieht sich selbst als Rockstar und als Mann des Volkes und knurrt und brummt deswegen so auf all seinen Platten. Dann macht er auf seiner Liste ein Kreuz bei "draufgängerisch" und "Bruce Springsteen" und geht zum nächsten Klischee über, das er abarbeiten kann. "Ist das Solo mitfühlend genug, dass es im Radio gespielt werden wird?" - Angekreuzt. "Werde ich mein drittes Haus davon bezahlen können?" - Angekreuzt. Für mich bedeutet Musik, dass ich auf emotionaler Ebene Kreuze setzen kann und keine, die allein auf den kommerziellen Aspekt abzielen oder mich als diesen oder jenen Künstler in der Öffentlichkeit darstellen. Ich denke, wenn man seinen eigenen Weg geht, dann wird man am Ende auch dafür belohnt. Glücklicherweise sehen das auch andere Menschen da draussen so.
Die Songs auf "Margins" sind über einen längeren Zeitraum entstanden und haben sich, laut deiner Aussage, erst nach und nach zu einem Ganzen zusammengefügt. War es durch diese Grundlange möglich ein klanglich stimmiges Konzept all die Zeit über aufrecht zu erhalten? Schließlich sind die Songs nicht normal an einem Stück im Studio entstanden.
Das ist richtig. Ich glaube schon, dass es möglich ist. Wenn man normalerweise ins Studio geht, dann hat man einen zeitlichen Rahmen, den man einhalten muss. Das kann etwas beängstigend sein, denn man kann sich nie sicher sein, ob man die klanglichen Vorstellungen und Emotionen, die in den Songs stecken, in dieser Zeit in angemessener Weise zum Ausdruck bringen kann oder nicht. Obwohl es einige Zeit gedauert hat bis die Songideen für mein Soloalbum fertig waren und ich neben Maxïmo Park kontinuierlich Songs geschrieben habe, gingen die Aufnahmen dann recht schnell vonstatten. Wir haben gerade einmal zwei Wochen gebraucht, um alles aufzunehmen. Ich habe in dieser Zeit mit den Songs gelebt und habe mich beim Hören der Aufnahmen erneut in sie verliebt, ohne dass ich mich an den kleinen Fehlern oder ihrer Unvollkommenheit gestört habe. Ich wollte die Songs genau so behalten wie sie waren. Manchmal wusste ich bei den Demos genau, dass ich nur eine Gitarre dafür brauche oder ein Bass hinzukommen sollte und die Songs fertig sein würden.
Das Grundgerüst stand also schon viel länger und wurde nur noch etwas ergänzt?
Ja, genau. Die Originalaufnahmen der Gitarre und der Vocals waren zu diesem Zeitpunkt schon vier Jahre alt. Mein Selbstvertrauen wurde dadurch angekurbelt, dass ich genau wusste, wie ich meine Ideen umsetzen wollte. Diese Sicherheit hat mir sehr geholfen. Auch die Tatsache, dass ich mich beim Singen trotz dieser geschaffenen Intimität sehr wohlgefühlt habe. Dadurch, dass es von den ersten Songideen hin bis zu den Aufnahmen ein langer Prozess war, habe ich mich überhaupt nicht unter Druck gesetzt gefühlt. Ich habe einfach ein paar Lücken geschlossen, die sich in all den Jahren aufgetan haben und das Album ist genau so geworden, wie es sein sollte. Die Tatsache, dass auch andere Musiker involviert waren, hat den Blickwinkel noch ein Stück weiter geöffnet und ich bin nicht zu ausschweifend geworden. Es gab gerade so viel Raum, dass ich genügend von mir preisgeben konnte, ohne allein in einem Raum in Newcastle zu sitzen und eigenbrötlerisch Songs aufzunehmen. Ich hoffe, dass das Ergebnis vielleicht dem ein oder anderen da draussen gefällt.






















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