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SlutInterview mit Chris Neuburger und René Arbeithuber

1996 habt Ihr euer Debütalbum „For Exercise And Amusement“ herausgebracht. Zwei Jahre später den Nachfolger „Interference“. Jetzt gibt es eine Wiederauflage der beiden Alben. Was hat euch dazu bewogen?
Chris Neuburger: Entscheidend war, dass beide Alben seit mehreren Jahren ausverkauft und auf regulärem Wege nicht mehr zu kriegen sind. Immer wieder wurden wir von Konzertbesuchern oder per Mail auf diesen Missstand und diverse Internetauktionen aufmerksam gemacht, in denen „For Exercise...“ und „Interference“ wohl recht hochpreisig gehandelt werden.
René Arbeithuber: Es ist einerseits natürlich schön zu sehen, dass die Platten eine Wertsteigerung erfahren, andererseits möchte man den Leuten, die erst später auf uns gestossen sind, auch die Möglichkeit geben sich diese Musik zu Gemüte führen zu können. Dazu ist nun der richtige Moment gekommen.

Ein so genanntes „Best-Of“ Album kam nicht in Frage?
CN: Nein, der Gedanke war ein anderer: viele Hörer kennen Slut erst seit dem Jahr 2000 und halten fälschlicherweise „Lookbook“ für unser Debut. Statt hinlänglich bekannte Lieder als „Greatest Hits“ möglichst gewinnbringend zu servieren, war es unser Ansinnen, die eher unbekannten Stücke ein zweites Mal aufs Tableau zu bringen und einem größeren Kreis zu erschließen – deswegen das Angebot als Tonträger und Digitalversion.

Seit dem Debütalbum sind mittlerweile 14 Jahre ins Land gezogen. Könnt ihr euch noch an die ersten Aufnahmen erinnern?
CN: Selbstverständlich. Als ob es gestern gewesen wäre. Wir hausten in einem Wohnwagen, den uns ein Ingolstädter Metzgermeister überlassen und den wir vor Martin Gretschmanns (Console) damaliges Weilheimer Haus gezogen hatten, gingen zu Fuß in Mario Thalers erstes Kellerstudio, nahmen unsere mitgebrachten Songs der Reihe nach auf und machten uns nach Sonnenuntergang auf die erfolglose Suche nach einem Nachtleben.

Hat sich eure Arbeitsweise (Studio / Aufnahme) in dieser langen Zeit verändert?
CN: Die Vorfreude beim Betreten eines Tonstudios, der anfängliche Übereifer, die nächtlichen Klangexperimente, die musikalischen wie menschlichen Höhen und Tiefen, die Durst- und Rennstrecken, die vielen Entrümpelungsaktionen, die rauschigen Feste, die langsam fortschreitende Erschöpfung und das letzte Aufbäumen – es war nie anders und wird wohl immer auf folgende Formel hinauslaufen: Aufnahmezustand = Ausnahmezustand.

Ihr arbeitet ja bereits an einem neuen Album. Wird es ein „normales“ Album oder überrascht ihr die Hörer wieder mit experimentellen Ausflügen?
CN: Erst wenn wir oben beschriebenes Procedere zur Hälfte durchlaufen haben, lasse ich mich zu einer entsprechenden Äußerung hinreißen.

Wäre für euch ein rein instrumentelles Album denkbar oder ist euch der Text zu wichtig, um diesen einfach wegzulassen?
RA: Ist für mich als reguläres Album nicht denkbar. Chris' Stimme ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Musik. Was nicht heissen soll, dass unsere Musik instrumental nicht funktionieren würde. Bei Filmmusik zum Beispiel haben wir auch schon das Gegenteil bewiesen.
CN: Diese Frage im Zusammenhang mit dem geplanten Re-Release zu stellen, hat etwas pikantes – schliesslich kommen große Teile unseres Frühwerks sehr gut ohne Gesang aus: man denke an Medea, Soda, Bussova. In unserer Anfanszeit spielten Bands wie Tortoise und Couch eine nicht unbedeutende Rolle und wussten uns mit ihrer nonverbalen Klangwelt schwer zu beeindrucken. Dennoch würden wir eine „Stumme Platte“ nicht hinbekommen, schließlich offerieren Stimme und Worte viel zu interessante musikalische und inhaltliche Spielarten.

Im digitalen Zeitalter und dem Zerfall der Musikindustrie werden immer neue Veröffentlichungswege gesucht. Wie seht ihr diese Entwicklung und gibt es sogar schon Überlegungen, das kommende Album auf eine unkonventionelle Weise zu veröffentlichen?
RA: Jeder von uns fünf hat, neben der Musik, einen Fulltime-Job. Da bleibt kaum Zeit, sich um solche Dinge zu kümmern. Das überlassen wir dann doch lieber einem Label. Leider findet die Musikindustrie noch immer nicht den Anschluss ans hier und jetzt und vom Suchen dieser ach so alternativen Vertriebswege von so machen wird mir teilweise ganz schwummerig. Ist halt vieles gut gemeint aber trotzdem zum Scheitern verurteilt.
CN: Für derlei Visionen denke zumindest ich nicht marktstrategisch genug. Gerade habe ich ein paar Ersatzteile für meinen Plattenspieler bestellt.

Ihr habt euch nach all den Jahren persönlich wie musikalisch weiterentwickelt. Wie groß ist die Identifikation mit dem alten Liedmaterial?
CN: Nach mehrmaligem Hören von „For Exercise...“ und „Interference“ kann ich frank und frei behaupten: sehr groß. Ich bereue nichts und ertappe einen Großteil meiner Körperbehaarung dabei, wie er sich bereits nach den ersten Takten von „Favourite Pool“, „When I Go“, „Wait“ und „Cloudy Day“ himmelwärts reckt.

Die kommende Tour steht im Zeichen der ersten zwei Alben. Spielt ihr nur Songs aus diesen Alben oder präsentiert ihr auch neues Material?
CN: Wir werden den Schwerpunkt auf die beiden Erstlinge legen und die Gelegenheit nutzen, ein bis zwei Neuankömmlinge zu spielen. Das ganze wird dann vermischt mit dem ein oder anderen populären Song.
RA: Wir sind selber schon gespannt, wie sich die Dinger heutzutage anhören, versuchen aber nicht krampfhaft umzuarrangieren. Neben den alten Schinken nutzen wir aber die Bühne und testen drei, vier der neuen Songs aus. Es bringt einem erstaunliche Erkenntnisse wenn man die rohen Stücke aus dem Proberaum vor Publikum spielt. Es sind schon einige Songs einem U-Turn unterzogen worden danach.

Bei euren Live-Auftritten erlebt man - neben der Musik - auch eine starke visuelle Darbietung in Form von aufwendigen Lichtkonzepten und Videoinstallationen. Wie wichtig ist euch dieser Aspekt und wer entwickelt diese visuellen Aufführungen?
CN: Speziell die Lichtkunst von Anton Kaun, der uns erfreulicherweise seit drei Jahren begleitet, beschert jedem Auftritt eine dritte Dimension. Dass unsere Töne derart trefflich mit seinen Bild- und Lichtstimmungen harmonieren, kann nur als Glücksfall bezeichnet werden. Gerne möchten wir dieses Zusammenspiel weiterführen, werden es im Zuge der anstehenden Konzertreise konzeptgebunden und dem Anlass entsprechend verschlanken – schliesslich sind fast alle frühen Slut-Songs eher spartanisch ausgestattet.

Apropos Tour: Welche Band wird euch auf der Tour begleiten?
CN: Zunächst sind da „The Strange Death Of Liberal England“ aus England, die uns die ersten vier Tage begleiten. Dann haben wir die Ehre unsere Schwesterband „Pelzig“ mitnehmen zu dürfen, die ebenfalls an einer neuen Platte arbeitet und personell mit Slut verschnitten ist.

Ist die Wahl der Vorband eine bandinterne Angelegenheit? Falls ja, wie wird diese Entscheidung getroffen?
CN: Das letzte Wort hat die Band. Geachtet wird bei derlei Entscheidungen vor allem auf einen gewissen Mehrwert, den der Konzertbesucher mit nach Hause nehmen soll. Stichwort: runder Abend.

Was sind die größten Streitfaktoren auf einer Tour?
CN: Alle Jubeljahre kommt es vor, dass der eine Teil von Slut glaubt, man habe noch nie so schlecht gespielt wie am heutigen Abend, während der andere dasselbe Konzert zur grandiosesten Performance seit Bestehen der Band hochjubelt. Ansonsten bleiben wir durch die Bank nett zueinander und leben spontan auftauchende emotionale Disparitäten nahezu rückstandsfrei auf der Bühne aus.
RA: Überbordende Egos in Verbindung mit Spirituosen. Sehr selten zum Glück.

Entgegen vieler Bands, gab es seit eurer Gründung (1993) noch nie einem personellen Wechsel. Geht ihr euch privat aus dem Weg oder was ist Euer Geheimnis dahinter?
CN: Wir sind das geblieben, was wir bereits lange vor Gründung der Band Slut waren: Freunde. Gute Antwort?

31.08.2010 // andre
 

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