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VillagersInterview mit Conor J. O'Brien

Mit "Becoming A Jackal" hat Conor J. O'Brien, der sich hinter dem Namen Villagers versteckt, ein Album aufgenommen, das auf gesamter Spiellänge einen Charakter entwickelt, der seiner Form nach einnehmend und abwechslungsreich wirkt. Wie man es auch drehen mag, von der grünen Insel Irlands tönen es die Spatzen, erfreuten Hörer und Kritiker schon länger gleichermaßen in piano - auf diesen Burschen sollte man Acht geben. So wollten auch wir uns ein genaueres Bild von Conor und seiner Musik machen, warfen das Frage-Netz los und zogen es mit vielen neuen Erkenntnissen wieder ein.


"Becoming A Jackal" ist in textlicher sowie musikalischer Hinsicht ein ernsthaftes und reifes Debütalbum. Hat deine musikalische Vergangenheit, wie die in der Band "The Immediate", deiner Ansicht nach für diese Entwicklung eine Rolle gespielt?
Vielen Dank, aber ich kann dem nicht zustimmen. Ich finde das Album keineswegs reif, sondern eher irreführend und kindisch. Jeder einzelne Song ist eine Notlösung oder ein Fehler oder beides zugleich. Genau aus diesem Grund liebe ich die Songs so. Ich hoffe, dass ich niemals erwachsen werde und ich will auch nicht, dass meine Musik ein abgeschlossenes Produkt ist. Ich möchte ständig etwas dazu lernen, ständig wachsen und mich verändern. Ich sauge alles wie ein Schwamm auf und spucke es dann wie ein Baby wieder aus.

Die Sprache in deinen Songs hat oft einen poetischen Charakter und ist sehr bildhaft. Ist die Poesie eine Kunstform, die beim Schreiben von Songtexten eine Wirkung auf dich ausübt? Wenn dem so ist, gibt es Dichter, die dir besonders nahe gehen?
Der Großteil an Posie, den ich in meinem Leben gelesen habe, hat mich als solcher enttäuscht. Ich tendiere dazu mich viel eher von Musik und visueller Kunst inspirieren zu lassen. Der Grund, warum ich angefangen habe Musik zu machen ist der, dass ich in den Melodien eine Art Raum gehört und in Bildern wiederum Klänge wahrgenommen habe. Als ich angefangen habe zu schreiben, waren die Worte selbst unwichtig für mich. Der Klang von Silben war das Eigentliche wofür ich die Worte benutzt habe und bis zu einen gewissen Grad ist das immer noch so. Es passiert einfach nach ein paar Jahren des Schreibens, dass diese Klänge sich meinen Gedanken und meinen Träumen anpassen. Das war aber keine Absicht, obwohl ich mich erinnern kann, dass ich sehr an der Dichtung von John Ashbery interessiert war als ich noch auf's College ging. Allein aus dem Grund wie er die Sprache gedehnt und ihr zu neuen Formen verholfen hat. Vielleicht hat mich das beeinflusst. Ich erinnere mich auch, dass ich Yeats in der Schule mochte. Momentan mag ich Dylan Thomas, weil er so kreativ im Umgang mit Bildsprache ist. Hauptsächlich, jedoch, bevorzuge ich Prosa. Ich würde Henry Darger als einen Dichter betrachten, aber er hat Prosa geschrieben und dabei Bilder gemalt.

Das Nacht-Motiv taucht ab und an in deinen Songs auf und wird in textlicher Form verbalisiert. Was ist für dich besonders faszinierend oder gar inspirierend an der Nacht?
Ich glaube die Nacht selbst wird auf dem Album gar nicht wortwörtlich erwähnt, aber sie wird ganz bestimmt angedeutet, am offensichtlichsten wohl im Artwork. Am meisten fasziniert mich an der Nacht die Tatsache, dass dich zu dieser Zeit nie jemand anruft. Man ist alleine und kann völlig ziellos umher wandern. Um ehrlich zu sein, Ziellosigkeit ist für mich sogar zentraler Aspekt beim Prozess des Schreibens, genauso wie Felder und trockenes Wetter.

(Anmerk.d.Red.: Wörtliche Erwähnung der Nacht in Zeilen wie "You see a mask from your window at night..." (Ship of Promises), "The night's synthetic half-light rolls over your steering wheel, I'm closing my eyes just for a while..." (Home), "He lies awake in his bed every night...She never tells of her midnight fears...(That Day).

Die Kunst des Erzählens von Geschichten hat seit jeher eine unmittelbare Wirkung auf die Menschen. Das Element des Geschichtenerzählens ist auch in deinen Songs gegenwärtig und macht sie für den Hörer zugänglich. Siehst du dich in allererster Linie als Geschichtenerzähler oder als Singer/Songwriter im üblichen Sinne?
Ganz ehrlich gesagt, sehe ich mich nicht als irgendetwas dergleichen. Ich schreibe und trete auf, weil ich einen Drang verspüre das zu tun. Vergleichbar mit dem Drang, den ich habe, eine Orange zu essen. Ich weiss nicht warum ich das mache und darum finde ich es schwierig eine Antwort auf solche Fragen zu finden. Die Songs ergeben für mich einen (Un-)Sinn, wenn ich sie singe, aber sie bedeuten mir nichts, wenn ich über sie rede.

In deinem Song "The Meaning of the Ritual" gibt es eine Zeile, die besagt "My Love is selfish. And I bet that yours is too. What is this peculiar word called truth": Hast du mittlerweile eine persönliche Antwort auf diese philosophische Frage gefunden?
Ja, das habe ich. Es ist aber sehr persönlich. Ich kann sie dir nicht verraten.

Es gehört eine Menge Mut dazu schonungslos ehrlich zu sein und jemanden die Wahrheit zu sagen. Wenn du Songs schreibst und deine Gedanken nach aussen trägst, gehst du dann mit dem Aspekt der Wahrheit ebenso um wie in zwischenmenschlichen Beziehungen? Ist es einfacher die Wahrheit auf's Papier zu bringen oder sie laut heraus zu singen?
Wenn ich einen Song schreibe, dann habe ich definitiv ein Bild vor Augen oder zumindest das Gefühl den Song vor einem Publikum zu singen. Diesem Empfinden nach nehme ich an, dass der Song so eine Art soziale Bestie ist...Ich kann es nicht genau definieren. Der ganze Prozess ist sehr mysteriös für mich. "Wahrheit" ist ein sehr schlüpfriges Konzept. Wenn ich Wörter wie "Wahrheit" in meinen Songs verwende, dann präsentiere ich sie als formbare und abstrakte Symbole unserer Unfähigkeit Dinge durch die Verwendung von erbärmlichen, menschlichen Konstrukten wie das der Sprache zu kontrollieren oder zu definieren. Aber lass mich eines klarstellen: Ich denke nichts von all dem während ich Songs schreibe. Nur in Interviews wie diesem komme ich dazu solche Sachen aus mir heraus zu pressen. Genau genommen, wenn ich mir meine Antwort noch einmal so ansehe, habe ich wohl alles erlogen, was ich gesagt habe. Es tut mir leid, aber ich glaube, ich habe dich angelogen.

Einige deiner Auftritte bestreitest du nur allein mit deiner Gitarre und kommst ohne die Verstärkung einer Band im Rücken aus. Wie schwierig ist es heutzutage Leute in einem Raum zum Zuhören zu bewegen, die dich unter Umständen nicht kennen, wenn du nur fünf Gitarrensaiten und deine Stimme zur Verfügung hast?
Es ist eigentlich sehr einfach. Alles was du tun musst, ist schon im Vorfeld konsequent und mühsam an den Songs zu arbeiten, die du am Ende vorträgst. Das macht den eigentlichen Auftritt dann sehr einfach.

Herzlichen Glückwunsch zur Nominierung für den Mercury Prize. Neben Alben wie denen von Mumford & Sons sowie The XX ist "Becoming A Jackal" eines von drei Debütalben, das ins Rennen um den Preis geht, während lang etablierte Künstler wie Paul Weller oder I Am Kloot ebenfalls das erste Mal nominiert sind. Was ist das für ein Gefühl bereits in einem so frühen Stadium der Karriere für seine Musik solch eine Anerkennung zu bekommen?
Vielen Dank. Deine Fragen waren gut durchdacht und interessant. Es tut mir leid, wenn ich manchmal etwas gegensätzlich scheine. Ich finde es so schwierig meine Songs auseinander zu nehmen, weil sie allein dazu da sind, um auf einer Bühne vorgetragen zu werden. Ich weiss ganz genau, was sie bedeuten, wenn ich sie singe. Der Mercury Prize - das ist alles sehr aufregend und überraschend für mich. Es ist eine Ehre, aber ich versuche einfach mich weiterhin auf meinen eigenen kleinen Pfad zu konzentrieren.

04.08.2010 // annett
 

Ein Kommentar

lollo am 09.02.2011 um 15:36 UHR

was für ein tolles Interview mit interessanten Fragen! Hast du vielleicht noch die Originalantworten?


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