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The AcornInterview mit Rolf Klausener und Pat Johnson

Was ereilte uns nicht alles in den vergangenen Jahren an qualitativ hochwertiger und zugleich überaus ansprechender Musik aus dem fernen Kanada. Dieses Jahr macht da keine Ausnahme und so melden sich The Acorn mit ihrem neuen Album "No Ghost" zurück. Natürlich nicht, ohne ihr neues Material kurz nach der Veröffentlichung in den Clubs in Europa auszutesten und eine erste Kostprobe für all diejenigen abzuliefern, die schon gespannt auf den Nachfolger von "Glory, Hope, Mountain" gewartet haben. Wir trafen uns mit dem Sänger Rolf Klausener und dem Schlagzeuger Pat Johnson in einer gemütlichen Runde zum ausgiebigen Gespräch, in dem die beiden uns offen und ehrlich Rede und Antwort standen.

Es gibt dieses Sprichwort, das besagt "Kreative Gemüter sind selten ordentlich". Wie sieht es in euren Köpfen aus?
Rolf: Hmm, das ist interessant. Wenn ich in einer kreativen Phase bin, dann ist es schon so, dass es in meinem Kopf ein Durcheinander gibt und alles im Allgemeinen sehr schnell abläuft. Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch und wenn ich mal nicht kreativ bin, dann sieht es ordentlicher aus. Ich würde diesem Sprichwort zustimmen, falls du eine konkrete Antwort darauf haben willst. Natürlich ist es so, dass viele Bands auch um sich herum Chaos verbreiten, wenn sie erst einmal kreativ werden. Dann liegen bei den Aufnahmen überall Kabel herum usw. Man arbeitet an einer Idee, dann schafft man etwas Ordnung und dann geht es weiter zur nächsten Idee. Es dreht sich letztendlich alles um die kreative Effizienz. Das Chaos ist das Ergebnis davon.

Würdet ihr sagen, dass zu viel Nachdenken der Feind der Kreativität ist?
Rolf: In gewisser Weise ist das so, aber nicht in jedem Fall, weil es manchmal notwendig ist über einige Dinge länger nachzudenken.
Pat: Wenn man zum Beispiel aufnimmt, dann ist es gut nicht zu viel nachzudenken, sondern einfach die Ideen festzuhalten, indem man loslegt.
Rolf: Absolut. Manchmal gehört es aber dazu, dass man die entstandenen Ideen überarbeitet, Veränderungen vornimmt und anfängt zu reflektieren, was genau man mit ihnen vorhat. Ich bin auf keinen Fall ein Feind des Denkens.

Das neue Album "No Ghost" ist teilweise in einem Cottage entstanden und wurde dann in Montreal fertig gestellt. In einem früheren Interview habt ihr das Cottage bzw. die Zeit dort als Paradies beschrieben. Was genau war an diesem Ort so wundervoll?
Pat: Wir konnten Musik machen, wann wir wollten. Wir konnten schwimmen gehen, wann wir wollten. Ausserdem waren wir weitab von jeglicher Technologie und hatten die Freiheit zu arbeiten und dann wiederum zu entspannen.
Rolf: Es gab in diesem Cottage auch keinerlei Empfang für Mobiltelefone.
Pat: Es gab in der Nähe eine Möglichkeit zu telefonieren, aber die haben wir nur im Notfall in Anspruch genommen.
Rolf: Ja, dafür mussten wir einfach nur 10 Minuten die Straße hinunter durch den Wald laufen, wo die Besitzer des Cottages gewohnt haben, die noch ein Telefon mit Wahlscheibe hatten. Das war unser einziger Kontakt zur Aussenwelt.
Pat: In dieser Zeit dort war ich auch das erste und wohl auch das letzte mal joggen. Das war toll. Die Landschaft war so schön, dass es sich einfach angeboten hat. Zu Hause werdet ihr mich nicht beim joggen sehen! (lacht)
Rolf: Es war so paradiesisch dort, weil man daran erinnert wurde, wie viel Zugang man normalerweise im täglichen Leben zum Nachrichtenaustausch hat und wie schnell man mit seinem Umfeld kommunizieren kann. Dinge wie Facebook, Twitter, Mobiltelefone oder das Internet sind einfach ständig verfügbar, aber in diesem Cottage hatte man keine Wahl, denn all das war nicht zugänglich für uns. Es hat ein paar Tage gedauert bis wir uns daran gewöhnt hatten, dass wir darauf verzichten mussten, aber sobald wir uns darauf eingestellt hatten, war es großartig. Nach gerade einmal drei Stunden fand ich das Gefühl so abgeschieden von allem zu sein richtig gut. Man fühlte sich dadurch automatisch viel entspannter.

War es seltsam nach dieser Zeit im Cottage wieder zurück in die Zivilisation zu gehen?
Pat: Ein wenig. Wir waren für etwas über eine Woche im Cottage als wir dieses Festival gespielt haben und dafür in die Stadt gefahren zurück gefahren sind, wo all diese Menschen waren. Das hat sich schon etwas eigenartig angefühlt.

Hat sich der Kontrast zwischen den Aufnahmen in einer so ländlichen Gegend und den späteren Arbeiten in der Stadt letztendlich auf die Songs ausgewirkt?
Rolf: Ja, bis zu einem bestimmten Grad war das so. Bei keinem der beiden Orte war es vollkommen leise, was die Umgebung anging. Das Cottage war natürlich kein Aufnahmestudio im eigentlichen Sinne, daher kann man auf der Platte zum Beispiel die Vögel hören, deren Gesang durch die Fenster gedrungen ist. Die ganze ruhige und entspannte Atmosphäre, die im Cottage herrschte, findet sich auch auf dem Album wieder. Genauso war es dann auch, als wir nach Montreal kamen und das Stadtleben seinen Einfluss auf uns ausübte. Es herrschte zu diesem Zeitpunkt eine Hitzewelle in Montreal und wir waren alle verschwitzt, weil es so unheimlich heiss war. Das war ekelhaft.
Pat: Es war aber auch schön, denn wir konnten in Montreal in dem Studio schlafen, wo wir aufgenommen haben. Das war ein netter Kontrast zu der Zeit im Cottage.
Rolf: Ja, obwohl sich all das nicht wirklich auf das Songwriting ausgewirkt oder großen Einfluss gehabt hat. Es war nur für uns eine nette Abwechslung.

Diese drei Wochen im Cottage scheinen eine sehr produktive Zeit gewesen zu sein, wenn man bedenkt, dass dort viele Grundsteine für das Album gelegt wurden.
Pat: Ja, wir haben dort einige Demos aufgenommen und grundlegende Ideen für die Songs zusammen getragen.
Rolf: Pat und ich waren vier Tage vor dem Rest der Band dort und haben das Equipment aufgebaut. Jeden Abend saß Pat mit seinen Schlagzeug und seinen Kopfhörern in einem Raum und ich mit meinem Kopfhörern im anderen Raum und wir haben angefangen zusammen zu spielen. Das war echt toll, denn in diesen Momenten sind die grundlegenden Ideen für die späteren Songs, wie "Restoration" oder "Misplaced" entstanden. Für "Misplaced" hatten wir zunächst keine Lyrics, sondern nur ein paar Akkorde und Pats Schlagzeug Beat und ich hatte einige Ideen für die Melodie aufgenommen. Als dann vier Tage später unser Tontechniker ankam, hatten wir bereits ungefähr achtzehn grundlegende Ideen für Songs. Wir spielten ihm also unsere Ideen für "Misplaced" vor und wussten, dass wir unbedingt einen Song daraus machen wollten. Als es dann an die Aufnahmen dazu ging, hat uns unser Tontechniker davon abgehalten das Schlagzeug noch einmal aufzunehmen, weil er es gut fand so wie es war. Wir sind froh, dass wir auf ihn gehört haben, denn man kann auf dieser ersten Aufnahme wunderbar die Räumlichkeiten des Cottages und die Vögel draussen hören.
Pat: Dabei haben wir mehr oder weniger nur improvisiert.

War es überraschend für euch, dass das alles so schnell so gut funktioniert hat oder arbeitet ihr generell in so einem Tempo?
Rolf: Als wir im Cottage waren, haben wir zunächst eher aus Spaß aufgenommen. Es gab keinen vorab gefassten Plan, der besagt hat, dass wir an einem Tag, sagen wir, drei Demos aufnehmen müssen, die alle perfekt stimmen müssen und so auf das Album kommen.
Pat: Es gab dabei keinerlei Regeln.
Rolf: Genau, keine Regeln! (lacht) Sobald die ganze Band dann vor Ort war, hat sich der Druck für uns natürlich etwas erhöht. Es wurde insgesamt ein wenig anstrengender, auch teilweise innerhalb der Band, wenn man längere Zeit auf so engem Raum miteinander arbeitet. Als dann ein paar Dinge aus der Welt geschafft waren, war es großartig. Macht man sich auch Gedanken, weil man all das Geld hineinsteckt, extra einen Tontechniker engagiert usw. Da will man am Ende natürlich nicht mit leeren Händen nach Hause fahren, sondern ein paar Songs in der Tasche haben. Es ist also schon Druck vorhanden. Wenn wir das noch einmal wiederholen könnten, wäre es schön, wenn wir im Vorfeld ein paar Songs geschrieben hätten und dann in so einer Umgebung vielleicht noch ein paar extra Stücke schreiben könnten. Ich würde diese ganzen Erfahrungen, die wir gemacht haben aber nicht ändern wollen. Ich liebe die Songs, die dabei entstanden sind.

Kam es in der Vergangenheit vielleicht schon einmal vor, dass ihr mit dem Endergebnis einer Aufnahmesession nicht glücklich wart?
Rolf: Ja, das ist auch schon vorgekommen. Ich habe selten das Gefühl, dass ein Song für alle Ewigkeiten so bestehen bleiben muss, wie er vielleicht auf einer Aufnahme klingt. Es gibt hinterher immer die Möglichkeit ihn neu zu mixen und Veränderungen vorzunehmen. Gerade live auf der Bühne kommt es vor, dass sich die Songs verändern können. Nehmen wir zum Beispiel den Song "Bobcat Goldwraith". Ich bin nicht vollkommen damit zufrieden, was aus im geworden ist, aber so ist es nun einmal. Es war einer von zwei Songs auf dem neuen Album, für den bereits vorab Ideen vorhanden waren. Pat und ich sind die einzigen in der Band, die in derselben Stadt leben, also kommen wir des öfteren zusammen, um gemeinsam an Songs zu arbeiten. Vielleicht mag ich die jetzige Version des Songs nicht mehr so sehr, weil ich das ursprüngliche Demo wirklich mochte, welches Pat und ich innerhalb kürzester Zeit aufgenommen hatten. Als wir dann im Cottage waren, wollten wir die tolle Umgebung und all die Möglichkeiten, die sich uns boten, natürlich ausnutzen, also haben wir den Song richtig aufgenommen. Die Aufnahme, die auf dem Album gelandet ist, klingt großartig, aber trotzdem ist es nicht das, was ich in meinem Kopf höre, wenn ich an diesen bestimmten Song denke. Deswegen bin ich nicht hundertprozentig mit dem Song zufrieden, aber so etwas passiert ab und zu.

Versucht ihr dann eventuell diesen ursprünglichen Klang des Songs bei euren Shows zu reproduzieren?
Rolf: Ja, wir versuchen es zumindest.
Pat: Es macht wirklich viel Spaß diesen Song live zu spielen.
Rolf: Für die Tour-Proben sind wir alle für drei Tage nach Montreal gegangen und wir hatten den Song bis dahin zwar aufgenommen, aber nicht live gespielt. Interessanterweise haben wir den Song dann in einem Anlauf durchgespielt und es klang toll. Das war fast wie ein Wunder, weil wir einfach drauflos gespielt haben. Trotzdem bin ich nicht vollkommen mit der Album-Version zufrieden. Aber wenn ich so darüber nachdenke, werde ich wohl nie mit irgendetwas so vollkommen zufrieden sein, dass ich mich einfach glücklich zurücklehnen kann. Mittlerweile mag ich die Album-Version aber schon etwas mehr als vorher.

Auf "Glory, Hope, Mountain" findet sich ein insgesamt größerer thematischer Kontext wieder, was bei "No Ghost" nicht so sehr der Fall ist. Wolltet ihr bewusst etwas freier arbeiten, was das angeht?
Rolf: Ja, ich glaube schon. Wir wollten alle einfach als Band zusammen kommen, Songs schreiben und uns nicht allzu sehr über Thematiken Gedanken machen. Ich persönlich finde, dass es dennoch einige Thematiken gibt, die zumindest ansatzweise durchscheinen und an vereinzelten Stellen auftauchen. Diese sind aber nicht absichtlich entstanden. Es war fast so wie in den 60ern, als Soul-Platten gemacht wurden. Hier sind die Songs, nehmt sie auf, fertig. Wenn man einen wirklich zusammenhängenden Kontext anstrebt, dann muss man sich vorher darum Gedanken machen. Bei uns war das dieses Mal nicht der Fall und ich finde auch nicht, dass es unbedingt nötig ist.
Pat: Ich habe meine eigene persönliche Thematik für das Album.
Rolf: Oh ja? Welche ist das?
Pat: Das Cottage.
Rolf: All diese Zeit im Cottage war fast so etwas wie eine hilfreiche Übergangslösung für uns als Band. Wir waren davor fast zweieinhalb Jahre auf Tour und haben in dieser Zeit nicht wirklich viel abseits der Bühne oder dem Herumreisen miteinander gemacht. Im Cottage hatten wir dagegen viele Gelegenheiten dazu und es war zurückblickend betrachtet eine sehr erholsame Zeit für uns als Band, die uns wirklich gut getan hat.
Pat: Ja, das stimmt. Ausserdem haben wir jeden Abend zusammen an einem großen Tisch zu Abend gegessen. Das war fantastisch.

Es war also an der Zeit einmal aus der gewohnten Umgebung mit all seinen Mustern auszubrechen und zusammen als Band fernab davon Zeit miteinander zu verbringen?
Rolf: Das kann man so sagen. Wenn du dich immer in einem gewohnten Umfeld bewegst, verfällst du in bestimmte Verhaltensmuster. Darum ist es hilfreich, wenn man ab und zu eine andere Umgebung sieht. Ich glaube jeder Musiker wird dir erzählen, dass es sinnvoll ist, wenn man zum Beispiel auf Reisen geht, neue und inspirierende Dinge sieht und die alte Umgebung für eine Zeit lang hinter sich lässt. Für uns war die Zeit im Cottage so etwas wie eine kleine Belohnung oder ein Geschenk. Wir wollten nicht einfach in einem Keller oder einem gewöhnlichen Studio aufnehmen, sondern irgendwo hingehen, wo es schön ist und wir uns wohl fühlen. Es war nicht der Fall, dass wir unbedingt alles hinter uns lassen wollten, so wie Bon Iver, der sich von seinem Umfeld isolieren und niemanden sehen wollte, weil er so deprimiert war (lacht). Bei uns war das ganz anders. Wir waren auf der Suche nach einem Ort, der Platz für sechs Musiker bot und an dem wir Lärm machen konnten. Letztendlich hat die Größe des Cottages gestimmt, der Preis war okay und durch einen Zufall lag das Cottage an einem wunderbaren See und die Gegend war ziemlich abgeschieden. Wir hatten einfach Glück!

Wie seid ihr denn bei eurer Suche auf genau diesen Ort aufmerksam geworden?
Rolf: Im Internet.
Pat: Wir haben nicht zwanghaft nach einem so abgeschiedenen Cottage mit einem See gesucht. Das war reine Glückssache.
Rolf: Die Besitzer haben dieses Cottage ursprünglich für ihre Kinder gebaut und wollten noch weitere Häuschen am See hinzufügen. Alle vorherigen Mieter haben aber diese Abgeschiedenheit so schön gefunden, dass die Besitzer ihre Pläne geändert haben. Der See war wirklich sehr klein, so dass man problemlos zum anderen Ende sehen und durchschwimmen konnte. Wir sind ja keine Band, die pro Jahr Millionen von Dollars macht, aber wir hatten ein wenig Geld und wollten uns daher etwas Gutes tun. Hätten wir nur einen Song zustande gebracht, wäre das auch gut gewesen und umso besser, wenn noch mehr dabei herausgesprungen wären. Unser Plan war es einfach zusammen zu sein und Songs zu schreiben. Der Druck und die eigene Erwartungshaltung waren nicht so wichtig, obwohl wir nicht unbedingt ein halbes Jahr lang damit zubringen wollten Songs aufzunehmen.

Habt ihr während der letzten Alben besondere Arbeitstechniken oder Herangehensweisen entwickelt, wenn ihr euch einem neuen Projekt widmet oder arbeitet ihr stets nach denselben Mustern?
Rolf: Ich lese viele Musikmagazine und interessiere mich für alle möglichen Techniken, die es in der Geschichte des Songwritings so gibt. Es gibt so viele unterschiedliche Arten, wie man einen Song schreiben und aufnehmen kann. Bei uns ist es oft so, dass Pat und ich im Keller improvisieren und dabei alles aufnehmen. Ich mag diese Art und Weise wie Songs entstehen können sehr.
Pat: Zu wissen, dass alles, was du gerade aus einem Impuls heraus spielst, festgehalten wird, ist toll. Alle Ideen, die dabei zustande kommen, gehen nicht verloren und so kann man sich ganz locker und entspannt an die Arbeit machen. Das funktioniert natürlich nicht immer, aber wenn es doch hinhaut, dann ist das wunderbar.
Rolf: Es gibt auch Zeiten, in denen ich einfach alles aufschreibe, was mir durch den Kopf geht und dann hinterher gucke, ob ich irgendetwas davon gebrauchen kann. Meine liebste Art Songs zu schreiben, ist es aber, wenn ich ganz alltägliche Dinge mache. Ich laufe zum Beispiel die Straße hinunter, füttere meine Katze oder gehe meine Wäsche waschen und plötzlich habe ich diese eine Melodie im Kopf, die aus dem Nichts heraus kommt. Dann setze ich mich hin, schreibe alles auf und es ist oft der Fall, dass daraus meine Lieblingssongs entstehen. Ich mag es hingegen nicht so, wenn ich eine Idee habe, die Hälfte des Songs fertig stelle und dann zwei Wochen damit verbringe ihn zu beenden. Dann denke ich am Ende immer "Ich hasse diesen Song!" (lacht) Ich mag es generell zu experimentieren, wenn es um die Art und Weise geht Songs zu schreiben. Ich würde mich niemals festlegen wollen, was das angeht. Um besser zu werden, muss man nun einmal neue Sachen ausprobieren. Ich weiß zwar, was mich inspiriert und was mir weiterhilft, aber das heisst nicht, dass ich mich nicht neuen Möglichkeiten öffnen und unbekannte Dinge ausprobieren will. Das hört man unseren Alben auch an, denn sie sind ihrem Wesen nach doch sehr unterschiedlich, was das angeht.

Nachdem ihr in der Vergangenheit so viel auf Tour gewesen seid, könnt ihr bei den jetzigen und kommenden Tourneen wählerischer sein, was die Auftrittsorte und die Rahmenbedingungen angeht?
Rolf: Oh, ich weiß nicht genau. Unser Booker ist immer noch dafür verantwortlich unsere Konzerte zu planen, aber wenn ich so auf Zeiten zurückblicke, wo ich zum Beispiel in anderen Bands gespielt habe, dann macht es jetzt viel mehr Spaß unterwegs zu sein. Damals war es mit anderen Bands in denen ich gespielt habe oft so, dass ich nicht so glücklich mit dem allgemeinen Programm war, weil ich teilweise die anderen Bands nicht so gut fand. Es ist viel schöner, wenn man sich mit Bands eine Bühne teilt, die man selbst mag und respektiert. Ich mag es eine insgesamt stimmige Atmosphäre für den Zuschauer zu schaffen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich gerne noch ein bisschen wählerischer, was das Touren angeht (lacht), aber momentan habe ich keinen Grund mich zu beschweren, weil es wundervoll ist in Europa unterwegs zu sein und all diese Menschen zu treffen, die zu unseren Konzerten kommen.

Als Musiker will man natürlich, dass so viele Menschen wie möglich die Gelegenheit haben die eigenen Songs zu hören. Auf der anderen Seite kann es unter Umständen auch sehr anstrengend sein so viel zu touren. Ist das ein Konflikt, der für euch persönlich eine Rolle spielt?
Rolf: Für mich persönlich war das bisher noch nie ein Problem. Ich bin nicht verheiratet, habe kein Haus oder Kinder, was die Sache einfacher macht. Mein Vater ist durch seine Arbeit viel auf der Welt rumgekommen und war in Asien und Afrika unterwegs. Ich fand es schon damals spannend all diese Bilder von seinen Reisen zu sehen und wollte gerne so viele Orte wie möglich bereisen. Ich hätte nie gedacht, dass ich selbst so viel reisen würde, daher bin ich sehr froh, dass ich die Möglichkeit habe all diese Orte zu sehen und neue Menschen kennen zu lernen. Natürlich kommt es vor, dass man manchmal müde wird und eine Pause vom Touren braucht, aber ich würde nicht sagen, dass ich mich unnötig beschwere, wenn wir auf Tour sind. Mal ehrlich, wie viele Chancen hat man in seinem Leben so etwas zu machen? Wenn ich von einer Tour zurück komme, ist es aber so, dass ich eine gute Woche brauche, in der ich nicht viel rausgehe und nur mit wenigen Menschen Kontakt habe. Andererseits kommt es vor, dass man an einem Abend so kaputt ist, weil man gerade drei Konzerte infolge gegeben hat, aber man sich trotzdem aufrafft auszugehen, weil man nette Leute kennen lernt und eine Stadt besonders spannend erscheint. So wie gestern Abend! (lacht)
Pat: Ja, der gestrige Abend war toll! Ich war ziemlich müde und hatte mir vorgenommen ganz bestimmt nicht auszugehen, aber genau in solchen Momenten triffst du wahnsinnig nette Menschen und schon bist du abends doch wieder unterwegs anstatt dich in deinem Hotelzimmer auszuruhen.

Der Zusammenhalt der Band ist durch die Zeit im Cottage stärker geworden, schweisst euch das Leben auf Tour auch so eng zusammen?
Pat: Ich finde es großartig mit der Band auf Tour zu sein und meiner Meinung nach funktioniert das wirklich gut.
Rolf: Ich glaube, dass die Band so gut wie schon lange nicht mehr miteinander auskommt. Howie, eines der Gründungsmitglieger der Band, musste leider aussteigen, weil irgendwann der Zeitpunkt kam, an dem er sich auf seine andere künstlerische Begabung konzentrieren musste. Er stellt mittlerweile weltweit seine Kunst in Galerien aus. Der Stress wurde irgendwann zu groß, denn er konnte unmöglich das Leben auf Tour und seine Kunst unter einen Hut bekommen. Ich habe mich schlecht gefühlt, als er Projekte abgesagt hat und wollte auch nicht, dass er so viele Kompromisse eingehen muss. Daher war es unvermeidlich, dass er gegangen ist, auch wenn es gleichzeitig sehr traurig war. Auf Tour passiert es schon mal, dass einem die kleinsten Dinge auf den Keks gehen, weil man nicht genügend geschlafen oder einen Kater hat. Dennoch ist es so, dass jeder von uns sehr respektvoll miteinander umgeht und wir hatten zum Glück noch keine physischen Auseinandersetzungen innerhalb der Band. Wir kommen alle wirklich gut miteinander aus, was sehr schön ist. Wir können zusammen lachen und jeden Abend ist ein anderer in der Band der Star, weil er irgendetwas besonders lustiges gemacht hat. Ich mag das an unserer Band.
Pat: Es gibt andere Bands, die gar nicht miteinander klar kommen, in gesonderten Zimmern schlafen und nicht einmal zusammen essen.

Wirkt sich auf Tour der Kontakt mit so vielen unterschiedlichen Kulturen auch automatisch auf das Songwriting aus und ihr fühlt euch in einem höheren Maße inspiriert?
Rolf: Wenn wir auf Tour sind, denke ich persönlich nicht so viel über Musik nach. Ich liebe es mit anderen Sprachen in Kontakt zu kommen und verschiedene Kulturen zu erleben und mehr über diese zu erfahren. Es gibt aber Orte, an denen man sich sehr inspiriert fühlen kann. Amsterdam ist so eine Stadt. Sie ist so vollkommen. Ich würde dort gerne etwas mehr Zeit verbringen, mir eine Wohnung mieten und Songs schreiben. Das Reisen inspiriert mich in dem Sinne, dass ich dadurch sehr positiv gestimmt werde. Wenn ich dann wieder zurück nach Hause komme, fange ich meistens an über alle möglichen Erlebnisse nachzudenken, weil ich erst dann zur Ruhe komme. Wenn ich reise, bin ich sehr aufgeregt und gespannt, was alles um mich herum passiert und versuche so vieles wie möglich davon in mir aufzunehmen. Erst hinterher, wenn ich zu Hause bin, kann ich meine Gedanken und Gefühle ordnen und in Songs zum Ausdruck bringen. Mir war das bis eben noch gar nicht bewusst bevor du mich gefragt hast! Jetzt weiß ich, warum ich auf Tour nicht dazu komme mich mit Musik zu beschäftigen oder Songs zu schreiben. (lacht)

Ich kann mir vorstellen, dass diese gewonnene Distanz zu all den gesammelten Eindrücken auch nötig ist, um sie überhaupt in der gewünschten Weise zu verarbeiten.
Rolf: Ja, das ist richtig. Bei "Glory, Hope, Mountain" war das genauso. Ich habe all diese Nachforschungen über das Leben meiner Mutter angestellt und viele Interviews gemacht. Danach habe ich sieben Monate lang gar nichts geschrieben und mir gedacht "Oh mein Gott, ich habe all diese Interviews vor mir liegen, aber habe noch nichts auf's Papier gebracht!". Ich glaube, ich konnte unmittelbar nach all dem nicht sofort mit dem Schreiben anfangen, weil alles erst ein Teil meiner Erinnerung werden musste, damit ich es wirklich verarbeiten konnte. Bestimmte Atmosphären und Stimmungsbilder können mich direkt beeinflussen und inspirieren, aber Gedanken und besonders Worte brauchen ihre Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten.

Apropos Stimmungen, wie verhält es sich mit euren Konzerten - seid ihr immer auf Knopfdruck bereit zum Spielen, auch wenn ihr mehrere Shows ohne einen Tag Pause spielt?
Pat: Ich bin immer in der Stimmung, um zu spielen! (allgemeines Gelächter)
Rolf: Da hast du dein Zitat, er ist immer in der Stimmung!
Pat: So ist es. Ich freue mich sogar schon jetzt in diesem Moment darauf auf die Bühne zu gehen.
Rolf: Ich muss sagen, dass Pat wirklich eine unheimlich gute Ergänzung für die Band ist. Er ist vor fast zwei Jahren zur Band gestoßen und seitdem ist mir auch wieder bewusst geworden wie viel Spaß es macht auf der Bühne zu stehen und zu spielen, einfach weil Pat immer so aufgeregt ist und Lust hat loszulegen. Selbst, wenn ich einmal nicht in der richtigen Stimmung bin, bin ich es spätestens, wenn ich mir Pat ansehe (lacht).
Pat: Wie kann ich auch nicht aufgeregt sein, wenn ich an all diesen unglaublichen Orten in Europa spiele? Da muss man doch einfach Spaß haben. Ich bin jederzeit bereit (lacht).

20.06.2010 // annett
 

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