Black Rebel Motorcycle Clubinterview mit Robert, Leah und Peter

von Annett Bonkowski · 10.03.2010

Rock'n'Roll ist viel mehr als nur Musik. Es ist eine Lebenseinstellung und Black Rebel Motorcycle Club sind ihr zutiefst verbunden. Dabei geht es nicht um schwarze Lederjacken oder laute, rebellische Songs, sondern darum, sich nicht von seinem Umfeld von der Bahn oder den eigenen Prinzipien und Vorstellungen abbringen zu lassen. Black Rebel Motorcycle Club beschreiten diesen Weg selbstsicher und machen sich und anderen nichts vor. Auf ihrem neuen Album "Beat The Devil's Tattoo" haben sie Leah Schapiro als festes Mitglied und neue Drummerin in ihren Kreis aufgenommen. Im Interview mit uns sprechen sie offen und gewitzt u.a. davon, dass sie auf der Hut davor sind, sich für niemanden zu verbiegen und darüber, was Musik in ihnen auslöst.

Muss man sich eigentlich Sorgen über euer polizeiliches Führungszeugnis machen? Es machen Nachrichten die Runde, dass ihr den Titel eures neuen Albums "Beat The Devil's Tattoo" gerne hier und da in eurem Umfeld als Graffiti hinterlasst.
Robert: Nein, wir sind mittlerweile alle Profis, was das angeht (lacht). Wir haben damit um Thanksgiving herum letztes Jahr in L.A. angefangen.
Leah: Ja, um genau zu sein am Vorabend von Thanksgiving.
Robert: Ich habe diese total ramponierte Werbetafel in L.A. gesehen und fand, dass sie auf ihre Art und Weise ein Kunstwerk darstellte. Wir wollten einfach ein Foto davon machen und sie mit unserem Albumtitel versehen, weil uns das als eine gute Idee erschien. Also sind wir da raufgeklettert und haben uns fast das Genick dabei gebrochen, weil es eine sehr waghalsige Angelegenheit war. Eine Freundin hat dann ein Foto vom Ergebnis gemacht, aber das war nur eine Aktion von vielen.

Und ihr seid niemals dabei erwischt worden?
Robert: Naja, nicht wirklich. Also zumindest wurden wir nicht bestraft. Nur einmal haben wir eine Verwarnung bekommen. (Verstellt seine Stimme) "Macht das nicht noch einmal!"

Solange das Brechen von Gesetzen nicht auf der Tagesordnung steht...und künstlerisch gesehen, habt ihr da schon einmal irgendwelche eurer Vorsätze gebrochen?
Peter: Darüber lässt sich debattieren. Wir haben mittlerweile einen Weg gefunden, um unsere eigenen Regeln ab und an zu brechen. Eine persönliche, aber nicht auf die Kunst bezogene, Regel für mich lautet, niemals mit Geld in der Tasche zu spielen. Ich habe den Fehler bereits einmal begangen und eine schreckliche Show gespielt. Das habe ich hinterher eingesehen und genau aus diesem Grund würde ich das nicht noch einmal machen. Aber um auf die Musik zurückzukommen, da haben wir bereits eine unserer ersten Regeln gebrochen, nämlich in dem wir erlaubt haben, dass unsere Musik für Werbezwecke verwendet wurde. Dennoch haben wir einen Weg gefunden, damit wiederum anderen Menschen zu helfen, denn wir verwenden das dadurch verdiente Geld nicht für unsere Zwecke. Bei dieser einen Sache haben wir also einen unserer Vorsätze gebrochen.

Was wäre denn für euch in dieser Hinsicht die oberste Grenze, die ihr nie überschreiten würdet, um eure künstlerische Integrität zu bewahren?
Robert: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Ich bin mir sicher, dass eine Menge Bands da draussen genau mit der gleichen Frage zu kämpfen haben. Ich kenne zumindest einige, wo das der Fall ist und es innerhalb der Band zu Unstimmigkeiten und Diskussionen kommt, weil sie sich in dieser Hinsicht nicht einigen können. Das kann teilweise recht unangenehm sein. Es ist wie ein Spiel, das sich in den letzten fünf bis sieben Jahren immer drastischer verändert hat, was den geschäftlichen Teil vom Musikbusiness angeht. Die Veränderungen sind vielleicht noch erheblicher als vor zwanzig oder dreißig Jahren, weil die Wege, auf denen die Musik Menschen erreicht, sich ebenfalls verändert haben. Es hat sich, allgemein betrachtet. eine gewisse Auffassung herausgebildet, was man machen kann und was man eventuell lieber lassen sollte. Wenn das Leben so schnell an dir vorbei zieht und die Welt sich unaufhörlich verändert, dann kommt es darauf an, dass du nicht zu einem dieser Arschlöcher wirst und anfängst dich den Dingen um dich herum zu beugen. Das Musikbusiness verhält sich nun einmal so. Rock'n'Roll bedeutet für mich, dass man keine Angst vor solchen Veränderungen haben und das Leben so nehmen sollte, wie es kommt, ohne sich dabei zu verbiegen.
Peter: Als wir angefangen haben Musik zu machen kamen wir aus einer völlig anderen Ecke als die meisten anderen Bands zu dieser Zeit. Für uns hatte zum Beispiel die Frage nach Integrität nie etwas mit einem Label oder etwas Ähnlichem zu tun. Egal, ob du bei einem Major oder ohne Plattenvertrag bist. Für uns ging es immer nur um die Band selbst und darum uns selbst treu zu bleiben. Entweder wirst du zu einem mürrischen Trottel, der sich nur noch Sorgen um's Geld macht, oder du versuchst das Gegenteil zu werden, sozusagen das Gift im Bauch der Bestie. Wir hatten von Anfang an den Plan unseren eigenen Weg zu gehen und haben uns einfach an den Hals dieses ganzen Business geworfen. Seitdem versuchen wir uns durchzuschlagen und dabei unsere Prinzipien und Vorstellungen aufrecht zu erhalten, die wir seit Beginn an in unseren Hinterköpfen haben. Wir wollen einfach nur gute Musik machen.

Habt ihr jemals das Gefühl gehabt musikalisch am Ziel angekommen zu sein oder kann so ein Gefühl, wenn überhaupt, nur temporärer Natur sein, weil man sich als Musiker ständig weiter entwickelt?
Robert: Oh ja, wir hatten schon einige Male das Gefühl musikalisch angekommen zu sein...bis wir wieder abgereist sind (alle lachen). Das Komische ist, dass wir uns jedes Mal auf's Neue beweisen müssen. Dabei kann ich nicht genau sagen, ob uns dieses Gefühl und der damit verbundene Druck von ausserhalb auferlegt wird oder ob ich mir all das selbst auferlege. Wahrscheinlich verfalle ich dem Druck selbst am meisten. Dennoch fühlt sich alles jedes Mal sehr wirklich an, wenn wir ein neues Album machen. Es ist fast so, als ob jede Platte die Erste wäre. Das habe ich so nicht erwartet, als wir angefangen haben Musik zu machen. Ich dachte immer, dass man irgendwann ankommt, was die musikalische Reise angeht, aber das ist nicht der Fall. Jedes Album ist dabei wichtig. Ich weiß nicht warum das so ist, aber so ist es nunmal.

Du hast vorhin angesprochen, dass sich das Leben und alles um einem herum sehr schnell verändern kann. Gibt es unter diesen Umständen noch das Streben nach einem zeitlosen Musikstück aus rein kompositorischer Sicht?
Robert: Ob ein Song zeitlos ist oder nicht, darüber kann nur der Hörer entscheiden. Wir würden uns nicht anmaßen wollen einem Musikstück diesen Stempel aufzudrücken. Man hofft natürlich, dass der eine oder andere Song eine längere Lebenserwartung hat als zum Beispiel die Klamotten, die du dir vielleicht gerade gekauft hast. Es ist schön, wenn Menschen eine bestimmte Musik für längere Zeit mich sich herumtragen können, aber es wäre ziemlich frech, wenn wir das von unserer eigenen Musik behaupten würden.

Ihr scheint musikalisch nie auf der Stelle zu treten und habt mit Veröffentlichungen wie zum Beispiel "Howl", der "American X" EP oder dem Download von "The Effects of 333" viel Experimentierfreude gezeigt. Viele andere Rock'n'Roll Bands, hingegen, wagen diesen Schritt jedoch nicht. Ist euer musikalisches Schaffen eine bewusste Reaktion darauf?
Robert: Vielleicht eher eine unbewusste Reaktion. Es ist so schwer Musik zu machen, die einzigartig ist, eine besonderen Wert und vor allem Substanz hat. Etwas schwierigeres kannst du gar nicht versuchen zu vollbringen. Allein darum geht es uns, wenn wir ehrlich sind. Es geht nicht darum besonders experimentell zu sein, denn Musik zu machen, die künstlerisch gesehen wertvoll ist, ist bereits das größte Experiment an sich. Es kommt nicht oft vor, dass du einen Song, ein Album oder gar eine Band hörst, die dir genau diesen Eindruck vermitteln. Dabei kann ein explizit experimenteller Ansatz dahinter stecken, aber es kann auch ein simples Rock Album sein, das genau die gleiche Wirkung auf dich hat. Es ist wichtig, dass du einfach du selbst bleibst, egal was du letztendlich machst.
Peter: Es ist ja nicht so, als hätte man als Musiker eine wirkliche Wahl, als die Person zu bleiben, die man ist. Wir können nur hoffen, dass wir einen Song schreiben, der eventuell eine Verbindung zu anderen Menschen herstellen kann. Und selbst das ist nur zweitrangig, denn in allererster Linie muss der Song für uns selbst einen Sinn ergeben. Daher kann ich Robert in seinen vorherigen Ausführungen nur Recht geben, wenn er sagt, dass sich jeder Song auf eine gewisse Weise völlig neu anfühlt. Es könnte der erste, aber gleichzeitig auch der letzte Song sein. Das kann niemand vorhersagen. Schließlich ist alles nur ein Experiment.
Leah: Wir können ebenso wenig vorhersagen, was musikalisch bei uns passieren wird oder wie die Reaktionen letztendlich darauf ausfallen werden.
Robert: Bei uns funktioniert das nicht, aber ich kenne ein paar Leute, die versuchen genau das zu tun. Sie versuchen die Reaktion des Publikums im Vorfeld einzuschätzen und sich daran zu orientieren. Manchmal klappt das vielleicht, aber meistens ist das unmöglich.
Peter: Dieses Verhalten erinnert mich sehr an die ganze Fashion Industrie, wo einem ständig vorgegaukelt wird, was das nächste große Ding sein und was man bald tragen wird. Einer macht es vor und bald danach wird dir irgendein Trend aufgezwungen. Ich glaube, was die Musik angeht, könnte das ganz ähnlich funktionieren. Nein, ich bin mir sogar sicher, dass bereits in dieser Form Musik gemacht wird. Aber dazu kann ich dir nicht viel sagen, da müsstest du eine andere Band fragen (lacht). Natürlich ist uns bewusst, dass es diesen Weg gibt Musik zu machen, denn als Band bekommt man davon Wind, wenn man sich in den Gefilden von Plattenlabels bewegt. Aber ganz ehrlich, die haben doch nicht die leiseste Ahnung von dem, was sie tun. Die machen die ganze Zeit über irgendwelche großen Pläne, wie sie noch mehr Geld scheffeln können und überschütten dich mit Ideen, nur um das investierte Geld wieder aus dir raus zu holen. Alles andere interessiert die doch gar nicht.
Robert: Das alles hat vielleicht auch seine gute Seite. Man muss bedenken, dass die ganze Musikindustrie immer weniger nach diesen künstlichen Mustern zu funktionieren scheint, und das wird in Zukunft noch viel mehr der Fall sein. Folglich gibt es immer weniger Bands, die nach diesem Schema gebaut sind. Du kannst heutzutage, was echte Rock'n'Roll Musik angeht, sowieso kaum noch Geld machen. Deswegen versuchen ja auch einige Künstler, die eigentlich Popmusik machen, plötzlich cool zu sein und werfen sich Lederjacken über und geben sich als Rockstar, obwohl sie mit der Einstellung, die dahinter steckt gar nichts am Hut haben. Aber selbst die werden schnell merken, dass man damit kein Geld mehr machen kann und spätestens dann sind sie wieder verschwunden. Darüber brauchen wir uns also keine Sorgen zu machen. Wenn der Geldhahn erst einmal zugedreht ist, sind sie schnell weg vom Fenster und suchen sich etwas neues(lacht). Und im nächsten Moment rennen sie dem Geld an anderer Stelle nach, so läuft das nunmal...
Peter: Fuck them! Lasst sie doch gehen! (Alle lachen)

Gerade was Popsongs angeht, bietet sich einem ja viel Einheitsbrei. Haltet ihr es daher für umso notwendiger und wichtiger eure Hörer ständig herauszufordern und sie mit neuen Inhalten zu konfrontieren? Ich denke da an Songs wie "Half-State" auf eurem neuen Album "Beat The Devil's Tattoo", der allein über zehn Minuten lang ist. Der normale Popmusik-Hörer wäre damit vielleicht schon überfordert.
Leah: Und das ist nur die gekürzte Version...
Peter: Wenn sich unsere Hörer schon von einem Song wie "Half-State" gefordert fühlen würden, dann hätten wir verdammt Schwein gehabt (lacht). Also mal angenommen das wäre der Fall, dann würde ich mich für sie freuen, denn das würde bedeuten, dass sie ein ziemlich einfaches Leben haben, in dem sie wohl ansonsten nicht viel gefordert werden. Mal ganz ehrlich, wenn sich jemand von einem Song überfordert fühlt, dann sollte er die Klappe halten und sich am besten nicht bei anderen darüber beschweren. Das ist doch eher bedauernswert (alle lachen).

Und worin liegt für euch als Band die Herausforderung, wenn ihr Musik macht?
Peter: Zum Beispiel darin, dass wir unsere Musik niemals als formvollendet betrachten. Die Songs sind auf eine Art und Weise nie völlig abgeschlossen oder haben ihren Endpunkt erreicht. Sie sind immer nah dran, aber doch nie ganz im Ziel. Es geht für uns eigentlich nur darum, dass wir uns trotzdem daran wagen die Songs letztendlich so gut wie möglich zu machen, auch wenn man noch das eine oder andere an ihnen verbessern könnte. Die Herausforderung liegt für uns darin, dass wir die Tatsache akzeptieren, dass der Prozess des Songwritings niemals zu einem perfekten Ergebnis führen kann. Allein aus dem Grund, dass uns dieser Aspekt bewusst ist, können wir trotzdem glücklich mit dem Resultat sein, das in diesem speziellen Moment entstanden ist und weitermachen.

Wann gelangt ihr an den Punkt, an dem ihr die entstandene Idee ruhen lasst und sie, zumindest vorläufig, als beendet betrachtet, damit ihr euch Neuem zuwenden könnt?
Peter: Das entscheiden wir gar nicht selbst, sondern die Zeit entscheidet das für uns. Die Songs entwickeln und verändern sich ständig und irgendwann kommt der Punkt, an dem es an der Zeit ist, weiterzumachen. Du fühlst es einfach, wenn es soweit ist. Manchmal entscheiden auch bestimmte Lebensumstände, wann der Zeitpunkt gekommen ist. Wir hatten Glück, denn insgesamt gesehen, und im Vergleich zu anderen Bands, haben wir uns mit der Arbeit am neuen Album Zeit lassen können.
Robert: Du befindest dich ja auf einer Art Straße, wenn du Musik machst und da gibt es am Straßenrand gewisse Hinweise, die dir sagen, wann du von einer Idee loslassen und dich neuen Dingen zuwenden solltest. Diese Hinweise können zeitlicher oder auch geldlicher Natur sein. Natürlich kannst du versuchen sie zu ignorieren oder dich krampfhaft an ihnen festzuklammern, aber damit wurdest du der Idee selbst nur schaden und sie womöglich umbringen. Wir machen ja schließlich nicht aus finanziellen Gründen Musik. Loslassen ist ein sehr wichtiger Teil des ganzen Prozesses. Ich habe unsere Songs noch nie als fertiges Produkt gesehen, an dem nicht mehr gerüttelt werden kann. Selbst, wenn wir unsere Songs veröffentlichen, sind sie niemals wirklich abgeschlossen und wir arbeiten weiterhin an ihnen, schreiben neue Parts o.ä. und verändern sie dadurch. Es gibt eine Reihe von Songs, die sich selbst jetzt noch in ihrer Form wandeln, weil mir etwas neues einfällt, was ich unbedingt einbauen muss oder ich fange zum Beispiel plötzlich auf der Bühne an einen völlig anderen Mittelteil zu spielen und führe den Song in eine ganz andere Richtung. Auf diese Weise versuche ich die Songs lebendig zu halten und betrachte sie nicht als beendet.

Wenn ihr an die Arbeit im Studio denkt, legt ihr von vornherein die Latte recht hoch, was die Qualität des Songmaterials oder die der Aufnahmen betrifft oder arbeitet ihr mit einer eher unbekümmerten Einstellung und lasst alles auf euch zukommen?
Robert: Ich würde sagen, dass beides der Fall ist.
Leah: Wir sind schon sehr darum bemüht, dass im Studio alles so perfekt wie möglich abläuft und unsere Leistung auf den Aufnahmen ebenfalls von sehr hoher Qualität ist.

Also stecken doch kleine Perfektionisten in euch?
Robert: Ja, wir können als Band ohne Probleme als typische Perfektionisten durchgehen. Am Anfang versuchen wir noch uns einfach treiben zu lassen, aber je länger wir an einem Stück arbeiten, umso mehr kommt der Drang in uns durch alles perfekt zu machen und viel Wert auf kleine Details zu legen. Das ist eigentlich ein ganz natürlicher Prozess, wenn man sich so lange mit einer bestimmten Sache beschäftigt. Nach einer gewissen Zeit starrst du nur noch darauf und dir fallen immer neue Dinge ein, die du ausprobieren kannst. Mit unserem letzten Album haben wir gerade in der Endphase im Studio sehr lustige Momente erlebt. Vor allem, als es an den Feinschliff der Songs ging (schwelgt in Gedanken und lacht). Wir haben uns in dieser Zeit viele alte Alben von den Beatles angehört. Die sind wirklich großartig musikalisch abgestimmt, aber gleichzeitig auch in einem für heutige Verhältnisse sehr kurzen Zeitraum entstanden. Da haben wir schon für einen Moment angefangen darüber nachzudenken, ob es nicht besser ist, alles innerhalb von vielleicht zehn Tagen aus dir rauszuholen anstatt ewig im Studio zu sitzen und an den Songs zu feilen. Es ist komisch, wenn so eine Vorstellung plötzlich zu etwas Exotischem wird (lacht)...und es ist so verlockend...so verlockend, aber wahrscheinlich unerreichbar. Ach, ich weiß auch nicht...wir sind schon ein wenig schizophren, was das Ganze angeht. Wir sind also eine Mischung aus schizophrenen Persönlichkeiten und Perfektionisten...du merkst, wenn man mit uns rumhängt, kann man richtig viel Spaß haben (alle lachen).

Bei eurer im November veröffentlichten "Live" DVD bekommt man als Zuschauer Konzertmitschnitte eurer letzten Tour geboten u.a. auch von eurem letzten Konzert in Berlin. Gab es einen bestimmten Grund, warum gerade die Städte Berlin, Dublin und Glasgow auf der DVD wiederzufinden sind?
Robert: Die Firma, die für das Mitschneiden des Video-Materials für die DVD verantwortlich war, hatte ihren Sitz in Europa. Daher war es nahe liegend, dass wir irgendwo in Europa Shows aufzeichnen würden. Schon allein aus finanzieller Hinsicht war es von Vorteil. Ich weiß gar nicht mehr genau, ob wirklich wir allein die Entscheidung wegen der Auswahl der Städte getroffen haben oder ob uns diese drei Städte empfohlen wurden. Ursprünglich wollten wir auch in London Filmaufnahmen machen, aber die Kosten dafür waren einfach zu hoch. Wir haben damals im Londoner Roundhouse gespielt und die Verantwortlichen dort wollten allein für das Filmen ganze 10,000 US Dollar haben! Es gab eine Reihe von Veranstaltungsorten, die ähnlich hohe Forderungen gestellt haben. In Berlin, Dublin und Glasgow war das zum Glück nicht der Fall und die Verantwortlichen sowie die Promoter waren ziemlich cool, was das Filmen anging. Daher fiel die Wahl schließlich auf diese drei Städte.

Wenn man sich eure DVD so ansieht, dann wird deutlich, dass die Aufnahmen etwas von den Standards abweichen, vor allem, was die oft unruhige Kameraführung oder die nicht lupenreine Auflösung angeht. Genau dadurch wirken die Live-Aufnahmen jedoch so authentisch. Hattet ihr bezüglich der Aufnahmen in irgendeiner Weise ein Mitspracherecht und konntet somit Einfluss auf das Ergebnis ausüben?
Robert: Da stimme ich dir zu, was die Wirkung angeht. Um ehrlich zu sein, bin ich kein großer Fan von Live-DVDs. Einer der Gründe, warum wir so lange damit gewartet haben ist, weil wir es richtig angehen und vor allem umsetzen wollten. Es sollte nicht einfach nur nur Live-Material sein, was lieblos auf den Markt geworfen wird. Es ist ganz und gar der Verdienst von Tessa Angus, die ganz nebenbei auch eine wahnsinnig gute Fotografin ist. Sie macht seit Jahren Fotos von uns und hat uns für unsere ganzen letzten Alben abgelichtet, auch bei "Beat The Devil's Tattoo". Sie hatte bei der DVD die Fäden in der Hand und hatte, was das Filmen angeht, das absolute Sagen. Ein Jahr lang hat sie all ihre Energie in die Arbeit rund um die DVD gesteckt und die Aufnahmen bearbeitet etc. Wir haben ihr da vollkommen vertraut und uns nicht eingemischt.

Wie wichtig ist es für euch euren musikalischen Lebensweg auf diese Weise, seien es Fotos oder Live-Aufnahmen, zu dokumentieren?
Robert: Es ist ein schöner Pluspunkt würde ich sagen (lacht).
Peter: Das Interesse Fotos o.ä. Dinge zu machen, muss schon von ausserhalb kommen, denn wir gehören nicht zu der Sorte von Menschen, die die Kamera auf sich selbst richten.

Ich glaube eine Menge Fans da draussen haben sich schon lange Zeit eine Live-DVD von euch gewünscht und haben diesen Wunsch ja auch mehrfach laut geäussert.
Peter: Ja, das ist wahr, aber wie gesagt, wenn das Interesse nicht von ausserhalb da gewesen wäre und Tessa so viel Einsatz gezeigt hätte, dann wäre diese DVD womöglich erst gar nicht entstanden. Wir sind nicht sonderlich an uns selbst interessiert, als dass wir uns ohne dieses Entgegenkommen von außen hingesetzt und eine DVD gemacht hätten. Ein weiterer Freund von uns, Charles (Mehling, Anmerk. d. Red.), hat zum Beispiel unsere erste Van Tour dokumentiert und ausserdem noch ein paar Videos für uns gedreht. Jetzt macht er für viele andere Künstler Videos und dreht Werbespots. Jedenfalls hat er einen Haufen Aufnahmen von uns, wie wir kreuz und quer mit unserem Van durch die Staaten gefahren sind. Wer weiß, ob das Material jemals seinen Weg an die Oberfläche finden wird...warte mal, ich glaube, ein paar Sachen davon kursieren sogar schon in der Öffentlichkeit. Es gibt so viele Menschen, die ihrer Umwelt unbedingt ständig mitteilen müssen, was sie gerade tun und warum sie dieses oder jenes machen.

Auf der letzten Tour hast du, Leah, das erste Mal den Platz hinter dem Schlagzeug eingenommen. Was habt ihr von dieser Tour mit nach Hause genommen bevor ihr als "neues" Trio zusammen ins Studio gegangen seid?
Leah: Als wir nach der letzten Show nach Hause gekommen sind, ich glaube die war in Bogoto, da...hey, warum lachst du? (Robert fängt an zu lachen)
Robert: Ich muss nur gerade daran denken, was wir von der letzten Tour MITgenommen haben...all die kostenlosen Shampoo-Proben, Sachen aus der Mini-Bar, die du dir in die Taschen stopfen kannst (alle lachen). Wir haben erst gestern Abend darüber geredet, was wir zum Beispiel bei all den Frühstücksbuffets in Hotels so alles mitgehen haben lassen...unsere Jackentaschen waren voller Croissants, Würstchen usw. Wir haben uns manchmal gegenseitig angesehen und uns gedacht, scheisse, wir sind wirklich ein erbärmlicher Haufen! (lautes Gelächter)
Leah: Ja, das waren Zeiten...so viele geklaute Waren. Nein, aber mal ganz ehrlich, als wir zurück nach Hause kamen, hatten wir eigentlich nur sehr wenig Zeit bevor wir nach Philadelphia gefahren sind. Ich habe in dieser Zeit nicht wirklich viel über das gerade Erlebte nachgedacht, besonders was die Erfahrungen der Tour angeht. Es war eher so ein natürliches Umschalten in den nächsten Modus - die Aufnahmen zum Album. Und das war wiederum eine völlig neue Erfahrung für mich, weil ich ja neu in der Band war. Ich habe mich gedanklich sofort mit den bevorstehenden Aufnahmen beschäftigt, als wir in das Haus eingezogen sind.

Und wie war es für dich das erste Mal zusammen mit Robert und Peter aufzunehmen?
Leah: Es war...(Peter fällt ihr ins Wort)
Peter: Ich werde diese Frage für Leah beantworten: Es war wunderbar! (lautes Gelächter)
Robert: (imitiert Leah) "Ich habe die Zeit wirklich genossen!"

Und die Wahrheit ist?
Peter: Ich habe nur Spaß gemacht, haha.
Robert: Die Wahrheit ist, was auch immer wir ihr als Wahrheit in den Mund legen (lacht).
Peter: (mit autoritärer Stimme) Erinnere dich an das, was wir dir aufgeschrieben haben, Leah...und nun lies es bitte vor (schiebt ihr ein Stück Papier zu).
Leah: Danke, Peter. Wirklich.
(alle lachen)
Leah: Sie sind so böse!
Robert: Dafür gibt es heute kein Abendbrot für dich.
Leah: Nicht schon wieder, Mist!
Peter: Ich glaube, einige Leute denken wirklich, dass es bei uns so zugeht und wir gegenseitig unser Denken manipulieren...nein, ich mache Witze!
Leah: (flüstert) Macht er nicht! (alle lachen)
Robert: Das war gerade ein versteckter Hilferuf von dir, oder?
Leah: Nun aber mal zur Frage zurück, wie es für mich war mit den beiden im Studio zu arbeiten...Es waren so viele Eindrücke auf einmal, aber es war großartig. Manchmal natürlich auch etwas stressig, weil das alles eine völlig neue Situation für mich war.
Peter: Du wusstest ja auch gar nicht so genau, auf was du dich da eigentlich einlässt. Entschuldige, es war nicht meine Absicht für dich zu sprechen.
Leah: Nein, das ist schon okay.
Peter: Fairerweise muss man sagen, dass du keine Ahnung davon haben konntest, wie wir zum Beispiel unsere anderen Alben aufgenommen haben oder wie unsere ganze Arbeitsweise, auch zusammen mit anderen Leuten, war.
Leah: Das stimmt. Man muss sich erst einmal an alles gewöhnen und sich ein wenig den Dingen um sich herum anpassen, damit man sich wohl fühlen und seinen eigenen Platz in all dem Chaos einnehmen kann. Es kann unter Umständen etwas frustrierend sein, wenn es etwas länger dauert bis man völlig angekommen ist, weil man ja am liebsten sofort alles richtig machen will. Aber so ist das nun einmal, das passiert nicht von heute auf morgen.

Ist es ausgeschlossen, dass du vielleicht auch einmal stimmlich und nicht nur durch die Drums zu hören sein wirst?
Leah: Momentan fühle ich mich hinter dem Schlagzeug am wohlsten, was meinen Beitrag innerhalb der Band angeht.
Robert: Wir haben aber einige Songs, die von den Harmonien her sehr gut dreistimmig gesungen werden könnten, also wer weiß. Bei einigen der letzten Shows, die wir gespielt haben, gab es Momente, in den wir Leah fast das Mikro ins Gesicht gedrückt haben, damit sie mit uns singt! (lacht)
Leah: Das ist wahr. Ich habe nicht gesungen, aber wunderbar so getan, als ob!
Robert: (imitiert Leah) "Hey Jungs, ich singe die ganze Zeit über mit euch!"
Leah: Oh, ich kann wunderbar vorgeben zu singen.
Robert: Hmm...naja.
Leah: Du wirst schon noch sehen!
Robert: Haha, vor allem sehen, denn hören werde ich nichts! (alle lachen)

Könnt ihr mir ein bisschen mehr über den neuen Song "Annabell Lee" erzählen? Beim Hören ist mir aufgefallen wie unglaublich reich er an Symbolik ist und was für eine düstere Stimmung erzeugt wird.
Robert: Bei "Annabell Lee" habe ich mir das erste Mal ein Gedicht als Ausgangslage vorgenommen. Das hatte ich vorher noch nie probiert. Leah hat mir ein Buch mit Edgar Allen Poe Gedichten gegeben. Eines davon war "Annabell Lee" und ich fand es wunderschön. Der ganze Rhythmus des Gedichts ist sehr lyrisch und ich habe einfach angefangen eine Melodie auf dem Piano dafür zu schreiben, die das Gesagte ausdrücken und die Geschichte erzählen kann. Ich bin sehr glücklich mit dem Resultat und darüber, dass ich es geschafft habe den passenden Klang zum Text zu erzeugen. Es war gar keine so große Sache für mich, ich habe es einfach ausprobiert. Zuerst habe ich mich wie ein Genie gefühlt, als es geklappt hat...zumindest bis ich herausfand, dass es vor mir schon unzählige andere Leute gegeben hat, die das Gedicht vertont haben! (lacht) Das war ein richtiger Dämpfer für mich. Ich habe mich dann hingesetzt und mir bei iTunes alle möglichen Vertonungen angehört, aber bei jeder hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und sie sich nicht richtig anfühlen. Die Musik war teilweise zu fröhlich, was überhaupt nicht zum Inhalt passt, weil das Gedicht nunmal nicht fröhlich ist. Danach habe ich mich etwas besser gefühlt.

Also wenn kein ganzes, dann vielleicht doch ein halbes Genie?
Robert: Ja, vielleicht doch zumindest ein halbes. Die gute Hälfte natürlich! (lacht) Ich mag das Gedicht wirklich sehr gerne. Deswegen haben wir den Song auch veröffentlicht. Er ist aber nur in Europa und nicht in den USA als Bonustrack erhältlich.

Meine abschließende Frage ist, gibt euch Musik ein Gefühl, dass ihr in der Form nirgendwo anders bekommt? Wenn ja, was ist das für ein Gefühl?
Leah: Frieden. Wenn wir zusammen spielen, dann bekomme ich ein Gefühl von Frieden. Wenn es richtig gut läuft, dann ist es so, als ob ich in eine andere Welt eintreten würde und das gefällt mir sehr.
Peter: Darüber muss ich nachdenken...(lange Pause) Das ist wirklich sehr schwierig zu beschreiben. Man muss sich wirklich ganz der Musik hingeben können, um dieses besondere Etwas zu spüren. Das kann zusammen mit der Band sein oder wenn man alleine auf der Gitarre oder dem Piano spielt...ich fürchte, ich kann das gar nicht wirklich in Worte fassen und dir eine Antwort darauf geben.

Das ist auf eine gewisse Weise doch auch eine schöne Antwort, wenn das Gefühl, dass die Musik dir gibt, so besonders ist, dass du es gar nicht beschreiben kannst.
Peter: Ja, es lässt sich für mich nicht beschreiben...
Robert: Da gibt es ein berühmtes Zitat, was genau diesen Zustand beschreibt. Wir haben erst heute darüber gesprochen. Es gibt manchmal einfach Gefühle, die du nicht mit Worten wiedergeben kannst, weil sie dir so viel bedeuten. Wir haben das doch irgendwo notiert...
Leah: Ja, warte. Ich hab das Zitat hier (reicht es Robert, der es vorliest)
Robert: "What can't be known or named, except in our feeble attempt to clothe it in language" Das bezieht sich auf alles, was zu groß ist, um es in Worte zu fassen. Ich finde, dass das Zitat das sehr gut ausdrückt. Deswegen habe wir es uns auch gleich aufgeschrieben, als wir heute darüber geredet haben.
Peter: Jetzt hab ich's - Musik trägt mich an einen glücklichen Ort. Das ist es! (alle lachen) Doch, so lässt es sich am besten beschreiben, auch wenn es etwas dürftig klingt. Musik trägt mich an einen glücklichen Ort...(schwelgt in Gedanken)
Robert: Nur ein Mann von Größe, und jemand der mir überlegen ist, kann das so schön erklären (lacht). Ich bin nicht wirklich gut in solchen Dingen. Ich muss sagen, mir gefällt die Tatsache, dass genau das deine letzte Frage war. Du hast dir das Beste für das Finale aufgehoben. Die große und fast schon unerreichbare Frage ganz zum Schluss. Das gefällt mir.

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