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Udo Raaf (tonspion.de)interview mit Udo Raaf (gründer von tonspion.de)

Seit 10 Jahren sind die „Tonspione“ bereits aktiv und sie bieten neben der Recherche und redaktionellen Bewertung der besten Downloads auch Videotipps, Events und aktuelle News an. Als Musikinteressierter kommt man somit an einem täglichen Besuch nicht vorbei. Für uns mehr als ein Grund Udo Raaf (Gründer von Tonspion.de) zu einem kleinen Gespräch zu bitten.


Gab es einen Schlüsselmoment für dich in dem dir klar wurde "Jetzt gründe ich Tonspion!" ?
Ich habe mir 1998 meinen ersten Computer gekauft und dann das MP3-Format entdeckt. Ich fand es super, dass man plötzlich Musik so einfach entdecken konnte ohne in einen Laden gehen zu müssen. Das war die Initialzündung, denn Angebote gab es in Deutschland damals noch nicht, aber zunehmend Musik. Wir waren dann wohl der allererste MP3 Blog zu der Zeit.

Wie darf man sich einen Arbeitstag von Udo Raaf vorstellen?
Einen typischen Arbeitstag gibt es nicht. Da ich mich um alles kümmere, die Redaktion organisiere, mit den Labels kommuniziere, Vermarktung, Weiterentwicklung der Seite, neue Musik hören bis hin zum ganz langweiligen Steuerkram ist jeder Tag völlig anders. Und das ist auch das Gute dabei, sonst wär's ja schnell langweilig. Business-as-usual gibt es bei uns nicht.

Woher kommen die ganzen MP3´s? Geht ihr selbst noch auf Suche oder werdet ihr von Promoagenturen/Labels/Bands „beliefert“?
Wir kooperieren sowohl mit den Labels als auch mit den diversen legalen Anbietern im In- und Ausland. Im Gegensatz zu früher gibt es heute ein absolutes Überangebot, aus dem wir das Beste auswählen müssen. Das ist unsere Aufgabe.

Tonspion wurde in der Vergangenheit bestimmt schon von einigen Institutionen als „illegale“ Plattform gesehen. Gab es denn schon Probleme, obwohl ihr keine Direktlinks anbietet?
Nein, es gab keine ernsthaften Probleme. Es gab am Anfang die üblichen Versuche von einigen Anwälten, uns Angst einzujagen. Ein paar Schreiben mit der Behauptung, dass MP3 illegal sei und so ein Quatsch. Die großen Musikfirmen haben Anfang des neuen Jahrtausends unglaublich viel Porzellan zerschlagen, im Versuch, sich vom Netz abzuschotten, statt neue Wege zu suchen, Ihre Kunden zu erreichen. Heute arbeiten wir mit allen eng zusammen. Es ist da auch eine ganz neue Generation am Ruder, die auch schon mit MP3 aufgewachsen ist und sich auskennt. Rechtlich gesehen sind wir auf der sicheren Seite, da kann uns keiner was.

Hattest du schon mit dem Gedanken gespielt, die Download-Links nur noch gegen Bezahlung freizugeben?
Dann wären wir einfach nur ein Download-Shop und das können Amazon oder iTunes besser. Wir sind ein Magazin zum Hören, bei uns kann man neue Musik entdecken, einfach und kostenlos. Und so soll es auch bleiben. Wer das ganze Album will, kann das bei uns kostenlos anspielen und dann mit einem Klick bei unserem Partnershop kaufen.

Welche Webseiten mit Musikbezug besuchst du regelmäßig?
Das kannst du im Tonspion sehen, da wir auf alle relevanten Webseiten regelmäßig verweisen. Die Liste wäre zu lang. Wir sehen uns auch als Vermittler von guten Inhalten im Netz.

Was ist deine Meinung zur Krise der Musikindustrie?
Wie oben erwähnt ist vieles bzw. alles selbst verschuldet, da waren die falschen Leute am Ruder, als die digitale Revolution passiert ist. Die waren satt und selbstgefällig und haben nichts mitgekriegt davon und es auch später nicht verstanden. Die Herren ließen sich damals ja noch ihre E-Mails von ihrer Sekretärin ausdrucken. Heute sind aber andere Typen in der Branche, und die versuchen das Beste daraus zu machen. Es ist kein einfacher Job mit den dramatischen Umwälzungen klar zu kommen und neue Wege zu finden. Ich denke momentan findet ein Umdenken statt, dass wir dringend ein neues Geschäftsmodell für kreative Inhalte jeder Art brauchen. Wir steuern momentan auf eine Kultur der Amateure zu und ganz ehrlich – wenn man an Musik, Literatur oder Film denkt – ist das kein besonders vielversprechender Gedanke. Irgendjemand muss kreative Arbeit wie Musik am Ende auch bezahlen. Kunst macht nämlich viel Arbeit, das kann man nicht mal so nebenher. Wir müssen ein faires Modell dafür finden, wie auch Inhalte im Netz bezahlt werden. Momentan ist der Fokus extrem auf Programmierung und Vermarktung, um schnelles Geld zu verdienen. In gute Inhalte zu investieren ist den meisten Firmen zu teuer geworden. Das ist eine problematische Entwicklung.

Was hältst du von den aufkommenden Geschäftsmodellen bei denen keine Musik mehr gekauft wird, sondern geliehen, abonniert und gestreamt wird?
Alles sollte mal versucht werden, die Stärke des Netz ist ja gerade die Vielfalt. Jeder sollte Musik hören können, wann wo und wie er will. Aber es muss auch irgendeine Form der Bezahlung geben, klar. Die gibt es ja auch bei Handy-Gesprächen, das stellt keiner in Frage, obwohl der Inhalt – das Gespräch – ja grundsätzlich auch kostenlos zu haben wäre. Musik oder Filme dagegen will man immer umsonst ziehen, obwohl die viel Geld kosten in der Produktion. Das passt nicht zusammen. Die Rechnung geht nicht auf. Aber am Ende muss das Angebot auch überzeugen und das war in der Vergangenheit sehr oft nicht der Fall. Wir befinden uns da noch ziemlich am Anfang derzeit.

Was sind für dich persönlich die besten Eigenschaften des MP3-Formats und was die weniger guten?
Es gibt keine schlechten Eigenschaften, MP3 hat die Art wie wir Musik beziehen und hören revolutioniert. Viel mehr Menschen hören heute viel mehr verschiedene Musik als früher und das ist ein Segen! Dass wir lernen müssen, wie wir fair damit umgehen, sowohl gegenüber den Hörern, als auch gegenüber den Kreativen, ist eine große Herausforderung, die wir noch meistern müssen.

Kaufst du dir selbst noch CD´s/Vinyl?
Nein, CDs bekommen wir als Redaktion zugeschickt, mehr als wir verarbeiten können. Und ich war noch nie so ein Vinyl-Nerd. Allerdings höre ich alte Platten aus den 60ern oder 70ern gerne noch auf einem Plattenspieler, weil sie eben dafür produziert wurden und so auch am besten klingen. Die hole ich mir dann vom Flohmarkt. Wenn ich etwas Neues kaufe, hole ich es mir heute als Download in unserem Shop. Das spart mir das Rippen. Und ich hatte noch nie ein besonders leidenschaftliches Verhältnis zu Tonträgern. Allenfalls zu Kassetten.

Was war die letzte Platte die du dir gekauft hast?
Die letzte Platte, die ich mir gekauft hätte, wenn wir sie nicht sowieso in die Redaktion bekomen hätten, wäre die von Owen Pallett (Final Fantasy, Arcade Fire) gewesen. Ein gr0ßartiger Künstler. Und eine von Niobe, eine ebenso großartige Künstlerin aus Köln. Beide verbindet, dass sie in keine Schublade passen und ihre ganz eigene Musik kreieren jenseits von aktuellen Hypes. Für solche Künstler, die nicht nur auf den aktuellen Trend-Zug aufspringen, sondern ihre Vision von Musik hörbar machen, habe ich viel Respekt.

Hast du den Eindruck, dass Musik - durch die unbegrenzte Verfügbarkeit im Internet – weniger geschätzt wird, als zu CD/Vinyl Zeiten?
Ja, Musik gibt es im Überfluss, deshalb hat kaum einer Wertschätzung für digitale Dateien an sich, anders als etwa für Vinyl. Aber gute Musik ist eben weiterhin genauso selten wie eh und je. Am Ende geht es aber um die Musik, nicht um das Format.

Hast du für unsere Leser einen aktuellen must-have Downloadtipp?
Wir haben nur must-haves im Tonspion und zwar jeden Tag. Aktuell: Four Tet – „Love Cry“, gibt es exklusiv bei uns als Free Download und ist ein Monstertrack!

Wie sieht die Zukunft von Tonspion aus? Was dürfen wir noch erwarten?
Wir haben im letzten Jahr die Seite neu gebaut und werden nun noch mehr hörenswerte Musik bringen als jemals zuvor. Und das wird es auch künftig brauchen. Gut gemachte redaktionelle Inhalte sind unglaublich wichtig im Netz, nicht nur Social Networks. Sonst wird’s öde. Auch wenn der aktuelle Trend suggeriert, dass 140 Zeichen Text ausreicht: ich denke das nicht.

29.01.2010 // colin / andre
 

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