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John K. Samsoninterview mit John K. Samson (The Weakerthans)

John, deine letzte Solo-Veröffentlichung liegt mehr als 10 Jahre zurück. Was hat sich seither für dich verändert?
Oh, ich denke eine Menge hat sich verändert. Meiner Ansicht nach schreibe ich nun in einer ganz anderen Art und Weise wie zuvor. Vor allem über all die Jahre für „The Weakerthans“ zu schreiben hat meine Herangehensweise an das Songwriting verändert. Ich denke, meine Songs sind stärker fokussiert, weniger sentimental und ich hoffe besser.

Weniger sentimental?
Ja, ich denke das ist eine gute Entwicklung. Sentimentalität ist auf eine Weise gefährlich, sie führt zu falschen Gefühlen und zu falscher Bedeutung.

Kannst du erklären, weshalb deine Songs aus deiner Sicht heute weniger sentimental sind?
Ich denke als junger Mensch bist du mehr darauf konzentriert, wie sich Dinge für dich selbst anfühlen. Mit dem Älter werden steigt die Empathie für deine Umwelt, die Menschen um dich herum. Ich denke, mein Interesse für andere Menschen ist gestiegen. Ein Teil meines späten Erwachsenwerdens ist sich mehr in andere Menschen hineinzufühlen und über andere Menschen zu schreiben. Das ist mein Hauptanliegen beim Schreiben in den letzten zehn Jahren.

Deine 7“ wurde auf dem deutschen Label Grand Hotel Van Cleef veröffentlicht. Warum hast du gerade dieses Label für die Veröffentlichung ausgewählt?
Der Grund ist, dass ich Markus, Thees und alle Menschen dort sehr gut kenne. Markus bereits seit 1993, eine wirklich lange Zeit. Ich schätzte ihre Arbeit immer sehr und wollte immer mit ihnen zusammenarbeiten. Ich liebe es mit Menschen zu arbeiten die ich kenne und denen ich vertraue, weshalb ich sehr froh bin.

Wie hast du Markus eigentlich kennen gelernt?
Er war in einer Band mit dem Namen „But alive“, ich in einer Band mit dem Namen „Propaghandi“ und wir spielten zusammen. Als ich mit der Arbeit bei „The Weakerthans“ begann war Markus einer der ersten die ich kontaktierte. Er buchte ein Tour für uns und wir kamen nach Deutschland. Seither war ich jedes Jahr hier. Seit 1997 wenigstens einmal pro Jahr.

Das letzte Propaghandi-Album wurde ebenfalls auf GHVC veröffentlicht. Könntest du dir vorstellen, jemals wieder mit deinen ehemaligen Bandkollegen zusammen zu spielen?
Nein, niemals (lacht). Die letzten 15 Jahre haben mich verändert und ich besitze überhaupt keine Affinität oder irgendein Interesse daran, dies zu tun. Also nein, würde ich nicht und ich denke ihnen geht es ähnlich. (lacht)

Wann können wir eine neue „The Weakerthans“-Veröffentlichung erwarten?
Wir haben gerade ein Live-Album aufgenommen, das nächstes Jahr erscheinen wird. Und dann hoffe ich, werden wir ein neues Studio-Album aufnehmen. Leider werden die Pausen zwischen den Alben immer länger und länger zwischen den Alben, aber ich denke, das ist einfach der Lauf der Dinge.

Also keine Solo-Veröffentlichung in der Zwischenzeit?
Doch, für das Projekt an dem ich arbeite sind zwei weitere 7“ geplant die in den nächsten 8 Monaten erscheinen werden. Die erste heisst „City Route 85“ und handelt von einer Strasse in Winnipeg. Die nächste dreht sich um eine Strasse in einer kleinen Stadt im Norden Manitobas und die darauf folgende um eine Strasse im Süden Manitobas.

Warum hast du das eher ungewöhnliche Format 7“ gewählt?
Ich habe 7“ immer geliebt. Genauso wie die damit zusammenhängende Idee, ein Statement in dieser doch sehr beschränkten Zeit abzugeben. In der Regel bekommst Du nicht mehr als 10 Min. auf die 7“, meistens weniger als das. Was ich mag, ist die Idee ein Statement in nur drei Songs oder in ähnliche geringem Umfang, anstelle einer ganzen LP abzugeben. Letztendlich hoffe ich, alle Stücke harmonieren, wie eine Selektion von Süssigkeiten. Manitoba Sweets. Das ist was ich mir wünsche.

Warum Strassen als Thema?
Eine davon ist eine Strasse, eine ein Highway und eine andere ist eine kleine Landstrasse. Also alle sind im Grunde unterschiedlich. Was ich eigentlich möchte, ist mich auf den Ort selbst zu konzentrieren und darauf, wie der Ort die Menschen dort beeinflusst. Das ist im Grunde ein häufiges Thema meiner Arbeit. Bei der „City Route 85“ sind es beispielsweise drei Orte die man besuchen kann. Du reist also in einer Art und Weise die Strasse entlang, während du die 7“ hörst. Das war meine Idee.

Du bist demnach ein passionierter Autofahrer?
Nein, bin ich nicht. Um ehrlich zu sein hasse ich Autos. Wir haben uns gerade erst unser erstes Auto gekauft und ich mag das Fahren überhaupt nicht. Ich fahre Rad. Die Songs handeln demnach vom Laufen und Radfahren. Eigentlich fahre ich immer Rad, was in Winnipeg teils etwas schwierig ist, wenn die Aussentemperatur - 40°F beträgt.

Kommen wir zurück zu „The Weakerthans“. Vor nicht allzu langer Zeit hörte ich Eure I-Tunes-Sessions und die Interpretationen Eurer Songs waren doch recht ungewöhnlich, mehr elektronische Elemente. Eine neue Richtung?
Nein, nein, ich würde es keine neue Richtung nennen. Es war einfach dieser Tag im I-Tunes-Studio, an dem wir Spass hatten und Unfug machten.

Die verwendeten Drum Machines finden sich auch auf „City Route 85“.
Oh ja, das stimmt. Mich interessieren alte Drum Machine-Sounds. Ich mag den Sound wirklich sehr. Die meisten davon sind eigentlich Spielzeug, nichts professionelles und ich liebe deren Sound. Ich mag Drum Machines nicht, wenn sie versuchen wie ein echtes Schlagzeug zu klingen, aber ich mag diese alten, die überhaupt nicht nach Schlagzeug klingen.

Wann wirst Du deine nächste 7“ veröffentlichen?
Ich bin nicht sicher, ich habe noch nicht alle Songs geschrieben. Einen Song habe ich bereits und wenn ich wieder zuhause bin werde ich noch ein wenig recherchieren. Ich fahre hoch zu diesem Ort über den ich schreibe und werde dort ein bisschen Zeit verbringen. Ich hoffe, dass die 7“ im Sommer erscheinen wird.

Welche fünf Künstler haben aktuell den stärksten Einfluss auf deine Arbeit?
Oh, derzeit? Das ist eine schwierige Frage. Oh ja, Christine Fellows meine Frau, die auch Musikerin ist. Sie ist ein grosser Einfluss. John Prine, ein Singer-Songwriter, jemand, auf den ich immer wieder zurück komme. Und seit einiger Zeit bin ich wirklich versessen auf „Death Cab For Cutie“. Ausserdem habe ich viel Poesie gelesen. Gerard Manley Hopkins, einen englicher Dichter. Wen noch? Ich denke ich nehme zu guter Letzt noch einen Sachliteraten. John Didion. Ja, das wären fünf.

und welche fünf Personen aus deinem privaten Umfeld haben aktuell den stärksten Einfluss auf Deine Arbeit?
Ich schätze meine Frau Christine ist Nummer eins. Ausserdem meine gute Freundin, Designerin Alicia Smith. Filmemacher Kalem Birtenstawl, Künstlerin Sherry Boyle und mein Freund Ian Handford, eine Art Unterhalter. Ja, das sind fünf.

Was war für Dich das beste Album im Jahr 2009?
Mann, ich kann mich gerade an gar nichts erinnern. Es gab viele gute Platten dieses Jahr. (Nach langem Grübeln und Winden) Entschuldige, ich muss passen. Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich mir angehört habe. Ich denke ich nehme die letzte "Mountain Goats", die war sehr gut.

Welche grundsätzlichen Unterschiede siehst Du kulturell zwischen Kanada und Europa?
Ich würde sagen die kanadische Kultur ist in vielerlei Hinsicht konservativer. Wenn es um Dinge wie Politik geht beispielsweise, denke ich, dass Kanadier ein ähnlich breites Spektrum besitzen, aber weniger darüber im alltäglichen Leben reden. Es wird nicht wirklich darüber geredet. Nicht so viel wie hier denke ich. Ich begrüsse die Haltung hier, denn ich denke, die Leute sind offenkundig klarer darüber was Politik ist. Aber vielleicht hat das etwas mit der Sprache zu tun. Ich spreche kein Deutsch und die Leute sprechen mich oft direkt auf Politik an. Zudem sind es kleine Dinge, die gesetzlichen Alkoholbestimmungen beispielsweise. In Kanada kannst du nicht die Strasse entlanggehen und dabei ein Bier trinken. Du wirst inhaftiert wenn du es tust. Man meint, es wäre unbedeutend, aber es viel tiefgreifender, es ist repräsentativ für die allgemeine Herangehensweise der Menschen in Nordamerika. Es gibt also einige grosse Unterschiede, aber grösstenteils ist es überall das gleiche. Menschen sind Menschen, nicht wahr? Es ist ein Klischee, aber wirklich wahr denke ich.

Haben Kanadier mehr Geheimnisse als Europäer?
Vielleicht, ich weiss es nicht. Es ist schwierig für mich etwas dazu zu sagen, da für mich die Sprachbarriere sehr hoch ist. Dadurch erreiche ich keine breite Masse an Menschen. Ich rede mit Leuten wie dir, vermutlich wären wir in Kanada Freunde, würde einander kennen, wären Gleichgesinnte. Du bist jünger als ich, aber wir mögen die gleiche Musik und ähnliche Sachen. Hier ist es mir nicht wirklich möglich mit Menschen ausserhalb dieses Spektrums zu sprechen. Ganz anders als in Kanada, dort curle ich beispielsweise mit älteren Leuten. Deshalb sollte ich nicht generalisieren denke ich, denn die einzigen Menschen die ich hier in Europa kenne sind Menschen wie ich selbst. In Kanada erreiche ich ein breiteres Spektrum. Ich kenne die Sprache hier nicht und ich wünschte ich könnte sie besser. Dennoch nehme ich war, dass es einige Unterschiede gibt, die oberflächlich scheinen, aber tiefliegend sind. Die Haltung gegenüber Alkohol, die Haltung gegenüber Politik.

Politik ist offensichtlich eines deiner Hauptthemen, bist du politisch organisiert?
Ja ist es, absolut. Ich betreibe ein kleines Verlagshaus (Arbeiter Ring Publishing), ein linksgerichtetes Verlagshaus, was ich als politischen Akt ansehe. Zudem betrachte ich mich selbst als politischen Künstler. Ich bin der Meinung mein Schreiben ist sehr politisch.

Welche historische Persönlichkeit wärst du gerne, wenn du wählen könntest?
Karl Marx war eine sehr interessante Persönlichkeit. Ich fände es schön Karl zu sein, in London zu leben, jeden Tag in das British Museum zu gehen und meine Bücher zu schreiben. Ja, er war eine faszinierende Figur. Er konnte offenbar ganze Stücke von Shakespeare rezitieren. Ein sehr brillanter Mann und er hatte Kinder. Ich fand interessant, dass Karl Marx Kinder einen Cockney Akzent hatten, da sie im "East End" von London lebten. Ich finde ihn einfach faszinierend.

Du tourst gerade mit deiner Frau Christine. Was ist schöner, mit deiner Frau zu touren oder mit den Jungs von „The Weakerthans“?
Ich mag Beides. Es ist total unterschiedlich. Beides ist grossartig und ich geniesse die Zeit gerade. Ich möchte es nicht immer so, denn ich mag es genauso mit „The Weakerthans“ zu touren. Der Unterschied jetzt ist, dass mein Tourmanager bereits meine Gitarre bereit gemacht hat und ich später nur fünf Minuten brauche um zu beginnen. Es ist entspannter.

Die klassische Frage, was war dein verrücktestes Tourerlebnis?
Das wurde ich schon oft gefragt, aber es gab bisher kein verrücktes Tourerlebnis. Letztes mal als wir in Deutschland waren, hatte unser Bus auf dem Weg zum Flughafen eine Panne. Das war das verrückteste bisher. Wir hatten einen Taxifahrer der kein Englisch sprach und uns in anderthalb Stunden zum Frankfurter Flughafen brachte. Wir kamen etwa drei Minuten vor Abflug an und schafften es gerade noch so in den Flieger.

Wie sieht dein perfekter Tag aus?
Zu angemessener Stunde aufwachen, mit meinen Hunden spazieren gehen und einige Zeit in der Bücherei verbringen. Anschliessend zusammen mit meiner Familie ein exzellentes Mal geniessen. Vielleicht eine halbe Flasche Wein. Bevor ich schlafen gehe ein gutes Buch lesen. So sieht mein perfekter Tag aus.

Welches Buch, das du in den letzten 6 Monaten gelesen hast sollte deiner Ansicht nach jeder gelesen haben?
Gute Frage. Es ist ein Buch das ich gerade lese. Es heisst 2666 und ist von Roberto Bolaño. Es ist wirklich unmöglich zu beschreiben, da es ein sehr ausuferndes Werk ist. Bolaño starb vor etwa 3 Jahren und wurde erst nach seinem Tod sehr berühmt. Er schrieb viele Bücher, die erst jetzt übersetzt werden.

Was magst du am meisten daran nach Kanada zurückzukehren?
Meine Hunde. Und die Weite. Ich lebe in der Mitte des Landes und um uns herum ist nichts. Einige Leute macht das traurig, mich wiederum sehr glücklich

06.01.2010 // dominik
 

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