die goldenen zitronenInterview mit schorsch kamerun
Der Text als erstes Instrument der Goldenen Zitronen. Inhaltliche Aussage und musikalischer Standpunkt. Das e-Mail-Interview mit Schorsch Kamerun.
Was können wir für ein Album erwarten, nach „Lenin“? Dürfen wir uns bei „Die Entstehung der Nacht“ auf den leicht nervigen Zitronen-Sound wie eh und je freuen?
Na ja, das liegt mal wieder ganz im Ohre des Betrachters. Für uns sind da zauberhafte Musiken entstanden. Tatsächlich ist es nicht unbedingt unser Ziel musikalisch zu nerven, das schützt aber immerhin vor Vereinnahmung, wenn es bei euch so rüber kommt.
Welche Einflüsse habt Ihr auf dem neuen Album verarbeitet? Eure Musik hat sich ja über die Jahre immer wieder stark verändert, mindestens die musikalischen Einflüsse, die Euch prägten bzw., die Ihr verwendet habt.
Das stimmt so. wir sind ja eine Band mit Leuten, die sich über eine sehr lange Zeit mit Musik beschäftigt hat. Alle Sorten. Deshalb steckt da ein Riesenstrauss an unterschiedlichsten Anleihen drin. Was ganz schön ist, dass wir uns nicht mehr ewig unterhalten müssen über stilistische Kleinstauslegungen und wir können somit auch wieder etwas "ursprünglicher" Losmachen.
Worum geht es Euch mit der neuen Platte? Welche Themenfelder behandelt Ihr darauf? Welches Anliegen verfolgt Ihr mit Ihr?
Die Goldenen Zitronen haben weiterhin den Anspruch sich Einzumischen. Das heisst wir beziehen uns erstmal auf alles was uns berührt und suchen nach der Form der Veröffentlichung. Das können dann Versuche von Selbstreflektionen sein, oder direkte politische Kommentare. Und dann sollte das noch gegenwärtig sein.
Ist Punk eigentlich nach wie vor das „strategische Mittel“, die Haltungsfrage? In diesem Zusammenhang stellt sich ja auch die Frage, ob es Punk eigentlich noch gibt bzw. was Punk ist, was Punk sein soll? Ist Punk etwa jemand wie Campino von den Toten Hosen? Was ist von so jemandem zu halten? Campino hat ja gerade ein grosses Privat-TV-Spektakel mit den Toten Hosen abgehalten, was schnell in die Ausverkaufs-Ecke gerückt werden kann? Zu Recht?
Ist Punk nicht letztlich und schlicht ein Begriff, den alle benutzen dürfen, um Individualität auszudrücken? Anderssein wollen? Ich glaube, dass Punk eine Frage der Haltung ist und weniger eine von Äusserlichkeiten, denn diese sind im Grunde seit 30 Jahren verkauft, wenn man Malcolm Mc Laren glauben kann- und man kann. Dennoch ist der Ansatz von Punk und der damit immer wieder neu zu bestimmende Kerngedanke von "Das kannst auch Du", kein schlechter. Auch folgt Punk einer Idee von Minimalismus, die frisch angewendet nach wie vor prima funktionieren kann.
Kann offensichtlich „linke Musik“ die Leute eigentlich noch thematisch erreichen oder anders gesagt, glaubt Ihr, Eure Hörer haben wirklich ein inhaltliches Anliegen, wenn sie Euch zuhören?
Das lässt sich schlecht überprüfen. Wir hoffen eben, dass wir mit unserer besonderen Ästhetik uns auch inhaltlich verhalten, schon beim Musikalischen und in der kollektiven Entstehung unserer Sachen.
Neben „Linkspartei“ und „Krawall“ wird in der Öffentlichkeit ja nicht sonderlich umfassend über „Linke“ gesprochen oder ist Eure Wahrnehmung da eine andere?
Es gibt ja gerade eine große Debatte über Gentrifizierung. Besonders in Hamburg. Da scheinen doch seit langem mal wieder ein paar Hebel zu entstehen.
Befinden wir uns eigentlich in einer Zeit der Inhaltsleere, vielleicht weil es uns irgendwie doch sehr gut geht und wir uns bislang nicht allzu viele Sorgen machen mussten, in der Mitte Europas? Kennt Ihr das Gefühl der Inhaltsleere nicht auch manchmal oder seit Ihr ein nie versiegender Quell?
Ich glaube, dass wir in dieser Zeit der "Subjektivierung" alle stark an bestimmten Lähmungen leiden. Ich selbst jedenfalls habe ständig diese Sinnlöcher. Täglich. Dennoch wäre es vermessen jetzt künstlich Notsituationen zu fordern, die dann für eine bessere Reibung sorgen würden.
Hat sich „Musikmachen“ im Vergleich zu früher verändert? Was denkt ihr über junge Menschen, die mit Mobiltelefonen Musik „hören“ oder öffentliche Bandcastings, die als eine Art „Gameshow“ ausgetragen werden?
Die Verdigitalisierung von Musik hat schon sehr zu deren Entwertung beigetragen, aber da lässt sich nichts zurückdrehen. Ich glaube dennoch daran, dass man immer wieder eigene Wege finden kann sich kräftig auszudrücken.
Ist die Krise, in der wir uns momentan befinden, wirklich eine Bankrotterklärung des Kapitalismus? Brauchen wir noch die Symbolik von brennenden Strassen (z.B. zum ersten Mai)?
Das System ist krank, das muss gesagt werden. Über die Vorgehensweise lässt sich streiten. Ich denke die Möglichkeit des physischem Widerstands muss zumindest behauptet werden, als vorhandenes Mittel.
Eure Texte sind ja nicht gerade bierselig, sondern eher subversiv und klug, was sich in der deutschsprachigen Musiklandschaft immer weniger findet. Was haltet Ihr von den Kollegen? Wen schätzt Ihr? Wer beeinflusst Euch? Welches Album hat Euch zuletzt wirklich berührt?
Beeinflussen lassen wir uns von der ganzen Welt. Ich mag das nicht weiter bewerten, aber ein übergreifender, inhaltlicher Diskurs wird längst nicht mehr geführt. Wir sind ansonsten mit den unterschiedlichsten MusikantInnen befreundet. Die Musik von Alban Berg berührt mich gerade sehr.
Hat die Arbeit von Schorsch am Theater einen Einfluss auf Euren Umgang mit Musik oder der Öffentlichkeit genommen?
Ich als Schorsch sage, dass all die Dinge, welche die Bandmitglieder so treiben natürlich Einfluss auf die die Goldenen Zitronen haben. Bei mir kommen z.B. auch Texte vor, die ich schon im Theater ausprobiert habe.
Wie fühlt es sich eigentlich an in einer Lederjacke mit „alter“ Parole, wie „Fuck The Police“ auf der Bühne zu stehen?
Erotisch, Überlegen, Hilfsbereit.
Für was brennt Ihr? Was treibt Euch an immer wieder anders sein zu wollen und vor allem zu bleiben?
Wir handeln tatsächlich aus unseren Bedürfnissen heraus, die anscheinend mit einem großen Mitteilungsbedürfnis zu tun haben. Und die Band ist eines der Ausdrucksmittel, eine Sprache dafür zu haben. Ausserdem sind wir narzisstisch gestörte Männer die weiterhin auf Bühnen balzen gehen müssen. Hoffentlich werden wir nie befreit.





















Kommentare müssen nach dem Absenden per E-Mail bestätigt und aktiviert werden. Achtet daher bitte auf die korrekte E-Mail-Adresse. Kommentare die in der Vergangenheit schon einmal aktiviert wurden, werden sofort veröffentlicht.