Die Dialektik der Aufklärung in der Hamburger Schule
Jochen Distelmeyer, Heavy, 2008, Sony BMG.
Tocotronic, Schall und Wahn, 2009, Universal.
Bernd Begemann, vielleicht der eigentliche Erfinder dessen, was später „Hamburger Schule“ heißen sollte, und Jochen Distelmeyer, eine der Hauptfiguren ebendieses musikalischen Zusammenhangs und ehemals großer Verehrer Begemanns, haben sich Anfang der 90er über politische Fragen zerstritten. Darüber gibt es von Begemann nicht nur ein Lied mit dem ulkigen Titel „Rambo III mit Jochen Distelmeyer im Autokino“, sondern es ist von Begemann auch der etwas bösartige Spruch über Distelmeyer überliefert: „Der hat zwar die Nietzsche-Gesamtausgabe zu Hause, kennt aber nichtmal den Unterschied zwischen dionysisch und apollinisch!“ Nietzsche hatte diese Unterscheidung berühmt gemacht und der modernen Zeit einen Mangel dionysischem Geist attestiert. Der Begriff steht dabei in Anlehnung an den griechischen Gott des Weines, der Lebensfreude und Extase für die Rauschhaftigkeit einer leidenschaftlichen, alle vorgegebene Formen sprengenden Schöpfungskraft. Angelehnt an den Gott des Lichts soll dem gegenüber apollinisch eine eher theoretische und intellektuelle Orientierung an Maß, Ordnung und Form bedeuten.

Dem Intellektuellen (bzw. Ex-Intellektuellen) Distelmeyer das Wissen darum abzusprechen war nun nicht gerade nett und sicherlich auch nicht richtig. Aber vielleicht wollte Begemann ja nur seiner Unzufriedenheit mit dem Intellektualismus dieser ganzen Hamburger Schule Luft machen. In der Tat war die Textproduktion der Hamburger Masterminds Distelmeyer, Schreuf (Kolossale Jugend), Levin (Cpt. Kirk &) und Spilker (Die Sterne) Anfang der 90er derart verkopft, dass man sich ohne Erfahrung in geisteswissenschaftlichen Studien kaum in den gesungenen Konvoluten zurecht fand.
Inzwischen ist viel Zeit vergangen und angesichts der Entwicklung von Distelmeyers Texten könnte man fast meinen, er habe den Wink verstanden: Heute wird ihm eher das Gegenteil, nämlich Banalität und Schlagercharme, vorgehalten. Doch sehen wir uns unter diesem Blickwinkel einmal genauer an, was gegenwärtig noch übrig ist von dem, was einst Hamburg Schule hieß. Zwei der damals wie heute wichtigsten Figuren, warten derzeit mit neuen Werken auf: Dirk von Lowtzow bzw. Tocotronic auf der einen, Jochen Distelmeyer auf der anderen Seite.

Dass beide extreme Alben aufgenommen haben, kann man sicherlich sagen. Was „extrem“ hier bedeutet, unterscheidet sich aber grundlegend. Distelmeyer singt über Liebe und Hass und nennt das Heavy, von Lowtzow unter dem Titel Schall und Wahn über Blut und Exzess. Extrem ist bei "Schall und Wahn" der unbedingte Wille zur Selbstauf- und exzessiven Hingabe an das ganz Andere, Irrationale, zur Heraufbeschwörung des abgrundtief Bösartigen, dessen Angesicht noch im verführerisch Lieblichsten lauert: „Eure Liebe tötet mich“ heißt es gleich im ersten Stück. Die darauf folgenden stehen dem in nichts nach: Von Terror, Folter und Blut ist dort in dieser Reihenfolge die Rede. Hier geht es nicht um Auseinandersetzung, hier geht es um Einverleibung, Hingabe und exzessiven Rausch, Uneindeutigkeit und Aufhebung aller Grenzen, die der moderne Rationalist gerne gegenüber den verhandelten Themen und sich selbst zu ziehen geneigt ist. Gerade dieses Selbst aber soll hier aufgegeben werden und damit alle modernen Illusionen individueller Autonomie und Authentizität: „Macht es nicht selbst!“ fordert die erste Single programmatisch, Oszillation zwischen scheinbar Unvereinbarem ein anderes Stück. Es ist unübersehbar Dionysos, der hier durch die Maske eines geläuterten von Lowtzow zu uns spricht. Gegenüber dem als gewaltsam erlebten, vereinheitlichenden Ganzen wird weiter das Fragmentarische gefeiert. „Postmodern“, wenn man so will, wird die Differenz affirmiert und das Zweideutige zum Eigentlichen (v)erklärt: „Die Folter endet nie, wir sind dafür geboren“ heißt es aus von Lowtzows Munde. Was die gesamte „Berlin-Trilogie“, also auch schon die letzten beiden Alben „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und „Kapitulation“, auszeichnet, ist in „Schall und Wahn“ auf die Spitze getrieben.
Auch Distelmeyer macht im Grunde weiter, wo er mit Blumfeld aufgehört hatte: Liebe und Hass, Freude und Trauer und „Bleiben oder Gehen“ geben sich auf "Heavy" die Klinke in die Hand. Ambivalenzen sind hier vordergründig also ebenso vorhanden, aber es wird nicht zwischen ihnen oszilliert, sie werden auch nicht als solche stehengelassen. Beim – klassisch-modernen, wenn man so will – Distelmeyer sind Dualitäten, Hin und Her und Zerrissenheit zwar vorhanden, aber sie werden fein säuberlich geordnet, hier herrscht letztlich ein Entweder-Oder denken, eben der Rationalismus, gegen den von Lowtzow sich richtet. Das Sowohl-als-auch wird nur als Durchgangsstadium ertragen, am Ende muss entschieden werden: Bleiben oder gehen. Während Tocotronic das Oszillieren zwischen Liebe und Hass im selben Song verhandeln, wird beides bei Distelmeyer in zwei sich bipolar gegenüberstehenden Liedern: erörtert, möchte man fast sagen. Sein Lieblingsthema Liebe spielt Distelmeyer wie gewohnt in allen Schattierungen (Sehnsucht, Eifersucht, Verlieben, Entlieben) durch und auch hier ist sein Bekenntnis so eindeutig wie seit nunmehr 10 Jahren: Ohne wenn und aber für Liebe, Zweisamkeit, Harmonie – und inzwischen sogar: Familie.

Diesen bürgerlichen-protestantisch-norddeutschen Entwurf in Reinform steht in Dirk von Lowtzow ein frankophil-süddeutscher Kulturkatholik gegenüber, der– anti-bürgerlich und anti-protestantisch – Innerlichkeit und Reflektiertheit gegen Selbstverschwendung und rauschhafte Unmittelbarkeit eintauscht. „Für das Zaudern und den Zorn“ spricht sich das wunderschönen Stück „Im Zweifel für den Zweifel“ aus, in dem die Handlung des Zweifelns keineswegs für protestantisches Reflektieren steht, sondern für das konstitutiv Unentschiedene. Da ist weder Platz für Distelmeyers bürgerliche Idylle: „Im Zweifel gegen Zweisamkeit und Normativität“, noch für dessen Diskursivität, den abhandlungshaften Charakter, der ihm auch nach Ablegen allzu intellektualistischen Textens und Sprechens noch anhaftet. In Interviews ist es inzwischen gar von Lowtzow, der intellektuell und belesen wirkt, während man das Gefühl hat, dass Distelmeyer sich gerade anstrengt möglichst Oberflächliches Zeug zu reden. Der Unterschied des dionysischen und apollinischen liegt aber nicht darin, sondern in einer grundlegenden Haltung, einer Herangehensweise und die ist bei beiden, gerade in der Behandlung ähnlicher Themen diametral entgegengesetzt. Dionysos Dirk, der alles verwischt und sich selbst auslöscht, steht Apoll Jochen gegenüber, der all die Differenzen des menschlichen Lebens aufließt und sie sodann, man kann es nicht anders sagen, ordnet. An diesem Distelmeyerschen Ethos hat sich über die Jahre hinweg, bei allem Wandel in der äußeren Form, wenig geändert. Am Ende kann er das zufrieden in drei Punkten zusammenfassen: „Und ich, ich bin am Ziel / Weiß was ich will / und brauch nicht viel“, während von Lowtzows ein Loblied auf das exakte Gegenteil anstimmt: Gegen das (1) Ziel, gegen den (2) sich selbst durchsichtigen Willen und gegen die (3) Genügsamkeit hören wir ihn „im Zweifel für Ziellosigkeit“, „einen Willen wie aus Wachs“, und „den zügellosen Drang“ skandieren.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Keinesfalls soll hier für die dionysische Seite plädiert und kokett die alteuropäische Reflektiertheit einfach als olle Spießigkeit bezichtigt werden – ein dionysisches Plädoyer ist dies nur insofern, als eine Entscheidung zwischen beiden Seiten für ganz unnötig befunden wird: Viel interessanter ist es den Zwist beider zu beobachten – in uns selbst und in der Hamburger Schule.
Zum Autor: Sascha Pahl, M.A., geb. 1982, Studium der Philosophie und Soziologie in Hamburg und Jena 2002-2009, seitdem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für allgemeine und theoretische Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena und am odrtigen Sonderforschungsbereich 580.
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ein überaus erhellender und weitmaschiger artikel ist herrn pahl da mit seinen beobachtungen und überlegungen gelungen!
Claire // 11.03.2010